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E-Book

Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde

Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von 'Mein Kampf'

AutorThomas Weber
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl528 Seiten
ISBN9783843713092
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR
Mit seinem Buch 'Hitlers erster Krieg' erregte der Historiker Thomas Weber 2010 internationales Aufsehen. Anhand einer Fülle neuer Quellen konnte er darlegen, dass Hitlers Rolle im Ersten Weltkrieg ganz anders aussah als von seinen Biographen geschildert und dass er am Kriegsende, anders als dargestellt, politisch absolut orientierungslos war. Nur fünf Jahre später präsentierte Hitler dann in 'Mein Kampf' das ideologische Weltbild, das ihm bis zu seinem Tod Richtschnur blieb. Wie kam es zu dieser Metamorphose eines unpolitischen Nobodys zum Führer einer Bewegung, die die Welt veränderte? Welchen Einflüssen war Hitler ausgesetzt, mit wem verkehrte er, welche politischen Äußerungen sind von ihm überliefert? Die einschlägige Literatur bietet wenig Erhellendes über diese Schlüsselzeit in Hitlers Karriere. Anhand neuer Quellenfunde beschreibt Weber die Schritte, die Hitler zum fanatischen Nazi machten. Sein Buch füllt eine Lücke in der Zeitgeschichtsschreibung und in der Biographie Hitlers. Anhand neuer Quellen wird erstmals akribisch dargestellt, wie sich zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Niederschrift von 'Mein Kampf' Hitlers fanatisches Weltbild formte, an dem er dann bis zu seinem Tod festhielt.

Thomas Weber, geboren 1974 in Hagen, lehrt Europäische und Internationale Geschichte an der University of Aberdeen. Zuvor war er Assistant Professor am Department of History an der University of Chicago. Er war Mitarbeiter an Kershaws großer Hitler-Biographie. Sein Buch »Hitlers erster Krieg« (Propyläen 2011) wurde in zehn Sprachen übersetzt.

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Leseprobe

Coup d’État


20. November bis 5. Dezember 1918

Am 20. November 1918 hatte Adolf Hitler die Wahl. Er wollte nach München, wo er sich beim Ersatzbataillon seines Regiments melden musste. Nach seiner Ankunft auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin konnte er verschiedene Routen zum Anhalter Bahnhof nehmen, von wo die Züge nach Bayern abgingen. Naheliegend wäre für den 29-jährigen Gefreiten der Weg über die Friedrichstraße durchs Zentrum gewesen.1 Dabei hätte er aus der Ferne wahrscheinlich noch den Aufmarsch der Linken und die große Kundgebung mitbekommen, die direkt neben dem Berliner Stadtschloss, der ehemaligen Residenz des Kaisers, zur Ehrung der vor eineinhalb Wochen in den Revolutionswirren getöteten Arbeiter stattfand.

Hitler hätte den sozialistischen Revolutionären aber auch so weit wie möglich aus dem Weg gehen können. Sobald er die Kundgebung bemerkt hätte, hätte er eine westlichere Route einschlagen und eine Parallelstraße zur Friedrichstraße Richtung Süden nehmen können. Das wäre kaum ein Umweg gewesen, denn der Anhalter Bahnhof liegt ohnehin westlich der Friedrichstraße. Eine dritte Möglichkeit wäre ein Umweg Richtung Osten gewesen, um die sozialistische Machtdemonstration aus nächster Nähe zu erleben.

Plausibel waren eigentlich nur die beiden ersten Optionen, wobei die zweite die wahrscheinlichste war, wenn man Hitlers Logik in Mein Kampf folgt, wo er schildert, dass er von der Revolution erst eine Woche zuvor bei seinem Aufenthalt in einem Lazarett im pommerschen Pasewalk erfahren hatte, aus dem er gerade entlassen worden war.

In seiner quasi autobiographischen Kampfschrift Mein Kampf, deren erster Band 1925 erschien, beschreibt Hitler, wie er auf die Nachricht reagierte. Die Revolution sei ausgebrochen, erklärte der Pastor des Lazaretts in Pasewalk, das Haus Hohenzollern dürfe »nun die deutsche Kaiserkrone nicht mehr tragen«, der Krieg sei vorbei und verloren. Hitler berichtet, er sei noch während der Ansprache des Pastors aus dem Raum gerannt: »Mir wurde es unmöglich, noch länger zu bleiben. Während es mir um die Augen wieder schwarz ward, tastete und taumelte ich zum Schlafsaal zurück, warf mich auf mein Lager und grub den brennenden Kopf in Decke und Kissen.«2

Hitlers Beschreibung von der Rückkehr seiner Erblindung, die er sich bei einem britischen Senfgasangriff Mitte Oktober an der Westfront zugezogen hatte, bildet den Höhepunkt seines angeblichen Erweckungserlebnisses, einer dramatischen Bekehrung, bei der er seiner eigenen Darstellung zufolge zum rechtsgerichteten Politiker wurde. Hitler berichtet, dass er in den Tagen und Nächten, die auf die Nachricht von der sozialistischen Revolution folgten, »de[n] ganze[n] Schmerz der Augen« erfuhr und über seine Zukunft entschied: »Ich aber beschloß, Politiker zu werden.«3

Die vorangegangenen 224 Seiten von Mein Kampf steuern genau auf diesen Satz zu. Den Konventionen des Bildungsromans folgend, beschreiben sie Hitlers Entwicklung zum Nationalsozialisten anhand seiner Kindheit im ländlichen Österreich, der Jahre in Wien und vor allem der viereinhalb Jahre an der Westfront bei dem 16. Bayerischen Reserve-Infanterieregiment, das nach seinem ersten Befehlshaber Julius List allgemein als List-Regiment bezeichnet wurde. Kurz gesagt, die Entwicklung vom Idealtypus des unbekannten Soldaten, der sich durch diese Metamorphosen so gewandelt hat, dass er beim bloßen Gedanken an eine sozialistische Revolution blind wird, und dann weiter zum radikalen rechtsgerichteten, antisemitischen und antisozialistischen politischen Anführer.

Doch ganz anders, als man es aufgrund der Beschreibung seiner wiederkehrenden Blindheit und dem Drang, die Augen vor der Revolution zu verschließen, erwarten würde, wich Hitler an jenem 20. November 1918 der sozialistischen Kundgebung nicht etwa aus, sondern wollte die linksgerichteten Revolutionäre vor dem Stadtschloss, aus dem der Kaiser kurz zuvor geflohen war, mit eigenen Augen sehen.

Tatsächlich gibt Hitler an anderen Stellen in Mein Kampf unbeabsichtigt zu, dass er im wahrsten Sinne des Wortes vom Weg abkam, um die sozialistische Machtdemonstration in Berlin zu betrachten: »Nach dem Kriege erlebte ich dann in Berlin eine Massenkundgebung des Marxismus vor dem Königlichen Schloß und Lustgarten. Ein Meer von roten Fahnen, roten Binden und roten Blumen gab dieser Kundgebung, an der schätzungsweise 120 000 Personen teilnahmen, ein schon rein äußerlich gewaltiges Aussehen. Ich konnte selbst fühlen und verstehen, wie leicht der Mann aus dem Volk dem suggestiven Zauber eines solchen grandios wirkenden Schauspiels unterliegt.«4

Kurz gesagt, anstatt den kürzesten Weg zum Anhalter Bahnhof zu nehmen und die linke Kundgebung so weit wie möglich zu umgehen, machte Hitler einen Umweg und ging zum Schloss und zum Lustgarten, um Sozialismus in Aktion zu erleben.

Hitlers Darstellung und Handeln scheinen nicht so recht zusammenzupassen und ergeben nur einen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass sein angebliches Damaskuserlebnis sehr intensiv war und ihn innerhalb weniger Tage völlig verwandelt hat. Ein Soldat, der schon bei der bloßen Erwähnung sozialistischer Revolutionäre erblindete, ging nun gezielt zu einer Kundgebung, um herauszufinden, wie man den Sozialisten am besten entgegentrat. Doch eine so plötzliche Wandlung erscheint schlicht unmöglich. Viel plausibler ist da die Annahme, dass Hitler einfach noch keine tiefe Antipathie gegen die sozialistischen Revolutionäre entwickelt hatte.

Als Hitler schließlich im Zug nach München saß, kehrte er in eine Stadt zurück, für die er gemischte Gefühle hegte.5

Hitler hatte Wien 1913 verlassen und war in die bayerische Hauptstadt gezogen, unter anderem auch deswegen, um einer Einberufung in Österreich zu entgehen. Ein Jahr lang lebte er in München, bevor er sich als Freiwilliger zum bayerischen Militär meldete und an die Front geschickt wurde. Im Krieg hatte er anfangs noch Kontakt zu seinen Bekannten aus München gehalten, ihn jedoch nach und nach eingestellt. Im Winter 1916/1917 war Hitler nach einer Verwundung am Oberschenkel, die er sich in der Schlacht an der Somme zugezogen hatte, noch einmal nach München gekommen. Damals hatte er die katholische, antipreußische und partikularistische Atmosphäre in München als sehr unangenehm und abstoßend empfunden.

Bei seinem Aufenthalt hatte Hitler hauptsächlich Kontakt zu seinen Kameraden aus dem Reserve-Infanterieregiment, die im Regimentsstab dienten und in München ebenfalls ihre Verwundungen auskurierten. Außerdem hielt er per Brief Verbindung zu seinen Kameraden an der Front; zu seinen Bekannten aus der Vorkriegszeit nahm er dagegen keinen Kontakt auf. Anders als viele Soldaten aus seiner Einheit, die ihren Heimataufenthalt so lange wie möglich ausdehnten, versuchte Hitler, schnell wieder zu seinem Regiment nach Frankreich zurückzukehren. Bei seinen beiden späteren Heimaturlauben in Deutschland zeigte er kein Interesse an einem Besuch in München, sondern zog es in beiden Fällen vor, in Berlin zu bleiben.6

Dahinter steht eine doppelte Ablehnung Münchens: Hitler hatte sich nicht nur gegen München und Bayern entschieden, sondern auch bewusst für Berlin und Preußen, und das in einer Zeit, in der Preußen nirgendwo in Deutschland so verhasst war wie in Bayern. Viele Bayern waren damals der Ansicht, dass Preußen das Deutsche Reich in den Krieg geführt habe, und gaben nun ebenfalls Preußen die Schuld daran, dass sich der Krieg so lange hinzog. Mitunter war die antipreußische Stimmung in Bayern zu Kriegszeiten heftiger als die Feindseligkeit gegenüber jenen Ländern, denen Deutschland auf dem Schlachtfeld entgegentrat.7

Hitler war daher nicht aufgrund einer besonderen Vorliebe für die Stadt und ihre Bewohner auf dem Weg nach München, sondern aus anderen Gründen: Zum einen war das Reservebataillon des 2. Infanterieregiments, das als Demobilmachungseinheit von Hitlers List-Regiment fungierte,8 in München stationiert, deshalb musste Hitler ungeachtet seiner persönlichen Abneigung zurück in die bayerische Hauptstadt. Außerdem hatte er in München die Chance, Verbindung zu den Mitgliedern seiner »Ersatzfamilie« aufzunehmen.

Hitler, der mit 18 Jahren Waise geworden war, hatte lange jeden Kontakt zu seiner Schwester und Halbschwester, seinem Halbbruder und den anderen überlebenden Mitgliedern seiner ausgedehnten Familie gemieden.9 An die Stelle seiner Familie und der Münchner Vorkriegsbekanntschaften waren die Kameraden getreten, die im Hauptquartier des Regiments List als Meldegänger tätig waren, sie hatten die Funktion einer Ersatzfamilie übernommen.10

In den Augen seiner Kameraden war Hitler nicht mehr als ein wohlgelittener Einzelgänger. Ein Soldat, der sich nicht richtig einfügte, sich zum Lesen oder Zeichnen oft in eine ruhige Ecke des Quartiers zurückzog und auf Gruppenfotos häufig am Rand stand. Seine Vorgesetzten betrachteten ihn als zuverlässigen und gewissenhaften Soldaten, allerdings erkannte in ihm niemand besondere Führungsqualitäten, weshalb er nicht einen einzigen anderen Mann befehligte. Seine Vorgesetzten sahen in Hitler den Prototypen des Befehlsempfängers und nicht des Befehlshabers.

Dennoch hatte...

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