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Wie der Beruf das Denken formt

Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive

AutorLukas Neuhaus
VerlagTectum Wissenschaftsverlag
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl306 Seiten
ISBN9783828856431
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR
Wie beurteilen Lehrerinnen, Pflegefachleute, Ingenieure oder Architekten die Gesellschaft? Gibt es typische Muster und warum? Welche Anforderungen stellt der berufliche Alltag und lässt sich das berufliche Handeln in Beziehung setzen zum sozialen Urteil? Lukas Neuhaus untersucht in dieser innovativen professionssoziologischen Studie den Zusammenhang zwischen der Struktur des beruflichen Handelns und den Mustern sozialer Klassifizierung. Er zeigt außerdem auf, dass die gängige Rede vom 'dichotomen Gesellschaftsbild der Arbeiter' problematisch ist und unterzieht zentrale Begriffe der klassischen Gesellschaftsbildforschung einer kritischen Nachlese.

Lukas Neuhaus, Dr. rer. soc., unterrichtet Soziologie und arbeitet als freier Journalist und Textberater in Bern.

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Leseprobe

2.3.4. Habermas et al.: Student und Politik

In der Studie Student und Politik von Jürgen Habermas, Ludwig von Friedeburg, Christoph Oehler und Friedrich Weltz von 1961 ist die Frage nach dem politischen Bewusstsein von Studierenden forschungsleitend. Gesellschaftsbilder gelten insofern als politisch relevant, als sie »beanspruchen […] die Totalität der Gesellschaft zu erfassen«, sie »Normen suggeriert[en]« und aus ihnen »Maximen fürs politische Handeln« folgten (Habermas et al. 1961: S. 152). Weil also für Habermas et al. die handlungsleitende Funktion von Gesellschaftsbildern zentral ist, liegt der Fokus auf den ›ideologischen‹ Komponenten. Dies äuβert sich auch darin, dass die klassischen politischen Ideologien des 18. und 19. Jahrhunderts als ›autochthone Gesellschaftsbilder‹ gelten:

»Ihre Motive knüpfen objektiv eindeutig an die Interessenlagen bestimmter sozialer Gruppen an und entwerfen ein entsprechendes Bild von der Gesellschaft im ganzen: den Liberalen erscheint sie als ein freier Verband konkurrierender Individuen; den Konservativen als ein hierarchisch geordneter Ständeorganismus; die Sozialisten begreifen sie unter dem Aspekt des Klassenkampfes. Stets gelingt es, den eigenen Standpunkt gesamtgesellschaftlich zu interpretieren.« (S. 152)

Neue Gesellschaftsbilder, die im Laufe der Zeit »aufgetaucht« seien, namentlich die faschistischen und sowjetischen »Ersatzmythen«, verfügten nicht mehr über die »›Naturwüchsigkeit‹ jener klassischen Gesellschaftsbilder« (S. 153). Auch seien die neueren Erscheinungsformen von Gesellschaftsvorstellungen nicht mehr ideologisch ›kohärent‹: »Heute scheinen die politischen Ideologien eher in Fragmenten wirksam zu sein.« (S. 153)

»Das Ganze erscheint nicht mehr im Bilde, geschweige denn im Begriff; was in den Gesellschaftsbildern des neunzehnten Jahrhunderts noch zusammengehalten war, zerfällt heute in scheinbar Unmittelbares, in ›Tatsachen‹. An Stelle jener politischen Ideologien treten Meinungen, die sich von vornherein in Konkurrenz mit einer Mannigfaltigkeit anderer Meinungen verstehen und ebenso entschieden wie unverbindlich auftreten.« (S. 156)

Habermas et al. scheinen diesen Umstand als Ideologieverlust zu betrauern und in den Äußerungen der Studierenden eine Unverbindlichkeit zu beklagen. Die Antworten »wagen sich selten über das hinaus, was auf der Hand liegt« (S. 157). Ein ›neuer Realismus‹ sei feststellbar, in dessen Gesellschaftsbild sich »nichts eigentlich zum ›Bilde‹« füge (S. 160), so dass die Autoren folgern müssen: »Der Traditionsbestand an politischen Ideologien des neunzehnten Jahrhunderts ist im gesellschaftlichen Bewusstsein der Studenten weithin abgetragen« (S. 160). Nur bei gerade einmal zehn Prozent der befragten Studierenden seien noch ›autochthone Gesellschaftsbilder‹ festzustellen.

 

Tabelle 3: Von Habermas et al. ermittelte Gesellschaftsbilder und ihre prozentuale Verbreitung (1961: S.164)

Habermas et al. ermitteln schließlich sieben typische Gesellschaftsbilder (vgl. Tabelle 3), welche unterteilt werden in (a) autochthone und (b) modifizierte Gesellschaftsbilder. Im Übrigen gebe es noch das ›realistische Bewusstsein‹ und eine Vielzahl ›individueller Gesellschaftsbilder‹. Außerdem sei bei 13 Prozent der interviewten Studenten überhaupt kein Gesellschaftsbild vorhanden bzw. es habe keines festgestellt werden können. Diese Unterscheidung wäre eigentlich interessant, sie bleibt aber – im Gegensatz zum Befund bei Popitz et al., die das Fehlen eines Gesellschaftsbildes methodisch begründeten – unklar.

Das Ober- und das Unterschichtenmodell werden von Habermas et al. fallen gelassen, weil sie »zu wenig verbreitet« seien, um »als typische gelten zu dürfen« (S. 164).22 Für das Bild vom absteigenden akademischen Mittelstand (S. 165–170) fehle eine »klar abgegrenzte« Trägerschicht. »Der Protest richtet sich gegen die ›Neureichen‹ oder den ›Geldadel‹, jene traditionslosen Schichten« (S. 165). Die Struktur der Gesellschaft werde in diesem Gesellschaftsbild bestimmt durch den Gegensatz von Geld und Gesinnung. Die nur mit Geld zu Macht gekommenen hielten diese Position unrechtmäßig inne (S. 166). In diesem Gesellschaftsbild werde auf der Distinktion von Charakter und Kulturgegenüber dem charakter- und kulturlosen Geld insistiert. Der Gegensatz von Geist und Geld beherrsche zudem alle humanistischen Gesellschaftsbilder (S. 167). Das Gesellschaftsbild der inneren Werte (S. 171– 180) sei bestimmt durch eine »Trennungslinie zwischen einem innerlichen, eigentlichen, und einem äußerlichen, uneigentlichen Bereich. Die Gesellschaft erscheint als eine Sphäre der Entfremdung« (S. 171). Dem Charakter und der Bildung der Person stehe die ›Gesellschaft‹ als äußerliche Gewalt gegenüber. Es gebe in dieser Konzeption nur individuell unterschiedliche Charaktertypen, diese seien »sozial nicht […] an einen bestimmten Standort gebunden« (S. 172). Das Geistige, die Bildung werde betont im Gegensatz zum unpersönlichen Geld. Politisch sei das Gesellschaftsbild der inneren Werte doppeldeutig, denn es lasse sich sowohl elitär als auch egalitär interpretieren: die ›geistigen Menschen‹ seien entweder die »herrschende Kaste der Eingeweihten, der persönlich und gesellschaftlich ›Besseren‹« oder die »Träger der Aufklärung, mit der Aufgabe einer Avantgarde« (S. 178). Im Gesellschaftsbild der geistigen Elite (S. 180–186) komme es zu einer Vermischung von Status und Bildung. »Das Geistige ist […] ein Monopol dieser Welt, und die Gesellschaft hat es zu prämiieren: mit Einkommen, Macht und Ansehen.« (S. 180) Die Arbeiter verdienten weniger (im doppelten Sinn des Wortes), denn »wer schon den ›Geist‹ nicht hat, soll auch nicht über Geld verfügen« (S. 180). Die soziale Ungleichheit erhalte den Status einer Naturerscheinung, und der Gebildete sei zur Führung berufen (S. 183). Im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Gesellschaftsbildern sei der Blick für Macht und Autorität hier nicht getrübt. Die Hierarchie der inneren Werte werde nach außen gekehrt und auf die Gesellschaft bezogen. Das Gesellschaftsbild der sozialen Gleichheit (S. 186–192) bildet bei Habermas et al. das Gegenstück zum Modell der geistigen Elite. »Beide nehmen den dichotomischen Ansatz von Geist und Geld, Innerlichkeit und Äußerlichkeit auf, übertragen ihn aber auf die Gesellschaft selbst.« (S. 186) Das Modell der sozialen Gleichheit lehne soziale Unterschiede als bloß ›äußerliche‹ ab und lege Wert auf die ›innere‹ Gleichheit aller Menschen. Beim Gesellschaftsbild des nivellierten Mittelstandes (S. 193–199) ersetzten »Einteilungskriterien der Sozialstatistik […] die Kategorien der gesellschaftlichen Struktur« (S. 193). Es gebe in diesem Bild keine eigentliche Schichtung mehr, allein die Leistung des Individuums entscheide über seine Position. Habermas et al. stellen hier eine »bemerkenswerte[…] Blindheit gegenüber den Erscheinungen gesellschaftlicher Macht« fest (S. 198). In der Folge kommt es schließlich zur Zusammenfassung des Modells vom nivellierten Mittelstand und des realistischen Bewusstseins, weil Habermas et al. »die Verwandtschaft« dieser beiden Modelle als stark erscheint (S. 201).

Zu den »spezifische[n] Bedingungen« der Studentenschaft, welche die Auflösung der autochthonen Gesellschaftsbilder mutmaßlich beschleunigten (S. 202), gehören Habermas et al. zufolge das Fehlen einer überlieferten Tradition (wie es sie für die Arbeiterschaft gebe), das Fehlen eines »Ortes« in der Gesellschaft, ein unterentwickeltes »Standortbewusstsein« sowie das Fehlen der Möglichkeit der »perspektivischen Verlängerung« von Interessen am Arbeitsplatz. Diese Faktoren seien indes »die wichtigsten Voraussetzungen […], um so etwas wie ein Gesellschaftsbild entwickeln zu können« (S. 206). Im Unterscheid zu den von Popitz et al. untersuchten Arbeitern hätten Studierende daher öfter individuelle Gesellschaftsbilder. Diese werden von Habermas et al. dann allerdings stiefmütterlich behandelt, weil sie nicht verbreitet seien: »Die Vorstellungen entstehen aus untypischen Lebenslagen, sind daher persönlich motiviert und mit psychologischer Individualproblematik beladen« (S. 208). Indes: Faktoren wie ›Standortbewusstsein‹ oder ›zuverlässige Gruppenzugehörigkeit‹ als ›wichtigste Voraussetzungen‹ für die Entwicklung eines Gesellschaftsbildes zu postulieren, erscheint fragwürdig und stark auf die klassischen politischen Ideologien ausgerichtet; zudem ist unklar, was »untypische Lebenslagen« sein sollen. Die Typen ›ohne...

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