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E-Book

Wie Julius Caesar in die Fanmeile kam

Der etwas andere Einstieg ins Lateinische

AutorKarl-Wilhelm Weeber
VerlagVerlag Herder GmbH
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl176 Seiten
ISBN9783451813153
FSK1
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Warum gäbe es Mario Götzes Pässe und den Cheeseburger ohne Latein nicht? Was bedeutet eigentlich Hokuspokus? Und warum ist Freitag der Tag der Liebe? Karl-Wilhelm Weeber zeigt uns, wie lebendig die angeblich tote Sprache ist: Er führt in Schein-, Werbe- und Angeberlatein ein, erteilt das große Ausreden- und Schimpf-Latinum, sammelt die schönsten Stilblüten, stellt Sprachrätsel, erklärt Graffitis aus dem alten Rom, gradet manch fragwürdiges Denglisch up, geht auf krasse Anbagger-Tour, verliert sich in Makkaroni-Poesie et cetera. Und ganz nebenbei lernt der Leser Latein.

Karl-Wilhelm Weeber, geboren 1950, war Direktor des Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums in Wuppertal und ist Professor für Alte Geschichte an der dortigen Universität. Und natürlich unterrichtet er Latein. Er ist Autor zahlreicher erfolgreicher Sachbücher, in denen er einen leichten und humorvollen Zugang zu der Welt der Antike eröffnet. 2019 wird sein neuestes Buch bei Herder erscheinen: 'Spectaculum. Die Erfindung der Show im antiken Rom'.

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Leseprobe

1. Latinum in latrinam? – Denkste! Latein ist in!


Caesar in der Fanmeile – was für ein abstruser Titel! Stimmt, wenn man „abstrus“ auf seinen lateinischen Ursprung zurückführt. Im Deutschen hat es sich als Ausdruck für „sonderbar“, „schwer verständlich“ entwickelt; bei den Römern aber war abstrusum etwas „Verstecktes“, „Verborgenes“. Der „Titel“ hat dagegen seine lateinische Bedeutung beibehalten. Er ist die „Überschrift“ eines Buches.

Was versteckt sich also hinter dem abstrusen Titel? Kurz gesagt: Der Triumph einer Sprache, die vielfach totgesagt wurde und die heute so viele Anhänger und Adepten (Schüler, die etwas „erreicht“ haben, adipisci) hat, dass man geradezu von einer Fangemeinde sprechen könnte. Fans – das ist mitnichten Denglisch, sondern allenfalls Denglatein. Schon die Römer kannten nämlich fanatici, „begeisterte“ Anhänger etwa der Rennparteien im Circus. Zugegeben, die „Fanmeile“ war damals als Institution (institutio, „Einrichtung“) noch nicht erfunden, aber sprachlich ist auch die Meile deutsch eingemeindetes Latein: ein Lehnwort zu mille, „tausend“. Die „Meile“ ist nichts anderes als 1000 Schritte.

Und Caesar? Der ist natürlich (natura!) eine Chiffre für Rom. Und angesichts seines berühmten Bellum Gallicum – Pflichtlektüre auch heute noch fast überall im Lateinunterricht! – auch für die lateinische Sprache und Literatur. Latein ist in der Fanmeile angekommen. Fußball war gestern, Latein ist heute. Der wahre Kaiser ist Caesar. Auf den geht schließlich der „Kaiser“ zurück. Hätten Sie’s gewusst, Herr Beckenbauer? Kurzum, es darf gejubelt werden (iubilare).

Ein bisschen zu vollmundig, meinst du, lieber Leser? (Das „du“ erlauben wir uns, weil die Römer keine Höflichkeitsform kannten und der „Leser“ ein nur notdürftig verhüllter lateinischer lector ist). Na schön, wir wollen nicht behaupten, dass alle die vielen Latein-Schüler (klar, auch lateinisch, von schola, ursprünglich mal die „Muße“ – oh je!) in deutschen Gymnasien und Gesamtschulen eingefleischte Latein-Fans wären. Aber das Fach ist in, die Schülerzahlen steigen kontinuierlich (con-tinuo, „beständig“) an. Nur die Lehrer werden knapp – Latein studieren (studere, „sich bemühen“) heißt unser Appell (appellare, „ansprechen“), für den wir vor 20 Jahren noch belächelt worden wären …

Latein im Rundfunk, Latein in den Charts


Von dem einst laut intonierten Schlachtruf Latinum in latrinam! hören wir schon lange nichts mehr. Im Gegenteil: Latein hat Rückenwind. Im Internet – pardon: interrete – gibt es lateinische Chatclubs (garrulorum greges nennen sie sich), der finnische Rundfunk und Radio Bremen strahlen seit Jahren Nachrichten in lateinischer Sprache aus (nuntii Latini), eine Pop-Gruppe namens Ista bringt Raps mit vertonten lateinischen Gedichten heraus, Schulbuchverlage hängen sich an die Rap-Welle an und werfen als Lernhilfen lateinische Grammatik- und Formenraps per CD (compact disc; klar, alles Latein: compactus, „gedrungen“; discus, „Scheibe“) auf den Markt, und ein deutscher Latinistik-Professor landet mit seinem wunderbaren Buch über die „kleine Geschichte einer großen Sprache“ einen Bestseller, der sogar die „Spiegel-Charts“ (charta, „Papier“) erklimmt – und darf darin ungestraft zum „Genuss beim Lateinsprechen“ aufrufen. Bravo, Valafride, rufen wir Wilfried Stroh zu, auch wenn wir gegenüber dem aktiven Lateinsprechen etwas zurückhaltender sind.

Bravo – den Applaus verdanken wir doch den Italienern! Denkste. Tatsächlich geht das italienische bravo auf den lateinischen barbarus zurück. Ursprünglich nicht gerade eine schmeichelhafte Bezeichnung für Nichtrömer. Aber als man in der Spätantike merkte, dass die ins römische Heer aufgenommenen Barbaren barbarisch „wacker“ und „tüchtig“ kämpften, da wurde barbarus auf einmal ein positiv besetzter Begriff. Da stritt einer so aufopferungsvoll für Rom wie heuer Valafridus, dass man ihm ein aufmunterndes bravo! zurief. Übrigens eine Wortgeschichte, wie sie das Lateinische, guckt man mal näher hin, in großer Zahl bereithält.

Müssen wir noch darauf hinweisen, dass legendäre Werke der Uund E-Literatur – wir sprechen einen Moment mal nicht von den originalrömischen Klassikern und den Opera mittel- und neulateinischer Autoren – mittlerweile ins Lateinische übersetzt worden sind? Dass Asterix auch auf Lateinisch listig gegen die – stets etwas blöd daherkommenden – Römer kämpft? Dass Max und Moritz in lateinischer Version vorliegen, ebenso Harrius Potter oder Fragrantia alias „Das Parfum“? Dass es mit der Vicipaedia latina einen respektablen Latein-Ableger der Online-Enzyklopädie gibt? Dass sich der Buchmarkt immer noch als aufnahmefähig erweist für die zwanzigste oder dreißigste Sammlung lateinischer Sprichwörter und Sentenzen? Kein Wunder, mit lateinischen Zitaten kann man in Reden bei Festen und Jubiläen (beides, nebenbei, lateinstämmige Wörter) prima punkten (erneut ein Doppel-Lateinschlag!). Selbst bei Partys (richtig: auch Latein!), hört man, kommen Floskeln wie veni, vidi, vici oder carpe diem! gut. „Floskeln“? Ganz recht, das sind „kleine (sprachliche) Blüten“ (flosculi), mit denen man mächtig Eindruck schinden kann. Ein Titel unter den vielen kleinen Bildungsbibeln sagt’s ehrlich heraus: „Latein für Angeber“.

Stell dir vor, die Welt ist voll Latein – und wir merken’s nicht


Schön, dass es sie noch gibt, die guten Dinge – der Werbeslogan des Manufactum-Versandes für handgemachte (manus; facere) Produkte (pro-ducere, „hervor-bringen“) gilt auch für Latein. Wobei wir etwas mutiger sind als die Manufactum-Leute und aussprechen, was sie meinen: die guten alten Dinge.

Das Alte ist ja nicht unbedingt das Antiquierte, sondern kann auch das Altbewährte sein. Oder sogar, siehe Antiquitäten, das besonders Wertvolle. Und Altes, das sich immer wieder in neue Zeiten hinübergerettet hat, hat sich ja gegenüber kurzfristigen Modetrends offenbar als besonders resistent (re-sistere, „Widerstand leisten“) erwiesen. Latein ist einer dieser unverwüstlichen Klassiker und spielt noch immer in der ersten sprachlichen Liga – auch wenn es keine Muttersprachler mehr hervorbringt. Klassiker und erste Liga – das passt auch sprachlich zusammen: „Klassisch“ und „Klasse“ gehen auf die prima classis der Römer zurück, die erste, führende Klasse der Bürgerschaft.

Mag sie auch keine direkten Nachfahren mehr hervorbringen – die alte Dame (domina, „Herrin“) Latein lebt in ihren Kindern fort. Das sind nicht nur die romanischen Sprachen – u. a. Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch – als unmittelbare Töchter des Lateinischen, die es insgesamt auf rund 600 Millionen „Spätlateiner“ bringen (pardon, auch arrogantia ist ein lateinisches Wort). Auch der englische Sprachschatz ist, wenn man alle Fachsprachen einbezieht, zu über 50% lateinstämmig und auch das Deutsche ist mit zahllosen Lehn- und Fremdwörtern lateinisch nein, nicht kontaminiert, sondern nobilitiert (contaminare,„negativ berühren“,„beflecken“; nobilitare,„adeln“). Wir sind vom Lateinischen geradezu umzingelt – oft ohne es zu ahnen oder es bewusst zu registrieren (registrum, „Verzeichnis“). Apropos „umzingeln“. Klingt richtig schön deutsch? Irrtum (error): Es ist ein Lehnwort von lateinisch cingere („umgürten“, „umgeben“).

Wie uns das scheinbar tote Latein in allen Lebensbereichen „umgürtet“ – das will dieses Büchlein in lockerem Ton, möglichst ohne den erhobenen Zeigefinger des Schulmeisters oder gar gravitätische (gravis, „schwer“) Bildungspose aufzeigen – als Einladung für Latein-Neulinge und als Auffrischung für „Altlateiner“. Wir wollen das Abendland nicht retten, sondern klar machen, wie lateinisch es ist. Übrigens nicht nur sprachlich, sondern umfassender angesichts des zivilisatorischen Fundaments (fundamentum, „Grundlage“), das Rom durch die erste Globalisierung seiner (Teil-)Welt sehr nachhaltig gelegt hat. So selbstverständlich ist es ja nicht, dass wir heute noch weltweit den zwölften Monat des Jahres als den „zehnten“ (decem) bezeichnen!

„Spaß“ ist Latein, Latein ist Spaß


Darf Latein, darf Lateinunterricht auch Spaß machen? Na klar, das sollte sogar so sein – zum Spaßfach wird es jedenfalls so schnell nicht abgleiten … Ein hoher Spaßfaktor („Macher“) schafft Lernmotivation (movere, „bewegen“), und im Übrigen sind mit Spaß, Jux und Gaudi gleich drei einschlägige Begriffe lateinstämmig. Dem Spaß-Ansatz folgen z. B. die Kapitel über lateinische Graffiti, Schimpfwörter bei den Römern, jugendsprachliches Latein und scheinlateinische Sprüche. Wir stellen spaßige Aha-Erlebnisse in Aussicht.

Wenn damit die Römer lebensnäher und vom klassischen Sockel heruntergeholt werden – umso besser! Dann werden sie im wahrsten Sinne des Wortes origineller, nämlich an ihren wirklichen Ursprüngen (origines) erfahrbar. Wobei – das muss ich jetzt für die möglicherweise alarmierten, d. h. „zu den Waffen“ (ad arma) gerufenen Fachkolleginnen und –kollegen klarstellen – dieser etwas andere Einstieg ins Lateinische den traditionellen nicht...

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