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E-Book

Wie klone ich ein Mammut?

Die Rückkehr der Eiszeitgiganten

AutorTorill Kornfeldt
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783806237726
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Wie wäre es, wenn in naher Zukunft wieder Herden riesiger Mammuts in der sibirischen Tundra umherstreifen? Oder wenn mächtige Auerochsen auf deutschen Weiden grasen? Wird es eines Tages tatsächlich möglich sein, Dinosaurier zu klonen? Wenn ja, wäre das wirklich eine gute Idee? Überall auf der Welt versuchen Wissenschaftler, Antworten auf diese Fragen zu finden und arbeiten daran, längst ausgestorbene Arten wiederzubeleben. Manche forschen aus purer Neugier, andere, weil sie glauben, die Rückkehr dieser Arten könne eine Bereicherung unserer Ökosysteme und eine erfolgreiche Waffe etwa im Kampf gegen den Klimawandel sein. Torill Kornfeldt spricht mit Menschen, die ausgestorbene Arten anhand von DNA aus Knochenfunden oder eingefrorenen Zellen und mithilfe grenzenloser Vorstellungskraft zu klonen versuchen. Sie zeigt, welche Auswirkungen diese Experimente auf unsere Umwelt und die Menschheit als solche hätten, und hinterfragt, wie weit wir mit unserer Forschung tatsächlich gehen sollten.

Torill Kornfeldt arbeitet als Wissenschaftsjournalistin u.a. für den Wissenschaftsteil der in Schweden führenden Morgenzeitung Dagens Nyheter sowie für das Ressort Wissen beim schwedischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie ist die Begründerin der erfolgreichen Radio Show Tekniksafari, die sich damit beschäftigt, wie neue Technologien die Gesellschaft verändern. In ihren Arbeiten geht sie der Frage nach, wie Entwicklungen in den Bereichen Bioengineering und Technologie unsere Zukunft formen werden. Mammutens återkomst/Wie klone ich ein Mammut? ist ihr erstes Buch.

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Leseprobe

KAPITEL 1


KANN ICH VON HIER AUS SARAH PALINS HAUS IN ALASKA SEHEN?


Nach Tscherski, im Osten Sibiriens, kommt man mit einem kleinen, buckligen Propellerflugzeug. Es fliegt zweimal in der Woche vom neugebauten Flughafen von Jakutsk, der kältesten Stadt der Welt. Im Winter kann die Temperatur hier auf minus fünfzig Grad sinken, aber heute, mitten im Juli, ist es stickig und heiß.

Wir sitzen in einem kleinen Bus und warten darauf, an Bord gehen zu dürfen. Dreizehn Erwachsene, zwei Kinder und ein sehr kleiner Hund mit puscheligen Pfoten und Ohren. Ein Mann hat eine Orchidee im Blumentopf dabei, eine Frau hat etwas gekauft, das aussieht wie ein mannshoher Christbaumschmuck, eingehüllt in eine schwarze Plastiktüte, eine andere Frau hat Gardinenstangen auf dem Schoß. Ich bin die Einzige, die kein Russisch spricht, die Einzige, die nicht nach einem Einkaufsbummel in der Metropole Jakutsk auf dem Heimweg ist.

Das Flugzeug sieht aus, als könnte es jeden Moment auseinanderfallen und ein Mechaniker in Latzhosen läuft hin und her und zieht die Schrauben nach. Einer der Piloten überprüft die Propeller, kontrolliert, ob sie sich drehen. Ich sitze im Bus und werde immer nervöser. Soll ich lieber nicht an Bord gehen? Aber was soll ich stattdessen tun? Das hier ist die einzige Möglichkeit, um nach Tscherski zu kommen, und außer mir scheint sich niemand sonderlich um die Flugsicherheit zu sorgen. Am Ende steige ich zusammen mit den anderen die wackelige Treppe hinauf.

Niemand schert sich darum, welche Sitznummern auf den Tickets stehen. Die beiden Stewardessen weisen uns an, weiter vorn Platz zu nehmen. Sie sprechen kein Englisch, sondern zeigen und deuten nur. Die Sitze sind so alt, dass sich die Rückenlehne nicht hochstellen lässt und man die Flugstrecke in halb liegender Position zurücklegen muss. Die versprochene Schwimmweste unter dem Sitz ist unauffindbar. Die Stewardessen gehen durch den schmalen Mittelgang und verteilen Spucktüten und Kaffee, während der kleine Hund zwischen den Sitzen herumspringt. Das Flugzeug wackelt und klappert bedrohlich, doch ab einer bestimmten Höhe fliegt es ruhig in Richtung Osten. Dennoch habe ich während des fünfstündigen Flugs einen schnelleren Puls als normalerweise.

„Das Flugzeug ist in 50 Jahren kein einziges Mal abgestürzt“, sagt Nikita Zimov, als ich gut gelandet bin, „warum hätte es diesmal abstürzen sollen?“

Wir sitzen in dem großen, runden Gemeinschaftsraum der Forschungsstation, für deren Besuch ich nach Tscherski gereist bin. Nikitas Vater Sergej gründete die Station in den Achtzigerjahren. Sie liegt ein paar Kilometer außerhalb der Ortschaft, die sich wiederum unvorstellbar weit weg von allem anderen befindet.

Das hier ist das sibirische Binnenland, die Gegend liegt im Norden und östlich von Japan, aber nicht so weit östlich wie die Kamtschatka-Halbinsel. Zur Küste des Nordpolarmeers braucht man einige Tage mit dem Boot auf dem breiten Fluss Kolyma. Es führt keine Straße nach Tscherski. Der Ort ist nur per Flugzeug oder Schiff zu erreichen. Hierher wurden zu Sowjetzeiten Strafgefangene gebracht, und hierher kam der russische Goldrausch und bescherte Tscherski eine kurze Blütezeit. Jetzt steht etwa ein Drittel der Häuser leer und die Bevölkerung ist auf knapp dreitausend Einwohner geschrumpft. In den Achtzigerjahren gab es hier zwei beheizte Schwimmbäder, erzählt man mir, aber die sind längst verschwunden, genau wie die Restaurants.

Abgesehen von den baufälligen Häusern des Ortes ist es hier unglaublich schön. Eine flache, weite Landschaft mit verschlungenen Flussläufen und flachen Seen. Wälder mit Weiden und Lärchen erstrecken sich über alle Flächen, die nicht ständig von den Flüssen überflutet werden. Im seichten Schlamm sprießen saftig grüne Grasbüschel. Lange Strände ziehen sich an den Flussbiegungen entlang und buschige Zwergbirken wachsen auf den Hügeln, wo es trockener ist. Jetzt im Juli blühen überall Weidenröschen, Rainfarn, pinkfarbene Nelken und Ähriger Blauweiderich.

„Ich habe gehört, dass ihr Schweden ordentlich was vertragen könnt“, sagt Nikita, als er mir am ersten Abend ein Glas Wodka hinstellt. Alle trinken Wodka zum Abendessen, Sergej trinkt auch schon zum Mittagessen mindestens ein Glas.

Man verfällt leicht in Stereotype und Klischees, wenn man versucht, Sergej Zimov zu beschreiben. Er ist ein russischer Wissenschaftler, der ganz für sich weit draußen in der sibirischen Wildnis lebt. Er hat langes, graues Haar und einen fast genauso langen grauen Bart. Auf der Station läuft er mit T-Shirt, Baskenmütze und Zigarette im Mund herum. Seine Frau Galina erledigt die meisten Schreibarbeiten.

Sergej hat feste Vorstellungen von dem, was sich für die verschiedenen Geschlechter gehört. In dieser Beziehung ist er bestimmt kein Einzelfall. So kann ich zum Beispiel während meines gesamten Aufenthaltes hier in kein Boot steigen, ohne dass mir ein Mann seine Hilfe anbietet. Sergej ist offensichtlich sehr stolz auf seinen Sohn Nikita, der die Station übernehmen wird. Über seine Tochter, die als Schriftstellerin in St. Petersburg lebt, redet er längst nicht so viel. Dennoch seien weibliche Wissenschaftler ganz in Ordnung, und einige der besten Leute, die die Station besucht haben, seien Frauen gewesen, erzählt mir Sergej am ersten Abend.

Er begann in den 1980er-Jahren hier draußen zu forschen und baute die Station auf, während die Sowjetunion darauf setzte, Ressourcen auszuschöpfen und den Einfluss in Nordsibirien auszuweiten. Auf diese Weise versuchte man die Herrschaft im ganzen Land zu festigen. Die Muttersprache der örtlichen Bevölkerung ist nicht Russisch und es gibt eine eigene Schriftsprache. Die „ethnischen Russen“ wurden hierhergeschickt, um den Zusammenhalt des Reiches zu stärken. Forschungsstationen, Bergbau und andere Industriezweige wurden gefördert. Darüber hinaus wurde der Luftverkehr ausgebaut.

„Hier war ein guter Ort. Ich hatte viel Freiheit und wir waren weit weg von der kommunistischen Propaganda“, sagt er, während wir am Abend Elchfrikadellen essen.

In der Station gibt es sehr gutes Essen, vorausgesetzt man mag gern Elchfleisch. An den Abenden, wenn wir Bier trinken und Karten spielen, knabbern alle salzigen, getrockneten Tintenfisch. Er ist gut, wenn auch etwas zäh.

Als die Sowjetunion sich auflöste, erhielt die Station keine Fördergelder mehr. Sergej wurde aufgefordert, seine Sachen zu packen, mit seiner Familie die Station zu verlassen und an die Universität in Nowosibirsk zurückzukehren. Doch er weigerte sich. Stattdessen beschloss er, mit seiner Familie zu bleiben und Russlands erste private Forschungsstation zu gründen.

Zu Beginn war es schwierig, erzählt Nikita von seinen Teenagerjahren in den Neunzigern. Eine graue, freudlose Zeit. Manchmal hatte die Familie kaum genug zu essen. Jetzt hat die Station sich verändert. Jedes Jahr kommen um die fünfzig Wissenschaftler aus aller Welt hierher, vor allem aus den USA, um die Natur und den Permafrost zu studieren. Während meines Aufenthaltes sind wir etwa fünfzehn Besucher, einige deutsche Forscher und eine Gruppe von amerikanischen Studenten, die abends Gitarre spielen.

„Im Film Forrest Gump wird die Hauptfigur durch einen Zufall zum erfolgreichen Krabbenfischer, nur weil alle anderen Boote durch einen Sturm zerstört wurden. So war es für uns. Hier im Norden gibt es noch immer sehr wenige Forschungsstationen, die so gut ausgestattet sind wie wir“, erklärt Nikita.

Ich bin den weiten Weg gereist, um mir Mammuts anzuschauen oder zumindest das, was von dem Ökosystem übriggeblieben ist, in dem sie einst lebten. In den letzten fünf Millionen Jahren sind ungefähr zehn verschiedene Mammutarten entstanden und ausgestorben und das Wollhaarige Mammut war das letzte seiner Art. Es ist das, woran die meisten Leute denken, wenn sie das Wort Mammut hören: ein massiger Körper mit abfallendem Rücken, dickem, lockigem Fell und riesigen, geschwungenen Stoßzähnen. Es entwickelte sich vor ungefähr vierhunderttausend Jahren aus seinen früheren Verwandten irgendwo in Ostasien.

Mammuts existierten in einem riesigen Gebiet, vom heutigen Spanien und Italien bis Südschweden, in Sibirien und großen Teilen des heutigen Chinas, in Alaska und Nordamerika. Genau wie die modernen Elefanten lebten sie wahrscheinlich in Gruppen, die von älteren Kühen geführt wurden. Wir Menschen begegneten den Mammuts vor dreißig- bis vierzigtausend Jahren, als wir Afrika verließen und in den Nahen Osten sowie nach Europa vordrangen. Dort hatten Neandertaler schon lange Zeit Seite an Seite mit ihnen zusammengelebt. Sie hatten die Mammuts gejagt und ihre Knochen unter anderem als Baumaterial verwendet.

Die letzte Eiszeit begann vor etwa hunderttausend Jahren. Während der Norden von riesigen Gletschern bedeckt wurde, entstand hier in Ostsibirien eine fruchtbare Steppenlandschaft. Durch Stürme und Meeresströmungen wurde die Region trocken und windig, blieb jedoch frei von Eis, was dazu führte, dass in den warmen Sommermonaten Gras wachsen konnte. Hier gediehen Mammuts sowie Wollnashörner, Moschusochsen, Pferde und Wölfe. Nikita und Sergej haben versucht zu ermitteln, wie viele Tiere hier vor...

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