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E-Book

Wie wir lieben

Vom Ende der Monogamie

AutorFriedemann Karig
VerlagAufbau Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783841212849
FSK18
Altersgruppe18 – 
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Ein neues Zeitalter der Liebe. Die Monogamie scheint am Ende, jede zweite Ehe wird geschieden. Brauchen wir ein neues Wort für Liebe? Friedemann Karig hat ein offenes und zärtliches Buch geschrieben über Menschen, die die Erfüllung in einer Liebe suchen, die anders ist und frei. Mit allem Schmerz. Mit allem Glück. Mit oder ohne Kinder. Mit oder ohne Happy End. Ein packendes Buch darüber, wie wir heute lieben wollen. »Friedemann Karig nimmt der Liebe ihre Schwere, ihre Bedrohung, ihre Konventionen. Mit zauberhaften Geschichten und klugen Kommentaren gibt er zurück, was uns genommen wurde: die Leichtigkeit.« Ronja von Rönne.

Friedemann Karig, geboren 1982, studierte Medienwissenschaften, Politik, Soziologie und VWL und schrieb unter anderem für Süddeutsche Zeitung, SZ-Magazin, Die Zeit, FOCUS und brand.eins. Seit Januar 2016 ist er Autor bei jetzt, dem jungen Magazin der Süddeutschen Zeitung. Zudem ist Friedemann Karig eines der Gesichter von funk, dem neuen jungen Online-Angebot von ARD und ZDF. Er lebt in Berlin und München.

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Leseprobe

I. Sex, in letzter Zeit


1. Samantha und die Feuerwehr


I had me a boy, turned him into a man

I showed him all the things he didn’t understand,

Oh, oh, then I let him go.

Now, there’s one in California who’s been cursin’ my name

Cause I found me a better lover in the UK

Hey, hey, until I make my getaway.

ELLE KING, EX’S AND OH’S

Als die Kellnerin die pochierten Frühstückseier bringt, kann Samantha endlich von ihrer heißen Nacht mit dem Feuerwehrmann berichten. »Er war genau wie die schmutzige Phantasie, die ich im Kopf hatte«, schwärmt sie. »Bitte lasst mich euch von seinem Schwanz erzählen!«

»Samantha, hinter dir sitzen Leute mit einem Kind«, weist Charlotte sie zurecht.

»Nun, das Kind war ja ihre Entscheidung«, antwortet Samantha.

So beginnt eine Szene in »Sex and the City«, der Serie, die in 94 Folgen und zwei Kinofilmen wie kaum eine andere von etwas erzählt, was während 99,9 Prozent der Geschichte der zivilisierten Menschheit völlig undenkbar war: freie weibliche Sexualität. Die Handlung ist schnell erklärt: Vier New Yorkerinnen suchen Mr. Right – oder zumindest Mr. Gutimbett. Als die Serie 1998 startete, war sie eine Sensation. Zum ersten Mal wurde von alleinstehenden Frauen erzählt, die zwar alle »den Richtigen« suchen, aber dabei tun und lassen, was sie wollen. So gehören »die unzähligen Dates, Affären und Beziehungen genauso zum Alltag der vier wie die morgendlichen Diskussionen darüber im Café«, weiß Wikipedia.

Sex ist für Samantha und ihre Freundinnen nicht Mittel zum Zweck, sondern eine Persönlichkeitsdimension wie Intellekt oder Emotion. Eine der Hauptstraßen der Selbstverwirklichung. Und natürlich wichtiger Bestandteil von Liebe und darauf basierenden, langfristig angelegten Beziehungen. Aber manchmal eben auch nur ein Hobby, ein wortwörtlich lustiges Thema, das beim Frühstück mit den besten Freundinnen besprochen wird. Und das geht so:

Charlotte: »Ich finde es falsch, mit Männern zu schlafen, nur weil sie eine Phantasie erfüllen.«

Samantha: »Bitte, alle Männer, mit denen wir schlafen, erfüllen eine bestimmte Phantasie.«

Carry: »Oder einen Albtraum.«

Samantha: »Du träumst von einem Mann mit einem Apartment auf der Park Avenue und einem schönen großen Aktiendepot, bei mir ist es eben ein Feuerwehrmann mit einem schönen, großen Schlauch.«

Damit diese Phantasie in Erfüllung geht, so verrät uns die Erzählerin Carry in der anschließenden Rückblende, musste Samantha selbst aktiv werden. Sie verführt den Feuerwehrmann ihrer Wahl direkt am Ort der Erotik, seiner Feuerwache, inklusive laszivem Herabgleiten an der berühmten Rutschstange. Sie liebt ihn angelehnt an einen Spritzenwagen und probiert in einem kurzen Rollentausch sogar seine Stiefel und Uniform an. Natürlich nur, um sie sofort wieder auszuziehen.

Doch dann: Alarm! Die Feuerwehr muss ausrücken. Samantha bleibt halbnackt zurück.

»Sie musste lernen«, schließt Carrie, »dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Rettungs-Phantasie und Rettungs-Realität gibt.«

Diese kurze Szene kann uns alles erklären, was man wissen muss über das merkwürdige Paarungsverhalten geschlechtsreifer (westlicher) Großstädter: Mann und Frau können tun und lassen, was er oder sie will. Phantasien und Gelüste sind dazu da, in die Realität umgesetzt zu werden (auch wenn sie komisch enden). Jeder darf seine eigenen Vorlieben pflegen, die mal mit Status, mal mit Geld, mal mit einer Geschichte oder einfach mit anatomischen Vorzügen zu tun haben. Wer lieber Kinder bekommt, kann sie bekommen, muss dann aber eventuell sexuell zurückstecken. Wer noch keine Kinder hat, redet eben beim Frühstück über untenrum. Kurz: Sex ist ein riesiger Haufen Spaß. Oder könnte es zumindest sein. Zumindest für den privilegierten Teil der Menschheit in westlichen Demokratien, wo sexuelle Freiheit nicht nur im Gesetz steht, sondern auch gelebt wird.

Für uns fühlt es sich heute so an, als wäre das schon immer so gewesen. Wir haben das Geschenk der befreiten Sexualität von unseren Eltern angenommen, ausgepackt, mit leuchtenden Augen betrachtet. Und uns dann schneller daran gewöhnt, als Samantha auf der Feuerwehrwache aus ihrem Kleid springen konnte. Wir fühlen uns aufgeklärt und reif, kompetent und frei.

Dabei ist Sex erst einen winzigen Augenblick lang wirklich frei. Würde die Geschichte der Menschheit einen Tag umfassen, hätten wir erst seit ungefähr fünf Minuten die volle Auswahl an Partnern, Praktiken, Perversionen. In Wahrheit sind wir noch völlig überrumpelt von all den Möglichkeiten, nachdem wir den ganzen Tag darauf warten mussten, endlich loszulegen.

Denn es war ein langer und sehr dunkler Tag.

2. Ein Bluthund namens Sex


»Während die alte Sexualität positiv mystifiziert wurde als Medium der Befreiung, als Rausch und Ekstase, wird die neue negativ mystifiziert als Quelle und Tatort von Unfreiheit, Ungleichheit der Geschlechter, Gewalt, Missbrauch und tödlicher Infektion.«

VOLKMAR SIGUSCH,
SEXUELLE STÖRUNGEN UND IHRE BEHANDLUNG

Es war der Winter 1644 in Boston, Massachusetts, USA. Ein gewisser James Britton wurde krank. Sehr krank. Voller Angst, seine Krankheit könnte Gottes Strafe für vergangene Missetaten sein, legte er ein öffentliches Schuldbekenntnis ab. Unter anderem gestand er, dass er im Zustand der Volltrunkenheit versucht habe, mit einer gewissen Mary Latham zu schlafen, einer jungen Braut aus guter Familie. Und dass dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt gewesen sei.

Obwohl Mary Latham weit entfernt in der Kolonie von Plymouth wohnte, wurde sie verhaftet und über Eis und Schnee nach Boston gekarrt. Sie beteuerte, es sei zu keinem Sexualakt gekommen. Trotzdem (oder gerade deshalb) befand man Mary Latham des Ehebruchs schuldig. Sie brach zusammen.

Die zeitgenössischen Quellen verzeichnen mit Befriedigung ihre Reue: Sie habe »tiefe Einsicht in die Verdorbenheit ihrer Sünde« gezeigt und ihren Willen bezeugt, zu sterben, »damit der Gerechtigkeit Genüge getan werde«. Am 21. März, zwei Wochen nach ihrem Prozess, wurde sie zum Galgen geführt. James Britton wurde neben ihr gehängt, auch er »very penitent«, voller Reue. Mary beschwor noch vom Richtplatz herab die Mädchen und jungen Frauen von Boston, sie sollten sich durch ihr Beispiel abschrecken lassen. Dann legte man ihr den Strick um den Hals. Mary Latham wurde 18 Jahre alt.

Wir merken: Sex war noch im 17. Jahrhundert sehr teuer. Selbst wenn er gar nicht vollzogen wurde, konnte er das Leben kosten. Wer nicht als Kind vergewaltigt oder mit zwölf Jahren schon zwangsverheiratet wurde, musste als Mann genug Besitz und Status ansammeln, um heiraten und damit ehelichen Sex haben zu können. Frauen hingegen waren in der Antike und im Mittelalter oft rechtlose Sexobjekte, wurden verschachert, unterdrückt, als Hexen verbrannt. Ohne Geburtenkontrolle oder medizinische Versorgung grassierten Geschlechtskrankheiten. Viele Mütter starben bei der Geburt oft ungewollter Kinder. Männer hatten so viel Sex, wie sie sich leisten konnten. Ansonsten nahmen sie ihn sich gewaltsam. Über allem thronte eine gnadenlose kirchliche Sexualmoral, die so ungefähr alles verbot, was wirklich Spaß macht. Nur eine kleine Elite, die antiken und mittelalterlichen Adligen, und davon meist nur die Männer, hatten mehr oder weniger im Verborgenen den Sex, den sie haben wollten. Weil der Trieb aber stärker ist als jedes Verbot, blühte die »Sünde« und die Prostitution. Mal geduldet, mal erlaubt, mal brutal verfolgt. Durch die Jahrtausende und Gesellschaften hindurch blieb Sex physisch knapp und geistig durch die Kirche, die schon sündige Gedanken mit dem Höllenfeuer bestrafte, brandgefährlich.

In der Geschichte der menschlichen Zivilisation war Sex demnach die meiste Zeit für die meisten Menschen nur selten eine Wonne, sondern viel öfter Statussymbol, Machtinstrument, Gewaltmedium. Und zuallererst natürlich Mittel zur Fortpflanzung, die wiederum Überlebensstrategie war. Kurz: Sex war die meiste Zeit für die meisten Menschen wie ein immer verhungernder Bluthund, den man in Ketten gelegt hat. Wobei auch dieses Bild schief ist. Wem (leichtfertiger) Sex animalisch erscheint, der irrt. Sex zum Spaß ist menschlich, nicht tierisch. Im Tierreich gibt es zahllose Arten, die nur in großen Abständen, zur Zeit des Eisprungs, Sex haben. Lediglich zwei Arten treiben es tagaus, tagein, einfach, weil es geht. Die eine ist menschlich. Die andere, die Bonobos, menschenähnlich. Ein »sexbesessener Affe« verhält sich daher eigentlich menschlich, während sich zwei Menschen, die nur ein oder zweimal im Jahr Sex haben, es nur selten und nur zur Fortpflanzung in dunklen Nächten in nur einer Stellung miteinander treiben – wie es die Kirche von uns verlangte – sich streng genommen »wie die Tiere aufführen«.

Nach dem dunklen Mittelalter wurde alles nur langsam besser. Auch im Zeitalter der sogenannten »Aufklärung«, noch bis weit in die Moderne hinein, herrschte weiter die Doppelmoral einer vorgetäuschten Prüderie. Sex war offiziell weiterhin Eheleuten vorbehalten. Ein tugendhaftes Leben sah Geschlechtsverkehr nur in Missionarsstellung vor, und zwar zur Fortpflanzung. Trieb und Begierde waren des Teufels, für Menschen nicht akzeptabel, jedenfalls um jeden Preis zu unterdrücken.

Und gleichzeitig blühte...

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