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E-Book

Wieder ganz werden

Traumaheilung mit Ego-State-Therapie und Körperwissen

AutorSilvia Zanotta
VerlagCarl-Auer Verlag
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl264 Seiten
ISBN9783849781569
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis33,99 EUR
Unbewusste, abgespaltene Traumatisierungen sind meist auch im Körpergedächtnis gespeichert. Für das Gelingen einer Psychotherapie ist es in diesen Fällen unerlässlich, den Körper und das Körperwissen mit einzubeziehen. Innovativ und richtungsweisend integriert Silvia Zanotta aktuelle neurobiologische und psychologische Erkenntnisse aus Ego-State-Therapie, Hypnose und körperorientierter Psychotherapie. Das konzeptionelle Kernstück dieser Synthese ist die viel beachtete interpersonelle neurobiologische Theorie, insbesondere die Ansätze von Stephen Porges und Peter Levine. Neben präverbalen Traumata behandelt die Autorin Phänomene wie Dissoziation, Schmerz, Angst, Wut und Scham - letzteres ein in der Fachliteratur vernachlässigtes, jedoch häufig zentrales Thema in der Trauma-Therapie. Psychotherapeuten profitieren unmittelbar von den gut umsetzbaren Anleitungen, Übungen und Interventionen, die das Buch bietet. Transkripte von ausgewählten Therapiesitzungen demonstrieren die praktische Anwendung.

Silvia Zanotta, Dr. phil., Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Kinder- und Jugendpsychotherapie FSP, arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Familien in Zürich; Ausbildungen in personenzentrierter Psychotherapie, klinischer Hypnose, Traumatherapie PITT und Ego-State-Therapie und Somatic Experiencing; Supervisorin und Ausbilderin/Lehrtherapeutin, Gründerin und Co-Leiterin des Ego-State-Ausbildungsinstituts 'Ego-State-Therapie Schweiz'.

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Leseprobe

Einleitung


Der Körper kennt den Weg


»Der Schlüssel zur Heilung von Traumasymptomen beim Menschen liegt meines Erachtens darin, dass wir lernen, jene fließende Anpassung wildlebender Tiere nachzuvollziehen, die nach dem Abklingen des akuten Geschehens die Immobilitätsreaktion von sich abschütteln und ihre volle Bewegungs- und Funktionsfähigkeit wiedererlangen« (Levine 1998, S. 27).

Bei der Begegnung mit Menschen in meinem Praxisalltag als Psychotherapeutin, Supervisorin und Ausbilderin habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass psychotherapeutische Techniken allein noch keine erfolgreiche Therapie ausmachen. Es gibt zwei zentrale Faktoren, die für seelische Heilung ebenso wichtig sind: die Beziehungsgestaltung und das Körpererleben.

In meiner therapeutischen Arbeit lasse ich mich von folgenden Prinzipien leiten:

a) der im Unbewussten impliziten Lösung von Symptomen (Milton Erickson),

b) der Aktualisierungstendenz im bedingungslos akzeptierenden therapeutischen Rahmen (Carl Rogers),

c) dem ganzheitlichen, achtsamen Erleben in der sicheren Beziehung im Focusing (Eugene Gendlin),

d) dem Teilemodell der Ego-State-Therapie (John und Helen Watkins) und

e) der Möglichkeit der Somatic-Experiencing-Traumalösung auf Körperebene (Peter Levine) bzw. der Kombination von d) und e): der Somatic Ego State Therapy (Maggie Phillips).

Da jeder Mensch in seiner Kombination von Persönlichkeitsanteilen einzigartig ist, ist es nur konsequent, sich auf jeden Klienten mit seinen individuellen Bedürfnissen und seiner ihm eigenen Aktualisierungstendenz neu (und immer wieder) einzustimmen: Jeder Mensch hat eine für ihn zugeschnittene Therapie verdient. Ich gehe davon aus, dass dem menschlichen Organismus eine uralte Weisheit der Selbstheilung innewohnt. Wird diese »innere Weisheit«, die im Körperwissen zum Ausdruck kommt, in die Therapie einbezogen, lassen sich viele Probleme und Symptome leichter lösen.

Als ich vor bald 20 Jahren in meiner Praxis zum ersten Mal einer komplex traumatisierten Klientin gegenübersaß, die mich offensichtlich trotz meiner freundlichen Bemühungen um Beziehungsaufbau als bedrohlich erlebte und immer wieder zu dissoziieren drohte, sodass ich mich genauso hilflos fühlte wie sie, ohnmächtig im verzweifelten Versuch, ihr einen sicheren Rahmen zu bieten, habe ich verstanden, wie wichtig Beziehungsgestaltung und Sicherheit für eine gelingende Psychotherapie sind. Durch enge Begleitung meines damaligen Supervisors Bruno Rutishauser (1994) und dank der Ausbildung in psychoimaginativer Traumatherapie bei Luise Reddemann habe ich dann doch einen Zugang zu besagter Klientin gefunden; ihr Toleranzfenster (Siegel 2007) vergrößerte sich allmählich. Meine Neugier war geweckt: Ich wollte mehr über Traumafolgen in Körper und Seele wissen, psychophysiologische, intra- und interpsychische Prozesse besser verstehen. Es folgten Ausbildungen in klinischer Hypnose, Ego-State-Therapie und Somatic-Experiencing-Traumatherapie. Durch Assistieren in vielen Seminaren bei Maggie Phillips und im Prozess mit zahlreichen Klienten habe ich mich intensiv mit Ego-State-Therapie und Körpererleben befasst, um auch komplex traumatisierten Menschen in einem sicheren therapeutischen Raum Hoffnung auf Kontrolle und Stabilität geben zu können und Veränderung in Richtung Heilung zu ermöglichen. Weil traumatische Erfahrungen immer auch im somatischen Gedächtnis gespeichert werden, spielt neben der Ego-State-Therapie eben auch der Einbezug des Körpers eine zentrale Rolle.

Diese vorhandene, aber oft brachliegende Ressource könnte von Psychotherapeuten mithilfe der in meinem hier vorliegenden Buch dargestellten hypnosomatischen, multimodalen Ego-State-Therapie, der Kombination von Ego-State-Therapie mit Körperverfahren, vermehrt genutzt werden. Durch Einbezug des Körpers lernen Klienten nicht nur, sich selber besser zu regulieren, sondern der Zugang zu unbewussten oder präverbalen, im impliziten Körpergedächtnis abgelegten Traumata und somatischen Ego-States wird möglich. Voraussetzungen dafür sind eine sichere therapeutische Beziehung und angemessenes Timing und Pacen im Rhythmus des Klienten.

Im Laufe meiner psychotherapeutischen Tätigkeit habe ich immer mehr erfahren, wie wichtig es ist, Körpersignale als Ressource vermehrt in die Psychotherapie einzubeziehen, sowohl bei mir in der Therapeutenrolle, wie ich mit meinen Reaktionen auf den Klienten und mit meinen Körperempfindungen umgehe, als auch beim Klienten, dessen Körper die Lösung oft präsentiert und wie von selbst zulässt, wenn der Therapeut offen ist dafür.

»Es geht mir so viel besser. Ich fühle mich viel stärker, die Anrufe meiner Mutter nehmen mich nicht mehr so mit. Ich staune nach jeder Therapiestunde, dass es so viel nützt, und bin unendlich dankbar« (46-jährige Klientin nach einer Abgrenzungsübung mit Haltungsveränderung, vgl. in Kap. 8 die Übung »Grenzen reparieren«).

»Ich habe mehr Platz im Körper bekommen. Die Schultern sind offener, es verändert sich etwas. Ich darf mir meinen Raum nehmen.«

»Das Schlussbild ist wunderschön und sinnlich. Der Körperprozess hat mich sehr berührt. Endlich konnte ich mich wehren!« (40-jährige Klientin).

»Durch die Ego-State-Therapie konnten schmerzhafte kindliche Zustände tröstend beeinflusst werden, sodass in mir Wärme und positive Gefühle entstanden sind. Durch die körperliche Verankerung dieser positiven Gefühle kann ich sie auch nach einiger Zeit immer noch abrufen, wenn ich sie brauche« (53-jährige Klientin).

Das Fokussieren auf somatische Empfindungen und Reaktionen hat meine Wahrnehmung für feinste Veränderungen und Zeichen in Gesicht und Körper des Gegenübers geschärft und erweitert. Veränderung ist meiner Erfahrung nach erst möglich, wenn der Klient ganzheitlich zu erfahren und zu begreifen vermag. Wenn er eine neue Erfahrung macht bzw. Veränderung erlebt, zeigt sich das unmittelbar anhand der Körperempfindungen. Klienten berichten dann: »Es beginnt sich etwas zu lösen«, »es entspannt sich«, »jetzt ist es ruhig« oder »es wird leichter«.

In der psychotherapeutischen Arbeit mit traumabetroffenen Menschen sind neben dissoziativen Phänomenen häufig Bindungstraumata anzutreffen. Diese beeinflussen die Beziehungsgestaltung und den psychotherapeutischen Prozess maßgeblich. Frühe Bindungserfahrungen sind delikat. Sie hängen vom feinen Zusammenspiel zwischen Bezugsperson und Säugling ab; dessen Bedürfnisse sollen feinfühlig erkannt und beantwortet werden, damit in den ersten Lebensjahren eine sichere Bindung entstehen kann. Diese wiederum ist Grundlage für das psychische Wohlbefinden und Vertrauen in andere Menschen und somit entscheidend für die psychische Gesundheit eines Menschen und für seine spätere Beziehungsgestaltung. In der Schweiz entwickeln laut dem Zürcher Psychologieprofessor und Bindungsexperten Guy Bodenmann rund die Hälfte der Kinder ein unsicheres Bindungsmuster. Seine Aussage in einem 2017 veröffentlichten Zeitungsartikel weist auf die aktuelle Relevanz des Themas in Bezug auf das Betreuungsmodell von Kleinkindern in den ersten drei Lebensjahren hin1.

Gemäß Frederick (2012) bildet sich bei Kindern im Alter von 2 Jahren eine innere Bindungsrepräsentanz, d. h. eine Art innere Landkarte von neuronalen Vernetzungen im Gehirn, die fortan Selbstregulation, Selbstwahrnehmung und das Verhalten des Individuums beeinflusst. Diese Bindungslandkarte bzw. dieses Bindungsmuster scheint die wichtigste Prägung nicht nur für Affekt- und Selbstregulation (Schore 2003), sondern auch für die weitere Entwicklung des Gehirns zu sein (Frederick 2012). Eine unsichere innere Bindungsrepräsentanz bzw. frühe Bindungsstörungen bilden also die direkte Ursache von komplexen Traumafolgestörungen und Dissoziation. Kommen im Laufe der Entwicklung weitere traumatische Erfahrungen hinzu, wird die Psychopathologie dadurch noch verstärkt. Viele psychotherapeutische Versuche, sichere Bindung herzustellen, haben nur ungenügende Resultate hervorgebracht oder gehen mit langer Therapiedauer einher. Beispiele dafür sind die direkte Psychoanalyse von Rosen (1983) oder das Konzept der symbolischen Realisierung von Sechehaye (1955), wo das Erfahren einer stabilen sicheren Beziehung über längere Zeit betont wird. Mit dem nachträglichen Nähren und der Stärkung des Selbst und der ganzen Persönlichkeit, aber auch durch das Schaffen von sicheren Bindungen mit ressourcevollen Ego-States oder mit »idealen Eltern« auf der inneren Bühne eröffnet die Ego-State-Therapie die Möglichkeit, diese im Alter von zwei Jahren geprägten Verbindungen im Gehirn nachhaltig zu verändern in Richtung Stabilisierung, Selbstregulation und Selbstwertstärkung, was sich zusätzlich auf das Verhalten und die zwischenmenschlichen Beziehungen...

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