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'Wild' oder 'Gezähmt'? - Über die Veränderung gesellschaftlicher Vorstellungen vom Tod

Über die Veränderung gesellschaftlicher Vorstellungen vom Tod

AutorLars Neumann
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl103 Seiten
ISBN9783638616874
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Diplomarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Soziologie - Medizin und Gesundheit, Note: 1,35, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie), 62 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Ausgehend von den Begriffen 'wild' und 'gezähmt', die Philippe Ariès in seinen Studien zur Geschichte des Todes im Abendland gebrauchte, indem er feststellte, dass der vergangene mittelalterliche Tod 'gezähmt' und der heutige moderne Tod 'wild' sei, möchte ich zwei Themenschwerpunkten nachgehen. Zum einen der Frage, wie sich die Vorstellungen vom und die Verhaltensweisen zum Tode vom frühen Mittelalter bis in die gegenwärtige Zeit im Raume Europas verändert haben. Damit einhergehend möchte ich mich mit dem Problem beschäftigen, wie und warum sich bestimmte Weltbilder und Denkstrukturen hin zur heutigen Zeit gewandelt haben und wie sich dadurch auch die Sichtweise zum eigenen Tod und dem Tod anderer Menschen umgeformt haben könnte. Andererseits stelle ich mir die Frage, inwiefern die von Philippe Ariès benutzten Begrifflichkeiten 'wild' und 'gezähmt' mit anderen Forschungen vereinbar und vergleichbar sind und ob es möglicherweise sogar angemessenere Beschreibungsmöglichkeiten für die Vorstellungen und den Wandel des Umgangs mit dem Tod geben könnte.

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Leseprobe

6 Über den Wandel der Vorstellungen vom Tode im Denken von Forschern


 

Wenn man in der heutigen Zeit über Vorstellungen und Empfindensweisen früherer Menschen liest und nachdenkt, erfolgen oftmals Kommentare und Meinungen über die ältere Zeit, die entweder verherrlichend sind oder diese mit negativen Begrifflichkeiten beschreiben.

 

Jedoch darf man nicht vergessen, dass jeder Mensch ein Kind seiner Zeit war und ist; er wird dahin hinein geboren und eignet sich zwangsläufig bestimmte Denkgewohnheiten, ein bestimmtes Weltbild dieser Zeit an. So ist es auch zu erklären, wie in früheren Zeiten die Menschen über den Tod dachten und diesem Thema nachgingen und es erforschten.

 

Aus diesem Grund erscheint es mir wichtig, verschiedene Forscher und Denker ihrer Zeit darzustellen; wie sie über den Tod dachten und denken. Aus solchen Ausführungen sind nicht nur Schlussfolgerungen über die Herangehensweise des bestimmten Menschen an das große Thema Tod zu ermitteln; sondern auch gewisse Weltbilder, die diesen Ausführungen zugrunde liegen. Natürlich soll diese Auslese von Forschern keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben, dies würde wohl den Rahmen dieser Arbeit sprengen; jedoch möchte ich einige Erläuterungen aufzeigen und Tendenzen herausarbeiten.

 

Bevor aber auf Denker der Zeit seit der sogenannten Aufklärung eingegangen wird, erscheint es mir sinnvoll, auf Todesvorstellungen des Christentums hinzuweisen, welches im Abendland die Vorstellungen vom Tode und den Alltag der meisten Menschen prägte und bestimmte.

 

Im Neuen Testament wird der Tod des Menschen durch die Auferstehung der Toten am Tage des Jüngsten Gerichts überwunden. Als Beispiel und Anschauung galt für die Christen die Auferstehung Jesu. Dieser Glaube ermöglichte den meisten Menschen des Abendlandes den Tod als notwendige Vorbereitung für eine nächste Existenz zu betrachten. Jedoch war es keineswegs klar, dass alle Menschen auferstehen würden, erst im Jahre 1215 beim Vierten Lateranischen Konzil wurde bekannt gegeben, dass alle Menschen mit ihren Körpern auferstehen würden.[63]

 

Das Christentum nur als reine Glaubensvorstellung zu verstehen verschleiert meiner Meinung nach jedoch einige Aspekte. Durch das Ausbreiten dieser Glaubensvorstellung manifestierte es sich immer mehr als Herrschaftsinstrument. Es bestimmte den Alltag der Menschen, es bot ihnen Halt und Schutz, es erklärte die Welt. So lebten die Menschen dieser Zeit mal mehr, mal weniger nach diesen Geboten und Verboten.

 

Die christliche Auffassung über den Tod verlor jedoch im Laufe der Zeitalter die Vorherrschaft über das abendländische Denken. Den Menschen bot der Blick auf das Jenseits wenig Trost, waren doch die Lehren der Kirche darauf ausgerichtet, auch Strafen im Jenseits zu erwarten.

 

Ein neuartigeres Welt – und Lebensgefühl manifestierte sich in der Entwicklung des Renaissance Bewusstseins. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die christliche Vorherrschaft über den Alltag der Menschen verschwand, im Sinne der Todesvorstellungen aber veränderte sie sich in Richtung eines Drangs nach Selbsterfüllung und Selbstverwirklichung im diesseitigen Leben. Die Furcht vor Hölle und Verdammnis im jenseitigen Leben wurde also dadurch umgangen, indem die Menschen auf die Vorstellung auf ein persönliches Weiterleben nach dem Tode verzichteten.

 

Fortan versuchten Forscher und Denker dieser neuen Zeit andere Antworten auf die Fragen nach dem Tode zu bekommen, vermischt mit den neuartigen Denkgewohnheiten und Sichtweisen über die Welt.

 

6.1 Michel de Montaigne


 

Michel de Montaigne, französischer Schriftsteller und Philosoph, lebte von 1533 bis 1592. Er war einer der bedeutendsten Vertreter der französischen Renaissanceliteratur. Im Zentrum seiner Schriften, die weit gefächert waren, stand der Mensch, den er durch freie Beobachtung in seiner Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Veränderlichkeit beschrieb.

 

Montaigne begreift den Tod als vollständige Vernichtung des Menschen. Er kritisiert jene Menschen, die von sich glaubten, ewig leben zu können. Demgegenüber offenbart er ein eher realistisches Bild; Jung und Alt stürben auf die gleiche Weise, niemand verlässt die Erde anders als zu sterben, eine Garantie für ein längeres Leben gebe es nicht.

 

Montaigne schildert alltägliche Todesarten, banal und anschaulich, von Menschen, die nie gedacht hätten, sterben zu müssen. Er gedenkt, sich selbst beizeiten auf den Tod vorzubereiten und nicht sorglos durchs Leben zu schreiten, um dann in tiefe Trauer und Verzweiflung zu verfallen, wenn der Tod über jemand Nahestehenden gekommen ist.

 

Denn dadurch, dass dem Tod das Tabu und die Fremdheit genommen wird, falle es den Menschen leichter, damit umzugehen. So beschreibt er: „Die Besinnung auf den Tod ist Besinnung auf die Freiheit.“[64]

 

Auch er spricht, wie Ariès, von einem Zähmen des Todes. Nämlich dann, wenn jemand mit den vielen Vorstellungen, die er über den Tod und das Sterben hat, lernt umzugehen; dies zähme sozusagen seine eigenen Gedanken. Wagemutige Manöver oder riskante Unterfangen kritisiert er nicht, obwohl er, wie er zugibt, tagtäglich über den Tod nachdenke. Auch kleinere Zufälle lassen jemanden den Tod ereilen, sodass es ihm beliebig erscheint, wie er sich im Leben verhalte.

 

Michel le Montaigne schildert seine besondere Vorliebe für den Tod, vor allem für die Todesarten anderer Menschen; so schlussfolgert er: „Wer die Menschen das Sterben lehrte, der lehrte sie das Leben.“[65]

 

Der Autor beschreibt die Abnahme des Lebenswillen im Zuge der Vereinsamung, Krankheit oder der Schwindung der Kräfte. So fährt er fort: „Was kümmert es uns, wenn er kommt, da er doch unvermeidbar ist.“[66]

 

Schlussendlich kritisiert er vehement die Schauspielerei beim Tode, welche mehr ängstige als ermutige; die Trauermienen, das Geschrei der Mütter, Frauen und Kinder, die Gegenwart blasser und jämmerlicher Diener. Diese alle verursachen seiner Meinung nach Grauen und Entsetzen, vor allem bei den Kindern. So betont er: „Man muss den Dingen wie den Menschen die Masken abnehmen. Ist sie abgenommen, dann finden wir darunter nichts als eben diesen Tod verborgen, den ein Diener oder ein einfaches Zimmermädchen neulich ohne Angst gestorben sind.“[67]

Diese Einstellung verändert sich im Laufe seines Lebens. Choron gibt hierfür den Tod seiner beiden Töchter, die Ausbreitung des Bürgerkriegs und das Ausbrechen der Pest an.[68] Sein neuer Gedanke war nun, dass das ständige Erinnern und Denken an den Tod den Menschen in einer Art Sklaverei gefangen hielt. Montaigne betont: „Gewiß hat den meisten Menschen die Zubereitung auf den Tod mehr Qual gemacht als das Sterben selbst.“[69] 

 

Man sieht in Michel de Montaigne´s Denken einerseits das Bedürfnis, sich von starren Todesbildern früherer Zeiten loszulösen und den Tod als Realität des Lebens anzunehmen. Andererseits scheint es für ihn jedoch schwierig, diese realistischere Betrachtungsweise aufrechtzuerhalten, als nahestehende Menschen um ihn herum starben, nunmehr eine reale Bedrohung für ihn selbst und nicht mehr nur theoretischer Natur.

 

In Montaigne sieht Jacques Choron einen Vertreter der Renaissancezeit, der sich wie viele seiner anderen Vertreter, der Annehmbarkeit des Verzichts auf die persönliche Unsterblichkeit widmete.[70]

 

6.2 Descartes


 

Descartes, eigentlich Renatus Cartesius, französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler, wurde 1596 geboren und verstarb im Jahre 1650. Als Ergebnis verschiedener Forschungen stellte er dar, dass alle natürlichen Erscheinungen rational erfassbar und erklärbar wären. Diese sogenannte mechanistische Denkweise übertrug er ebenfalls auf biologische, medizinische sowie psychologische Teilgebiete.

 

Sein Interesse galt für viele Jahre der Medizin, vornehmlich der Kunst des Heilens, aber hauptsächlich war er davon überzeugt, die Lebensdauer des Menschen durch eine bessere Kenntnis des Körpers und richtiger Ernährung um ein paar Jahrhunderte verlängern zu können. Kurz vor dem Ende seines Lebens erkannte Descartes die Hoffnungslosigkeit seiner Gedanken und fand ein anderes Mittel, das Leben zu erhalten; den Tod nicht zu fürchten.[71]

 

Choron unterstellt, so verstehe ich ihn, Descartes eine renitente Todesfurcht, als Ergebnis dessen schrieb er die „Seelenüberdauerung des Körpers“.[72]

 

Dieses Weiterleben der Seele nach dem Tode erklärte er nicht mit religiösen Versuchen, sondern auf seinem natürlichen, mechanistischen Weltbild.

 

Er betrachtete den Körper als mechanistisches System, da er zur Welt der Materie gehöre und den Gesetzen der Bewegung unterliege. Die Seele wiederum habe nichts mit der Bewegung und Wärme des Körpers zu tun und lebe somit nach dem Erlöschen des Lebenshauches weiter.

 

Um die Gedankengänge Descartes abzukürzen, zitiere ich seine Schlusserklärung: „Im Gehirn ist eine...

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