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E-Book

Wir wollten einfach unser Ding machen

DDR-Sportler zwischen Fremdbestimmung und Selbstverwirklichung

AutorKai Reinhart
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl424 Seiten
ISBN9783593408590
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis54,99 EUR
Funsport in der DDR - das klingt wie ein Widerspruch in sich. Kai Reinhart zeigt, dass der sozialistische Sport als ein Werkzeug der Disziplinierung im Sinne Michel Foucaults gedacht war. Gleichzeitig aber erforscht er am Beispiel des Bergsteigens und des Skateboardens auch den informellen Sport und stellt dar, wie dieser durchaus zu einem Mittel der Selbstbestimmung wurde.

Kai Reinhart, Dr. phil., ist Akademischer Rat am Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster.

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Leseprobe

8. Skateboarden in der DDR (S. 191-192)

Skateboarden ist spätestens seit den neunziger Jahren ein weltweit ausgeübter Sport, der zum Straßenbild jeder größeren westlichen Stadt gehört. Anders als traditionelle Sportarten kommt er dabei weitgehend ohne feste organisatorische Strukturen aus, weshalb genaue Zahlen schwer zu ermitteln sind. Laut Seewaldt (1990, S. 21) soll es 1988 weltweit zwei bis drei Millionen Skater gegeben haben. Diese Zahl scheint sehr niedrig angesetzt zu sein, denn nach Berichten des amerikanischen Magazins Transworld Skateboarding waren es 1990 allein in den USA über neun Millionen (vgl. Borden, 2006, S. 184) und 2003 weltweit über 22 Millionen Skateboarder (vgl. Rabinowitz, 2004). In der Bundesrepublik gab es Anfang der neunziger Jahre etwa 200.000 Skater (vgl. Doren & Pramann, 1991, S. 25f.), und im Jahre 2005 galten die Skateboarder mit etwa einer Million Fahrern als größte sportzentrierte Jugendszene in Deutschland (vgl. Bemerburg, 2005). Darüber hinaus ist Skateboarden ein Teil der Jugendkultur, der seit den fünfziger Jahren immer wieder neue Impulse setzte und Mode, Musik, Fotografie sowie Film maßgeblich beeinflusste.

Nachdem es aus den USA nach Europa gekommen war, ließ sich das Skateboarden auch vom Eisernen Vorhang nicht aufhalten und sickerte mit zeitlicher Verzögerung ab Ende der siebziger Jahre in das sozialistische Lager ein. Das Skateboarden kann nur im internationalen Kontext verstanden werden, der noch weitaus stärker als das Bergsteigen von den USA bestimmt wurde. »Telling the story of skateboarding is like telling the story of American History«, schrieb Rhyn Noll (2000, S. 10), einer der wenigen Hobbyforscher des Skateboardens.

Bis zur Wende waren die ostdeutschen Skateboarder eine äußerst überschaubare Gruppe, und eine DDR-weite Szene war erst in Ansätzen vorhanden, sodass noch 1992 manche Skateboarder aus Westdeutschland im Osten das Gefühl hatten, »absolutes Neu-Land« zu betreten und »Skateboard- Entwicklungshilfe« zu leisten (vgl. Ludewig, 1992, S. 41). Selbst den meisten DDR-Bürgern blieb anscheinend verborgen, dass in ihrem Land geskatet wurde, wie sich in zahlreichen Gesprächen herausstellte, und eine längere Recherche war nötig, bis erste Zeitzeugen des DDR-Skatens gefunden werden konnten. Wie im Laufe der Studie deutlich wurde, gab es in Ostdeutschland ca. 200–300 Skater, hauptsächlich in Ostberlin, Dresden sowie Leipzig. Die folgende Darstellung ist daher eine »Graswurzelgeschichte « einzelner lokaler Szenen.

8.1 Historischer Hintergrund

Die Ursprünge des Skateboardens liegen in der spielerischen Fantasie von Kindern, insbesondere in den wohlhabenden USA. »Two hundred years of American technology has unwittingly created a massive cement playground of unlimited potential. But it was the minds of 11 year olds that could see that potential« (Stecyk III., 2000 [1975], S. 2). Neben dem »cement playground« war die Verbreitung funktionstüchtiger Rollschuhe in Amerika eine weitere wichtige Voraussetzung für die spielerische Entwicklung erster Skateboards (vgl. Wilhite, 1994; Turner & Zaidman, 1997). Das Skateboarden lässt sich, wie viele Sportarten, nicht auf eine einzelne Erfindung oder ein einzelnes Ereignis zurückführen, sondern wurde von Kindern in verschiedenen Varianten immer wieder neu erfunden. Ein amerikanischer Zeitzeuge erinnerte sich: »I was nine years old in 1961, and I was there the day they invented the skateboard, at least in my neighborhood« (Schmidt, 2003, S. 18).

8.1.1 Skateboarden in den USA

Schmidt relativiert seine Äußerung zu Recht, denn bereits im Jahre 1927 wurde in den USA ein Rollbrett für Kinder namens Kne-Koster [sic] auf den Markt gebracht (vgl. Thrasher, 1992), und 1936 wurde das erste Patent auf ein Skateboard angemeldet (vgl. Noll, 2000, S. 14f.). Solches Spielzeug war aber für viele Familien unerschwinglich, sodass viele Kinder auf eigene Konstruktionen aus alten Rollschuhen oder Rollern angewiesen blieben (vgl. Rose, 1999, S. 8; Noll, 2000, S. 18f.; www.skullskates.com/museum/ homemade.html).

Inhaltsverzeichnis
Inhalt8
Vorwort12
1. Einleitung14
1.1 Ziel, Methodik und Aufbau der Arbeit14
1.2 Grundzüge der DDR-Forschung17
1.3 Foucaults Analyse der modernen (sozialistischen) Herrschaft25
1.4 Grundzüge der Erforschung des DDR-Sports nach der Wende33
2. Theorie und Geschichte der Leibesübungen im Lichte Foucaults43
2.1 Zur Theorie der Leibesübungen43
2.2 Die Geschichte der Körpererziehung in der Bio-Macht45
2.3 Zwischenbilanz49
3. Körperkultur und Sport (KKS) in der DDR52
3.1 Die Ideologie55
3.2 Der Nachwuchsleistungssport (NWLS)62
3.3 Das Sportabzeichen (BAV-Komplex)81
4. Erstes Resümee: Sport als soziale Praxis der sozialistischen Herrschaft88
4.1 Ideologie88
4.2 Leistungssport92
4.3 Massensport99
4.4 Sport-Wissenschaft105
4.5 Informeller Sport107
5. Theorie und Geschichte des Subjekts im Lichte Foucaults111
5.1 Die Theorie des Subjekts111
5.2 Die Geschichte des Subjekts in der Antike114
5.3 Moderne Leibesübungen als Technologie des Selbst118
5.4 Zwischenbilanz120
6. Oral History122
6.1 Oral History in der DDR-Forschung123
6.2 Theoretische und methodologische Probleme124
6.3 Zwischenbilanz131
7. Das Sächsische Bergsteigen133
7.1 Historischer Hintergrund134
7.2 Quellen- und Forschungslage139
7.3 Organisatorische Weichenstellung148
7.4 Die Kletterklubs154
7.5 Die einheitliche Sportklassifizierung161
7.6 Die Entwicklung der Kletterkunst170
7.7 Zwischenbilanz183
8. Skateboarden in der DDR192
8.1 Historischer Hintergrund193
8.2 Quellen- und Forschungslage202
8.3 Anfänge206
8.4 Organisation216
8.5 Ausrüstung225
8.6 Stilkultur236
8.7 Wettkämpfe249
8.8 Zwischenbilanz256
9. Theorie und Geschichte des Widerstandes im Lichte Foucaults267
9.1 Die Theorie des Widerstandes268
9.2 Die Geschichte des Widerstandes seit den sechziger Jahren270
9.3 Zwischenbilanz274
10. Das Verhältnis der Bergsteiger und Skateboarder zu Staat und Partei276
10.1 Quellen- und Forschungslage276
10.2 Die Bergsteiger277
10.3 Die Skateboarder310
11. Zweites Resümee: Informeller Sport als soziale Praxis des Widerstandes322
11.1 Die Kunst, »sein eigenes Ding zu machen«322
11.2 Pioniere des Umbruchs326
12. Kritische Anmerkungen zur Foucaultschen Theorie330
12.1 Vorzüge330
12.2 Nachteile332
12.3 Die marxistische Tradition337
13. Ausblick340
13.1 Parkour – Eine neue Bewegungskunst340
13.2 Risiko in der Sicherheitsgesellschaft342
13.3 Sport und das Ethos der Grenzhaltung344
Verzeichnis der Interviewpartner348
Sächsisches Bergsteigen348
Skateboarden350
Medienverzeichnis353
Literatur353
Gipfelbücher395
Filme396
Musik397
Abkürzungsverzeichnis398
Anhang402
Dok. 1: Offener Beschwerdebrief sächsischer Bergsteiger an Walter Ulbricht (13.2.1960)404
Abschrift von Dok. 1411
Dok. 2: Einladung des American Alpine Club (AAC) für Bernd Arnold (29.1.1981)418
Dok. 3: Schreiben von DWBO-Vizepräsident Leder an DTSB-Präsident Ewald (6.1.1987)420
Abschrift von Dok. 3422
Dok. 4: Mitteilung von DWBO-Generalsekretär Grallert an DWBO-Vizepräsident Leder (2.3.1987)424
Dok. 5: Schreiben von DTSB-Vizepräsident Geilsdorf an DWBO-Vizepräsident Leder (19.9.1985)425

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