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Zeit für Kinder

Theorie und Praxis von Kinderfeindlichkeit, Kinderfreundlichkeit und Kinderschutz

AutorEkkehard von Braunmühl
Verlagtologo Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl212 Seiten
ISBN9783940596550
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Zeit für Kinder ist ein eindringlichKinderfreundlichkeit es Plädoyer für Kinderfreundlichkeit, für das Recht des Kindes auf Freiheit, Achtung und Würde. 'Entgegen dem noch vorherrschenden naiven Sprachgebrauch ist Erziehung das Wort zur Bezeichnung von objektiv kinderfeindlichen, menschenfeindlichen, lebensfeindlichen Handlungen, die aus vordemokratischer und faustrechtlicher Tradition stammen, Machtansprüche durchsetzen und Herrschaftsgelüste befriedigen sollen, die Abhängigkeit von Kindern schamlos ausbeuten und Kindern gegenüber die allen Menschen in unserem Grundgesetz garantierten Rechte auf Achtung ihrer Würde und auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit mit Füßen treten. Wer Kinder erziehen will, will Kinder zerstören - ob er es schon weiß, oder ob er es noch nicht weiß: für die Kinder macht das keinen Unterschied.'

Ekkehard von Braunmühl geboren 1940. Studium der Psychologie, fachjournalistische Tätigkeit für Rundfunk und verschiedene Zeitschriften, Mitbegründer des Wiesbadener Kinderhauses, arbeitete als Berater und in der Supervision beim Schweizer Sorgentelefon für Kinder, Vorstandsmitglied beim Kinderschutzbund Wiesbaden. Seminare für Manager und andere Berufsgruppen unter anderem zu Konfliktbewältigungsstrategien. Seit vielen Jahren Arbeit in der EIternberatung und als freier Sachbuchautor. Veröffentlichungen u. a.: »Zeit für Kinder«, »Zur Vernunft kommen«. Er ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern, Großvater eines Enkelkindes, willfähriger Lebenspartner von Annette Böhm (»will dauernd hinfahren«) und lebt in Wiesbaden.

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Leseprobe

I. Erziehung gelungen – Zögling kaputt


1. Die Kinderfeindlichkeit der Erziehungsideologie


Was ist Kinderfeindlichkeit?

Es gibt heute wahrscheinlich keinen einzigen vernünftigen Menschen mehr, der die Kinderfeindlichkeit unserer Gesellschaft bestreitet. Weniger eindeutig wird diese Beurteilung, wenn man sich Gründe und Auswirkungen im einzelnen betrachtet. Viele Analysen verstricken sich schon dann in ausweglose Widersprüche, sobald sie genauer bestimmen wollen, was mit den Begriffen »Kinderfeindlichkeit« und »Gesellschaft« eigentlich gemeint ist. Sind die Architekten kinderfeindlich, die so viele Stadtteile in Betonwüsten verwandelt haben? Sind die Bauherren kinderfeindlich, die solche Entwürfe ausführen lassen? Sind die Eltern kinderfeindlich, die in ein solches Hochhaus einziehen und ihren Kindern obendrein die kleinsten Zimmer zuweisen?

Architekten, Bauherren und Mieter sind sicherlich Mitglieder »der Gesellschaft«, aber viele von ihnen würden sich heftig dagegen wehren, wenn man sie persönlich als Kinderfeinde bezeichnete. Sie mögen höchst freundliche und liebevolle Gefühle für Kinder haben, und das gleiche gilt auch für die verantwortlichen Politiker, Städteplaner, Verkehrsexperten usw., die für die Wohnumwelt unserer Kinder zuständig sind.

An diesem Beispiel wird schon der Widerspruch deutlich zwischen den Gefühlen irgendwelcher Erwachsener und dem, was diese Erwachsenen Kindern trotzdem antun. In vielen anderen Bereichen ist es ebenso; man denke nur an die Schule.

Das Problem besteht darin, daß Erwachsene häufig kinderfreundliche Gefühle in sich vorfinden, daß sie aber dennoch vieles tun, was Kinder als Unfreundlichkeiten empfinden müssen.

Am kernigsten findet sich dieses Problem in dem Satz ausgedrückt: »Wen man liebt, den züchtigt man.« Beklagen sich mißhandelte Kinder dann, hören sie womöglich noch den Satz: »Ich, meine es doch nur gut mit dir.«

Es wäre nun verfehlt, dieser Versicherung keinen Glauben zu schenken. Die meisten Eltern und Erzieher meinen es mit den meisten ihrer Kinder meistens gut. Um dem Problem auf die Spur zu kommen, muß man unterscheiden zwischen dem, was Erwachsene in bezug auf Kinder fühlen, meinen und beabsichtigen, und dem, wie dies von Kindern aufgefaßt wird. Großangelegte Untersuchungen haben immer wieder ergeben, daß in der Bundesrepublik Deutschland ungefähr zwei Drittel der Erwachsenen sich für außerordentlich kinderfreundlich halten, der gleiche Prozentsatz der Erwachsenen aber spricht sich nachdrücklich für die Prügelstrafe aus. Da stellt sich die Frage, was bei den Kindern stärker ankommt: die Liebe oder die Hiebe.

Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, wie es scheint. Zwar will ich das Prügeln keinesfalls verharmlosen oder gar verteidigen: Es gibt aber zahlreiche Menschen, die häufig körperliche Strafen erlitten und dennoch in ihrer Entwicklung verhältnismäßig weniger gestört wurden als andere Menschen, die mit milderen, feineren Methoden dressiert worden sind. Wenn Eltern, Erzieher und Lehrer Kinder quälen wollen, sind sie ja nicht auf Prügel angewiesen; eine Tracht Prügel kann wie ein Gewitter sein, das schnell vorüberzieht, und danach ist die Stimmung oft wieder heiter. Man stelle sich aber vor, wie es auf Kinder wirkt, wenn eine Erzieherin das Dreijährige, über das sie sich gestern geärgert hat, heute einfach nicht begrüßt, oder wenn ein Lehrer einen empfindsamen Schüler vor der Klasse blamiert, oder wenn eine Mutter oder ein Vater einem Kind den üblichen Gutenachtkuß verweigert. Unzählige andere Beispiele sind möglich. In den letzten Jahren, seit ich als »Antipädagoge« bekannt bin und auf öffentlichen Veranstaltungen und Fachtagungen, in Schulen, Volkshochschulen und Universitäten, als Seminar-Leiter oder im Rahmen der Kinderschutzarbeit über Erziehungsfragen diskutiere, versicherten mir Tausende von Eltern, daß sie ihre Kinder außerordentlich frei erziehen, daß sie sehr kinderfreundlich sind, daß sie; ihre Kinder bestimmt niemals quälen. Frage ich dann, welche Schwierigkeiten sie mit ihren Kindern hätten, weil sie mich ja ohne solche kaum angesprochen haben würden, erfahre ich mit erschreckender Regelmäßigkeit Einzelheiten, angesichts derer man von »Freiheit« und »Kinderfreundlichkeit« wahrhaftig nicht sprechen kann. Aber allein die Tatsache, daß Eltern sich freimütig zu ihren häufig sehr gemeinen Maßnahmen bekennen, beweist mir, wie wenig sie wissen, was sie da eigentlich tun.

Die Liebe des Erziehers

Viele Erwachsene glauben, ihre Kinderfreundlichkeit dadurch zu beweisen, daß sie Kinder nicht schlagen. Sie wissen nicht, daß Prügel unter Umständen kinderfreundlicher sein können als andere Erziehungsmaßnahmen.

Es ist klar, hier kommt es entscheidend auf das »unter Umständen« an. Diese Einschränkung bedeutet folgendes: Wenn ein Erziehender ein Kind wirklich liebt und glaubt, das Kind aus Liebe prügeln zu müssen, dann kommt bei dem Kind beides an, die Hiebe wie die Liebe. Denn Kinder spüren nicht nur die Schläge auf der Haut, sondern sie erspüren – gewissermaßen unter der Haut, um nicht zu sagen: in der Seele – auch das Grundgefühl des Erwachsenen, das sein Verhalten verursacht.

Aber umgekehrt ist es ebenso. Wenn ein Erziehender ein Kind in Wirklichkeit ablehnt, mag er ihm mit noch so honigsüßem Lächeln seine Lieblingssendung im Fernsehen anschalten, damit das Kind ihn nur in Ruhe läßt und brav bleibt: Auch hier kommt beides an, in einer Floskel gesagt: der Spaß wie der Haß. Denn Kinder lassen sich zwar Belohnungen und Vergünstigungen gefallen, aber sie erspüren auch hinter diesen sehr genau das Grundgefühl und die Absicht des Erwachsenen.

Alle Erfahrungen über die Ursachen seelischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zeigen: Hiebe aus Liebe sind weniger schlimm als Spaß aus Haß. Aber auch Hiebe aus Liebe sind schlimm genug, sind kinderfeindlich.

Denken wir jetzt einmal nicht an die Gefühle der Erwachsenen, sondern an die Gefühle der Kinder. Wir können davon ausgehen, daß Spaß aus Liebe von Kindern ohne Probleme als gut und schön erlebt wird, während sie Hiebe aus offenem Haß eindeutig als Zeichen der Feindschaft empfinden. (Ich vernachlässige hier die Tatsache, daß es Hiebe auch aus unbewußtem Haß gibt. Ich komme später darauf zurück.) Natürlich sind Kinder, die von einem wichtigen Beziehungspartner gehaßt werden, keinesfalls zu beneiden, sie sind deshalb aber nicht automatisch verlorene Geschöpfe. Viele Kinder lernen es, mit dem Haß, der ihnen entgegengebracht wird, umzugehen und sich etwa anderen Menschen anzuschließen. Doch braucht uns dieses Problem nur am Rande zu beschäftigen, weil jemand, der ein Kind wirklich haßt (und das auch weiß), dieses Buch nicht lesen wird. Er wird auch kaum unsicher sein im Umgang mit diesem Kind. Die Unsicherheit, über die heute so viel geklagt wird, kommt in der Regel nur bei Erwachsenen zustande, deren Grundgefühl ein liebendes ist. Sie möchten möglichst alles »richtig« machen. Diese Erwachsenen sind gut beraten, wenn sie sich die Erscheinung Hiebe aus Liebe einmal vom Kinde her durchdenken (schon um zu verstehen, warum Kinder gegen diese Liebesbezeigungen protestieren, welcher Protest die ursprüngliche Liebe der Erwachsenen im Laufe der Zeit erheblich zu beeinträchtigen pflegt).

Wie schon gesagt können allerdings andere Erziehungsmaßnahmen Kinder mehr quälen als Prügel. In der Floskel »Hiebe aus Liebe« möchte ich deshalb alle Maßnahmen zusammenfassen, mit denen Kinder von sie liebenden Erwachsenen erzogen, das heißt prostituiert, das heißt einem fremden Willen unterworfen werden sollen.

Ich nehme als Beispiel das erzieherische Fernsehverbot. Was geht in einem Kind vor, das von seinen Eltern etwa wegen einer schlechten Schulnote, sprich wegen »Faulheit«, mit drei Tagen Fernsehverbot belegt wird? Wir haben zugestanden, daß die Eltern es mit dem Kind gut meinen, aber was fühlt das Kind dabei?

Einerseits fühlt es die Liebe der Eltern. Es spürt, daß die Eltern das Kind wichtig nehmen, daß sie sich um es sorgen, daß sie ihm helfen wollen. Ich behaupte allen Ernstes: Gäbe es nicht diese Begleiterscheinung der pädagogischen Bestialitäten im Alltag unserer Kinder, man brauchte keinen antipädagogischen Freiheitskampf zu führen, weil die Kinder sich spätestens beim Schuleintritt massenweise umbringen würden.

Der Preis des Überlebens

Wir wissen ja, wie viele Kinder, die von ihren Eltern in der übelsten Weise gepeinigt werden, trotzdem an ihnen hängen und das Verhalten der Eltern oft sogar heftig verteidigen. Die Psychoanalytiker nennen diese Erscheinung »Identifikation mit dem Angreifer«. Kinder, die als schlecht beurteilt und demgemäß schlecht behandelt werden, wenden – unbewußt – einen seelischen »Trick« an: Sie spalten ihre Persönlichkeit in zwei Teile. Der eine Teil übernimmt das Urteil der übermächtigen Erwachsenen und erklärt den anderen Teil für schlecht. Damit schränkt das Kind zwar die Entwicklung seiner Gesamtpersönlichkeit entscheidend ein, aber es kann wenigstens weiterleben. Würde es den genannten Trick nicht anwenden, sondern sich vollständig dem Gefühl ausliefern, in den Augen seiner es doch liebenden Eltern schlecht (bekämpfenswert, z.B. durch ein Fernsehverbot) zu sein, es müßte allen Lebensmut und damit alle Lebenskraft verlieren. Indem das Kind aber die Liebe der Eltern erspürt, kann es einen Teil seiner Persönlichkeit mit ihnen identifizieren (gleichsetzen) und diesen Teil für wertvoll und wichtig halten.

Aber der Preis, den der Abwehrmechanismus der Identifikation mit dem Angreifer kostet,...

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