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E-Book

Zeit für Mitgefühl

Die wichtigste Übung im Leben

AutorHelmut Kuntz
VerlagTheseus
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl260 Seiten
ISBN9783899016161
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Wie mitfühlend sind Sie mit sich selbst? Probieren Sie es aus und schenken Sie sich ein Lächeln: 'Treten Sie vor den Spiegel und schauen Sie sich selbst in die Augen. Blicken Sie tief hinein in Ihre gespiegelten Augen und begrüßen Sie sich selbst freundlich, wohlwollend, liebevoll. Lächeln Sie sich selbst einen Augenblick lang zu. Verziehen sich Ihre Mundwinkel zu einem Willkommenslächeln, ist das eine völlig anders gelagerte Botschaft an Leib und Seele, als wenn Sie vor dem Spiegel ohne ausgeprägtes Mitgefühl für sich selbst stehend denken: Wie siehst du denn heute Morgen wieder aus?' Außer mit einem bestätigenden, wohlwollenden, liebevollen Blick und einem Lächeln begrüßen Sie sich mit Ihrem eigenen Namen.'

Helmut Kuntz, erfahrener Familien- und Körpertherapeut, arbeitet in Prävention, Beratung und Therapie (Aktionsgemeinschaft Drogenberatung e.V.) in Saarbrücken. Freiberuflich ist er in der Fort- und Weiterbildung und als Supervisor tätig. Er hat zahlreiche Bücher zum Thema Körperarbeit und Sucht veröffentlicht.

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Leseprobe

Mitgefühl zwischen den Welten: Annäherung an einen schillernden Begriff und ein rares Gut


Fühlen Sie bitte mit mir und sich selbst mit und bringen Sie noch ein wenig Geduld auf. Wir können uns nicht Hals über Kopf auf das Mitgefühl stürzen und links wie rechts alles beiseitelassen. Das wäre die falsche Annäherung. Mitgefühl ist schließlich eingebunden in unsere alltäglichen Lebensvollzüge. Bevor ich Ihnen folglich Mitgefühl als Herzensqualität nahebringe, lassen Sie uns bitte zuerst gemeinsam schauen, wie es bislang um das Mitgefühl in unserer Gesellschaft bestellt ist. Welches ist der Geist dieser Tugend, die ich so entschieden als die wichtigste Übung in unser aller Leben bezeichne? Doch denke ich auch, dass es überstürzt wäre, in ein Sich-Üben von Mitgefühl einzusteigen, solange noch gar nicht klar ist, was es da überhaupt zu üben gilt und weshalb. Es wäre also schade, wenn Sie die vorgeschlagene sachte Annäherung an die Tugend Mitgefühl übersprängen, denn so viel Gedankengut zu Mitgefühl zwischen den Welten muss sein. Falls Sie es dennoch vorziehen, umgehend zu den konkreten Übungen vorauszueilen, empfehle ich, die Lektüre der einführenden Gedanken später nachzuholen.

Gebe ich »Mitgefühl« als Suchbegriff ins Internet ein, erhalte ich von Google zwar über 2.610.000 Ergebnisse (im Oktober 2011), aber bereits die Haupttreffer bestätigen die gefühlte Tatsache, dass unsere eigene Kultur zu Mitgefühl bemerkenswert wenig Bedeutsames geschweige Erhellendes zu vermelden hat. Trotz der vielen Einträge scheint Mitgefühl ein äußerst rares Gut zu sein. Wofür auch die überraschende Tatsache spricht, dass der Begriff in der »guten alten«, noch gedruckten Version von Meyers Großem Taschenlexikon in 24 Bänden aus dem Jahr 1981 überhaupt nicht auftaucht. Völlige Fehlanzeige. Mitgefühl existiert da schlichtweg nicht. Im Internet sieht es nicht sehr viel anders aus. Mitgefühl als eigene Qualität menschlichen Empfindens wird in unserer Tradition kaum thematisiert. Tatsächlich finde ich mich sehr schnell verwiesen auf Ähnlichkeiten oder gar Gleichsetzungen mit dem Kunstwort »Empathie«. Überbordend dagegen sind die Einträge und Verweise zu Mitgefühl bei den Treffern, die dem buddhistischen Welt- und Menschenbild entstammen. Außerdem werde ich fündig bei Quellen der Hindus und den zahlreichen Einträgen über mitfühlendes Denken bei spirituellen Heilern, Lehrern und Meistern unterschiedlichster Herkunft und Bedeutung.

Eine notwendige Klärung:
Mitgefühl ist nicht gleich Empathie


Machen Sie doch bitte ein kurzes Blitzlicht: Was verstehen Sie bislang unter »Empathie«? Sagt Ihnen der Begriff etwas? Ist er vertraut? Oder ist er Ihnen fremd, bleibt er sperrig? Und was verbinden Sie mit »Mitgefühl«? Welches Wort bedeutet Ihnen mehr, und weshalb?

In unserer Alltagspsychologie ist ständig von Empathie die Rede. Frühzeitig gilt es daher, eine notwendige Klärung vorzunehmen, um sowohl Konfusion wie Beliebigkeiten zu vermeiden. Mitgefühl ist in keiner Weise gleich Empathie, selbst wenn noch so viele Wege über Google oder über im weitesten Sinne psychologische wie psychotherapeutische Schriften zu diesem Eindruck führen mögen, weil beide Begriffe unablässig miteinander vermengt oder unterschiedslos gebraucht werden.

Mitgefühl ist nicht lebbar ohne die Fähigkeit zur Empathie. Es ist die absolute Steigerungsform von Empathie. Empathie im Gegensatz kann auch ohne einen einzigen Funken von Mitgefühl funktionieren.

Ganz allgemein verstehen wir unter Empathie »Einfühlungsvermögen«. Es gilt als ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer emotionalen Intelligenz, welche der amerikanische Psychologe John D. Mayer sowie seine Mitstreiter definieren als die Fähigkeit »zur akkuraten Beurteilung und zum angemessenen Ausdruck von Emotionen bei sich selbst und anderen sowie zur Regulation von Emotionen in einer Weise, »die das Leben fördert«. (zit. n. Staemmler 2009) Die Richtung, die der Empathie hier zugeschrieben wird, ist jedoch eine von wohlmeinenden Menschen hinzugedachte. Empathie wohnt nicht per se eine Richtung inne, die das Leben fördert. Denken wir bloß an die Beispiele von Verbrechern und Sadisten, welche sich tief in ihre Opfer einzufühlen vermögen, sie darüber sogar erst zum Opfer erwählen. Sie fördern nicht das Leben durch ihre Fähigkeit zur Empathie. Auch der Heiratsschwindler und oft auch ein Lügner können sich empathisch einfühlen, kennen aber keine Spur von Mitgefühl, welches in der Tat das Ziel verfolgt, das Leben zu fördern. Der empathische Mensch kann sich durchaus als unmenschlich erweisen, sogar mit einem Lächeln auf den Lippen töten, der mitfühlende niemals.

Nehmen wir das Gute in den Blickwinkel, ist es naheliegend, dass wir der Fähigkeit zur Empathie umgehend und fraglos die positive Zielgerichtetheit zuschreiben. So tut es auch Heinz Kohut, einer der großen empathischen und sicherlich auch mitfühlenden Köpfe in der Welt der Psychotherapie und -analyse. Er würdigt die menschliche Fähigkeit zur Einfühlung wie einen unserer Sinne: »Das empathische Verstehen der Erfahrungen anderer menschlicher Wesen ist eine ebenso fundamentale Begabung wie Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken.« (1979) Er denkt aber ebenfalls eine Richtung dazu und bereits eine große Dosis Mitgefühl hinein. Für den Empfänger des empathischen Beobachtens ist »das annehmende, bestätigende und verstehende Echo«, das ihn in die Wahrnehmungswelt eines anderen einschließt, nämlich wie »eine psychologische Nahrung, ohne die menschliches Leben, wie wir es kennen und schätzen, nicht bestehen könnte«. (1975)

Die »psychologische Nahrung«, welche das Überleben sichert, ist genauer betrachtet das Mitgefühl. Die Vermischung oder Entdifferenzierung von Empathie und Mitgefühl erklärt sich mit dem zeitgenössischen Verständnis beider. Zu Leb- und Schaffenszeiten Kohuts (1913–1981) war in der psychotherapeutischen Welt noch weniger die Rede von Mitgefühl als heutzutage. Als Vordenker hatte Kohut schon Mühe genug damit, sich mit seinem zutiefst humanen Verständnis von Empathie in der therapeutischen Behandlung zu behaupten. Näher am ursprünglichen Verständnis von Einfühlungsvermögen erklärt er es als »Essenz« des »Eintauchens« und Beobachtens: »Empathie ist nicht nur ein nützlicher Weg, der uns Zugang zum Innenleben des Menschen verschafft – die Idee selbst von einem menschlichen Innenleben und damit von einer Psychologie komplexer psychischer Zustände ist undenkbar ohne unsere Fähigkeit, mittels stellvertretender Introspektion – meine Definition der Empathie – zu wissen, was das Innenleben des Menschen ist, was wir selbst und andere denken und fühlen.« (1979)

»Stellvertretende Introspektion« ist für Kohut Empathie. Sich wahrhaft stark für das »menschliche Innenleben« zu interessieren, dafür, »was wir selbst und andere denken und fühlen«, geht schon einen guten Schritt weiter und trägt Züge von Mitgefühl.

Carl R. Rogers (1902–1987), der Begründer der »klientenzentrierten Psychotherapie« definiert Empathie behandlungstechnischer, trotz seiner zwischenmenschlichen Bezogenheit: »Empathisch zu sein bedeutet, den inneren Bezugsrahmen des anderen möglichst exakt wahrzunehmen, mit all seinen emotionalen Komponenten und Bedeutungen, gerade so, als ob man die andere Person wäre, jedoch ohne jemals die ›als ob‹-Position aufzugeben. Das bedeutet, Schmerz oder Freude des anderen zu empfinden, gerade so, wie er empfindet, dessen Gründe wahrzunehmen, so wie er sie wahrnimmt, jedoch ohne jemals das Bewusstsein davon zu verlieren, daß es so ist, als ob man verletzt würde usw. Verliert man diese ›als ob‹-Position, befindet man sich im Zustand der Identifizierung.« (1989)

Das Ringen um wissenschaftliche Anerkennung sowie eine Überbewertung von Behandlungstechniken haben der Psychoanalyse und Psychotherapie, von der sich so viele Menschen eine Heilung oder Linderung ihrer seelischen Nöte erhoffen, von Beginn an Schwierigkeiten im Umgang mit Empathie, spezifischer Einfühlung und vor allem Mitgefühl eingetragen. Das von Sigmund Freud (1856–1939), dem Begründer der Psychoanalyse, beschriebene Verständnis von Einfühlung in den anderen klingt arg naturwissenschaftlich und behandlungstechnisch. Einfühlung bestand für Freud vor allem darin, unsere »primären Sinneswahrnehmungen« sowie »die Leistungsfähigkeit unserer Sinnesorgane« bis aufs Äußerste zu steigern: »Wir haben die technischen Mittel gefunden, um die Lücken unserer Bewußtseinsphänomene auszufüllen, deren wir uns also bedienen wie die Physiker des Experiments. Wir erschließen auf diesem Wege eine Anzahl von Vorgängen, die an und für sich...

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