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E-Book

Zusammenleben. Über Kinder und Politik

AutorLeander Scholz
VerlagCarl Hanser Verlag München
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783446261549
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Als Leander Scholz Vater wurde, änderte sich sein Leben fundamental - nicht nur sein Alltag und Gefühlshaushalt, sondern auch seine Sicht auf die Welt. Er erfuhr, wie sehr sich die Tätigkeit der Fürsorge von unserem unermüdlichen Streben nach Erfolg unterscheidet. In diesem bewegenden Essay entwickelt er aus der Erfahrung der Elternschaft ein neues Selbstverständnis für unsere Gesellschaft, das über Selbstverwirklichung hinausgeht. Und er fordert ein Wahlrecht von Geburt an - denn wenn wir unsere Demokratie erneuern und über die Gegenwart hinausdenken wollen, müssen wir eine politische Repräsentation der Kinder erlauben. 'Zusammenleben' ist ein gleichermaßen intimes wie emanzipatorisches Buch.

Leander Scholz, geboren 1969 in Aachen, ist Philosoph und Schriftsteller und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Berlin. Bei Hanser sind die Romane 'Rosenfest' (2001) und 'Fünfzehn falsche Sekunden' (2005) erschienen.

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Leseprobe

1. Die Geburt der Familie


Wenige Minuten nach der Geburt unseres Sohnes wurde mir schwindelig. Auf einmal war es sehr schnell gegangen. Der Geburtsvorgang hatte sich über Stunden hingezogen. Zunächst hatte alles auf den Nachmittag hingedeutet, dann wurden die Angaben immer ungefährer. Am späten Abend war es sogar zum Stillstand gekommen. Die Ärzte überlegten, ob ein Eingriff nötig werden könnte. Der Sauerstoffgehalt wurde gemessen, eine dünne Nadel in den noch weichen Kopf unseres Sohnes eingeführt. Der Muttermund war schon länger geöffnet. Wir waren am frühen Morgen ins Krankenhaus gekommen, meine Frau war von den vielen schmerzhaften Wehen sehr erschöpft. Dann kam die Saugglocke zum Einsatz. Für einen Moment dachte ich noch, wie gut es ist, dass sie das Gerät nicht sehen konnte. Und mit einem Mal war er da, blutig, mit grauen und braunen Schlieren bedeckt, lebendig. Es war kurz nach Mitternacht, als unser Sohn zur Welt kam. Mit einer Schere trennte ich die Nabelschnur durch. Als er ruhig atmend in den Armen meiner Frau lag, wusste ich, jetzt ist alles gut, und mir wurde schwindelig.

In den Monaten, bevor unser Sohn geboren wurde, hatte ich eine ganze Reihe von Ängsten auszustehen. Ich befürchtete, dass ich meiner Frau nicht mehr so nahe sein könnte. Dass wir nur noch wenig Zeit füreinander haben würden, dass wir uns verändern und allmählich fremd würden. Ich machte mir Sorgen um meine berufliche Zukunft, mehr als sonst. Ich hatte Angst, meinem Sohn nicht das bieten zu können, was ich glaubte, ihm bieten zu müssen. Die Bilder, die ich mir von unserer gemeinsamen Zukunft zu machen versuchte, blieben undeutlich. Ich konnte mir nicht richtig vorstellen, was es bedeuten würde, mit einem Kind zusammenzuleben und eine Verantwortung zu tragen, die mir auf einmal sehr groß vorkam. Dann dachte ich wieder an die vielen Dinge, die ich noch erledigen wollte und die sich ständig vermehrten. Je näher die Geburt rückte, desto schwerer fiel es mir, mich zu konzentrieren. Mein ganzes bisheriges Leben schien in Frage gestellt zu sein. Eine Zeitlang lähmten mich diese Ängste, und ich konnte mich nicht auf die Geburt freuen. Vor allem aber hatte ich Angst, kein guter Vater sein zu können. Von allen Ängsten war diese Angst die stärkste.

Obwohl ich nicht die Strapazen des Geburtsvorgangs ertragen musste, fühlte ich mich nach der Geburt entkräftet. Kurz darauf wurde ich gebeten, mir mein Hemd auszuziehen und mich auf einer Liege auszustrecken. Meine Frau musste möglichst schnell operiert werden, und unser Sohn sollte während dieser Zeit auf meiner nackten Brust liegen. Er sollte die Wärme und die Nähe eines Körpers spüren und Vertrauen finden zu einer neuen Lebenssituation, die ihm Angst machen musste und der er ausgeliefert war. Trotz der Unsicherheit, wie ich ihn berühren, wie ich ihn halten sollte, war ich stolz darauf, diese Aufgabe zu übernehmen. Sein kleiner Kopf lag kraftlos auf der Seite, sicher gebettet in der kleinen Kuhle zwischen meiner Schulter und meiner Brust. Um seinen feuchten Körper, seine angewinkelten Beine hatte ich meinen Arm gelegt. Alles an ihm kam mir zart und verletzlich vor, die rote Haut, die kleinen Finger, der Herzschlag und sein Atmen. Die Liebe, die ich in diesem Moment empfunden habe und immer noch empfinde, bezog sich weder auf seinen Anblick noch auf irgendein Merkmal, das ihn auszeichnete, sondern unmittelbar auf sein Leben, seine Existenz. In den langsam vergehenden Minuten, in denen er auf meiner Brust lag, schob er sich nach und nach höher, immer dichter an mich heran, bis sein Kopf an meinem lag und ich ihn mit der Wange berühren konnte.

Obschon ich Kinder immer gemocht habe, konnte ich mir lange nicht vorstellen, selbst welche zu haben. Ich gehöre zu einer Generation, für die es nicht mehr selbstverständlich ist, irgendwann eine eigene Familie zu gründen. Die Entscheidung für Kinder erschien mir gleichbedeutend mit dem Verzicht auf die Möglichkeit, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Vorstellung, vieles im Leben ausprobieren zu wollen, vertrug sich nicht mit der Bindung an ein Kind. Ich wollte nicht für jemanden da sein müssen. Und vor allem wollte ich selbst entscheiden können, was ich wollte und was nicht. Liebesbeziehungen lassen sich auflösen. Freundschaften können beendet werden. Und auch Ehen können wieder geschieden werden. Die Bindung an ein Kind lässt sich dagegen nicht wieder rückgängig machen. Sie kann gestört sein, sie kann vielleicht auch niemals richtig zustande kommen. Aber sie lässt sich nicht wieder auflösen, sie lässt sich nicht austauschen. Einen Vater oder eine Mutter kann man genauso wenig ersetzen wie eine Tochter oder einen Sohn. Aus diesem Grund kommt die Bindung an ein Kind im Register der Individualität nicht vor. Es ist keine Bindung auf Zeit, sie besteht ein Leben lang, ob sie gewollt ist oder nicht.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mit etwa vierzehn Jahren häufiger darüber nachdachte, warum ich froh war, ein Junge zu sein und kein Mädchen. Als Mädchen hätte ich Kinder bekommen müssen, und das erschien mir nicht nur sehr schmerzhaft, sondern auch unheimlich. Auch als Erwachsener kam mir die Vorstellung, dass Menschen aus Menschen hervorgehen, oft merkwürdig und befremdlich vor. Ein Kind wird gezeugt, indem sich eine Frau und ein Mann sexuell vereinigen, und wächst im Körper der Frau heran, bis es selbst zu einem eigenständigen Körper geworden ist. Die Schwangerschaft kann etwas Verstörendes haben. Im Grunde ist dieser Vorgang der modernen Welt immer fremd geblieben. Dass sich das Leben auf diese Weise fortsetzt, widerspricht unserem Bestreben, die Wahlmöglichkeiten in allen Bereichen des Lebens zu erweitern und zu steigern. Man kann nicht ausprobieren, wie es sich anfühlt, ein Kind zu haben, und sich dann dagegen entscheiden. Ein Kind kann man sich nicht aussuchen, ebenso wenig wie sich ein Kind seine Eltern aussuchen kann. Es kann ganz anders sein, als man erwartet hat, es kann andere Eigenschaften haben als erhofft, es kann krank sein, es kann ein schwieriges Kind sein. Das Glück, das die meisten Väter und Mütter über ihre Kinder empfinden, hat daher auch nichts mit dem Erfolg zu tun, über den man sich freut, wenn man eine richtige Entscheidung getroffen hat. Kinder sind auf einmal da, genau so, wie sie eben sind. Und sie verändern unsere Welt, weil sie unsere volle Aufmerksamkeit und unsere rückhaltlose Liebe verlangen. Manchmal, wenn ich unseren Sohn heute anschaue, kann ich immer noch nicht glauben, dass er einfach da ist und wir mit ihm dauerhaft unser Leben teilen.

Über Jahrhunderte hinweg war es selbstverständlich, dass jeder einzelne Lebenslauf in eine lange Kette des Lebens eingebettet ist. Jede Entscheidung und jede Handlung fand unter dem Blick der Vorfahren statt und wurde stets im Hinblick auf die Nachfahren vollzogen. Die heute gängige Vorstellung, dass jeder nur sein eigenes Leben gestaltet und im Innersten nur sich selbst erlebt, wäre nicht nachvollziehbar gewesen. Jemand, der sich vollständig auf sich selbst bezieht, dem alle Bindungen äußerlich sind, galt in der antiken Lebenswelt als ein Idiot. Mit dem Begriff idiṓtēs war kein geistiger Mangel gemeint, sondern die Verachtung für jemanden, der sich allein als Privatmann verstand, obwohl es ihm möglich war, öffentliche Ämter zu bekleiden und seinen Anteil an der Gemeinschaft zu haben. Ein bloßes Individuum zu sein war ein Schicksal, das man nicht freiwillig teilte. Die Annahme, dass Ungebundenheit den Spielraum für die eigene Selbstverwirklichung vergrößert, ist aus dieser Sicht ein Irrtum. Das Individuum, das sich seine Chancen ausrechnet, seine Interessen verfolgt und seine Möglichkeiten ausschöpft, ist eine späte Erfindung. Sein Horizont reicht nur von seinen ersten Erinnerungen an sich selbst bis zu der bedrohlichen Vorstellung, dass es einmal nicht mehr da sein wird. Es kennt weder Verpflichtungen aus der Vergangenheit noch aus der Zukunft. Seine Versuche, mehr zu erleben, enden oft damit, dass es weniger erlebt. Seine Freiheit beruht auf einem Schwund starker Bindungen. Wenn ich unseren Sohn abends in den Armen halte und seinen Schlaf spüre, kann ich die Verbundenheit des Lebens fühlen, die über mein Leben hinausgeht und alle menschlichen Gesetze und politischen Programme überdauert.

In der antiken Lebenswelt gab es ein Ritual, mit dem das Neugeborene in die Familie eingegliedert wurde. Die Hebamme legte den Säugling auf die Erde vor die Füße des ...

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