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Zweisprachigkeit. Kinder fremder Muttersprache. Eine pädagogische Herausforderung.

Eine pädagogische Herausforderung

AutorSaskia Hoffmann
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl159 Seiten
ISBN9783638628150
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Examensarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik, Note: 1,0, Universität Koblenz-Landau, 32 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Unsere heutige Gesellschaft ist von einem sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandel geprägt. Dieser bringt eine ethnische Vielfalt mit, die die Gesellschaft zunehmend heterogener werden lässt. In Deutschland sind bereits mehr als zehn Millionen Menschen zweisprachig. Rund ein Fünftel der Schüler haben Deutsch als Zweitsprache und damit eine nichtdeutsche Muttersprache. Oft treten sie in den Kindergarten oder die Schule ein, ohne vorher mit der deutschen Sprache konfrontiert worden zu sein. Sie lernen die Zweitsprache Deutsch unter erschwerten Bedingungen. Die Schwierigkeiten dieser Schüler im Zweitspracherwerb werden oft zu spät erkannt, wenn die Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen nicht altersgemäß beherrscht werden. Das Thema Zweisprachigkeit wird daher auch in der Sprachbehindertenpädagogik immer aktueller. Oftmals werden die Schwierigkeiten dieser Kinder in ihrer Zweitsprache fälschlicherweise auf eine Sprachbehinderung zurückgeführt. Diese Arbeit bezieht sich vor allem auf die Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund. Der Titel deutet bereits darauf hin, dass Zweisprachigkeit nicht als Belastung, sondern als eine pädagogische Herausforderung gesehen werden muss, die es unter Beachtung beider Sprachen zu meistern gilt. Nur so ist es möglich, diesen Kindern gerecht zu werden. Es gilt, die Lebenswirklichkeit, Stärken und Schwächen zweisprachiger Kinder zu beachten.

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Leseprobe

3 Zweisprachigkeit und Zweitspracherwerb


 

3.1 Definitionen


 

In den folgenden Abschnitten möchte ich einige grundlegende Begriffe, die in dieser Arbeit immer wieder erwähnt werden, erklären.

 

3.1.1 Erstsprache


 

Als Erstsprache wird die Sprache bezeichnet, die sich ein Mensch bei seinem ersten Spracherwerb im Kleinkindalter aneignet. Menschen, die mehrere Sprachen gleichzeitig während ihres ersten Spracherwerbs erlernen, nehmen eine Sonderrolle ein, da sie folglich mehrere Erstsprachen besitzen können (vgl. Montanari, 2000, 17 und Günther/Günther, 2004, 32).

 

3.1.2 Muttersprache


 

Mertens setzt den Begriff Muttersprache synonym für die Erstsprache ein (vgl. Mertens, 1996, 8). Günther/Günther weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass diese Gleichsetzung falsch ist. Sie definieren Muttersprache als eine Sprache, die innerhalb des primären Spracherwerbs erlernt wird und so von frühester Kindheit an gesprochen wird. Weiterhin erklären sie, dass die Muttersprache die Sprache ist, die von der Mutter gesprochen und vom Kind auf natürliche Art gelernt wird. Um den Unterschied zwischen Erst- und Muttersprache zu verdeutlichen, verweisen die Autoren auf Mütter, die ihr Kind in der Zweitsprache erziehen (vgl. Günther/Günther, 2004, 32f.). Wenn eine deutsche Mutter beispielsweise ihr Kind in der Zweitsprache Englisch erzieht, so ist Deutsch die Erstsprache des Kindes, Englisch jedoch die Muttersprache. Auch Kiehlhöfer/Jonekeit stimmen dem mit Blick auf die Zweisprachigkeit zu und definieren Muttersprache als „… die Sprache, die das Kind mit der Mutter spricht …“ (Kiehlhöfer/Jonekeit, 1995, 18). Ist ein Mensch aber einsprachig, so setzen sie, ebenso wie Mertens, die Muttersprache mit der Erstsprache gleich. Die Autoren gehen so weit, dass sie die „Vatersprache“ als „… Sprache …, die das Kind mit dem Vater spricht“ (Kiehlhöfer/Jonekeit, 1995, 18) hinzufügen (vgl. Kiehlhöfer/Jonekeit, 1995, 18). Sowohl Kiehlhöfer/Jonekeit als auch Montanari erwähnen, dass die Muttersprache die Sprache ist, mit der ein Mensch seine Emotionen verbindet und in der er sich wohl fühlt. Kiehlhöfer/Jonekeit weisen daraufhin, dass Zweisprachige demnach zwei Muttersprachen besitzen, da sie ihre Gefühle in beiden Sprachen ausdrücken (vgl. Kiehlhöfer/Jonekeit, 1995, 19 und Montanari, 2000, 17).

 

Im weiteren Verlauf meiner Examensarbeit verwende ich den Begriff „Muttersprache“ im Sinne von Mertens als Synonym für die Erstsprache.

 

3.1.3 Zweisprachigkeit


 

In der Fachliteratur existieren viele, zum Teil sehr unterschiedliche Definitionen zur Zweisprachigkeit, auch Bilingualismus genannt. Mertens zählt diesbezüglich vier Beispiele auf, die ich hier kurz erwähnen möchte. Für Bloomfield (1984) ist ein Mensch zweisprachig, wenn er seine Erstsprache und die Zweit- bzw. Fremdsprache perfekt anwendet. Weinreich (1953) legt keinen Grad des Sprachkönnens fest. Für ihn ist Zweisprachigkeit vorhanden, wenn ein Mensch zwei Sprachen abwechselnd einsetzt. Mackey (1970) legt seinen Schwerpunkt auf den funktionalen Aspekt von Sprache. Für Wiss (1987) stellt Zweisprachigkeit ein Oberbegriff dar, der sich auf mehrere Situationen und Fertigkeiten in mehreren Sprachen bezieht. Für Mertens, die auf Weinreich zurückgreift, und Kiehlhöfer/Jonekeit ist Mehrsprachigkeit „… der abwechselnde Gebrauch mehrerer Sprachen …“ (vgl. Mertens, 1996, 7f. und Kiehlhöfer/Jonekeit, 1995, 11). Kracht ist der gleichen Ansicht wie Mertens und beschreibt Zweisprachigkeit als den Gebrauch und Erwerb mindestens zweier Sprachen (vgl. Kracht, 2000, 15). Günther/Günther sehen jede Sprache, die nach der Erstsprache erworben wurde, als Zweitsprache an. Darunter fallen ihrer Meinung nach auch die Sprachen, die als so genannte „Alternativsprachen“ nur dem Überleben in einer neuen Kultur und Gesellschaft dienen. Hierunter fallen beispielsweise Migranten, die in ein fremdsprachiges Land geflüchtet sind. Der Zweitsprache kommt in der Gesellschaft vor allem die Aufgabe der „… kommunikativen Bewältigung von Alltagssituationen“ (Günther/Günther, 2004, 33) zu. Günther/Günther machen zudem darauf aufmerksam, dass Kinder auch dann zweisprachig sind, wenn sie einen Dialekt als weitere Sprache beherrschen (vgl. Günther/Günther, 2004, 33). Grosjean lässt ebenso wie Weinreich den Grad der Sprachbeherrschung außer Acht und befindet alle die Menschen für zweisprachig, die in ihrem Alltag zwei oder mehr Sprachen anwenden. Darunter zählt er ebenso wie Günther/Günther auch Dialekte. Wie gut und in welchen Bereichen, z.B. dem der Schrift, ein Mensch die Sprachen beherrscht, spielt für ihn keine Rolle. Er betont, dass ein perfekter Sprachgebrauch beider Sprachen sehr selten auftritt. Menschen, die in einer Sprache sprechen, lesen und schreiben und in der anderen lediglich sprechen können, sind für ihn ebenso zweisprachig wie diejenigen, die nur in der einen Sprache mündliche Kompetenzen und in der anderen nur schriftliche Kompetenzen aufweisen (vgl. Grosjean, 1996, 162).

 

3.1.4 Mehrsprachigkeit


 

Auch bei der Begriffsbestimmung der Mehrsprachigkeit, gibt es viele unterschiedliche Definitionen. Montanari verdeutlicht dies anhand zweier Beispiele, die sich stark voneinander abgrenzen. MacNamara (1969) sieht einen Menschen als mehrsprachig an, wenn er sich in mehr als einer Sprache sinnvoll äußern kann, folglich wäre eine große Zahl der Menschen mehrsprachig. Blocher (1982) hingegen nennt eine Person mehrsprachig, wenn sie mehrere Sprachen so gut wie die Muttersprache beherrscht. Nach dieser Definition gäbe es nur wenige Mehrsprachige. Montanari schreibt der Sprachbeherrschung nur eine geringe Rolle zu, wichtiger ist ihrer Meinung nach die Frage nach der Person an sich, z.B. ob sie sich in ihrem Alltag zurechtfindet oder ob sie sich in der zweiten Sprache wohl fühlt. Als einzige Bedingung stellt sie auf, dass das Kind in der Lage sein soll, sich sprachlich altersgemäß auszudrücken (vgl. Montanari, 2000, 17). Mertens sieht jeden Menschen als mehrsprachig an, der mehrere Sprachen abwechselnd gebraucht (vgl. Mertens, 1996, 8). Für Günther/Günther besteht Mehrsprachigkeit dann, wenn ein Mensch jeden Tag zwei bzw. mehrere Sprachen zur Kommunikation einsetzt, wobei der Wechsel zwischen den Sprachen problemlos verlaufen soll (vgl. Günther/Günther, 2004, 35).

 

3.2 Gruppen von Menschen mit fremder Muttersprache


 

Der sprachliche und kulturelle Wandel, den unsere Gesellschaft vor allem durch die grenzüberschreitende Migration nach dem zweiten Weltkrieg vollzogen hat, ist durch drei zentrale Hauptgruppen gekennzeichnet (vgl. Schader, 2004, 16f.). Bevor ich jedoch auf diese Gruppen näher eingehe, möchte ich einige Zahlen zur Bevölkerungssituation in Deutschland nennen. Gemessen an der Staatsangehörigkeit, erfasste Deutschland Ende 2001, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, 8,9 Prozent Ausländer. Die höchsten Werte erreichte Baden-Württemberg mit 12,2 Prozent. Rheinland-Pfalz stand mit 7,6 Prozent Ausländern an elfter Stelle. Diejenigen Menschen mit Migrationshintergrund, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, dies betrifft hauptsächlich Aussiedler, wurden hierbei nicht beachtet (vgl. Gogolin/Neumann/Roth, 2003, 22f.).

 

3.2.1 Aussiedler


 

Etwa ein Drittel der Zuwanderer, die nach Deutschland kommen, sind Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen (vgl. Gogolin/Neumann/Roth, 2003, 22). Kracht bezeichnet sie als so genannte „Neubürger“ (Kracht, 2000, 63) mit deutschem Pass, denen alle staatsbürgerlichen Rechte zustehen. Hierzu werden auch die Migranten gezählt, die durch die Heirat mit einem bzw. einer Deutschen zum Zwecke der Familiengründung einwandern (vgl. Reich/Roth, 2002, 9). Ein Problem sieht Kracht in der Bewältigung des Lebens in Deutschland. Aussiedler sind zwar Deutsche, sie fühlen sich in unserem Land jedoch häufig fremd, da sie ihre Lebenserfahrungen im Falle einer Spätaussiedlung nicht in Deutschland sammeln konnten (vgl. Kracht, 2000, 63). In Kapitel fünf beschreibe ich meine Arbeit mit einem Mädchen, das im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern von Russland nach Deutschland übersiedelte und dieser Migrationsgruppe der Aussiedler zuzuordnen ist.

 

3.2.2 Gastarbeiter


 

Als nächste Gruppe sind die Gastarbeiter zu nennen. Der Ursprung dieser Zuwanderungsgruppe liegt in dem deutsch-italienischen Anwerbevertrag von 1955, der den zu dieser Zeit zusätzlichen Bedarf an Arbeitskräften decken sollte. Im Zuge der Einwanderung durch Gastarbeiter bildeten sich neue Minderheiten heraus. Kracht weist auf die Probleme der Gastarbeiter hinsichtlich des Erlangens deutscher Staatsbürgerrechte hin, da diese einerseits von der Herkunft und andererseits von dem Geburtsort abhängig sind. Daher kann eine längerfristige Lebensplanung in Deutschland kaum stattfinden (vgl. Kracht, 2000, 63ff.).

 

3.2.3 Asylbewerber


 

Eine weitere Migrationsgruppe stellen Flüchtlinge dar, die ihren Rechtsanspruch auf Asyl, der in der Asylrechtsformulierung von 1948/49 festgelegt wurde, geltend machen wollen. Kracht geht davon aus, dass in den letzten Jahrzehnten etwa die Hälfte der nach Westeuropa geflüchteten Asylbewerber nach Deutschland kamen. 1993 wurde das Asylrecht abgeändert und zum Asylkompromiss umbenannt. Auf dieser neu...

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