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Zweite Heimat

Westdeutsche im Osten

AutorMarkus Decker
VerlagCh. Links Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783862842940
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis4,99 EUR
Knapp zweieinhalb Millionen Frauen und Männer sind seit der Wiedervereinigung in den 'wilden Osten' gegangen: aus beruflichen Gründen, der Liebe wegen oder aus purer Abenteuerlust. So wie Rainald Grebe, Kabarettist aus dem Rheinland, dem der Westen zu spießig war, wie Gertraud Huber aus Niederbayern, die in der Uckermark den beliebten 'Huberhof' betreibt, oder wie Dirk Grotkopp, der als Landarzt in Mecklenburg gebraucht wird. Der Weg in die zweite Heimat ist lang, mitunter steinig und voller Überraschungen. Von der Faszination des Fremden, dem Anderssein und der Sehnsucht anzukommen, davon handeln diese lebensprallen, einfühlsam erzählten Porträts. Sie bieten einen neuen Blick auf die gesamtdeutsche Geschichte - 25 Jahre nach dem Mauerfall.

Markus Decker: Jahrgang 1964, Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Romanistik in Münster und Marburg, ab 1994 Redakteur in Lutherstadt Wittenberg und Halle, seit 2001 Berliner Parlamentskorrespondent für die Mitteldeutsche Zeitung und den Kölner Stadtanzeiger, seit 2012 auch für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau. 2006 erhielt Markus Decker den Journalistenpreis Münsterland für einen autobiografischen Text über seine Heimatstadt. Er lebt in Berlin.

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Leseprobe

Agenten einer schwierigen Einheit


Ein Einleitungsessay


Er ist der Vater aller Sätze der deutschen Einheit und hat ihr vielleicht gerade deshalb am meisten geschadet – Willy Brandts berühmtes Diktum: »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.« Nicht, dass es der vormalige Kanzler und langjährige SPD-Vorsitzende nicht gut gemeint hätte mit dem Satz, den er am 10. November 1989 auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg gesagt haben soll, den er in Wahrheit aber erst später in das Redemanuskript einfügte.1 Der Satz war in seinem Pathos der Stunde angemessen. Doch er war falsch. Ja, mehr noch: Er wurde zur sich selbst eben nicht erfüllenden Prophezeiung, sondern provozierte ihr Gegenteil. Waren sich die Deutschen in den ersten Monaten nach dem Fall der Mauer noch recht nahe, so wuchs die Entfremdung nach dem formellen Vollzug der Einheit am 3. Oktober 1990 rapide. Die Entfremdung war Ergebnis der Begegnung. Die Nähe war gefährlich geworden. Man sieht dies nicht zuletzt an jenen Menschen, die seit dem 9. November 1989 von West nach Ost übersiedelten, zunächst vereinzelt, dann immer zahlreicher. Sie werden neutral Westdeutsche genannt, kursieren in der wissenschaftlichen Literatur vereinzelt als »West-Ostler« und mutierten bald zu den böse beleumundeten »Wessis« mit der Steigerungsform »Besserwessis«. Ganz selten werden die Westdeutschen im Osten als das benannt, was sie tatsächlich sind: Migranten aus einem anderen Land – mit einer in Teilen anderen Geschichte, anderen Sprache und Kultur, anderen Religiosität, anderen Anbindung an die westliche Lebensart und einer anderen kollektiven Erinnerung an die Zeit nach 1945. Diese Migranten sind Agenten einer schwierigen Einheit.

Westdeutsche im Osten hat es entgegen der herrschenden kollektiven Erinnerung auch schon vor 1989 gegeben. Die Historikerin Andrea Schmelz beziffert sie auf mehr als eine halbe Million allein in den 50er und 60er Jahren.2 Es waren zu zwei Dritteln heimkehrende Ostdeutsche, vom SED-Regime als »Republikflüchtlinge« gescholten, und zu einem Drittel »echte« Westdeutsche. Manche kamen aus politischen Gründen, nicht zuletzt nach dem KPD-Verbot 1956, andere aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen wie der vor allem in den 50er Jahren noch hohen Arbeitslosigkeit. Und es waren keineswegs nur Nobodys, die es in die DDR zog, sondern auch Angehörige der intellektuellen Elite. Der Bekannteste unter ihnen war der Liedermacher Wolf Biermann, der 1953 mit 17 Jahren und voller Überzeugung aus Hamburg nach Ost-Berlin ging und 1976 von der Obrigkeit in den Westen ausgesperrt wurde. Ähnlich verhielt es sich mit Lothar Bisky, der als 18-Jähriger aus Schleswig-Holstein rüberkam, um in der DDR das Abitur zu machen, und der die Linkspartei Jahrzehnte später mit einem Ost- und einem Westkopf führen konnte. Ein anderer interessanter Fall ist Horst Kasner, verstorbener Vater der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der evangelische Pfarrer übersiedelte 1954, also ein Jahr später als Wolf Biermann, ebenfalls aus der Hansestadt Hamburg in den real existierenden Sozialismus. Dort herrschte Mangel an Geistlichen. Überdies wird Kasner nachgesagt, Sympathie für die DDR gehabt zu haben: Man schimpfte ihn den »roten Kasner«. Auch Karl-Eduard von Schnitzler wäre zu nennen, der so verhasste TV-Propagandist vom »Schwarzen Kanal«, einer politischen Propagandasendung des DDR-Fernsehens. Kaum zu glauben angesichts seiner Hasstiraden, aber wahr: Schnitzler war »Wessi«. Er wurde nach dem Krieg beim neu entstandenen Nordwestdeutschen Rundfunk beschäftigt, »ließ in seine Kommentare indes fortgesetzt kommunistische Propaganda einfließen«3, wie der britische Chefkontrolleur Hugh Carleton Greene monierte. Schnitzler musste gehen und heuerte 1948 beim Berliner Rundfunk an. Last, but not least: Inge Viett. Die damalige Terroristin der Roten Armee Fraktion entwand sich der Strafverfolgung in Deutschland West, indem sie 1982 in Deutschland Ost untertauchte – mit Hilfe der Staatssicherheit. Das flog erst nach der Wende auf. Und schließlich gab es da die desertierenden Nato-Soldaten, die es ebenfalls in die DDR lockte.4

Der DDR waren die überwiegend jungen Übersiedler selbstredend genehm, weil sie den Aderlass in die Gegenrichtung kompensieren halfen, vor allem aber aus ideologischen Motiven. DDR-Zeitungen schrieben mit Blick auf die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland: »Jetzt stimmen die westdeutschen Jugendlichen mit den Füßen ab.« Gemeint ist: Sie fliehen vor dem Westmilitär in den Osten. In einem Aufnahmeheim in Röntgenthal bei Berlin fand sich noch im Januar 1990 ein 33-jähriger Dachdecker aus Köln ein und tat kund, er suche in der DDR »’ne Perspektive im menschlichen Bereich«. Ihm gehe der bundesrepublikanische »Scheißladen auf die Nerven«5. Der verzweifelte Handwerker ist einer von 300 Gleichgesinnten, die, wie der Soziologe Rudolf Stumberger später herausfand, noch in dem Augenblick Sehnsucht nach der DDR haben, als sie sich aufzulösen beginnt.

Das alles kann wiederum nicht darüber hinwegtäuschen, dass die West-Ost-Migranten bereits vor dem Verschwinden der DDR Integrationsschwierigkeiten hatten. Den Rückkehrern haftete der Makel an, auf der anderen Seite der Mauer nicht zurechtgekommen zu sein. Die »echten« Westdeutschen wurden mit Kopfschütteln betrachtet, weil man sich fragte, warum sie nicht blieben, wo sie waren. Schließlich war der Westen doch golden. Oder nicht? Dieses Unverständnis gilt wohl auch retrospektiv: Dass Angela Merkel für die Übersiedlung ihrer Familie von West nach Ost lobende Worte gefunden hätte, ist nicht überliefert.

Neben den Übersiedlern waren da die vielen Westdeutschen, die im Osten so gut es ging ihre Verwandten besuchten, und jene Schülergruppen, die für ein paar Tage den zweiten deutschen Staat in Augenschein nahmen. Im Oktober 1990 hatten 52 Prozent der westdeutschen Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren die DDR beziehungsweise Ost-Berlin bereist, knapp ein Viertel davon allerdings maximal zwei Tage.6 Die meisten Schüler beurteilten das, was sie vor 1989 in der DDR sahen, milde. Sie begegneten Land und Leuten mit Empathie sowie in der falschen Gewissheit, dass sie mit beidem nichts weiter zu tun haben würden. Hinterher wurde der Blick, wie Forscher herausfanden, gnadenloser. Urteile wurden nachträglich revidiert.7 Plötzlich erschienen die Ostdeutschen »fast wie kleine Kinder«8. Man schämte sich vorangegangener Urteile und urteilte nun umso härter. Zugleich wurden vermeintliche oder tatsächliche Interessengegensätze zwischen Ost und West ab 1990 zu einer der »wesentlichen Empathiebremsen im westostdeutschen Verhältnis«9. Aufrichtiger mutet da von Anfang an die Legende um Altbundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) an, der, wenn er die Elbe mit der Eisenbahn in östlicher Richtung überquerte, stets die Vorhänge zugezogen haben soll.

Mit der deutsch-deutschen Einfühlungsbereitschaft war es also spätestens vorüber, als die Einheit erreicht war. Dies gilt auch für den Blick der Ostdeutschen auf die in ihrem Land nun zahlreicher anzutreffenden Westdeutschen. 2 324 569 Frauen und Männer übersiedelten zwischen 1989 und 2011 von West nach Ost10 (bei 4 184 903 in die Gegenrichtung). Gerade am Anfang war der Anteil der Rückkehrer sehr hoch. Die »echten« Westmigranten siedelten in Ost-Berlin und dem Berliner Umland. Sie ließen sich in Thüringen und anderen eher grenznahen Gebieten nieder. Sie zogen überwiegend in die neu entstehenden Landeshauptstädte und in andere Verwaltungszentren. Die wenigsten gingen aufs Land oder an die Grenze zu Polen oder Tschechien. Es kamen weitaus mehr Männer als Frauen und vor allem die mittleren Altersgruppen. Lediglich 13 Prozent waren über 50. Kurzum: Es kamen hauptsächlich Eliten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Medien – Menschen, die im neuen Deutschland Ost gute Jobs fanden und sich besonders gern dort niederließen, wo es ihnen nicht ganz so fremd erschien, in Weimar oder in Dresden zum Beispiel. Bei vielen von ihnen ist bis heute ein Fremdheitsgefühl geblieben – ein Fremdheitsgefühl, das auch der Tatsache geschuldet ist, dass ausweislich einer Umfrage von 2012 noch immer über 40 Prozent der Ostdeutschen die Westdeutschen für arrogant, geldgierig und oberflächlich halten.11 Die Frage ist: Woher kommt das?

Die Antwort liegt auf der Hand. Die anhaltende Distanz hat außer einer unterschiedlichen Herkunft und ihren Konsequenzen wesentlich mit den Machtverhältnissen zwischen Ost- und Westdeutschland im Ganzen sowie Ost- und Westdeutschen im Einzelnen zu tun. Die Beziehungskiste war und ist asymmetrisch, und zwar in jeder Hinsicht. Nicht umsonst aber gelten Beziehungen im Privatleben dann am aussichtsreichsten, wenn sich die Partner ähnlich und gleich stark sind. Davon kann bei der deutsch-deutschen Paarung keine Rede sein.

Die Westdeutschen waren den Ostdeutschen zahlenmäßig überlegen. Knapp 64 Millionen Altbundesrepublikaner trafen auf rund 16 Millionen neue. Das mag eine banale Feststellung sein. Dennoch wirkt sie sich aus, auch mental. Schon die nackten Zahlen mussten in Ostelbien das Gefühl einer Übermacht auf der anderen Seite erzeugen.

Das ökonomische Gefälle war gigantisch und kam in der ersten Hälfte der 90er Jahre voll zum Tragen, als es darum ging, die DDR-Wirtschaft zu privatisieren. Bis Mitte 1994 fielen 80 Prozent des von der Treuhandanstalt verwalteten Produktivvermögens an Westdeutsche und nur sechs Prozent...

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