{"id":1400,"date":"2011-08-08T10:02:55","date_gmt":"2011-08-08T09:02:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/?p=1400"},"modified":"2024-05-17T09:51:04","modified_gmt":"2024-05-17T08:51:04","slug":"fussball-vom-allgemeingut-zur-privatisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/fussball-vom-allgemeingut-zur-privatisierung-101400\/","title":{"rendered":"Fussball: Vom Allgemeingut zur Privatisierung"},"content":{"rendered":"<table style=\"float: left; width: 100px;\" width=\"100\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"1\"> <tbody> <tr> <td align=\"center\" bgcolor=\"#ffffff\"><\/td> <\/tr> <\/tbody> <\/table> <p>Heute werden Fu\u00dfballfans in erster Linie als Kunden wahrgenommen und genau in diesem Sinne behandelt. Die Eintrittskarten wurden \u00fcber die letzten Jahre \u00fcberall erheblich teurer, obwohl der Obolus an der Stadionkasse einnahmetechnisch l\u00e4ngst nicht mehr so entscheidend ist wie noch vor Jahren. Mittlerweile zahlt man nicht selten f\u00fcr die miesesten Pl\u00e4tze im Stadion so viel, wie man fr\u00fcher f\u00fcr einen un\u00fcberdachten Sitzplatz bezahlt h\u00e4tte. Tendenz steigend! <!--more-->\u00dcberhaupt scheint sich das Publikum in den Stadien zunehmend zu wandeln. Statt begeisterter Anh\u00e4nger, die ihren Verein m\u00f6glichst regelm\u00e4\u00dfig vor Ort anfeuern und unterst\u00fctzen wollen, werden nun zunehmend der etwas besser betuchte Dauerkarteninhaber sowie der Gelegenheitszuschauer als Zielgruppe angepeilt.<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Ein besonders abschreckendes Beispiel daf\u00fcr, wo diese Entwicklung hinf\u00fchrt, liefert die englische Premier League. Die billigste Dauerkarte f\u00fcr Arsenal London (19 Spiele) wurde f\u00fcr kommende Saison (2011\/2012) mit 951 Pfund veranschlagt. Mehr als 1000,- Euro! Viele Fans des Vereins gingen aus Protest auf die Stra\u00dfe.<\/p> <p>Selbst die billigsten Karten kosten in der Premier League oft um die 30,- Pfund. So wird der regelm\u00e4\u00dfige Stadionbesuch zum teuren Spa\u00df, den sich viele (vor allem j\u00fcngere) Fu\u00dfballfans nicht mehr leisten k\u00f6nnen und wollen. In England ist die Konsequenz jene, dass es in den Stadien sehr viel leiser zugeht. Die Fans sind dort heute im Schnitt \u00e4lter, als dies noch vor Jahren der Fall war. Zudem wenden sich die traditionellen Fans zunehmend ab und bleiben den Stadien fern. Es darf kein Bier mehr in den Arenen ausgeschenkt werden und es gibt nur noch Sitzpl\u00e4tze. Stehpl\u00e4tze sucht man in der \u201cst\u00e4rksten Liga der Welt\u201c vergebens. Und dennoch werden immer wieder Besucherrekorde (sowie auch hier in Deutschland) aufgestellt. Dieser Widerspruch ist aber einfach zu erkl\u00e4ren. Denn das Publikum in den Arenen wandelt sich zunehmend. Heute sind lautstarke Fans vor allem atmosph\u00e4risch erw\u00fcnscht, um das Drumherum der Fu\u00dfballinszenierung aufrechtzuerhalten. Aber wenn es ums Geld geht, dann tun es auch einfache Zuschauer. Fan-Ges\u00e4nge zieren den Fu\u00dfball zwar, bringen aber nicht zwingend mehr Geld.<\/p> <p>Oft wird die englische Premier League als Sahneh\u00e4ubchen und Vorbild dessen angepriesen, wie sich eine nationale Liga zu orientieren hat. Aus Sicht des eigentlichen Fu\u00dfballfans ist das aber ganz und gar nicht so. Mark Perryman, stolzer Fan der Tottenham Hotspurs, sagte dazu im Tagesspiegel unter anderem Folgendes:<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p><em>\u201e&#8230;&#8230;&#8230;komplett bestuhlte Stadien haben eine Fankultur, die auf Leidenschaft fu\u00dfte, in eine Zuschauerkultur mit Dienstleistungscharakter verwandelt. Die Ver\u00e4nderung erweist sich als unumkehrbar&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;<\/em> <em>Unsere Liga ist teuer, wir k\u00f6nnen nicht stehen und sie ist langweilig <\/em><strong>(Anmerkung des Autors: Was Herr Perryman an der st\u00e4rksten Liga der Welt so langweilig findet, darauf werde ich sp\u00e4ter eingehen.)<\/strong><em>. Und um die Dinge noch viel schlimmer zu machen: Wir k\u00f6nnen im Stadion kein Bier trinken. Sie hingegen bekommen famoses deutsches Bier vom Fass. Bei Ihnen behandelt man Fans wie Erwachsene und kriminalisiert nicht die Mehrheit f\u00fcr das asoziale Verhalten einer Minderheit&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.<\/em> <em>Nat\u00fcrlich gehen wir noch hin, geben Geld aus und singen, wenn wir gewinnen. Aber in nur einer Generation wird die Leidenschaft der Engl\u00e4nder f\u00fcr das Spiel erloschen sein&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.\u201c.<\/em><\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Auch Kevin Miles, Fan von Newcastle United und Koordinator bei der englischen Football Supporters Federation (einer Organisation englischer Fu\u00dfballfans), \u00e4u\u00dferte im Gespr\u00e4ch mit bundesliga.de sein Bedauern dar\u00fcber, in welche Richtung sich die Premier League entwickelt hat:<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p><em>\u201e&#8230;&#8230;es sind wesentlich weniger Jugendliche in den Stadien als in Deutschland. 1995 lag der Altersdurchschnitt der Dauerkartenbesitzer bei Newcastle United bei 35 Jahren. 2005 lag der Durchschnitt bei 45 Jahren! Die Premier League wurde 1992 gegr\u00fcndet und bis heute sind die Eintrittspreise um 600 Prozent gestiegen. Obwohl die Liga das meiste Geld hat. Das k\u00f6nnen sich eben immer weniger Jugendliche leisten, sodass die Fanszene in den Stadien immer \u00e4lter geworden ist&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;Dazu kommt, dass in England Stehpl\u00e4tze verboten sind. Die Sitzpl\u00e4tze sind meist reserviert, deshalb sitzen Freunde \u00fcberall zerstreut und k\u00f6nnen nicht wie bei Stehpl\u00e4tzen zusammen bleiben und Stimmung machen. Die Stimmung ist eigentlich \u00fcberall schlechter geworden, selbst in Liverpool&#8230;&#8230;..In Deutschland gibt es noch ein richtiges Spiel- und Gemeinschaftserlebnis. Hier fahren hunderte Jugendliche ohne Eltern zum Stadion, sie stehen in den Kurven zusammen und schaffen Stimmung. Sie haben noch das Gef\u00fchl, der Verein geh\u00f6rt uns. Das ist in England nicht mehr der Fall, dort ist viel vom fr\u00fcheren Charakter des Spiels verloren gegangen&#8230;&#8230;\u201c<\/em><\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Doch allem Lob von Herrn Perrymann und Herrn Miles zum Trotz findet auch hier in Deutschland eine zunehmende \u201cVersitzplatzung\u201c statt, wie sie in der englischen Premier League schon l\u00e4ngst Norm ist. Gro\u00dfe Turniere, wie EM und WM, d\u00fcrfen sogar Auflagen gem\u00e4\u00df nur noch in reinen Sitzplatzarenen durchgef\u00fchrt werden. Entsprechend wurden und werden viele Stadien umgebaut. In Leverkusen gibt es beispielsweise \u00fcberhaupt keine Stehpl\u00e4tze mehr. Der traditionelle Fu\u00dfballfan war jedoch immer ein Anh\u00e4nger des Stehblocks. Dort bl\u00fcht die Fankultur am ehesten auf. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind naheliegend. In reinen Stehbl\u00f6cken gibt es keine feste Sitzordnung. Man kann gemeinsam mit Freunden Stimmung machen und sich weitgehend frei bewegen, was auch den Kontakt zu anderen Fans des Vereins und das Kn\u00fcpfen neuer Bekanntschaften erm\u00f6glicht. Nicht zuletzt ist es f\u00fcr viele Fans auch eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, ihren Verein stehend anzufeuern und nicht wie ein Kinozuschauer auf das Treiben auf dem Platz zu blicken. Die Stehbl\u00f6cke sind ein ganz integraler Bestandteil einer Fankultur, die mit der Bundesliga gewachsen ist. Und wenn man ehrlich ist und bedenkt, dass die Stadioneinnahmen noch bis in die Achtziger hinein DAS finanzielle Standbein der Bundesligisten waren, dann kann man verstehen, warum sich die traditionellen Fans, die diese Massenwirkung am meisten mitgetragen haben, nun hintergangen f\u00fchlen, wenn ihre Stehbl\u00f6cke dahinschwinden. Denn dem eigentlichen Fan, der seinen Verein und somit das Produkt Bundesliga am meisten unterst\u00fctzen m\u00f6chte (zumindest was den Fu\u00dfball anbelangt), wird es schwer gemacht, wo es nur geht. Er muss mehr bezahlen als je zuvor und die Fankultur (und somit das Spielerlebnis aus Sicht des Fans) wird durch die schwindenden Stehbl\u00f6cke ebenfalls kaputt gemacht.<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Das Problem bei den Sitzpl\u00e4tzen besteht darin, dass es gr\u00f6\u00dferen Gruppen von Fans, die gemeinsam angereist sind, nahezu unm\u00f6glich gemacht wird, auch wenigstens Sitzpl\u00e4tze nebeneinander zu erhalten. Und die M\u00f6glichkeit sich einigerma\u00dfen frei auf der Trib\u00fcne zu bewegen, ist leider auch nicht gegeben. Stattdessen m\u00fcssen alle Sitznachbarn der Reihe nach aufstehen, wenn ein Zuschauer mal zwischendurch auf die Toilette muss. Umso absurder ist es in diesem Zusammenhang, dass die Versitzplatzung in den Stadien von den verantwortlichen Funktion\u00e4ren mit diffuser Sicherheitsrhetorik gerechtfertigt wird. Denn wie bitte soll man einen Block voller Sitzpl\u00e4tze, der jeweils wenig Fu\u00dfraum bietet und mit den Sitzschalen potenzielle Stolperfallen und Hindernisse aufweist, effektiver R\u00e4umen k\u00f6nnen als einen Stehblock, in dem man sich sehr viel freier bewegen kann? Das ist aber scheinbar nicht so wichtig, denn darum geht es im Grunde genommen auch gar nicht. F\u00fcr einen Sitzplatz kann man n\u00e4mlich mehr Geld verlangen als f\u00fcr einen Stehplatz. Irgendwie muss man die steigenden Eintrittskosten ja auch \u201cberechtigen\u201c. Und wenn daran die (ohnehin nur) atmosph\u00e4risch erw\u00fcnschte Fankultur erkrankt, dann ist das eben leider so&#8230;.<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Doch nicht nur die Versitzplatzung und die steigenden Eintrittspreise werfen dem eingefleischten Fan Steine vor die F\u00fc\u00dfe. Auch die Terminierung der Bundesligaspiele ist f\u00fcr Fans, insbesondere wenn sie ausw\u00e4rts gerne mitfahren wollen, ein \u00c4rgernis. Dies wurde offenbar, als die DFL die Spielzeiten f\u00fcr die Bundesliga Saison 2009\/2010 vorstellte, die auch bis heute (noch \u2026.) Bestand haben. Diese sind scheinbar vor allem dem Fernsehen und nicht etwa dem Fan zuliebe eingerichtet worden. So werden die Spielansetzungen auch ab kommender Saison 2011\/2012 f\u00fcr die erste und die zweite Bundesliga auf jeweils vier bis f\u00fcnf verschiedene Termine zerfleddert \u2013 teils zu abenteuerlichen Zeiten.<\/p> <p>In der ersten Bundesliga liegt der Schwerpunkt nach wie vor auf dem Samstag. Dort bleibt der Kernspieltag um 15.30 erhalten. Allerdings nur mit f\u00fcnf Partien. Daf\u00fcr kommt nun noch ein \u201cTop Spiel\u201c am Abend dazu. Dieses findet dann um 18.30 statt. Der Freitagabend wartet wie gehabt mit einer Partie um 20.30 Uhr auf. Am Sonntag werden die verbleibenden zwei Partien des Spieltags auf zwei verschiedene Spielzeiten gestreut, n\u00e4mlich 15:30 Uhr und 17:30 Uhr. Bisweilen werden die Spielpl\u00e4ne an die Abstellungsperioden der FIFA angepasst (sprich: wenn Nationalspieler unter der Woche f\u00fcr ihre Nationalmannschaften t\u00e4tig waren). Dann wird die Partie vom Freitagabend auf den 15.30 Uhr Termin am Samstag verlegt. Dies ist maximal sechsmal pro Saison m\u00f6glich. Wem das nicht kompliziert genug ist, der kann noch eine weitere Ausnahmeregelung in Betracht ziehen. Es kann n\u00e4mlich bis zu f\u00fcnfmal pro Saison vorkommen, dass der Samstagabend-Termin (das so genannte \u201cTOP Spiel\u201c um 18.30) auf den Sonntagstermin um 15.30 Uhr verlegt wird. Und zwar ist dies nach europ\u00e4ischen Club Wettbewerben m\u00f6glich. Der Regelspieltag sieht jedoch f\u00fcnf verschiedene Ansto\u00dfzeiten, verteilt \u00fcber drei Tage, f\u00fcr die erste Bundesliga vor. Wer den also ganzen Spieltag verfolgen will, der wird seine Freizeitgestaltung \u2013 dank dieser abenteuerlichen Terminierung \u2013 in einem zeitlich genau abgesteckten Rahmen absolvieren m\u00fcssen.<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Doch auch in der zweiten Bundesliga ist der Spieltag seit der Saison 2009\/2010 im Schrotschuss Prinzip gestaltet. Drei Spiele werden am Freitag um 18.00 Uhr gezeigt. Ausnahmen best\u00e4tigen auch diese Regel, doch dazu gleich mehr. Auch am Samstag ist zweite Bundesliga angesagt \u2013 und zwar mit zwei Spielen um 13.00 Uhr. Und ebenso am Tage des Herren hat die zweite Bundesliga Bestand. Allerdings dann schon ab 13.30 Uhr mit drei Begegnungen. Pastoren und Familien werden daf\u00fcr sicherlich Verst\u00e4ndnis haben. Am Montagabend gibt es noch eine Begegnung um 20.15 Uhr im DSF. Kurios wird es jedoch, wenn in der ersten Bundesliga das Spiel am Freitagabend durch die Abstellungsperioden der FIFA auf den ersten Samstagtermin verschoben wird. Dann wird eines der drei Zweitliga Spiele am Freitag n\u00e4mlich auf den nun frei werdenden Freitagabendtermin um 20.30 Uhr verschoben. Dann gibt es am Freitag die drei Zweitligabegegnungen, auf zwei Ansto\u00dfzeiten verteilt, zu sehen. Das hei\u00dft, dass der Regelspieltag der zweiten Bundesliga \u201cnur\u201c vier Termine umfasst. Wenn die Ausnahmeregelung (bezogen auf die Abstellungsperioden der FIFA) greift, dann werden sogar f\u00fcnf Termine daraus.<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Lieber Leser! Falls Sie an dieser Stelle (irgendwo zwischen Liga eins und zwei oder zwischen Samstag und Sonntag) den Faden verloren haben \u2013 es liegt nicht an Ihnen &#8230; Die Zeiten, in denen ein Spieltag tats\u00e4chlich noch EIN Spieltag war und nicht mehr als jeweils zwei Stunden an einem Wochenendtag in Anspruch nahm, sind bekannterma\u00dfen schon l\u00e4ngst vorbei. Stattdessen wird das Ganze zunehmend \u00fcber das ganze Wochenende und dar\u00fcber hinaus zerbr\u00f6selt. Wer den gesamten Spieltag verfolgen will, der muss sehr viel Zeit vor dem Fernseher verbringen. Und genau das ist ja auch der Plan! Diese Umstandskr\u00e4merei bedient n\u00e4mlich nur das Fernsehen und sonst niemanden. Denn in der Tat sind sowohl die Spielansetzungen von Liga eins und zwei solcherart beschaffen, dass man von Freitag 18.00 bis Sonntag um 17.30 die volle Dr\u00f6hnung Bundesliga bekommt. Praktischerweise sind die Termine n\u00e4mlich so gelegt, dass sich die Spielansetzungen von erster und zweiter Bundesliga nie in die Quere kommen. Man kann alle acht Spielansetzungen von Freitag bis Sonntag (8 mal 90 Minuten = 720 Minuten = 12 Stunden Fu\u00dfball pur!) in voller L\u00e4nge verfolgen \u2013 vorausgesetzt man besitzt den entsprechenden Receiver von Herrn Kirch und macht sich nichts daraus, das Wochenende (insbesondere den Samstag und den Sonntag) auf dem Altar der Bundesliga zu opfern. Bei acht Halbzeiten (8 mal 15 Minuten = 2 Stunden) hat man ja auch gute zwei Stunden Zeit, mal zwischendrin noch die eine oder andere Kleinigkeit (Familie etc.) zu erledigen. Und f\u00fcr Leute, die weder sehr viel Zeit am Wochenende haben, noch einen Receiver des Herrn Kirch ihr Eigen nennen, bleibt ja noch der Montagabend mit einer Zweitligapartie im DSF als Trostpflaster (Ol\u00e9!!!).<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Das Kalk\u00fcl hinter dieser aberwitzig breit gef\u00e4cherten Terminierung ist simpel: Es geht um Quote. Man will die Leute m\u00f6glichst lang und oft vor dem Fernseher fesseln, denn das w\u00fcrde wieder mehr Einnahmen erm\u00f6glichen. Eingedenk der Tatsache, dass Herr Kirch (der mittlerweile nicht mehr unter uns weilt) seine Receiver nicht ganz in dem Umfang los geworden ist, wie er sich das wohl ausgerechnet hatte, stellt diese Verw\u00e4sserung des Spieltages einen durchschaubaren Versuch dar, den Receiver f\u00fcr Privathaushalte attraktiver zu machen. Denn bislang konnten viele Fu\u00dfballfans in die n\u00e4chstgelegene Gastst\u00e4tte ausweichen und dort unter Gleichgesinnten und mit einem Bier in der Hand Kirch TV schnorren. Doch nun werden es selbst f\u00fcrsorgliche Familienv\u00e4ter schwer haben, ein drei bis f\u00fcnffaches Vorbeischauen am Wochenende in der n\u00e4chste Kneipe gegen\u00fcber der Familie zu rechtfertigen. Da muss der Berg dann schon zum Propheten kommen und es bedarf eines Receivers in Privathand. Die n\u00f6tige Zeit, um den obskur terminierten Bundesligazirkus zu verfolgen, darf und muss man dann jedoch selbst bereitstellen&#8230;.<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Die gegenw\u00e4rtigen Terminansetzungen lumpen \u00fcberdies nicht nur den gemeinen TV-Zuschauer. Auch die Fans, die insbesondere in der zweiten Liga ausw\u00e4rts mitfahren wollen, werden sich \u00fcber die Samstags- und Sonntagstermine (13.00 Uhr und 13.30 Uhr) freuen. Wenn es quer durch Deutschland geht, dann wird man am Wochenende sehr fr\u00fch aus den Federn m\u00fcssen, um diese Termine wahrzunehmen. Ebenso sind die abendlichen Ansetzungen nach 18 Uhr und vor allem am Freitag und Montag (20.30 Uhr und 20.15 Uhr!) eine Zumutung f\u00fcr alle Fans, die ausw\u00e4rts mitfahren m\u00f6chten und am n\u00e4chsten Tag arbeiten m\u00fcssen.<\/p> <p>Aber in den Augen der DFL, die f\u00fcr die Vergabe der TV-Rechte und f\u00fcr den rollenden Rubel in der finanziell abgehobenen Bundesliga verantwortlich ist, ist die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr Fans zu fairen Zeiten zu den Spielen zu kommen nachrangig gegen\u00fcber der M\u00f6glichkeit, m\u00f6glichst zu jeder denkbaren Uhrzeit Fu\u00dfball im Bezahlfernsehen zu pr\u00e4sentieren.<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Fu\u00dfball ist also schon l\u00e4ngst kein Allgemeingut mehr \u2013 sondern ein Produkt. Um Fu\u00dfball weiterhin verfolgen zu d\u00fcrfen, muss man das entsprechende Pay-TV beantragen. Zudem werden die Fans, welche die Bundesliga erst zu dem gemacht haben, was sie ist, str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt \u2013 teils sogar v\u00f6llig \u00fcbergangen. Es waren die Fans, die die Existenz der Bundesliga von Beginn der fr\u00fchen Sechziger an \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht haben. Es war ihr Geld, das sie den Vereinen an der Stadionkasse bezahlten und das die wirtschaftliche Existenz der Vereine gesichert hat. Es waren ihre Stimmen und Ges\u00e4nge, die dem Profifu\u00dfball in Deutschland erst zu seiner Massenwirkung und zu seiner Atmosph\u00e4re verhalfen. Daf\u00fcr bekamen die Fans die M\u00f6glichkeit, zu g\u00fcnstigen Preisen ins Stadion zu gehen und die Spielansetzungen waren solcherart gestaltet, dass sie weder f\u00fcr den fahrenden Fan noch f\u00fcr jenen vor dem Fernsehger\u00e4t einen unn\u00f6tigen Aufwand mit sich brachten. Und einen Receiver brauchte es damals auch nicht. Die Fans erm\u00f6glichten dem Profifu\u00dfball seine wirtschaftliche Grundlage und daf\u00fcr bekamen sie die M\u00f6glichkeit, diesen Sport auch ohne gr\u00f6\u00dferen Aufwand zu verfolgen. Ihre Fankultur wurde respektiert und nicht durch irgendwelche Schikanen verhindert.<\/p> <p>Doch nun sind die Geldgeber aus TV und Werbung Haupteinnahmequelle des Fu\u00dfballs. Sie sind nun die Dame der Wahl und werden privilegiert behandelt \u2013 und wenn es auf dem R\u00fccken der Fans geschehen muss. Fr\u00fcher war der Profifu\u00dfball eine symbiotische Beziehung zwischen den Fans und dem Verein. Sie hatten das Gef\u00fchl, dass der Verein ihnen geh\u00f6rt und konnten sich mit diesem identifizieren. Sie gaben etwas und bekamen etwas daf\u00fcr \u2013 und das war genau das was sie wollten! Es war fair, es war sportlich.<\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>Nun f\u00e4llt es jedoch schwer, zu glauben, dass der \u201cmoderne\u201c Profifu\u00dfball noch irgendwas mit Fu\u00dfballkultur zu tun hat. Die Fans sitzen gezwungenerma\u00dfen \u00fcberwiegend auf komfortablen H\u00fchnerstangen (genannt Sitzpl\u00e4tze), das Publikum wird im Zuge der teuren Eintrittspreise immer \u00e4lter (weil in der Regel einkommensst\u00e4rker), Fans k\u00f6nnen ihrer Gesinnung immer weniger Ausdruck verleihen, da ihre Kultur zerst\u00f6rt wird und die Werbefl\u00e4chen im Stadion nicht mit l\u00e4sterlichen Vereinswappen bedeckt werden d\u00fcrfen. Es sieht so aus, als ob sich das \u201cMillionenspiel\u201c Fu\u00dfball unter den Augen leiser werdender Zuschauer selbst verzehrt. Doch der Profifu\u00dfball ist in den H\u00e4nden von Investoren und Funktion\u00e4ren, denen der Sport Fu\u00dfball oft herzlich egal ist und die nur ein Auge f\u00fcr j\u00e4hrliche Renditem\u00f6glichkeiten haben. Traurig, aber leider \u00fcberaus wahr.<\/p> <p><a target=\"_blank\" rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/seite\/p\/impressum\"  >IMPRESSUM<\/a><\/p> <p>&nbsp;<\/p> <p>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute werden Fu\u00dfballfans in erster Linie als Kunden wahrgenommen und genau in diesem Sinne behandelt. Die Eintrittskarten wurden \u00fcber die letzten Jahre \u00fcberall erheblich teurer, obwohl der Obolus an der Stadionkasse einnahmetechnisch l\u00e4ngst nicht mehr so entscheidend ist wie noch vor Jahren. 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