{"id":1884,"date":"2011-12-19T17:05:18","date_gmt":"2011-12-19T16:05:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/?p=1884"},"modified":"2018-06-01T10:09:13","modified_gmt":"2018-06-01T09:09:13","slug":"krebs-muss-heute-keinesfalls-tod-bedeuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/krebs-muss-heute-keinesfalls-tod-bedeuten-101884\/","title":{"rendered":"Krebs muss heute keinesfalls Tod bedeuten"},"content":{"rendered":"<table style=\"float: left; width: 100px;\" width=\"76\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"1\"> <tbody> <tr> <td align=\"center\" bgcolor=\"#ffffff\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Es gelingt heute vielen Menschen den Krebs entg\u00fcltig hinter sich zu lassen und geheilt zu werden\" src=\"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/das_zweite_leben1.jpg\" alt=\"\" width=\"93\" height=\"144\" \/><\/td> <\/tr> <\/tbody> <\/table> <p>Ausz\u00fcge aus dem Erstling &#8222;Das zweite Leben&#8220; von Marceline Selm<\/p> <p>Wieder jemand, der \u00fcber seine Krankheit schreibt\u2026..<\/p> <p>Ja, das stimmt. Nur m\u00f6chte ich keine negativen Erfahrungsberichte weitergeben.<\/p> <p>Ich will mit meiner eigenen Geschichte und der ein paar anderer Menschen dem\u00a0 Schreckgespenst Krebs die Macht der Negativit\u00e4t\u00a0 nehmen und aufzeigen, wie betroffene Menschen mit dieser Krankheit umgegangen sind oder eventuell immer noch umgehen. Es scheint mir dabei wichtig, nicht die Krankheit in den absoluten Vordergrund zu stellen. Die Lebensgeschichten der betroffenen Personen sind f\u00fcr mich genauso wichtig, wie die Krankheiten an sich.<\/p> <p><!--more-->Krebs muss heute keinesfalls Tod bedeuten. Krebs kann sehr gut und erfolgreich behandelt werden. Wir m\u00fcssen nur etwas umdenken und die alten Muster und Suggestionen loslassen und uns mit mehr Vertrauen dem medizinischen und ebenfalls dem komplement\u00e4ren Fortschritt \u00f6ffnen.<\/p> <p>Zugegeben, dies ist leichter gesagt als getan. Deshalb scheint es mir wichtig Betroffenen und Angeh\u00f6rigen mit meinen Berichten Mut zu machen. Richtig, Angeh\u00f6rige. Denn alle sprechen meist vom Patienten. Aber sind nicht auch der Partner, die Kinder, die Eltern und viele mehr betroffen? Meist sehen diese \u201eRandbetroffenen\u201c leidend zu und sind oft mit der Situation \u00fcberfordert. Niemand denkt daran,\u00a0 wie auch diese Menschen leiden.<\/p> <p>Vielleicht lernen wir irgendwann, wenn das Vertrauen gr\u00f6sser geworden ist, dass Krebs oft heilbar ist.\u00a0 Es gibt ja auch Menschen, die an einer Grippe sterben und es gibt halt Menschen, die an Krebs sterben. An irgendetwas muss der Mensch sterben, ob uns das nun passt oder nicht. Nat\u00fcrlich gibt es sehr tragische Umst\u00e4nde, wenn die betroffenen Menschen mitten im Leben stehen und ihren Verantwortungen noch einige Jahre nachkommen sollten &#8230;<\/p> <p>Ich habe fr\u00fcher (vor meiner Krebserkrankung) gedacht, dass es\u00a0 jemand, der pl\u00f6tzlich und unerwartet stirbt, viel besser hat als ein Krebspatient. Die betroffene Person weiss ja dann nichts von ihrem Schicksal. Krebspatienten sah ich immer mit der einen H\u00e4lfte des Sarges umhergehen, im Ungewissen, wann die zweite H\u00e4lfte hinzukommt. Heute sehe ich es anders. Wir Krebspatienten bekommen die Chance den Tag ganz bewusst zu leben. So als w\u00e4ren da nur noch wenige Zeiten. Wir d\u00fcrfen uns ganz bewusst mehr zuliebe tun, haben sozusagen ein Alibi daf\u00fcr.<\/p> <p>Man sollte jedenfalls die Krankheit nutzen und nicht einfach so weiter machen wie vorher. Das Leben ist schliesslich einmalig, man kann es nicht einfach wiederholen, wie eine Klasse oder dergleichen. Wenn es vorbei ist, dann ist es vorbei. Endg\u00fcltig, es gibt kein Wiederholen.<\/p> <p>Aber niemand weiss mit absoluter Gewissheit, wie viel an Leben noch bleibt. Nicht einmal der behandelnde Arzt. Es gibt nat\u00fcrlich Statistiken, die Prognosen aufzeigen, doch jeder Mensch ist individuell, einmalig. Deshalb passiert es des \u00d6fteren, dass jemand mit einer relativ guten Prognose nur kurze Zeit weiter lebt, nachdem Krebs diagnostiziert wurde. Eine andere Person, die man vielleicht bereits aufgegeben hat, aber trotz der widrigen Umst\u00e4nde \u00fcberlebt und sehr alt wird.\u00a0 Es gibt also immer Ausnahmen. Wer sagt uns, wer eine Ausnahme ist und wer nicht? Niemand, weil es niemand im Vorfeld wissen kann. Unser mangelndes Vertrauen hindert uns daran zu glauben, dass gerade wir, die Krebspatienten, eine Ausnahme sind. Schliesslich sind Ausnahmen ja selten, was ja dieses Wort bereits aussagt. Vielleicht kennen wir auch andere Menschen, die mit der gleichen Krebsart nicht oder nicht lange \u00fcberlebt haben. Vielleicht hat uns auch der behandelnde Arzt oder die behandelnde \u00c4rztin mit einer Prognose konfrontiert. Vielleicht wollten wir auch lieber an den bevorstehenden Tod statt an das Leben glauben&#8230;..<\/p> <p>Zu diesen negativen Einstellungen stehen die Betroffenen nat\u00fcrlich vordergr\u00fcndig nicht. Man gibt sich nach aussen optimistisch, man leugnet seine Angst und seine Gef\u00fchle, man ist ja schliesslich stark!<\/p> <p>Viele Krebspatienten ziehen sich nach der niederschmetternden Diagnose zur\u00fcck. Die \u00d6ffentlichkeit wird gemieden, man geht nur noch selten aus dem Haus.<\/p> <p>Bestimmt ist die aufzuwendende Kraft, nach einer so niederschmetternden Diagnose wie Krebs, weiter zu leben keinesfalls zu untersch\u00e4tzen. Wir d\u00fcrfen zuerst schockiert, ohnm\u00e4chtig, w\u00fctend und nat\u00fcrlich traurig sein. Wir sollten aber vor allem die Angst zu lassen und diese Angst auch benennen. Denn angst ist immer dabei.<\/p> <p>Sicher d\u00fcrfen wir uns zun\u00e4chst zur\u00fcckziehen, um als Erstes einmal alleine mit dem Ganzen ein kleines bisschen fertig zu werden.<\/p> <p>Schliesslich kommen bei den meisten bald unweigerlich Gedanken an den Tod. Das ist v\u00f6llig normal und legitim. Der Tod betrifft ja immer die anderen, nicht aber uns selber oder jemanden mit dem wir verwandt oder bekannt sind! Doch mit der Diagnose Krebs hat der Tod an unsere pers\u00f6nliche T\u00fcre geklopft. Wir k\u00f6nnen ihn hereinlassen, draussen stehen lassen oder wir k\u00f6nnen ihn uns ansehen. Sehen wir den Tod wie einen Hausierer. Ist er uns im Grossen und Ganzen willkommen, so lassen wir ihn wohl in unser Haus. Macht er uns aber keinen guten Eindruck, verabschieden wir uns freundlich aber bestimmt von ihm, mit dem Hinweis, dass wir im Moment keinen Bedarf an den gebotenen Dingen haben.<\/p> <p>Wir alle wissen wohl, dass das Leben begrenzt ist und wir eines Tages sterben m\u00fcssen. Nur sehen wir diese Grenze nicht. Sie ist f\u00fcr gesunde Menschen unsichtbar, unwirklich und fern.<\/p> <p>Bekommt jemand aber die Diagnose Krebs, so wird diese unsichtbare und unwirkliche Grenze mit einem Male f\u00fcr die Betroffenen vermeintlich sichtbar. Ein Krebspatient glaubt die Grenze zu sehen und \u00fcberlegt sich, wie viel Zeit ihm wohl noch bleibt, bis er zu dieser Grenze gelangt. Er fragt sich, wie die Zeit bis zur Ankunft an diese Grenze wohl sein wird. Leidvoll, schmerzhaft und kurz? Oder leidvoll, schmerzhaft und lang, vielleicht qualvoll lang?<\/p> <p>Leider hat ja wohl jeder von uns schon diese schrecklichen Geschichten \u00fcber Krebspatienten und ihre Behandlungen geh\u00f6rt&#8230;. Erfolgreiche Behandlungen werden komischerweise weniger oft weiter erz\u00e4hlt, als Behandlungen, die dem Tod keinen Einhalt gebieten konnten. Ich glaube sogar, dass die meisten von uns eine Krebsgenesung nicht wirklich f\u00fcr wahr haben wollen. Insgeheim erwarten die Menschen, dass der Krebspatient dann schon noch am Krebs stirbt. Wahrscheinlich dauert es halt jetzt bei dem \u201eGenesenden\u201c etwas l\u00e4nger, bis ihn der Tod einholt.<\/p> <p>Mit meinen Lebensberichten von Krebspatienten, die den Krebs hinter sich gelassen haben, m\u00f6chte ich den Leser in erster Linie positiv unterhalten. Man kann \u00fcber Krebs eigentlich ganz locker sprechen, er ist ja keine Seuche oder so etwas. Es ist mir aber auch wichtig Hoffnung zu geben, denn wirklich niemand weiss, wie eine Sache aus geht.<\/p> <div> <p>Die erste Chemotherapie dauerte etwa drei Stunden. Nach circa einer Stunde ist es mir irgendwie komisch geworden. Keine \u00dcbelkeit, einfach nur komisch. Vielleicht kann man dieses Gef\u00fchl am besten mit leichtem Angetrunkensein vergleichen. Man steht irgendwie neben den eigenen Schuhen. Dieses Gef\u00fchl war aber nicht weiter schlimm.<\/p> <\/div> <p>Endlich waren alle Infusionsfl\u00fcssigkeiten in meinem K\u00f6rper verschwunden. Ich durfte heim. Mein Mann war wieder die ganze Zeit bei mir und das werde ich ihm nie vergessen. Mein Wohlbefinden hatte bei ihm oberste Priorit\u00e4t. Er wollte einfach immer bei mir sein und das war auch gut so.<\/p> <p>Daheim legte ich mich sofort hin, denn etwas \u201ekaputt\u201c f\u00fchlte ich mich schon. Trotzdem kam ein warmes Gl\u00fccksgef\u00fchl in mir hoch. Ich\u00a0\u00a0 d\u00a0 u r f t e\u00a0 diese Behandlung machen. Ich hatte diese M\u00f6glichkeit bekommen meinen K\u00f6rper eventuell vom Krebs zu heilen. Noch vor wenigen Jahrzehnten mussten Menschen mit dieser, meiner, Krankheit einfach sterben. Meistens hat man gar nicht herausgefunden, was die Menschen eigentlich gehabt hatten. Sie wurden schw\u00e4cher und schw\u00e4cher, bis sie schliesslich starben. So gesehen hatte ich unheimliches Gl\u00fcck, das war ich mir in diesem Moment bewusst. Ich sp\u00fcrte eine tiefe Dankbarkeit gegen\u00fcber dem Fortschritt. Eine grosse Zufriedenheit stellte sich in meinem Geist ein. Es fiel mir pl\u00f6tzlich ganz leicht mich meiner Abgeschlagenheit hin zu geben, sie zu akzeptieren, als Teil meiner m\u00f6glichen Heilung. Ich war f\u00fcr den Notfall mit den richtigen Medikamenten versorgt und die Natelnummer meiner \u00c4rztin hatte ich ebenfalls. Mit dieser Gewissheit ging ich schlussendlich ins Bett und es st\u00f6rte mich nur wenig, dass der Schlaf nach drei Stunden vorbei war. Ich war zufrieden, denn ich hatte erwartet, \u00fcberhaupt keinen Schlaf zu finden. Nun schaute ich einfach ein bisschen fern. So in der Nacht, das war auch neu f\u00fcr mich. Zum Lesen fehlte mir die Energie.<\/p> <p>Das Glas ist halb voll oder halb leer? Ich versuche meistens ein halb volles Glas zu haben, es lebt sich besser damit.<\/p> <div> <p>Meine \u00c4rztin informierte mich bez\u00fcglich der Chemotherapie in etwa so: \u201eDie erste Woche wird es ihnen wahrscheinlich nicht so toll gehen, in der zweiten Woche wird es besser und in der dritten sollte so ziemlich ein normales, gutes Befinden sein.\u201c Diese Aussage brachte mir folgendes Bild: Eine Woche bin ich festgenagelt und wenig zu gebrauchen. Ich darf und muss mich schonen. In der zweiten Woche beginnen langsam meine Ferien und in der dritten Woche sind diese voll da!<\/p> <\/div> <div> <p>Der n\u00e4chste Tag war ein Freitag. Es war ein wundersch\u00f6ner und sonniger Tag. Nachmittags wollte ich zu Fuss nach Wittenbach laufen. Diese Strecke misst ca. 4,5 Kilometer und eignet sich hervorragend f\u00fcr einen etwas l\u00e4ngeren Marsch. Ich machte mich also am fr\u00fchen Nachmittag auf den Weg, weil ich die herbstlichen Sonnenstrahlen geniessen wollte. Als ich so ganz alleine unterwegs war und mich wieder einmal mit meinem Haarverlust geistig auseinander setzte, kam mir ein rettender Gedanke. Was sollte ich mich gr\u00e4men wegen den bl\u00f6den Haaren. Wer hat denn im Leben schon die M\u00f6glichkeit sich bis auf die Haarwurzeln zu erneuern?! Genau das war es. Ich durfte mich zellm\u00e4ssig erneuern. Das war doch eigentlich ganz toll. Dieser Gedanke liess mich froh und zufrieden sein und es sollten bez\u00fcglich Haarverlust keine tristen Gedanken mehr Platz finden in meinem Kopf.<\/p> <\/div> <div> <p>Manchmal habe ich mir die Frage gestellt, ob das wirklich ich bin, die diese Krankheit\u00a0 hat. Nein hatte. Ich versuche das Ganze als hinter mir liegend zu sehen, was nat\u00fcrlich nicht immer gelingt. Oft kam mir das Ganze einfach irgendwie unwirklich vor, so als ob es nicht mich betreffen w\u00fcrde. Dann wiederum sind dunklere Gedanken am Horizont aufgestiegen. Zukunfts\u00e4ngste und viele Fragezeichen: Wird mich die Antik\u00f6rperbehandlung vor einem R\u00fcckfall bewahren? Es gibt niemanden, der einem diese \u00c4ngste restlos nehmen kann und die Fragezeichen bleiben Fragezeichen. Von irgendwelchen Spr\u00fcchen wie: Man kann ja nie wissen, ob man morgen einem t\u00f6dlichen Autounfall erliegt&#8230;.. halte ich wenig, da dieser Vergleich einfach hinkt.<\/p> <\/div> <div> <p>Das Leben hat wundersch\u00f6ne Seiten, das Leben hat tieftraurige Momente. Es f\u00fchrt aber kein Weg an diesem ganz pers\u00f6nlichen und einzigartigen Leben vorbei. Jeder f\u00fcr sich muss es schlussendlich selber bestreiten.<\/p> <\/div> <p>Lassen wir also das Glas immer halb voll sein.<\/p> <p>Marceline Selm<br \/> Dorfstrasse 13<br \/> 9305 Berg (Schweiz)<\/p> <p>http:\/\/www.marcelineselm.ch\/<\/p> <p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausz\u00fcge aus dem Erstling &#8222;Das zweite Leben&#8220; von Marceline Selm Wieder jemand, der \u00fcber seine Krankheit schreibt\u2026.. Ja, das stimmt. Nur m\u00f6chte ich keine negativen Erfahrungsberichte weitergeben. 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