{"id":216083,"date":"2016-05-26T08:36:28","date_gmt":"2016-05-26T08:36:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/?p=216083"},"modified":"2016-05-27T12:12:41","modified_gmt":"2016-05-27T11:12:41","slug":"der-ideale-sattel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/der-ideale-sattel-10216083\/","title":{"rendered":"Der ideale Sattel"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/der-ideale-sattel-10216083\/olympus-digital-camera-6\/#main\" rel=\"attachment wp-att-216084\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-216084\" title=\"Prof. Dr. Ingo Frob\u00f6se ist Leiter des &quot;Zentrums f\u00fcr Gesundheit durch Sport und Bewegung&quot; an der Deutschen Sporthochschule K\u00f6ln\" src=\"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/290783-e1464347502879.jpg\" alt=\"Bild\" width=\"237\" height=\"178\" \/><\/a><\/p> <p>&#8222;Auch der beste Sattel scheitert an der Hosennaht&#8220;<\/p> <div>Der Erfolg des Fahrrades als Verkehrsmittel h\u00e4ngt nicht nur von der Sicherheit im Stra\u00dfenverkehr ab, sondern auch vom Fahrkomfort. Wer nicht schmerzfrei auf dem Velo sitzt, der wird das Rad schlicht nicht benutzen. Wie man am besten sitzt, erkl\u00e4rt Prof. Dr. Ingo Frob\u00f6se von der Deutschen Sporthochschule K\u00f6ln im Interview mit dem pressedienst-fahrrad.<br \/> <!--more-->pd-f: Radfahren ist nicht nur beliebt, sondern auch gesund. Warum?<br \/> Ingo Frob\u00f6se: Wir haben im Alltag relativ wenig langandauernde Belastungen. Das hat f\u00fcr unseren Organismus negative Auswirkungen. Radfahren kann das auf ideale Weise kompensieren und l\u00e4sst sich ideal in den Alltag integrieren.<\/p> <p>Ohne Fahrkomfort kein Fahrradfahren. Wie blickt der Mediziner auf das Thema Sattel?<br \/> Der Sattel muss im Kontext gesehen werden. Es sind die drei Kontaktpunkte, die uns Probleme machen k\u00f6nnen: Pedale\/F\u00fc\u00dfe, Lenkergriffe\/H\u00e4nde und Sattel\/Ges\u00e4\u00df. In Umfragen haben wir herausgefunden, dass mindestens 80 Prozent der Radler regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Sitzprobleme klagen.<\/p> <p>Gibt es schmerzfreies Sitzen beim Radfahren \u00fcberhaupt?<br \/> Sitzen auf dem Fahrrad bedeutet, dass eine sehr kleine Kontaktfl\u00e4che 30 bis 90 Prozent des K\u00f6rpergewichtes tr\u00e4gt. Eine solche Belastung ist erst einmal nicht schlimm, weil Druck f\u00fcr den menschlichen Organismus nichts Negatives ist, solange er eine bestimmte Intensit\u00e4t nicht \u00fcberschreitet.<\/p> <p>Auch bei der Druckbelastung w\u00e4hrend des Radelns gilt also die alte Losung, &#8222;Die Dosis macht das Gift&#8220;?<br \/> Genau so ist es. Es geht um die Menge des Drucks und um den Belastungszeitraum. Selbst bei einer um 30 bis 40 Prozent reduzierten Durchblutung infolge des Drucks ist das vielleicht unangenehm, aber nicht gef\u00e4hrlich. Wenn man aus dem Sattel geht oder wieder abgestiegen ist, dann normalisiert sich das bereits nach drei bis f\u00fcnf Minuten. Hier ist der Alltagsradler klar im Vorteil: Anders als Tourenradler oder Radsportler, die oft \u00fcber Stunden sitzen, sitzt er meist nur kurze Zeitr\u00e4ume \u00fcber den Tag verteilt auf dem Rad.<\/p> <p>Warum klagen dennoch so viele Alltagsradler \u00fcber Sitzprobleme?<br \/> Ich glaube, dass die Menschen mit v\u00f6llig falschen Vorstellungen an einen Sattel herangehen. Gerade unter Gelegenheitsradlern und Nichtradlern gibt es das Anspruchsdenken, dass man das Sitzen auf dem Sattel quasi gar nicht sp\u00fcren darf. Jedes Dr\u00fccken beim Sitzen wird mit negativen Assoziationen verbunden. Das scheint sehr tief verwurzelt zu sein und greift wahrscheinlich auf archaische Muster zur\u00fcck, schlie\u00dflich befindet sich der Druck im direkten physischen Sektor der m\u00e4nnlichen Potenz und weiblichen Fruchtbarkeit. Das weckt einen gewissen Fluchtinstinkt, k\u00f6nnte man sagen, und ist damit Einfallstor f\u00fcr angst- und schmerzorientiertes, aber faktenfernes Produktdesign und Marketing.<\/p> <p>Ein bisschen Dr\u00fccken geh\u00f6rt zum Radfahren also dazu?<br \/> Absolut. Ein Sattel ist einfach etwas anderes als ein Sessel. Er hat grunds\u00e4tzlich andere Funktionen: Er muss dem Fahrer Bewegungsfreiheit lassen, gleichzeitig die Haltung auf dem Rad stabilisieren und Sicherheit und Kontrolle \u00fcbers Rad vermitteln. Das dr\u00fcckt dann nun mal, wenn 60 Prozent des K\u00f6rpergewichtes auf so einer kleinen Fl\u00e4che lasten. An sich ist der K\u00f6rper aber f\u00fcr dieses Sitzen gut pr\u00e4pariert. Die beiden Sitzbeinh\u00f6cker k\u00f6nnen diese Arbeit bestens verrichten. Allerdings muss man dem K\u00f6rper auch Zeit zugestehen, sich an diese Sitzsituation zu gew\u00f6hnen. Deswegen klagen auch Seltenradler schneller als ge\u00fcbte Radfahrer.<\/p> <p>Welche Bedeutung hat die Sattelposition f\u00fcr den Sitzkomfort?<br \/> Die Einstellung ist f\u00fcr Leistungsentfaltung und Komfort von entscheidender Bedeutung. Der beste Sattel n\u00fctzt ohne richtige Montage wenig. Zum einen muss der Sattel f\u00fcrs Pedalieren den richtigen Abstand zur Tretkurbel haben. Grunds\u00e4tzlich sollte er einigerma\u00dfen in der Waagerechten ausgerichtet sein. Beim Abstand zum Lenker orientiert man sich durch ein Lot, das bei waagerechtem Kurbelstand von der Kniescheibe des vorderen Beins durch die Pedalachse f\u00e4llt. Bei dieser Einstellungsprozedur macht der Fahrradfachhandel einen sehr guten Job.<\/p> <p>Wie ist der aktuelle Stand der Forschung zur fast un\u00fcberschaubaren Auswahl an S\u00e4tteln?<br \/> Nicht nur, dass die Auswahl an S\u00e4tteln verwirrend gro\u00df ist, viel schlimmer ist ihre oft geringe funktionelle Qualit\u00e4t. Die Gestaltung von S\u00e4tteln hat h\u00e4ufig wenig damit zu tun, was der Mensch braucht, sondern was schick, schmerzfrei oder sportlich aussieht. Gef\u00e4lliges Design steht dann \u00fcber der Funktionalit\u00e4t der Biologie.<\/p> <p>Wie kann sich der Radfahrer bei der Sattelwahl vor solchem Design- und Marketing-Schnickschnack sch\u00fctzen?<br \/> Gut ist, was sich gut anf\u00fchlt, deshalb sollte man S\u00e4ttel vor allem ausprobieren. Jeder Hintern ist anders. Nicht jeder Sattel, der als komfortabel gilt, muss am eigenen Ges\u00e4\u00df passen. Ein guter Sattel muss sich dem K\u00f6rper anpassen k\u00f6nnen, er muss ihn unterst\u00fctzen, um ihm gleichzeitig auch ausreichend Bewegungsfreir\u00e4ume f\u00fcrs Radeln zu geben. Deswegen gilt auch hier: &#8222;Form follows function&#8220;!<br \/> Das zweite ist: Misstrauen Sie in der Werbung dem Begriff Ergonomie! Denn Ergonomie ist h\u00f6chst individuell. Ergonomie als Begriff sagt nichts aus. Ergonomie ist schlicht eine Grundbedingung, die jeder Sattel erf\u00fcllen muss. Ergonomie ist kein Qualit\u00e4tskriterium. Man muss sich von der Idee der universellen Ergonomie l\u00f6sen &#8211; so stimmt es etwa nicht, dass ein Sattel L\u00f6cher haben muss.<\/p> <p>Braucht frau den Damensattel und mann den Herrensattel?<br \/> Grunds\u00e4tzlich erst einmal nicht. Solange der Abstand der Sitzbeinh\u00f6cker stimmt und die Formgebung des Sattels zur Haltung auf dem Rad und damit zur Last auf dem Ges\u00e4\u00df passt, gibt es f\u00fcr den Alltagsradler keinen Grund f\u00fcr eine geschlechtsspezifische Unterscheidung. Wir haben diese beiden Parameter &#8211; H\u00f6ckerbreite und Last &#8211; f\u00fcr den italienischen Sattelhersteller Selle Royal in einer Studie erstmals in eine Matrix zusammengef\u00fchrt. Diese umfasst drei Sitzhaltungen auf dem Rad und drei Sitzbeinh\u00f6ckerbreiten. Aus diesen neun verschiedenen S\u00e4tteln l\u00e4sst sich dann einfach der ideale Sattel ermitteln.<\/p> <p>Sind weiche S\u00e4ttel automatisch bequem?<br \/> Mitnichten, das exakte Gegenteil ist der Fall: Man darf nicht zu weich sitzen! Denn durch den Sitzdruck wird weiches Sattelmaterial aus der Druckzone an deren R\u00e4nder gedr\u00e4ngt und bildet dort W\u00fclste, die Schmerzen provozieren. Hautreaktionen, Wundscheuern und Schwellungen sind h\u00e4ufig die Folgen. Aber auch diese sind bis zu einem gewissen Ma\u00dfe normal und okay, sofern sie binnen 18 bis 24 Stunden wieder verschwunden sind. Das zeigt gut, dass sich die Einstellung, also die Sicht auf den Sattel, v\u00f6llig \u00e4ndern muss. Weich ist nicht bequem und das Sitzen auf h\u00e4rteren S\u00e4tteln bedarf nun einmal einer gewissen Gew\u00f6hnung.<\/p> <p>Neben diesen Druckaspekten des Sitzens gibt es auch den Formschluss, also die schlichte Passform von Sattel und Ges\u00e4\u00df. Worauf muss der Alltagsradler achten?<br \/> Der Radsportler ist beim Sitzen schon recht nahe am Optimum. Er hat eine Radhose mit speziellem Polster an, sch\u00fctzt sich durch Sitzcreme vor Reibung und greift zum harten Sattel. Der Alltags- und Gelegenheitsradler steckt in dem Dilemma, dass seine Kleidung auch abseits des Fahrens funktionieren muss. Der beste Sattel scheitert an der Hosennaht: Eine Jeans-Hosennaht reibt nun mal. Da kann man wenig \u00e4ndern. Aber damit ist das Sitzkomfort-Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen. Dann hilft nur noch, relativ regelm\u00e4\u00dfig aus dem Sattel zu gehen und so f\u00fcr Entlastung der betroffenen Stellen zu sorgen. Dabei ist es egal, ob dies bei der Fahrt oder an der Ampel passiert.<\/p> <p>Zur Person:<br \/> Prof. Dr. Ingo Frob\u00f6se ist Leiter des &#8222;Zentrums f\u00fcr Gesundheit durch Sport und Bewegung&#8220; an der Deutschen Sporthochschule K\u00f6ln und gilt als einer der profundesten Experten zum Thema Fahrrad und Ergonomie in Deutschland.<\/p> <p>Der pressedienst-fahrrad hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem guten Fahrrad und dessen Anwendung mehr \u00d6ffentlichkeit zu verschaffen. Denn wir sind der Meinung, dass Radfahren nicht nur Spa\u00df macht und fit h\u00e4lt, sondern noch mehr ist: Radfahren ist aktive, lustvolle Mobilit\u00e4t f\u00fcr K\u00f6rper und Geist. Kurz: Radfahren ist Lebensqualit\u00e4t, Radfahren ist clever und Radfahren macht Lust auf mehr&#8230;<\/p> <p>Kontakt<br \/> pressedienst-fahrrad GmbH<br \/> Gunnar Fehlau<br \/> Ortelsburgerstr. 7<br \/> 37083 G\u00f6ttingen<br \/> 0551-9003377-0<br \/> bb@pd-f.de<br \/> http:\/\/www.pd-f.de<\/p> <p>Bildquelle: www.pd-f.de \/ Gunnar Fehlau<\/p> <\/div> <p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Auch der beste Sattel scheitert an der Hosennaht&#8220; Der Erfolg des Fahrrades als Verkehrsmittel h\u00e4ngt nicht nur von der Sicherheit im Stra\u00dfenverkehr ab, sondern auch vom Fahrkomfort. Wer nicht schmerzfrei auf dem Velo sitzt, der wird das Rad schlicht nicht benutzen. Wie man am besten sitzt, erkl\u00e4rt Prof. Dr. Ingo Frob\u00f6se von der Deutschen Sporthochschule<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":216084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[100],"tags":[134],"class_list":["post-216083","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sport","tag-default"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/216083","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=216083"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/216083\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":216465,"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/216083\/revisions\/216465"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/media\/216084"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=216083"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=216083"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=216083"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}