{"id":264591,"date":"2017-09-15T11:55:35","date_gmt":"2017-09-15T10:55:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/?p=264591"},"modified":"2025-06-06T11:34:27","modified_gmt":"2025-06-06T10:34:27","slug":"die-atomare-welt-spaltet-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/die-atomare-welt-spaltet-sich-10264591\/","title":{"rendered":"Die atomare Welt spaltet sich"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-264592 size-full\" title=\"Vergleich der Kapazit\u00e4ten der verschiedenen Energiequellen\" src=\"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/70a2f0392847dc331972c7d3d3673ab9_L-e1505472879589.jpg\" alt=\"Bild\" width=\"300\" height=\"150\" \/>World Nuclear Industry Status Report 2017 zeigt: China baut massiv zu, der Rest der Welt stagniert oder baut ab.<\/p> <p>Die atomare Welt spaltet sich. W\u00e4hrend Newcomer wie China in rasantem Tempo neue Atomkraftwerke bauen, \u00fcberaltert der \u00fcbrige Kraftwerkpark. Das Durchschnittsalter erreicht inzwischen 29,3 Jahre. 72 der 403 in Betrieb stehenden Atommeiler sind mindestens 40 Jahre alt. Derweil erreicht der Ausbau von Wind- und Sonnenenergienutzung neue Rekordwerte. Das zeigt die aktuelle Ausgabe des World Nuclear Industry Status Report.<\/p> <p><!--more-->Photovoltaik-Anlagen mit einer Kapazit\u00e4t von 10,5 Gigawatt sind im Juli 2017 in China ans Netz gegangen. Vor f\u00fcnf Jahren hatte Deutschland mit 7,5 Gigawatt, die in einem ganzen Jahr gebaut worden waren, noch einen Weltrekord aufgestellt. Bis zum Jahresende k\u00f6nnten die solaren Kapazit\u00e4ten in etwa mit den nuklearen gleichziehen. Noch im Jahr 2000 hatten sie mit 0,15 Gigawatt nur einen winzigen Bruchteil der nuklearen Kapazit\u00e4ten ausgemacht. Doch w\u00e4hrend diese seither stagnieren, ging es mit Solar- und Windenergie nur noch aufw\u00e4rts. Der Vergleich der Kapazit\u00e4ten spiegelt indes nicht den tats\u00e4chlich produzierten Strom. Da liegt die Nuklearenergie mit einem Anteil von 11 Prozent der globalen Produktion noch immer deutlich vor der Photovoltaik mit 1,8 Prozent. Die Internationale Energie-Agentur rechnet bei einer anhaltend so dynamischen Entwicklung vor, dass die Solarenergie bis 2050 zur wichtigsten Energiequelle werden d\u00fcrfte.<\/p> <p>Und, das zeigen die Zahlen im vom Energieberater Mycle Schneider herausgegebenen World Nuclear Industry Status Report: Die erneuerbaren Energien Wind und Sonne haben der nuklearen Energie, was den Zubau betritt, schon lange den Rang abgelaufen. Seit 1997, als das Kyoto-Protokoll zum Klimawandel unterzeichnet wurde, ist mit zus\u00e4tzlichen 948 Terrawattstunden Wind- und 332 TWh Sonnenstrom ein Mehrfaches des Wachstums an Nuklearstrom (212 TWh), produziert worden. In den L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union ist die Produktion von Nuklearstrom in den Jahren 1997 bis 2014 mit einem Minus von 82 TWh sogar deutlich zur\u00fcckgegangen, wurde aber mit einem Plus von 292 TWh an Wind- und 222 TWh an Sonnenstrom mehr als aufgefangen.<\/p> <p>1976 noch 44 AKW im Bau<\/p> <p>Das goldene Zeitalter der Nuklearenergie ist zumindest bis auf weiteres vorbei. W\u00e4hrend im Rekordjahr 1976 weltweit gleich mit dem Bau von 44 Atomkraftwerken begonnen wurde, war es 2017 bislang gerade noch ein einziges in Indien. Insgesamt werden derzeit 52 Reaktoren mit einer Kapazit\u00e4t von 53,2 Gigawatt gebaut. 20 davon alleine finden sich in China. Das Land verfolgt nicht nur mit erneuerbaren Energien ehrgeizige Pl\u00e4ne, um von der extremen Abh\u00e4ngigkeit der klimasch\u00e4dlichen Kohle wegzukommen, deren Emissionen in Chinas Grossst\u00e4dte Smog verursachen, der Zehntausende das Leben kostet. Bereits heute liegt China nach den USA und Frankreich an dritter Stelle der gr\u00f6ssten Atomstromproduzenten weltweit, und auch wenn die Dynamik etwas abgenommen hat, so ist absehbar, dass China die Nummer eins der Welt werden d\u00fcrfte. Denn in den Vereinigten Staaten und Frankreich l\u00e4uft fast gar nichts mehr. W\u00e4hrend der neue franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Emanuel Macron mit einer komfortablen Parlamentsmehrheit und einem atomskeptischen Umweltminister mit dem Vorhaben der Vorg\u00e4ngerregierung Ernst machen will und den Anteil des Atomstroms binnen nur eines knappen Jahrzehnts von 75 auf 50 Prozent herunterschrauben will, gibt sich sein Amtskollege Donald Trump in den USA zwar betont atomenergiefreundlich, hat sich anderseits aber geweigert, weitere Zusch\u00fcsse f\u00fcr das vor dem Scheitern stehende Projekt V.C. Summer in South Carolina zu bewilligen. Nach vier Jahren Bauzeit ist dieses gerade zu einem Drittel fertig gestellt, und die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen. Nun steht das ganze Vorhaben auf der Kippe. Eine nukleare Zukunft s\u00e4he anders aus als die Laufzeitverl\u00e4ngerungen auf 60 Jahre, mit denen schon die Vorg\u00e4ngerregierung unter Barack Obama auf Zeit gespielt hatte. 84 der 99 Atomkraftwerke verf\u00fcgen inzwischen \u00fcber entsprechende Bewilligungen. Das heisst allerdings noch nicht, dass diese auch wahrgenommen werden. Einige AKW&#8220;s sind in den vergangenen Jahren trotz verl\u00e4ngerter Bewilligung aus finanziellen Gr\u00fcnden stillgelegt worden.<\/p> <p>Schweiz mit \u00e4ltestem AKW-Park der Welt<\/p> <p>Die \u00dcberalterung des weltweiten Parkes von derzeit noch 403 Reaktoren in 31 L\u00e4ndern (fast die H\u00e4lfte davon stehen in Frankreich und den USA, rund 20 Prozent in China) schreitet voran. Aktuell liegt das Durchschnittsalter bei 29,3 Jahren. 234 Reaktoren sind \u00e4lter als 30 Jahre, 50 noch keine zehn Jahre in Betrieb. In Frankreich, wo die AKW&#8220;s im Schnitt schon 32,4 Jahre laufen, droht ein mittleres Desaster, wenn es darum gehen wird, die Laufzeiten \u00fcber das 40. Jahr hinaus zu verl\u00e4ngern. Denn ausgerichtet sind die franz\u00f6sischen Meiler auf 40 Betriebsjahre, und die Aufsichtsbeh\u00f6rde hat bereits signalisiert, dass es bei einer ganzen Reihe der alten AKW&#8220;s kaum m\u00f6glich sein werde, diese \u00fcber 40 Jahre hinaus zu betreiben. Den \u00e4ltesten Meilerpark mit durchschnittlich 42,2 Jahren betreibt die Schweiz. Die Autoren des Reports stufen das Atomkraftwerk Beznau 1 als Long Term Outage ein &#8211; der Kraftwerksbetrieb ruht seit \u00fcber 18 Monaten. In vielen andern L\u00e4ndern, unter anderem Frankreich, w\u00fcrde damit die Betriebsbewilligung automatisch auslaufen. In der Schweiz ist davon keine Rede im Gegenteil. Die Atomkraftwerke d\u00fcrfen trotz eines beschlossenen Ausstieges aus der Atomenergie solange weiterlaufen, als dass sie als sicher gelten. Eine Laufzeitbeschr\u00e4nkung auf 45 Jahre hatte in einer Volksabstimmung keine Chance.<\/p> <p>Fukushima: Alles noch schlimmer<\/p> <p>Der Stand der Dinge in Fukushima aus Sicht der Autoren macht sechseinhalb Jahre nach dem dreifachen Super-GAU wenig Freude. Unabh\u00e4ngige Experten rechnen mit Kosten, f\u00fcr die weitgehend die Stromkundinnen und -kunden aufkommen werden, von bis zu 635 Milliarden Dollar. Derweil sind die gr\u00f6ssten Fragen rund um die Entsorgung der zerst\u00f6rten Atomanlagen nach wie vor ungel\u00f6st. So weiss nach wie vor kein Mensch, wo sich die geschmolzenen Reaktorkerne befinden. Eine erste Sichtung mit einem Roboter-Mini-U-Boot ergab kein klares Bild, aber extreme hohe Strahlenwerte von 210 Sievert pro Stunde &#8211; ein Sievert gilt schon als t\u00f6dlich. Ungel\u00f6st ist auch die Reinigung der verstrahlten Abw\u00e4sser. 200 Kubikmeter Wasser werden t\u00e4glich in die drei Reaktorkerne gepumpt, um diese zu k\u00fchlen. Sie mischen sich mit tiefem Grundwasser und m\u00fcssen in riesigen Tanks zwischengelagert werden &#8211; aktuell sind es rund 750&#8217;000 Kubikmeter. Der Bau eines Eiswalles rund um die Anlage hat den Grundwasserfluss nur leicht reduzieren k\u00f6nnen. Die Dekontaminierung des Wasser brachte nur Teilerfolge. Vor allem der Tritium-Gehalt \u00fcberschreitet die Grenzwerte nach wie vor bei weitem. Rund 8000 Menschen werden bei den Aufr\u00e4umarbeiten besch\u00e4ftigt. Es kam dabei zu mehreren schweren Unf\u00e4llen. Im Dezember 2016 erkannte das japanische Gesundheitsministerium erstmals einen Fall von Schilddr\u00fcsenkrebs als Folge von Verstrahlung. Die Schilddr\u00fcsenkrebsrate bei Kindern liegt um das 30fache \u00fcber dem nationalen Durchschnitt. Offiziell heisst es, es k\u00f6nnte nicht ausgeschlossen werden, dass dies mit der Reaktorkatastrophe zu tun habe. Die Dekontaminierung, deren Effekt von unabh\u00e4ngigen Experten bezweifelt wird, gilt in weiten Teilen inzwischen als abgeschlossen, die geflohene Bev\u00f6lkerung wird gedr\u00e4ngt, zur\u00fcckzukehren. Rund die H\u00e4lfte der damals 165&#8217;000 Evakuierten hat das schon getan. Nur rund ein F\u00fcnftel hat dies aus freien St\u00fccken getan. Der Rest wurde mit dem drohenden Entzug der finanziellen Unterst\u00fctzung faktisch gezwungen. Der als atomfreundlich geltende japanische Premier Shinzo Abe, der bislang die grossmehrheitlich ablehnende Haltung der Bev\u00f6lkerung zur Atomenergie ignoriert hatte, hat derweil einen bemerkenswerten Schwenk gemacht und mit der Ernennung des nuklearkritischen Taro Kono zum Aussenminister ein Zeichen gesetzt &#8211; auch an die Industrie, die grosse Hoffnungen in den nuklearen Export setzt. Tats\u00e4chlich sind bis heute gerade f\u00fcnf der vor der Katastrophe 48 Atomkraftwerke wieder am Netz.<\/p> <p>www.mensch-und-atom.org will aufr\u00fctteln, anregen und nachdenklich machen, aber nicht provozieren und skandalisieren zu einem Thema, das uns alle angeht: Atomkraft. Es ist ein Thema, das polarisiert, das Gegner und Bef\u00fcrworter zu Ideologen ihrer Sache macht. Und es ist ein Thema, das Wissende und Unwissende in einer Weise trennt, die gewollte und ungewollte Abh\u00e4ngigkeiten schafft. Vor dem Hintergrund der aktuellen &#8222;Energiewende&#8220;-Debatten m\u00f6chten wir einen kritischen Diskussionsbeitrag leisten f\u00fcr all jene, die mehr wissen wollen zum Thema Atomkraft. Und wir m\u00f6chten einen Beitrag leisten, die tiefen ideologischen Gr\u00e4ben zu \u00fcberwinden, die Bef\u00fcrworter und Gegner trennen. Denn die Wahrheit wird bei diesem Thema sehr schnell relativ bzw. relativiert, man bewegt sich auf einem Feld, in dem sich Experten, Meinungsmacherinnern, Ideologen, Betroffene, Opfer, Lobbyisten, Politikerinnen und Weltenretter tummeln. Sie alle sollen zu Wort kommen, sie sollen von ihrer Wahrheit erz\u00e4hlen, der Wahrheit des Strahlenopfers ebenso wie jener des Kraftwerkbetreibers, des Bef\u00fcrworters und der Gegnerin. Das zweite Ziel des Buches: die vielen Facetten der Wahrheit zu ergr\u00fcnden &#8211; und wie empf\u00e4nglich wir f\u00fcr jene sind, die es uns bequem machen wollen.<\/p> <p><b>Kontakt<\/b><\/p> <p>Mensch und Atom<\/p> <p>Urs Fitze<\/p> <p>Neugasse 30<\/p> <p>9000 St. Gallen<\/p> <p>+41716711073<\/p> <p>seegrund@yahoo.com<\/p> <p>http:\/\/www.mensch-und-atom.org<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>World Nuclear Industry Status Report 2017 zeigt: China baut massiv zu, der Rest der Welt stagniert oder baut ab. Die atomare Welt spaltet sich. 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