{"id":472,"date":"2010-06-21T19:42:11","date_gmt":"2010-06-21T18:42:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/?p=472"},"modified":"2022-05-13T11:26:48","modified_gmt":"2022-05-13T10:26:48","slug":"ganztagsschulen-lernparadiese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/ganztagsschulen-lernparadiese-10472\/","title":{"rendered":"Die Kooperation mit Jugendfarmen macht Ganztagsschulen zu Lernparadiesen"},"content":{"rendered":"<table style=\"float: left; height: 91px;\" width=\"109\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"1\"> <tbody> <tr> <td align=\"center\" bgcolor=\"#ffffff\"><\/td> <\/tr> <\/tbody> <\/table> <p>Im Mai 2003 wurde das ambitionierte Investitionsprogramm \u201eZukunft Bildung und Betreuung\u201c des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung auf den Weg gebracht. Bis Ende 2009 stellte der Bund insgesamt 4 Milliarden Euro f\u00fcr den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen zur Verf\u00fcgung. Mit dem Programm sollen eigentlich neue p\u00e4dagogische Konzepte in die Schulen einziehen.<!--more--><br \/> Entlarvende StEG-Studie<br \/> Unter der Leitung von Prof. Dr. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut f\u00fcr Internationale P\u00e4dagogische Forschung (DIPF) hat die Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen (StEG) den Zeitraum von 2005 bis 2007 untersucht. Ende 2008 wurde das Ergebnis der ersten Erhebungswelle vorgestellt (www.projekt-steg.de). Dort hei\u00dft es, dass \u201elernf\u00f6rderliche und fachbezogene Angebote (im Untersuchungszeitraum) am st\u00e4rksten ausgebaut wurden.\u201c Soll man sich dar\u00fcber auch noch freuen? Zur Erinnerung: Es geht um die Primarstufe, und vor allem: die Teilnahme an den Angeboten der offenen Ganztagsschule ist freiwillig! Statt neuer p\u00e4dagogischer Konzepte also wieder N\u00fcrnberger Trichter. Dieser \u201eAusbau fachbezogener Angebote\u201c wird zwangsl\u00e4ufig zu einer weiteren kognitiven \u00dcberfrachtung und Verschulung des Kinderlebens durch die Hintert\u00fcr f\u00fchren, entgegen aller Erkenntnisse, dass Kinder Freiraum und Spiel f\u00fcr eine gesunde psychische und physische Entwicklung brauchen.<br \/> Den eigentlichen Skandal aber und den Beweis daf\u00fcr, dass ein Umdenken einfach nicht gelingen will, findet man weiter unten in der Studie. Die Forscher sind n\u00e4mlich der Auffassung, dass bez\u00fcglich der fachbezogenen F\u00f6rderangebote \u201e\u2026 aber durchaus noch Entwicklungsbedarf besteht; unver\u00e4ndert sind n\u00e4mlich Freizeitangebote und Arbeitsgemeinschaften am beliebtesten\u201c. Das hei\u00dft im Klartext: Kindern soll mit allen Mitteln ihr Drang nach freiem Spiel ausgetrieben werden. Nicht mehr nur am Vormittag sondern auch noch nachmittags.<br \/> Wo Schulen mit Jugendfarmen kooperieren entstehen Lernparadiese<br \/> Aber es gibt sie, die neuen p\u00e4dagogischen Konzepte f\u00fcr die Offene Ganztagsschule. Das Ministerium f\u00fcr Schule, Jugend und Kinder des Landes NRW hat mit einem entsprechenden Erlass die M\u00f6glichkeit der Zusammenarbeit mit au\u00dferschulischen Partnern geschaffen. Im Erlass hei\u00dft es: Durch gemeinsame Angebote zur individuellen F\u00f6rderung, zur musisch-k\u00fcnstlerischen Bildung, zu Bewegung, Spiel und Sport und zur sozialen Bildung soll eine neue Lernkultur entstehen.<br \/> Damit er\u00f6ffnet sich den Jugendfarmen die M\u00f6glichkeit, im Interesse der Kinder ihrem gesetzlichen Auftrag noch umfangreicher nachzukommen, n\u00e4mlich als Tr\u00e4ger der freien Jugendhilfe als \u201edritte Sozialisationsinstanz\u201c (neben Elternhaus und Schule) bei der Gestaltung der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen mitzuhelfen.<br \/> So wie die Jugendfarm Bonn, die bereits mit sieben Grundschulen, zwei F\u00f6rderschulen und drei weiterf\u00fchrenden Schulen zusammenarbeitet und dazu ein eigenes Konzept entwickelt hat, sind inzwischen viele Jugendfarmen Kooperationen mit Offenen Ganztagsschulen eingegangen. Das Angebot umfasst ein Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, F\u00f6rder- und Freizeitangebote, insbesondere aber auch Raum f\u00fcr freies Spiel.<br \/> Nachmittags werden die Synapsen zum Feuern gebracht: Spiel und Sport, R\u00e4der und Kettcar, Schwimmen, \u201eFaustlos\u201c, Handwerk, Entspannung, Ausfl\u00fcge, Kochen und Backen, Ralleys, PC-Raum oder Kinderkonferenz stehen auf dem Programm. Ein sch\u00f6nes Ritual beschlie\u00dft den Tag: Die Abschlussrunde mit einem Imbiss. Aufregendes, Bewegendes, Interessantes wird ausgetauscht, der Tag kann noch einmal Revue passieren, man kann sich freuen auf den n\u00e4chsten.<br \/> Das Besondere an Jugendfarmen sind, neben dem Bauspielplatz, die Tiere: Pferde, Esel, Ziegen, Schafe, Hasen, Meerschweinchen, Frettchen. Sie sind fester Bestandteil des Offenen Angebotes. Pl\u00e4ne regeln die Zust\u00e4ndigkeiten f\u00fcrs F\u00fcttern, Striegeln oder Ausmisten. Die Kinder \u00fcbernehmen diese Aufgaben und damit die Verantwortung freiwillig und gern. Und sie nehmen sie ernst, denn es ist Pflicht, sich an diese Pl\u00e4ne zu halten. Der Lohn f\u00fcr die Kinder? Neben einer sehr pers\u00f6nlichen Beziehung zum \u201eeigenen\u201c Tier d\u00fcrfen sie etwas geben anstatt nur etwas nehmen zu m\u00fcssen. Eine ungewohnte aber erf\u00fcllende Erfahrung in ihrer sonst auf Konsum fixierten Welt.<br \/> Ein solches Angebot l\u00e4sst sich auf einem Schulgel\u00e4nde meist nicht umsetzen. Deshalb kommt es nur den Schulen zugute, die in direkter N\u00e4he einer Jugendfarm liegen. Es gibt aber bereits erste Schulen, die sich einen Bauspielplatz einrichten.<\/p> <p>Spielen bildet<br \/> Der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat in den 80er Jahren in seinen Forschungen ein Ph\u00e4nomen nachgewiesen, das er \u201eflow\u201c genannt hat: Einen Gl\u00fcckszustand des Flie\u00dfens, der ausgel\u00f6st wird, wenn man eins ist mit seinem Tun. Wenn die Anforderungen \u00fcber den eigenen F\u00e4higkeiten liegen, aber nicht unerreichbar sind.<br \/> Diesen Zustand kann man bei Kindern beobachten, wenn sie in ihr Spiel versunken sind. Sie spielen zielgerichtet, wollen etwas herausfinden, erforschen \u2013 und zwar eigenst\u00e4ndig. Sie wollen nicht nach Ostereier-P\u00e4dagogik erraten m\u00fcssen, was der Betreuer von ihnen h\u00f6ren will. Die P\u00e4dagogen auf Jugendfarmen und Aktivspielpl\u00e4tzen verf\u00fcgen \u00fcber einen umfangreichen \u201eWerkzeugkasten\u201c p\u00e4dagogischer Interventionsm\u00f6glichkeiten, um Neugier und Forscherdrang der Kinder immer wieder anzuregen. So sammeln sie ihre eigenen Erfahrungen: wann brennt ein Feuer und warum verl\u00f6scht es? Wie verbindet sich Wasser mit unterschiedlicher Erde? Warum fliegt ein Drachen \u2013 und sie stellen schlaue Fragen: Ob ein Meerschweinchen wohl eine Seele hat?<br \/> Zum Lernen braucht es Emotionen<br \/> Seit es Hirnscanner gibt, k\u00f6nnen Hirnforscher darstellen, wann Menschen lernen. Immer dann, wenn Emotionen wie Freude, Gl\u00fcck, Spa\u00df beteiligt sind und wenn das Hirn komplexe Aufgaben l\u00f6sen muss oder besser: darf, sind besonders viele Synapsen aktiv. Muss hingegen ein Kind \u2013 wom\u00f6glich noch unter Angst \u2013 das Einmaleins, mit dem es auch noch gro\u00dfe Schwierigkeiten hat, lernen, indem es immer noch mehr Mathe machen muss, feuert ein einziger kleiner Bereich. Das Kind bekommt buchst\u00e4blich einen Tunnelblick \u2013 und wird sein Einmaleins ganz bestimmt nicht lernen. Der G\u00f6ttinger Hirnforscher Gerald H\u00fcther antwortete vor Jahren einer besorgten Mutter, deren Kind das Einmaleins nicht lernte, auf die Frage, was sie denn noch tun solle: \u201eGehen Sie mit ihm angeln\u201c.<br \/> Es ist zu lange her, seit Erwachsene zuletzt gespielt haben. Zumindest muss man das vermuten, denn sonst h\u00e4tten sie nicht eine solche Abneigung dagegen. Sie meinen, Kinder d\u00fcrften nur spielen, nachdem sie sich vorher beim Lernen ordentlich angestrengt haben. Und das auch nur, um im Spiel wieder Kraft zu tanken f\u00fcr die anschlie\u00dfende Anstrengung beim Lernen. Warum kommen sie nicht auf den Gedanken, dass beides zusammengeh\u00f6rt? Und dass Lernen dann keine Anstrengung mehr ist!<br \/> Zu wenig Geld f\u00fcr Offene Angebote<br \/> So fruchtbar eine Zusammenarbeit Offener Ganztagsschulen mit au\u00dferschulischen Partnern ist \u2013 es gibt auch Schattenseiten: das Thema Geld. Die Zusch\u00fcsse f\u00fcr die Offene Arbeit gehen zur\u00fcck, das Personal wird durch einen Eigenanteil des Freien Tr\u00e4gers mit finanziert. Bez\u00fcglich der finanziellen Ausstattung prallen hier Welten aufeinander. Schulen n\u00e4mlich sind im Vergleich zu freien Einrichtungen sehr gut ausgestattet.<br \/> Zwar bezuschusst das Land NRW die Arbeit der Freien Tr\u00e4ger in der Offenen Ganztagsschule im Primarbereich \u00fcber die Kommunen mit j\u00e4hrlich mit 250 Mio. Euro. Aber dieser Betrag wurde seit 2003 nicht erh\u00f6ht, weshalb das Budget bei Weitem nicht ausreicht.<br \/> Ganztagsschulen brauchen interessante Angebote, sonst kommen die Sch\u00fcler nicht<br \/> Noch einmal zur StEG-Studie: Sie stellt f\u00fcr den Zeitraum 2005-2007 fest, dass auch in der Sekundarstufe, \u00e4hnliche wie in der Primarstufe, \u201ejedoch am h\u00e4ufigsten nach wie vor fachunabh\u00e4ngige AG-Angebote besucht werden, die von 71% der Ganztagsteilnehmer in Anspruch genommen werden. F\u00f6rderangebote und fachliche Angebote werden in beiden Schulstufen immer noch nur von jeweils einem Drittel der Lernenden besucht.\u201c<br \/> Der Besuch der Offenen Ganztagsschule ist freiwillig \u2013 und das ist gut so! Weil es bedeutet, dass sie ein attraktives Angebot f\u00fcr Kinder schaffen muss, will sie nicht scheitern. Es sei denn, die Eltern wissen wieder einmal besser, was gut ist f\u00fcr ihr Kind.<br \/> Es darf gespielt werden!<br \/> Bund der Jugendfarmen und Aktivspielpl\u00e4tze e.V.<br \/> www.bdja.org<br \/> bdja@bdja.org<\/p> <p>Bund der Jugendfarmen und Aktivspielpl\u00e4tze e.V.<br \/> Haldenwies 14<br \/> 70567 Stuttgart<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mai 2003 wurde das ambitionierte Investitionsprogramm \u201eZukunft Bildung und Betreuung\u201c des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung auf den Weg gebracht. 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