{"id":69723,"date":"2014-01-20T09:30:40","date_gmt":"2014-01-20T09:30:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/?p=69723"},"modified":"2016-02-05T13:44:19","modified_gmt":"2016-02-05T12:44:19","slug":"ueber-den-selbsthass-der-kulturbourgeoisie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/ueber-den-selbsthass-der-kulturbourgeoisie-1069723\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Selbsthass der Kulturbourgeoisie"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment alighnleft alignleft\" title=\"Dr. Sacha Szabo\" alt=\"Dr. Sacha Szabo\" src=\"https:\/\/www.fachzeitungen.de\/fachbeitraege\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/207265-150x150.jpg\" width=\"122\" height=\"122\" \/>Alle verabscheuen es zutiefst, keiner will es gesehen haben, doch die Quoten sprechen eine andere Sprache. Auf allen Sendern laufen Formate, die absch\u00e4tzig als &#8222;Unerschichtfernsehen&#8220; oder gar Hartz IV-TV bezeichnet werden. Nun kommt einer daher, der f\u00fcr diese Formate in zweihundert Jahren eine Hochkultur prophezeit. Der Soziologe Dr. Sacha Szabo steht Rede und Antwort.<\/p> <p><!--more-->&#8222;Unterschichtsfernsehen&#8220; ist in zweihundert Jahren Hochkultur<\/p> <p>&#8222;Das Dschungelcamp ist so kulturelle Leistung sein, wie die Sixtinische Kapelle&#8220;. Ein Soziologe \u00fcber den Selbsthass der Kulturbourgeoisie.<br \/> Aktuell laufen auf den Programmpl\u00e4tzen erfolgreich TV-Formate, die immer \u00e4hnliche ablehnende Reaktionen hervorrufen. Es scheint ein Paradox zu sein. Menschen sehen dass, was sie eigentich ablehnen. Wir sprachen dar\u00fcber mit dem freiburger Soziologen und Unterhaltungswissenschaftler Dr. Sacha Szabo.<\/p> <p>Warum sehen so viele Menschen Formate wie &#8222;Ich bin ein Star, holt mich hier raus, Deutschland sucht den Superstar oder Biggest Looser?&#8220; Es scheinen sehr niedere Instinkte zu sein die dort angesprochen werden und diesen Sendungen zum Erfolg verhelfen.<\/p> <p>Szabo: Nat\u00fcrlich m\u00fcssen diese Formate etwas haben, das Sigmund Freud als &#8222;Verlockungspr\u00e4mie&#8220; bezeichnete. Es muss etwas sein, dass das Triebhafte in uns anspricht und es uns erm\u00f6glicht dieses Triebhafte in entsch\u00e4rfter Form auszuleben. Auf diese Weise entsteht &#8211; so Freud &#8211; Kultur.<\/p> <p>Es mag Kultur sein, aber Qualit\u00e4t haben diese Formate nicht.<\/p> <p>Szabo: Ich bin mir nicht sicher was Qualit\u00e4t bedeutet. Bedeutet es, dass nur elit\u00e4re Gruppen zu einem raren Gut Zugang haben? Dann haben diese Sendungen keine Qualit\u00e4t. Aber man muss sich auch fragen, ist die Kultur jetzt all denen zug\u00e4nglich, die eben die entsprechenden Mittel haben? Deshalb spricht man so abf\u00e4llig von &#8222;Unterschichtfernsehen&#8220; und bringt es oft polemisch mit Hartz IV in Beziehung.<\/p> <p>Sie sprechen es an, manche dieser Formate erf\u00fcllen doch stark das Klischee vom Unterschichtfernsehen.<\/p> <p>Szabo: Nun, der Schichtbegriff ist eigentlich heutzutage nicht mehr praktikabel, eigentlich spricht man von Milieus. Aber wenn man wirklich in Schichten denken mag, dann gibt es eine winzige Schicht die wirklich zur Oberschicht geh\u00f6rt. Das sind die Gruppen, die \u00fcber die \u00f6konomischen Ressourcen gebieten. Es sind verschwindend wenige Personen, die \u00fcber ein riesiges Verm\u00f6gen verf\u00fcgen, das eigentlich gar nicht vorstellbar ist. Dort konvergiert \u00f6konomisches Kapital in politisches. Aber diese Personen sind gar nicht bekannt.<\/p> <p>Und welche Kultur konsumieren diese Kreise?<\/p> <p>Szabo: Da man die Personen nicht kennt, kann man eigentlich nur spekulieren. Sofern es keine Parven\u00fcs sind, ist es tradiertes Kapital. Hei\u00dft, es wird vielleicht sogar seit Jahrhunderten konserviert und entsprechend wird die Unterhaltungskultur dieser Jahrhunderte Konserviert. Das nennt man dann klassische Musik.<\/p> <p>Aber viele h\u00f6ren doch Klassik.<\/p> <p>Szabo: Der Unterschied ist, dass das B\u00fcrgertum, das verbissen danach dr\u00e4ngt Lebensweisen der herrschenden Klasse zu adaptieren und nun glaubt die sogenannte E-Kultur als ernsthafte Kultur sei etwas anderes als Unterhaltungskultur verkennt aber, dass alles was mit todernster Miene angeh\u00f6rt und angesehen wird, eben vor zweihundert Jahren auch nur Unterhaltungsmusik war. Nur steckten diese St\u00fccke noch nicht in der Jukebox oder im MP3Player.<\/p> <p>Klassik als Unterhaltungskultur?<\/p> <p>Szabo: Ich bin mir nicht mal sicher, ob die Kulturbourgeoisie \u00fcberhaupt Freude an dem Genuss dieser Kultur empfindet. \u00dcberhaupt nicht. Aber ich will den heutigen Unterhaltungsformaten auch den Status von Kultur zusprechen. Es ist letztlich ein sozialer Akt der Distinktion.<\/p> <p>Was meinen Sie damit?<\/p> <p>Szabo: Bestimmte Codes, also bestimmte kulturelle Symbole, Musik, Bilder, Wissen wird genutzt, um sich von anderen abzugrenzen. Die Mittelschicht wird von \u00f6konomischer Verarmung bedroht und will nun auch nicht noch kulturell mit der &#8222;Unterschicht&#8220; eins werden. Wobei hier ja auch spannend ist, dass einkommensfern oft mit bildungsfern gleichgesetzt wird, was nun gar nicht stimmt. Nur sind die Bildungstr\u00e4ger eben auch nicht der Oberschicht zuzurechnen und waren das auch nur selten. Selbst Voltaire wurde von Friedrich als Hausphilosoph ausgehalten. Ein Objekt im adligen Kuriosit\u00e4tenkabinett.<\/p> <p>Das ist nun aber gewagt.<\/p> <p>Szabo: Das B\u00fcrgertum konnte sich nun keinen Voltaire leisten und las diesen umso beherzter um. Das ist Bildungskonsum. Nun sehen wir, immer die untere Schicht versucht die Codes der \u00fcber ihr liegenden Schicht zu \u00fcbernehmen und sich gleichzeitig von der unteren Schicht abzugrenzen. Das B\u00fcrgertum will adlige Attit\u00fcden \u00fcbernehmen und sich vom Proletariat abgrenzen. Genau das gleiche geschieht nun heute in der Massenkultur. Die Mittelschicht hofft verzweifelt zur Oberschicht zu geh\u00f6ren und konsumiert deren exklusiven Stil, popularisiert sie. Im n\u00e4chsten Schritt werden diese nun mittelst\u00e4ndischen Stile von der Unterschicht \u00fcbernommen und die Mittelschicht versucht jetzt die Schotten dicht zu machen und sich von der Unterschicht abzugrenzen. Dies wird als absinkendes Kulturgut bezeichnet.<br \/> Viele Kulturg\u00fcter der Mittelschicht sind der Abfall der Oberschicht. Das betrifft Antiquit\u00e4ten, ehemalige Objektensembles, die von der Oberschicht auf den M\u00fcll geworfen wurden und nun f\u00fcr die Mittelschicht noch von unsch\u00e4tzbarem Wert sind. Das betrifft auch Genussfreuden wie Weine, Speisen, Parf\u00fcms. Wir haben keine L\u00e4ndereien, aber k\u00f6nnen uns immerhin einen teuren Wein leisten. Und alles was nicht exklusiv gilt, gilt nun als Unterschichtskultur.<\/p> <p>Aber die Unterschicht steht ja diesem angeblichen Unterschichtsfernsehen durchaus auch kritisch gegen\u00fcber.<\/p> <p>Szabo: Selbstverst\u00e4ndlich, weil sich diese Schicht auch an der ihr \u00fcbergelagerten orientiert und sich von sich selbst distanzieren will. Das eigene wird nicht wertgesch\u00e4tzt und daf\u00fcr wird nach bestimmten Codes, also nach bestimmten kulturellen Werten gestrebt, die Zugang zur Macht versprechen.<\/p> <p>Und was ist die Unterschichtskultur?<\/p> <p>Szabo: Das ist nun das Spannende. Wir haben eigentlich in der postindustriellen Gesellschaft in dem Sinne keine Schichten mehr. Vielmehr gibt es eine Masse, die sich in einzelne Milieus unterteilt. Dieser Masse entspricht nun eben Massenkultur. Die allerdings ein paradoxes Verh\u00e4ltnis dazu hat, als dass sie glaubt diese Kultur sei ihrem Status entsprechend nicht exklusiv genug. Eine Hybris die verkennt, dass nun eben die meisten der Mittelschicht oder laden wir es politisch auf, der Bourgeoisie ohne Zugang zur Macht sind und damit gar nicht die Vorbindung f\u00fcr Exklusivit\u00e4t erf\u00fcllen. Der Hass auf Massenkultur ist eigentlich pathologischer Selbsthass.<\/p> <p>Also sind f\u00fcr sie diese ganzen strittigen Formate kulturell wertvoll.<\/p> <p>Szabo: Als Wissenschaftler ganz ohne Frage. Kultur ist f\u00fcr mich immer die Kultur die mich umgibt, diese interessiert mich. Und in zweihundert Jahren werden Scooter oder Michael Wendler so selbstverst\u00e4ndlich neben Mozart stehen, wie dieser heutzutage neben Corelli oder Locatelli. Und das Dschungelcamp geh\u00f6rt dann zu den gro\u00dfen kulturellen Leistungen wie die Sixtinische Kapelle.<\/p> <p>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch<\/p> <p>Das Institut f\u00fcr Theoriekultur ist einer von Deutschlands f\u00fchrenden Theoriedienstleistern.<\/p> <p>Unser Angebot<\/p> <p>Als Wissenschaftler sind wir in der Lage Ihr Unternehmen oder Ihr Produkt auf eine innovative und einzigartige Weise zu thematisieren.<br \/> Ihr Produkt wird pl\u00f6tzlich f\u00fcr das Feuilleton und den Kulturteil interessant.<\/p> <p>\u00dcber diese Kan\u00e4le k\u00f6nnen Sie ein v\u00f6llig anderes, anspruchsvolles Kundenmillieu ansprechen.<\/p> <p>Sie betreiben mit uns keine herk\u00f6mliche Werbung sondern Pflege Ihrer Unternehmeskultur.<\/p> <p>Unsere M\u00f6glichkeiten<\/p> <p>Ausgehend von Ihrem Produkt, Ihrer Marke oder Ihrem Unternehmen umfasst unser Angebot die Erarbeitung von:<\/p> <p>B\u00fcchern (Monographien und Sammelb\u00e4nde)<br \/> Kongressen (Wir organisieren Kongresse und Workshops)<br \/> Ausstellungen (Wir kuratieren Ausstellungen)<\/p> <p>Kontaktieren Sie uns und lassen Sie sich von unseren Referenzen \u00fcberzeugen.<\/p> <p>Kontakt<br \/> Institut f\u00fcr Theoriekultur<br \/> Dr. Sacha Szabo<br \/> In der Breige 9<br \/> 79189 Bad Krozingen<br \/> 0157\/ 82260601<br \/> kontakt@institut-theoriekultur.de<br \/> http:\/\/www.institut-theoriekultur.de<\/p> <p>Pressekontakt:<br \/> Selbstst\u00e4ndig\/ Institut f\u00fcr Theoriekultur<br \/> Sacha Szabo<br \/> In der Breige 19<br \/> 79189 Bad Krozingen<br \/> 0157\/ 822 60 601<br \/> kontakt@institut-theoriekultur.de<br \/> http:\/\/www.institut-theoriekultur.de<\/p> <p>Keywords:<br \/> Biggest Looser,Kritik,Wissenschaft,Dschungelcamp,DSDS<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle verabscheuen es zutiefst, keiner will es gesehen haben, doch die Quoten sprechen eine andere Sprache. 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