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E-Book

Henry David Thoreau

Waldgänger und Rebell. Eine Biographie

AutorFrank Schäfer
VerlagSuhrkamp
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl253 Seiten
ISBN9783518752166
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR

Am 12. Juli 2017 jährt sich der 200. Geburtstag von Henry David Thoreau (1817-1862), dem Aussteiger, Naturfreund, störrischen und faszinierenden Freigeist und Rebellen - der zum  amerikanischen Nationalheiligen wurde. Aus diesem Anlass erscheint jetzt die erste umfassende deutsche Biographie.

Wer war dieser Mensch, der, aufgewachsen als Sohn eines Bleistiftfabrikanten, in Harvard alte Sprachen studierte und die antiken Klassiker im Original las? Seine Karriere als Lehrer aufs Spiel setzte, weil er sich weigerte, seine Schüler mit dem Rohrstock zu malträtieren. Der sich, ein 28-jähriger menschenscheuer Junggeselle, zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage  in eine selbstgebaute Blockhütte am Waldensee zurückzog, um außerhalb aller gesellschaftlicher Konventionen zu leben, und darüber ein Buch schrieb, das bis heute Pflichtlektüre für jeden Amerikaner geblieben ist: Walden. Der lieber ins Gefängnis ging, als die USA mit Steuergeldern für ihre Sklavenpolitik und den expandierenden Mexiko-Krieg zu unterstützen, und darüber sein  Traktat »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat« verfasste, das zum Kanon politischer Protestliteratur gehört, das Mahatma Gandhi als Lehrbuch an seine Schüler verteilte, das Martin Luther King und die amerikanische  Bürgerrechtsbewegung im Marschgepäck trugen und das die Occupy-Bewegung heute für sich entdeckt hat.
Frank Schäfers wissenschaftlich fundierte, spannend erzählte Biographie des einflussreichen Denkers, Politikers und Schriftstellers beantwortet diese Fragen. Er zeichnet das Porträt eines Mannes, dessen »Experimente« und Bücher die Welt verändert haben und heute aktueller denn je sind.



<p>Frank Sch&auml;fer, geboren 1966, lebt als Schriftsteller, Musik- und Literaturkritiker in Braunschweig. Er schreibt f&uuml;r taz, Neue Z&uuml;rcher Zeitung, Rolling Stone u. a. Neben Romanen und Erz&auml;hlungen erschienen diverse Essaysammlungen und Sachb&uuml;cher.</p>

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Leseprobe

AN DER BRÜCKE

Henry David Thoreau wird am 12. Juli 1817 in Concord, Massachusetts, geboren. Die Gemeinde ist klein, ländlich, 1850 ergibt eine Volkszählung 2249 Einwohner. Aber sie liegt idyllisch an dem Zusammenfluss des Sudbury und des Assabet, die in den Concord River aufgehen. Inmitten einer abwechlungsreichen Hügellandschaft mit Wiesen, Äckern, Wäldern und kleinen Seen. An den Ufern und Wegrändern wachsen wilder Wein, wilde Äpfel und vor allem Heidelbeeren. Es überwiegen kleine Familienfarmen, auf denen Roggen, Mais, Kartoffeln und Bohnen angebaut werden. Von der großen Knochenmühle des 19. Jahrhunderts, der Industrialisierung, ist noch nichts zu sehen. Die Textilfabriken, für die Massachusetts später berühmt und berüchtigt wird, sind weit entfernt. Immerhin, die Besiedelung nach Westen macht Fortschritte, und bald schrumpfen die Entfernungen infolge des Eisenbahnausbaus.

»Ich habe niemals mit dem Staunen aufgehört, dass ich am schätzenswertesten Ort der ganzen Welt geboren wurde, und noch dazu im idealen Augenblick«, wird Thoreau später, am 5. Dezember 1856, im Tagebuch vermerken. Concord besitzt aber auch etwas, das nur wenige Orte Neuenglands in diesen Jahren beanspruchen dürfen – Geschichte. Die Pilgerväter gründeten 1635 hier ihre erste Siedlung im Inneren des Landes. Concord symbolisiert die religiöse, politische Tradition der jungen USA, den Aufbruchsgeist und die tätige Energie des Puritanismus, aber auch seine asketische Strenge und seinen Dogmatismus.

Fast anderthalb Jahrhunderte später geht die Stadt noch einmal in die patriotischen Annalen ein. Die legendären Minutemen, räudige amerikanische Farmermilizen, bereiten am 19. April 1775 an der North Bridge einem gut ausgebildeten britischen Strafbataillon eine vernichtende Niederlage. Mit diesem Scharmützel beginnt der Unabhängigkeitskrieg. Und jetzt wird die Stadt endgültig zum Nationalheiligtum erhoben.

By the rude bridge that arched the flood,
Their flag to April’s breeze unfurled,
Here once the embattled farmers stood
And fired the shot heard ’round the world.

So bedichtet Ralph Waldo Emerson 1837 in seiner »Concord Hymn« die mittlerweile mythische Szenerie. Der Stammvater der »American Renaissance«, der Prophet einer eigenen amerikanischen Nationalkultur, lässt sich nicht grundlos zwei Jahre zuvor hier nieder und zieht weitere Intellektuelle und Künstler in dieses Weimar der Neuen Welt. Die »Concord group« soll das philosophisch und ästhetisch fortsetzen, was die Heroen hier begonnen haben – die Befreiung von der europäischen Tradition. Und er findet in Thoreau alsbald einen gelehrigen Schüler.

DIE BUTTER-REBELLION

Thoreaus Vorfahren väterlicherseits sind Hugenotten. Die Thiereaux müssen 1685, als Ludwig XIV. den Katholizismus zur einzig seligmachenden Religion Frankreichs erklärt, aus Tours auf die englische Kanalinsel Jersey flüchten. Großvater Jean emigriert kurz vor Ausbruch der Französischen Revolution in die Neue Welt, lässt sich in Boston als Kaufmann nieder und kommt bald zu einigem Wohlstand.

Thoreaus Vater John hat weniger Glück, er gehört zu den vielen Bankrotteuren Neuenglands. Mehrfach scheitern seine Versuche, als Ladenbesitzer die Subsistenz seiner kleinen Familie zu erwirtschaften. Kurz nach der Geburt des dritten Kindes David Henry – später wird er als Ausweis seiner Individualität die Reihenfolge vertauschen – zieht die Familie ins nahe Chelmsford um. Bald darauf geht es nach Boston. 1823 kehren sie schließlich nach Concord zurück, um sich hier endgültig niederzulassen. Mittlerweile betreibt John eine kleine Bleistiftmanufaktur – und die wirft regelmäßige, wenn auch eher schmale Einkünfte ab. Um über die Runden zu kommen, muss Thoreaus Mutter Cynthia Pensionsgäste im Haus beherbergen.

In Cynthias Ahnenreihe vermischen sich schottische Presbyterianer und englische Quäker. Ihr Vater Asa Dunbar, ein Harvard-Absolvent, gibt seine politische Karriere im Ministerium dran, um sich in der Juristerei und schließlich bis zu seinem frühen Tod als Verwaltungsbeamter in dem kleinen Kaff Keene, New Hampshire, zu verdingen. In seiner Studienzeit macht er sich bei der Universitätsleitung als Rädelsführer der »Harvard College Butter Rebellion« unbeliebt, in der sich die Studenten 1766 lautstark über die schlechte Verpflegung beschweren.

Man muss bei genealogischen Kausalzusammenhängen vorsichtig sein – sie beweisen ja vor allem die Verknüpfungslust des Interpreten –, aber es ist doch zumindest bemerkenswert, dass einige der charakteristischen Merkmale Thoreaus – seine tiefe Religiosität und sein Synkretismus, sein Renegatentum, sein beschränkter beruflicher Ehrgeiz, sein fehlendes monetäres Interesse, ja, seine Antipathie gegenüber dem Yankee-Materialismus – auf die eine oder andere Weise in seiner Ahnenreihe bereits präfiguriert zu sein scheinen.

DER AMERIKANISCHE GELEHRTE

Thoreaus Mutter Cynthia wird von den Zeitgenossen als eine energische, zupackende, überaus kommunikative Frau beschrieben. Um erfolgreich eine Pension führen zu können, musste sie das wohl auch sein. Vater John ist der Schweigsame. Ein freundlicher Mann mit guten Manieren. Die beiden kommen gut miteinander aus. Henry ist das dritte von vier Kindern. Seiner fünf Jahre älteren Schwester Helen scheint er nicht sehr nahegestanden zu haben. Sie wird Lehrerin und unterstützt ihn finanziell während seines Studiums. Als Helen 1849 an Tuberkulose stirbt, ist ihm das keine einzige Zeile im Tagebuch wert.

John junior ist zwei Jahre älter als er. Er wird sein Spielkamerad, Vertrauter, bester Freund und nicht zuletzt Vorbild. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Henry ist ein schüchterner, kopfhängerischer Träumer. John dagegen strotzt vor Selbstbewusstsein. Er ist umgänglich, bei allen beliebt, noch dazu sieht er gut aus. Ihm trauen die Eltern eine Karriere zu.

Henrys zweite Schwester Sophia ist zwei Jahre jünger als er. Sie verehrt ihren größeren Bruder und kümmert sich später, als er im Sterben liegt, liebevoll um ihn – und um sein Werk. Sie hilft ihm bei der Überarbeitung seiner letzten Essays »Autumnal Tints«, »Wild Apples«, vor allem aber »Walking« und »Life Without Principle«, der beiden großen Bekenntnisschriften, die Thoreaus Philosophie noch einmal auf den Punkt bringen. Nach seinem Tod betreut Sophia die Publikationen aus dem Nachlass und hat damit einen nicht ganz unwesentlichen Anteil an seinem Nachruhm.

Die Mutter gibt den Ton an im Hause Thoreau. Sie ist bildungsbeflissen und sorgt trotz der schwierigen finanziellen Situation dafür, dass wenigstens ihre beiden Söhne – Frauenemanzipation gibt es noch nicht einmal als Begriff – die Concord Academy besuchen können. Eine der besseren Schulen am Platz, die sich als Sprungbrett für das knapp 25 Kilometer entfernte Harvard College versteht. Cynthia legt jedoch Wert darauf, dass keine Stubenhocker aus ihnen werden, sondern Lebenspraktiker. Sie hält sich gern in der Natur auf, animiert die Familie immer wieder zu Ausflügen in die nähere Umgebung nach Egg Rock, zum Waldensee oder zum Fair Haven Hill, wo sie am Lagerfeuer ihre Bohnen kochen oder Fische grillen – wie in einem der gerade erschienenen »Lederstrumpf«-Romane. Cynthia kennt die lokale Flora und Fauna und weiß ihren Enthusiasmus und ihr Wissen offenbar gut zu vermitteln. Wenn Emerson in Thoreau sein Idealbild des amerikanischen Gelehrten verwirklicht sieht – das er in seinem Vortrag »The American Scholar« skizziert hat –, nämlich als eine Synthese aus solider klassischer Bildung und praktischem Verstand, dann ist das wohl vor allem Cynthia zu verdanken. Und vielleicht auch noch James Fennimore Cooper.

John Thoreau sen.,

der Vater

Cynthia Dunbar Thoreau,

die Mutter

John Thoreau jun.,

der Bruder

Sophia Thoreau,

die jüngere Schwester

Helen Thoreau,

die ältere Schwester

MEIN LEBEN WAR EKSTASE

Und noch in einer anderen Sache unterscheiden sich Henrys Kindheit und Jugend von einer in Neuengland typischen. Man ringt im Hause Thoreau um den rechten Glauben. Die einzelnen Familienmitglieder wechseln kreuz und quer die Konfessionen, besuchen Gottesdienste der Trinitarier, der Unitarier – und wieder retour. Thoreau tritt schließlich ganz aus dem Verein aus, als er, gerade volljährig geworden, aufgefordert wird, Kirchensteuern zu zahlen. Bald gehört er ohnehin zu den Apostaten. Die Transzendentalisten um Emerson besuchen keine Messen mehr, sondern gehen hinaus in die Natur und finden den lieben Gott unter jedem Stein.

Toleranz ist bei den Thoreaus also die unbedingte Voraussetzung eines harmonischen Miteinanders. Es scheint vieles erlaubt gewesen zu sein, solange man nur glaubte. Und der Glaube bereichert und erhebt schon das Leben des Kindes, wenn man der Erinnerung eines nostalgisch gestimmten Vierunddreißgjährigen glauben darf. »Mein Leben war Ekstase«, notiert er sich unterm 16. Juli 1851 ins Journal. »Ich kann mich erinnern, dass ich in der Jugend, als ich noch keinen meiner Sinne eingebüßt hatte, ganz lebendig war und meinen Leib mit einem...

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