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E-Book

In den Straßen der Bronx

Detective Edward Conlon über Leben und Sterben in New York

AutorEdward Conlon
VerlagAnkerherz Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl352 Seiten
ISBN9783940138996
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
New York City, in der Bronx: Das Revier von Detective Edward Conlon liegt auf der finsteren Seite der Stadt, in die sich kein Tourist verirrt. Eine Welt der Gangs, der Gewalt, der Drogen, der Verwahrlosung, in der es den Cops darum geht, jene Bürger zu schützen, die ein normales Leben führen wollen. Dabei werden auch die Polizisten zur Zielscheibe. Ein schwerer Stein, geworfen aus dem 20. Stockwerk, verfehlt Conlon nur um Zentimeter. Sechs Jahre lang ist Conlon, Absolvent der Harvard-Universität, auf Streife gegangen - und hat seine Erlebnisse zu einem intensiven, gefeierten New York Times-Bestseller verdichtet. 'In den Straßen der Bronx' ist auch die Innenansicht einer Familie irischstämmiger Cops, geprägt von alten Werten und dem unerschütterlichen Glauben an eine gute Sache. Der Stein, der ihn beinahe tötete, ziert heute Conlons Schreibtisch.

Edward Conlon wurde 1965 in der Bronx geboren. Nach seinem Abschluss an der Universität von Harvard begann er 1995 seinen Dienst beim NYPD. 2002 wurde er zum Detective befördert. 2011 schied er aus dem Polizeidienst aus, um sich nach 2000 Fällen und zwei veröffentlichten Büchern ausschließlich dem Schreiben zu widmen. Er lebt in New York.

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Leseprobe

KAPITEL 1 / ROOKIE IN DER BRONX

Meine erste Streife in New York City führte mich auf der East 156 Street in Richtung der Sozialbausiedlung an der Courtlandt Avenue im Süden der Bronx. Ich war erst wenige Schritte gegangen, da brummte von irgendwoher eine tiefe Stimme: »Leute, guckt mal. Wir haben einen neuen Sheriff.« Man hatte uns gesagt, dass jeder uns sofort als »Rookie« erkennen würde, als Anfänger – am Leder unserer Gürtel und Schuhe, das so schön neu glänzte, und an den etwas dusseligen Gesichtern, denen noch jede Härte fehlte. Die Leute können einen neuen Polizisten förmlich riechen, wie frische Farbe. Ich drehte mich verlegen um in die Richtung, aus der die Stimme kam, und sah, dass sie zu einem besoffenen Obdachlosen gehörte, der unter einem riesigen Cowboyhut aus Styropor die Straße entlangtorkelte. Ich sagte im Geist das Credo des New York Police Departments auf, das mit den Worten beginnt: »Im Dienst der Gemeinde geloben wir, das Leben und das Eigentum unserer Mitbürger zu schützen und das Gesetz zu wahren, ohne je Partei zu ergreifen …« Während unserer Ausbildung an der Polizeiakademie hatten wir den Spruch immer wieder heruntergebetet, so wie wir im Schulsport vor jedem Wettkampf das Ave Maria aufgesagt hatten. Den Beginn meines Dienstes für die Allgemeinheit hatte ich mir zwar anders vorgestellt, aber es zeigte sich mal wieder, dass Lernen viel mit der Anpassung von Erwartungen zu tun hat, und auch wenn ich meine Ausbildung an der Akademie abgeschlossen hatte, sollte mein eigentlicher Lernprozess erst jetzt beginnen.

Ich wurde der Polizeiinspektion 7 zugeteilt, oder PSA 7, wie wir sagen, was in unserem Kürzeljargon für »Police Service Area« steht. Unser Einsatzgebiet umfasste die Sozialbausiedlungen von fünf Polizeirevieren im Süden der Bronx – dem 40., 41., 42., 44. und 46. Schwerpunkt unserer Arbeit waren die Vier-Null und die Vier-Zwei.

An unserem ersten Tag im Dienst war die Wache mit purpurfarbenem und schwarzem Krepp geschmückt, zu Ehren eines Polizisten aus der Führungsetage, der an Aids gestorben war. Mehr wussten wir nicht, bis ein Typ in unseren Versammlungssaal stürmte und auf uns einbrüllte: »Es interessiert mich einen Scheiß, was diese Arschlöcher sagen. Mike war ein echter Kumpel und ein verdammt guter Polizist. Wenn ihr also etwas anderes hört, dann sagt denen, dass sie sich zum Teufel scheren sollen, und zwar mit einem schönen Gruß von mir!« So plötzlich, wie er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder, und wir stiegen in die Busse, die uns zur Beerdigung fuhren. Wir wussten nicht, was wir dort sollten, und ließen es stumm über uns ergehen.

Das also war unsere Einführung in das Innenleben des Reviers – herzlich ging es zu, nur gewannen manchmal eben doch Korpsgeist und Tradition die Oberhand. Die meisten von uns hatten es nicht eilig damit, sich in das Gefüge einzuordnen; es würde sich schon früh genug ein Platz für jeden finden.

Die älteren Kollegen empfingen uns mit Spott oder Pöbeleien, was wir weder erwartet noch in irgendeiner Weise provoziert hatten. Ein Chef stellte sich beim Morgenappell hin und schiss uns erst einmal zusammen, als hätten wir monatelang die Miete nicht bezahlt; ein anderer begann ganz freundlich mit einem »Schön, euch zu sehen«. Manche der älteren Cops nahmen uns unter ihre Fittiche, andere hatten für uns Rookies bloß Verachtung übrig. Einig waren sie sich nur in einem: dass wir die besten Zeiten natürlich verpasst hatten, die größten Polizisten genauso wie die schlimmsten Verbrechen und die fiesesten Gangster. Überhaupt war früher alles besser, vor allem die Truppe, die unter dem Namen »Housing Police« firmierte und in den Sozialbausiedlungen der Stadt für Recht und Ordnung sorgte. Drei Monate bevor wir unseren Dienst antraten, hatte New York nämlich noch drei verschiedene Polizeibehörden gehabt: Um den Frieden in den sozialen Brennpunkten kümmerte sich die Housing Police; für den Kosmos der U-Bahnen war die Transit Police zuständig; und den ganzen Rest erledigte das NYPD. Im April 1995 verordnete Bürgermeister Rudolph Giuliani1 der Polizei eine Strukturreform und vereinigte die drei Behörden unter dem Dach der NYPD zu einer einzigen vierzigtausend Mann starken Truppe.

Für die älteren Kollegen war unsere neue Wache – ein moderner Betonklotz mit Schließfächern für alle und sogar einem Fitnessraum im Keller – der Stein gewordene Beweis, dass wir niemals verstehen würden, wie es früher war. Die alte Wache hatte aus wenigen Räumen im Keller eines Wohnblocks in den Projects2 bestanden; außer den Cops hausten dort unzählige Ratten, und wenn es kräftig regnete, stand der ganze Laden unter Wasser. Unsere Generation würde die kernige Polizeiarbeit der alten Schule also nicht mehr erleben, das war die Botschaft. Wir kannten nur das reformierte NYPD, und unser Job war strenger reguliert und kälter als früher. Einen Tag frei machen? Das ging nicht mehr so leicht. Und auf Streife mal eine Tür eintreten, wenn Gefahr im Verzug war? Auch dafür gab es heute strikte Vorgaben. Wir waren winzige Figuren in einem großen Spiel – und zu spät an den Start gegangen.

Wir waren wie die Ausrüstung, die wir trugen: komplett neu und schon gefährlich. Ich hatte meine blaue Polyesterhose an und das passende Uniformhemd; schwarze Stiefel; Gurt und Holster für die Dienstwaffe; zwei Magazine mit jeweils fünfzehn Schuss Neun-Millimeter-Munition; Funkgerät, Pfefferspray; Handschellen; Taschenlampe. Unsere kugelsichere – oder technisch genauer: durchschusshemmende – Weste bestand aus zwei Lagen Kevlar, die in einen Träger aus Stoff eingearbeitet waren. Ein Kollege malte Bibelverse auf seine Weste: Und ob ich schon wanderte in finsterem Tal … Andere notierten ihre Blutgruppe. Wenn man die Sommeruniform trug, also das Hemd mit den kurzen Ärmeln und dem offenen Kragen, war die Weste im Ausschnitt zu sehen. Guckte aber auch das T-Shirt raus, bekam man von einigen Vorgesetzten einen Anschiss oder gar eine schriftliche Ermahnung. Die Dienstmarke wurde mit einer Kiltnadel am Hemd befestigt, und zwar über dem Schild mit dem Namen. Ich selbst hatte außerdem einen Zettel mit einem Gebet an den Erzengel Michael, den Schutzheiligen der Streifenpolizisten, in der Dienstmütze.

Sie spendierten uns ein paar Wochen Praxistraining; ein Cop namens Vinnie Vargas zeigte uns am Beispiel der Wohnblöcke Melrose und Jackson, die in unmittelbarer Nachbarschaft der Wache lagen, worin unser Job bestand. Wir gingen auf Streife, kontrollierten Parkplätze und stiegen auf die Dächer der Wohnblocks. Einmal am Tag bekamen wir über Funk die Aufforderung, unsere Notizbücher vorzulegen und unterzeichnen zu lassen – und uns eine Einschätzung unserer Arbeit abzuholen. Mal war alles klasse, mal unter aller Kanone, das Urteil schien allein von der Willkür unserer Vorgesetzten abzuhängen. Einmal sind direkt vor meinen Augen drei Autos zusammengekracht. Ich brauchte an die fünf Stunden, um den Unfall komplett zu bearbeiten: Führerscheine und Fahrzeugpapiere kontrollieren, Versicherungsdaten prüfen, Aussagen aufnehmen, Skizzen anfertigen, wo und wie die Wagen zum Stehen kamen und welcher Zeuge in welchem Auto saß. Als ich alles im Kasten hatte, kam ich mir vor, als würde ich nun auch die französische Sprache oder die Vertracktheiten der Infinitesimalrechnung meistern können. Drei- oder viermal am Tag kriegten wir über Funk einen Notruf rein, meistens Fälle von häuslicher Gewalt oder weil Fahrstühle stecken geblieben waren. Abends hörten wir schon mal Schüsse und rannten in die Richtung, aus der sie zu kommen schienen. Krampfhaft hielten wir dabei unsere Funkgeräte und Gummiknüppel fest, damit sie uns beim Laufen nicht vom Gürtel fielen – und kamen natürlich jedes Mal zu spät. Wir waren wie Katzenjunge, die versuchten, den Lichtkegel einer Taschenlampe auf dem Boden zu erhaschen. Einmal saß ich nachts in der Kantine der Wache, als draußen eine Schießerei losging. Ich schaute aus dem Fenster und sah zwei junge Männer die Straße herunterkommen. Ich starrte sie an, sie starrten zurück – und dann zeigten sie beide mit dem Daumen in Richtung der Projects. Ich nickte ihnen kurz zu und widmete mich wieder meinem Essen. Die Schüsse kamen von Drogenhändlern, die entweder aus Spaß rumballerten oder weil sie gerade einen ihrer Kriege ausfochten. Aber einen Trupp von Anfängern ausgerechnet im Kreuzfeuer der Drogenbarone in die hohe Kunst der Festnahme einzuführen, war ein riskantes Unterfangen, und Vinnie hatte sich dagegen entschieden. Wahrscheinlich ein weiser Entschluss, aber mit der traurigen Konsequenz, dass der wild wuchernde Handel mit Crack und Heroin sich vor unseren Augen unkontrolliert ausbreitete. Die Drogenhändler hätten sich Schneeballschlachten liefern können mit dem Zeug, ohne dass jemand eingeschritten wäre. Der Streifenpolizist für Melrose-Jackson war ein Typ namens Scott Mackay, und ich war schwer beeindruckt, wie er im Einsatz auftrat – mal freundlich-entspannt, mal energisch-konsequent, wie es die Lage eben erforderte. Ich sagte ihm, dass ich den Posten nicht besonders aufregend fand, und er lachte nur.

Als unsere Lehrstunden in der Praxis absolviert waren, drängten wir uns um den großen Tisch im Versammlungsraum, um zu sehen, für welchen Job man uns eingeteilt hatte. Es gab drei Möglichkeiten: Entweder konnten wir als PCO eingesetzt werden, als Project Community Officer, der als Streifenpolizist für einen bestimmten Wohnblock in den sozialen Brennpunkten zuständig war. Oder man landete in einem so genannten Target Team, einem Trupp von fünf oder sechs Leuten, der immer in die Siedlungen geschickt wurde, in denen gerade...

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