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E-Book

Blutsbrüder

Unsere Freundschaft in Liberia

AutorBenjamin Kwato Zahn, Michael Jentzsch
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl300 Seiten
ISBN9783838726809
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
Eine Freundschaft, die selbst der Bürgerkrieg nicht zerreißen konnte Liberia soll seine neue Heimat werden. Was erwartet den achtjährigen Michael in dem fremden Land, wo seine Eltern als Missionare arbeiten? Kurz nach seiner Ankunft trifft
er den einheimischen Jungen Ben. Auf Anhieb verstehen sie sich blind. Als aber der Bürgerkrieg ausbricht, muss Michael zurück nach Deutschland fliehen. Was geschieht mit dieser einzigartigen Freundschaft, wenn einer sicher aufwächst - und
der andere mit ansehen muss, wie die eigene Familie grausam ermordet wird? Beide geben die Hoffnung auf ein Wiedersehen nicht auf. Eine verzweifelte Suche beginnt ... Mit einem Vorwort von Willi Lemke, Sonderberater des UN-Generalsekretärs
für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden

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Leseprobe

AFRIKA


Als ich fünf Monate alt war, reisten meine Eltern, Heinz und Erika, mit mir und meiner drei Jahre älteren Schwester Angelika in den Niger. Meine Eltern, evangelische Missionare, hatten sich im Jahr 1975 verpflichtet, bei einem zentralafrikanischen Missionsprojekt in Dungas mitzuarbeiten. Mein Vater als Missionar und Entwicklungshelfer, meine Mutter als Krankenschwester in einer Krankenstation. So kam es, dass ich in vielerlei Hinsicht wie jedes andere Dorfkind im Niger aufwuchs. Es gibt ein inzwischen stark verblasstes Foto, auf dem mich meine Mutter in einem Tuch auf dem Rücken trägt – so wie die schwarzen Frauen. Schlafend mache ich einen ziemlich zufriedenen Eindruck.

Ich lernte als Erstes, statt nach Spielsachen nach Wurzeln, Gräsern und Sand zu greifen, und wir hatten nicht nur Hunde als Haustiere, sondern auch einen kleinen Rhesusaffen, mit dem ich auf unserem Hof herumtollte. Meine Schwester und ich bekamen natürlich auch aus Kinderbüchern vorgelesen, hatten Legos und eine Ritterburg, aber wenn ich die Wahl hatte, spielte ich lieber mit meinem schwarzen Freund Salisu im Sand, verkleidete mich als Indianer oder zog mit meiner Steinschleuder umher. Salisu und ich durften manchmal auch schon mit den älteren Jungen auf die Vogeljagd. Für die Kinder im Dorf war es selbstverständlich, ein Tier zu töten und der Familie nach Hause zu bringen, wo es gegrillt oder gekocht wurde. Alle halfen mit, die Familie zu ernähren. Auch in diesem Sinne wuchs ich typisch afrikanisch auf. Ein weißes Kind in der Steppe Zentralafrikas.

Abgesehen von wenigen Heimaturlauben lebten wir sechs Jahre lang im Niger. Und wir wären noch länger geblieben, wenn wir das Land nicht hätten verlassen müssen. In nur wenigen Wochen mussten wir alle Zelte abbrechen, weil mein Vater wegen Predigen des Landes verwiesen wurde. Ich kann nur vermuten, wie ich mich damals gefühlt habe. Meine Erinnerung setzt erst nach der Rückkehr nach Deutschland ein; die Jahre im Niger liegen wie im Dunkel versunken. Vielleicht hänge ich deshalb so sehr an den Geschichten, die mir meine Eltern über die Zeit dort erzählt haben, und an meinem Kinderalbum. Beim Anschauen dieser Fotos aus meinen ersten sechs Lebensjahren kann ich mich immer wieder aufs Neue meiner afrikanischen Wurzeln vergewissern. Denn wenn ich sonst an meine Kindheit denke, sehe ich als erste eigene Erinnerung einen deutschen Wald vor mir und davor ein großes Schloss. Ich, ein hellblonder Junge, stehe am Ufer eines Zuchtteichs in der Nähe und ziehe mit einer heimlich gebauten Angel aus einer Büroklammer und einer Schnur einen dicken Karpfen an Land. Dort, in Sinsheim, im Hauptquartier der Deutschen Missionsgesellschaft, wo wir nach der fluchtartigen Ausreise aus dem Niger eine Wohnung gestellt bekamen und in einer Gemeinschaft mit anderen Missionarsfamilien lebten, dort ist mein erstes Zuhause. An das Kinderzimmer, das ich mit meiner Schwester Angelika teilte, an frische Kuhmilch und Marmeladentoasts zum Frühstück, Indianerspiele im Wald, Einschulung in meine Grundschulklasse, Fußballspielen mit Klassenkameraden … daran erinnere ich mich gut.

Schon damals hörte ich gern die Geschichten aus Afrika; ich mochte es, die bunten Kleider anzuziehen, die wir von dort mitgebracht hatten; ich fühlte mich dadurch als etwas Besonderes. Doch vertraut war mir Sinsheim. An einem Nachmittag, als ich vom Spielen im Wald nach Hause kam, saßen meine Eltern in unserer Küche mit einem Gast zusammen, der ihnen auf Englisch etwas zu erklären schien. Auf dem Küchentisch lagen Fotos und Karten, und meine Eltern lauschten den Worten des Fremden und nickten abwechselnd. Angelika saß in einer Ecke auf einem Hocker und verfolgte das Gespräch der Erwachsenen mit ernster Miene. Sie verstand etwas Englisch, wenn sie es auch noch nicht flüssig sprechen konnte. Ich schaute sie fragend an. Während ich mich neben sie auf den Boden setzte, flüsterte sie: »Wir haben ein neues Angebot für eine Mission. Wir gehen zurück nach Afrika.«

Zurück nach Afrika? Ich wollte nicht zurück nach Afrika. Ich hatte meine Freunde in Sinsheim, ich liebte den Wald, den Fischteich vor der Tür. Hier war ich zu Hause. »Bist du sicher?«, fragte ich.

»Papa würde sehr gern dorthin … glaube ich.«

Papa. Immer durfte Papa entscheiden. Und ich? Ich wollte weder nach Afrika noch sonst wohin.

Der Besucher verabschiedete sich, und mein Vater brachte ihn zur Tür. Die Karten und Fotos blieben auf dem Küchentisch liegen, nur die Kaffeetassen stellte meine Mutter zusammen. Sie nahm uns Kinder gar nicht wahr.

»Ich will auf keinen Fall hier weg!«, sagte ich fest entschlossen in die Stille hinein.

Meine Mutter drehte sich erschrocken zu mir um. »Aber Michael, du weißt doch, dass wir nicht für immer hierbleiben können. Wir sind schon viel zu lange hier. Es wird Zeit, dass wir wieder eine richtige Aufgabe haben. Und in Liberia gibt es so viele Menschen, die unsere Hilfe gebrauchen können.«

Mir waren die Menschen in Liberia gleichgültig, für mich zählten meine Freunde – Karsten und Henrik, beide Kinder von anderen Missionaren –, die vielen dicken Fische, die ich noch angeln wollte, obwohl es verboten war, die Klassenkameraden, die Indianerspiele im Unterholz …

Ohne ein weiteres Wort floh ich aus der Küche und die Treppe hinunter, an meinem Vater vorbei, der gerade die Tür schließen wollte, hinaus in die Abenddämmerung.

»Michael! Es ist gleich Zeit fürs Abendbrot, komm sofort wieder ins Haus – und wasch dich vor dem Essen.«

Mein Vater erhob selten die Stimme. Aber wenn er es tat, duldete er keinen Widerspruch. Ich gehorchte und kehrte mit hängendem Kopf um.

Als ich in die Küche kam, half ich Angelika mürrisch, den Tisch zu decken. Später beim Tischgebet hörte ich nicht auf die Worte meines Vaters, sondern betete inständig, dass wir nie, nie, nie nach Afrika zurückgehen würden.

Doch meine Eltern nahmen schon nach wenigen Tagen das Angebot an, als Missionare der Deutschen Missionsgesellschaft nach Liberia zu reisen, wo mein Vater als Cheftechniker bei der ELWA-Radiostation, dem größten christlichen Mittelwellensender Afrikas, arbeiten würde. ELWA stand für »Eternal Love Winning Africa« – »Ewige Liebe gewinnt Afrika«, wie mir Angelika stolz erklärte, die es sichtlich genoss, mal wieder mehr zu wissen als ihr kleiner Bruder.

In den letzten Wochen vor der Abreise versuchten meine Eltern, mir den Umzug schmackhaft zu machen. »Wir wohnen direkt an einem Strand.« – »Dort kannst du angeln und schwimmen, wann immer du willst.« – »In Liberia scheint jeden Tag die Sonne, und du kannst Kokosnüsse direkt von den Palmen vor unserem Haus pflücken.« – »Wir sind dort viele Missionarsfamilien, und du findest sicher viele neue Freunde.«

»Kann ich dort auch surfen lernen?«, fragte ich einmal. Ich hatte auf einem Foto von der Küste Liberias Surfer gesehen. Noch am selben Abend hatte ich im Bett gelegen und mir vorgestellt, wie es sich wohl anfühlte, mit einem Surfbrett über das glitzernde Meer zu gleiten.

Doch der Traum vom Wellenreiten linderte den Abschiedsschmerz nicht. Je näher der Tag der Abreise rückte, umso stärker mischte sich die Wut auf meine Eltern mit Verzweiflung. Weder meine Zornesausbrüche noch mein Jammern brachten sie dazu, ihren Entschluss zu ändern.

Im August 1983 saßen wir in einem Flieger auf dem Weg nach Liberia – unserer neuen Heimat. Ich verspürte immer noch Angst. Während des Flugs kreisten meine Gedanken immer wieder um dieselben Fragen: Würde ich wirklich neue Freunde finden? Die Missionarskinder, die auf dem ELWA-Gelände lebten, stammten aus vielen verschiedenen Ländern, nur deutsche Kinder gab es dort noch keine. Wie lange würde es dauern, bis ich Englisch so gut beherrschte, dass ich mich mit den anderen verständigen konnte? Und würde ich in der Schule überhaupt mitkommen? Ich fühlte mich schrecklich allein und hilflos und klammerte mich an die Armlehne meines Sitzes.

Meine Mutter bemerkte es und legte einen Arm um mich. »Es wird schon alles gut, wart nur ab.« Sie lächelte aufmunternd. »Wenn wir angekommen sind und es noch nicht zu spät ist, darfst du gleich zum Strand!«

Mein Vater grinste und zwinkerte mir zu, und Angelika sagte großmütig: »Du lernst bestimmt ganz schnell Englisch. Ich kann doch auch nur ein bisschen.«

Der Zuspruch half. »Darf ich noch mal die Fotos angucken?«, fragte ich.

Mein Vater griff tief in seine verbeulte schwarze Handtasche, die unter dem Sitz verstaut war, und zog die Reisemappe mit den Bildern und Prospekten hervor. »ELWA« stand auf der Broschüre, die ganz oben lag. Ich blätterte sie schnell durch, dann nahm ich den kleinen Stapel Fotos und sah mir jedes einzelne zum vielleicht hundertsten Mal an: das große Gelände mit den flachen Häusern, die von Palmen gesäumte Straße aus rötlichem Lehmboden, das Schulgebäude – eine Privatschule – mit Fußballfeld und Baseballplatz, der Strand, das Meer, »der Atlantische Ozean«, wie mir mein Vater erklärt hatte. Das Blau des Meeres und der weiße Sand hielten meinen Blick für eine Weile gefangen. Ob es dort wirklich Haie gab, wie Henrik und Karsten vermutet hatten? Welche Abenteuer würde ich wohl erleben? Mir fielen die Worte meiner Mutter ein, die sie Tante Christa, ihrer Freundin, am Telefon erzählt hatte: »In Liberia werden wir 98 Prozent Luftfeuchtigkeit haben.« Beinahe ehrfürchtig hatte ihre Stimme geklungen. Besorgt hatte sie hinzugefügt: »Und Malaria gibt es dort wohl auch.«

Ob sie wie ich Angst vor dem fremden Land hatte? Ich legte die Fotos in die Mappe zurück...

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