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E-Book

Nationalsozialistische Expeditionspolitik

AutorPeter Mierau
VerlagHerbert Utz Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl556 Seiten
ISBN9783831604098
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis42,99 EUR
In diesem Buch werden zwei Formen deutschen Expeditionswesens der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts erstmals wissenschaftlich bearbeitet: die deutschen bergsteigerischen Ambitionen im Himalaja, insbesondere am Nanga Parbat, und die wissenschaftlichen Erkundungen in Tibet unter der Protektion der SS-Führung. Dabei geht es neben der chronologischen Darstellung vor allem um die Einbettung in die Geschichte der ausgehenden Weimarer Republik und des Nationalsozialismus.

Das Spannungsfeld von opportunistischer Anbiederung seitens der Expeditionäre gegenüber den braunen Machthabern, die den Propagandawert der Fahrten rasch erkannten, und der Verfolgung eigener Ziele unter den Bedingungen der Diktatur bis hin zum bewußten Engagement im NS-System wird untersucht. Die Bergsteiger und Tibet-Forscher waren auf Institutionen wie das Auswärtige Amt, die Reichssportführung und die SS angewiesen. Ihr elitäres Selbstverständnis war aber ohnehin für die nationalsozialistische Ideologie hochgradig anfällig.

Peter Mierau, 1971 in Würzburg geboren, arbeitete nach dem Studium an den Universitäten Würzburg und Heidelberg als freier Mitarbeiter am Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins in München. 1999 erschien sein Buch über die Deutsche Himalaja-Stiftung. Er unterrichtet die Fächer Deutsch und Geschichte am Röntgen-Gymnasium in Würzburg.

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Leseprobe
I. Die China- und Tibet-Expeditionen Ernst Schäfers in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts (S. 311-312)

1. Die China- und Tibet-Expeditionen Ernst Schäfers bis 1935

Selbst für den gebildeten Europäer war Tibet bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ein weitgehend fremdes Land. Aufgrund des allgemeinen Unwissens bot sich Platz für Mutmaßungen und Idealisierungen, aus den wenigen Informationen wurden pauschale und oberflächliche Rückschlüsse über das Land im Ganzen gezogen. Das Bild, das sich in Europa seit der Neuzeit formte, gründete im wesentlichen auf den Ausführungen von katholischen Ordensleuten, die in ihren Veröffentlichungen über ihre eigenen Erlebnisse, aber auch über die Kultur Tibets berichteten und damit in aller Regel ein relativ großes und interessiertes Publikum in Europa fanden.

Berichte über Tibet, wie der des portugiesischen Jesuiten António de Andrade (* 1580), erregten Aufsehen, wurde doch darin ein Land beschrieben, das gegensätzlicher nicht sein konnte: Tibet war das unzugänglichste, geheimnisvollste und fremdeste Land Asiens, und gleichzeitig betont Kaschewsky, daß dadurch bereits der Grundstock für den »Mythos Tibet « gelegt worden sei. In den Beschreibungen der Ordensleute wurde zwar die Andersartigkeit Tibets detailliert festgehalten, gleichzeitig konnte aber darauf hingewiesen werden, daß die Tibeter die einzigen Asiaten seien, mit denen sich Europäer identifizieren konnten.

Der theokratische Lamaismus Tibets wurde verglichen mit dem Christentum, denn die Missionare setzten viel daran, gerade die tibetische Religion, die auch die Gesellschaftsstrukturen und die Politik des Landes bestimmte, genauer zu beschreiben und die religiös vorgeprägten Tibeter dem christlichen Heilsweg zuzuführen. Die räumliche Abgeschlossenheit, das daraus resultierende mangelhafte Wissen über Tibet und der religiöse Eifer der Missionare werden dazu geführt haben, daß sich durch derlei Schriften ein »Mythos Tibet« entwickelte. Eine weitere Ebene dieses Mythos entstand mit der Aufklärung. Immanuel Kant (1724–1804) zählte in seiner Schrift »Von den verschiedenen Racen der Menschen« die Tibeter neben den Indern, Skythen und Chinesen zu der »hindistanischen Race«, sah darüber hinaus allerdings in Tibet »vielleicht den Zufluchtsort des menschlichen Geschlechts während und dessen Pflanzschule nach der letzten großen Revolution unserer Erde«.

In der Abhandlung über die »Physische Geographie« wiederholte er diesen Gedanken und führte dazu näher aus: »Die genauere Kenntnis von Tibet in Asien wäre eine der wichtigsten. Durch sie würden wir den Schlüssel zu aller Geschichte erhalten. Es ist dieses das höchste Land, wurde auch wahrscheinlich früher als irgend ein anderes bewohnt und mag sogar der Stammsitz aller Cultur und Wissenschaften sein. Die Gelehrsamkeit der Inder namentlich rührt mit ziemlicher Gewißheit aus Tibet her, so wie dagegen alle unsere Künste aus Indostan hergekommen zu sein scheinen, z.B. der Ackerbau, die Ziffern, das Schachspiel u.s.w. Man glaubt, Abraham sei an den Grenzen von Indostan einheimisch gewesen. Ein solcher Urplatz der Künste und der Wissenschaften, ich möchte sagen, der Menschheit, verdiente wohl die Mühe einer sorgfältigeren Untersuchung.«

Kant sah demnach in Tibet die Keimzelle jeglichen menschlichen Lebens, und es entsprach dem Ansatz der Aufklärung, aus den natürlichen Umständen auf die Geschichte des Menschen zu schließen. Über Kants Quellen ist wenig bekannt, jedoch ist anzunehmen, daß er sich auf die Berichte der Jesuiten- und auch Kapuziner-Mönche stützen konnte. Der Königsberger Philosoph setzte sich damit klar von der biblisch geprägten Entwicklungsgeschichte der Menschen ab.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort8
Inhaltsverzeichnis10
Einleitung12
1. Teil: Deutsche Auslandsbergfahrten in den Himalaja in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts36
I. Organisation und Durchführung von Auslandsbergfahrten von der Jahrhundertwende bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges38
1. Die Entwicklung des deutschen Expeditionsbergsteigens bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg38
2. Die »Deutsche Kangchendzönga-Expedition« von 1929: Ausgangspunkt des deutschen Engagements im Himalaja48
3. Die Konkurrenz zwischen den Bergsteigern Paul Bauer und Günter Oskar Dyhrenfurth61
4. Der Plan von Wilhelm Welzenbach zu einer Expedition zum Nanga Parbat im Jahr 193065
5. Die Expeditionen unter der Leitung von Willy Merkl zum Nanga Parbat in den Jahren 1932 und 193486
6. Bergsteigen im Nationalsozialismus – das »Fachamt für Bergsteigen und Wandern im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen«100
7. Die Gründung der »Deutschen Himalaja-Stiftung« 1936112
8. Die »Deutsche Nanga Parbat-Expedition« von 1937125
9. Die »Deutsche Nanga Parbat-Expedition« von 1938153
10. Die Auslandsbergfahrten nach der endgültigen Gleichschaltung der alpinen Organisationen 1938157
11. Die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand 1938 und ihre Folgen für die Nanga Parbat-Planungen von 1939167
II. Die Stilisierung des Nanga Parbat zum »Schicksalsberg der Deutschen« in der nationalsozialistischen Öffentlichkeit194
1. Die Gedenkfeiern des Deutschen Bergsteigerbundes als Mittel der politischen Demonstration201
2. Das Gedenken im Film, im Rundfunk und in der Publizistik221
3. Weitere Formen des Totengedenkens und der Erinnerungsstiftung258
4. Die englische Haltung zur nationalistischen Heroisierung deutscher Auslandsbergfahrten285
Zusammenfassung: Das alpinistische Expeditionswesen und der Nationalsozialismus296
2. Teil: Wissenschaftliche Tibet-Expeditionen und ihre Förderung durch die SS310
I. Die China- und Tibet-Expeditionen Ernst Schäfers in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts312
1. Die China- und Tibet-Expeditionen Ernst Schäfers bis 1935312
2. Die Vorbereitung der »Deutschen Tibet-Expedition Ernst Schäfer« von 1938/39 und die Rolle Heinrich Himmlers327
3. Die Durchführung der »Deutschen Tibet-Expedition Ernst Schäfer« von 1938/1939350
II. Wissenschaftsorganisation während des Krieges366
1. Über Rußland nach Tibet: die deutschen Tibet-Planungen 1939/1940366
2. Die »Forschungsstätte für Innerasien und Expeditionen im Ahnenerbe der SS«1283395
3. Das »Sven Hedin-Institut für Innerasienforschung« an der Ludwig-Maximilians-Universität München439
4. Das »Sonderkommando K«459
5. Das Forschungsvorhaben »Die Rassen im Kampf« und Forschungen an russischen Kriegsgefangenen487
6. Das Kriegsende auf Schloß Mittersill und die Entnazifizierung der Tibet-Wissenschaftler506
Zusammenfassung: Die Expeditionswissenschaft Ernst Schäfers und der Nationalsozialismus516
Ergebnisse520
Quellenverzeichnis528
Literaturverzeichnis532
Abkürzungsverzeichnis und Glossar550
Personen- und Ortsregister552

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