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E-Book

Unter Palmen aus Stahl

Die Geschichte eines Straßenjungen

AutorDominik Bloh
VerlagAnkerherz Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl230 Seiten
ISBN9783945877227
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Das Elternhaus war schwierig, und als die Großmutter starb, folgte der freie Fall. Dominik Bloh war noch ein Teenager, als seine Geschichte auf den Straßen Hamburgs begann. Mehr als ein Jahrzehnt schlief er immer wieder auf Bänken oder Brücken - und versuchte, trotz Hunger, Kälte und Einsamkeit ein Maß an Normalität aufrecht zu erhalten. Zwischen Schule, Hiphop und Basketballplatz. In 'Unter Palmen aus Stahl' erzählt Dominik Bloh, Jahrgang 1988, in eigenen Worten, wie das Leben ganz unten in Deutschland spielt. Und wie er sich herausgekämpft hat. Ein Buch, das auch vom Mut handelt und von der Courage, sich und sein Leben zu ändern. Dominik lebt heute in einer kleinen Wohnung und hat einen Job.

Dominik Bloh, Jahrgang 1988, lebte elf Jahre lang immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Im Ankerherz-Blog erzählt er aus seinem Leben. Seiner Facebook-Seite folgen inzwischen mehr als 3000 Freunde. Unterstützt wurde Dominik von der Stiftung 'Dekeyser & Friends'.

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Leseprobe

ZUHAUSE, VERLOREN.


Schreiben.
Hamburg-Eimsbüttel, 2017


Ich schreibe. In meiner Wohnung. Das ist ungewohnt. Geschrieben habe ich schon als Kind, aber eine eigene Wohnung hatte ich noch nie.

Ein warmer Ort. Licht, Wärme und Strom. Schlafen, Essen und Hygiene. Mir fehlt nichts. Ich habe wenig, aber ein Zuhause.

Ein Badezimmer, immer warmes Wasser, waschen. Ganz in Ruhe.

In der Küche stehen zwei Müllsäcke, der Staubsauger und ein Wischmopp. Die Schränke sind leer. Die Küche ist ein schwieriger Ort.

Für manche klingen zwanzig Quadratmeter klein. Für mich ist es unmöglich, diesen Raum zu füllen. Ich habe einen Tisch, an dem ich schreiben kann, und eine Matratze. Ich habe keinen Kleiderschrank. Alles, was ich habe, trage ich seit einem Jahrzehnt in meiner schwarzen Nike-Tasche.

Seit meinem 16. Lebensjahr war ich Couchsurfer, Kurzzeit-Untermieter, Mietnomade, obdachlos. Jetzt bin ich 29, sitze in meiner Wohnung, für die ich vor einem Jahr die Schlüssel bekommen habe, und schreibe darüber, wie es ist, auf der Straße zu leben, und wie es dazu kam.

Die Straße bleibt in meinem Kopf.

Allein.
Hamburg-Barmbek, 2005


5. Februar. Ich komme ein paar Minuten zu spät in die Schule. Der Unterricht hat bereits angefangen. Mein Lehrer verlangt eine Erklärung für die Verspätung und fordert eine Entschuldigung. Ich denke nur: „Für was in den letzten Stunden soll ich mich entschuldigen?“ Ich bringe kein Wort heraus. Zur Strafe fliege ich aus der Klasse und muss bis zur Pause auf dem Gang warten.

Ein paar Stunden vorher ging es für mich raus auf die Straße. Meine Mutter setzte mich vor die Tür. Endgültig, mit meiner gesamten Habe, es passte alles in zwei Koffer. Es war finster, als ich nach draußen trat. Die ersten Schritte ging ich noch mit einem Ziel durch die dunklen Straßen. Ich hatte einen Plan. Nicht weit weg wohnte ein Freund. Er hatte eine eigene Wohnung. Es brannte Licht, als ich bei ihm vor der Tür stand und klingelte. Ich sah in sein Zimmer, und er schaute hinunter. Ich winkte hoch und klingelte erneut. Das Licht ging aus. Die Tür blieb zu. Da wusste ich nicht mehr, wohin.

Die Nacht war eiskalt, und Schnee fiel. Ich floh nur noch zum immer nächstwärmeren Platz. Es trieb mich zum Bahnhof in Barmbek. Mit zwei Koffern saß ich auf einer Bank an der Busstation. Dort begegnete ich später meiner Mutter wieder. Sie holte sich Frühstück beim Bäcker. Ich fragte, ob sie mir auch etwas holen könne. Sie verneinte.

Der Tag brach an. Bald würde die Schule beginnen. Direkt nebenan wohnte Björn, ein Mitschüler und Kollege vom Basketball. Dort durfte ich meine Koffer stehen lassen.

Der Lehrer schaut mich erwartungsvoll an. Ich stehe nur da mit meinen durchnässten Klamotten, in der Hand meinen Schreibblock und meinen Stift. Das, was ich aus dem Koffer mitgenommen habe. Meine Gedanken rasen, doch ich kann nichts sagen.

In meinem Kopf läuft ein Film, kurze Ausschnitte aus den letzten sechzehn Jahren. Mein Leben bestand aus Lügen und Gewalt, es gab dunkle Zeiten, in denen nur meine Großeltern das Licht am Ende des Tunnels waren, doch auch sie konnten mir jetzt nicht mehr helfen.

Ich war auf mich alleine gestellt.

Kaba-Zeit.
Neu-Ulm, 1988


Ich bin in Neu-Ulm auf die Welt gekommen, am 24.06.1988. An Neu-Ulm fließt die Donau entlang, sie trennt Bayern von seinem Nachbarbundesland Baden-Württemberg. Auf der anderen Seite des Flusses liegt Ulm. Wir wohnen in Neu-Ulm. Ich sehe eine Straße vor mir, eine graue Hausfassade, vielleicht würde ich sie finden, wenn ich vom Bahnhof Neu-Ulm aus suchen würde.

Meine Mutter ist 18 Jahre alt, als sie mit mir schwanger wird. Mein Vater verlässt sie noch in der Schwangerschaft. Sie arbeitet als Krankenschwester im Schichtdienst. Meine Großeltern ziehen mich auf, bei ihnen habe ich ein Kinderzimmer. Bilder von mir und meinem Opa. Er schiebt mich nachts im Kinderwagen durch das Illergries, ein Waldstück am Rande des Dorfes. Manchmal sitzt er auch stundenlang mit mir im Auto in der Garage, wo ich ruhig werde und einschlafe.

Meine Mutter lernt einen neuen Mann kennen. Sie heiraten, und ich habe nun einen Stiefvater. Im Jahr 1990 kommt mein Bruder zur Welt. Wir ziehen zum ersten Mal um, bleiben aber in Neu-Ulm. Von der neuen Wohnung erinnere ich schon mehr Einzelheiten. Es sind kurze Bilder, die wieder verschwinden, noch bevor ich sie richtig erahne. Das Bild, das länger hängen bleibt, ist das Haus von außen, die Form des Daches und das lang gezogene Balkongeländer aus dunklen Holzpfosten.

Ich entdecke ein erstes Muster. Es nennt sich Kaba-Zeit. Ich bekomme einen großen Becher Kakao und darf Fernsehen schauen. In der Kaba-Zeit darf ich nicht stören. Sie gehen ins Schlafzimmer. Es gibt viel Kaba-Zeit, und ich sitze oft vor dem Fernseher rum.

Meine Großeltern leben in Vöhringen, einem Dorf zwölf Kilometer von Neu-Ulm entfernt. Mein Großvater holt uns in einem silbernen Toyota Corolla ab. Wir fahren über Landstraßen, vorbei an Weizenfeldern und Seen. Wir sitzen hinten auf Kindersitzen, an der Fensterscheibe hängen schwarze Pandaschirme als Sonnenschutz. Ich beobachte meinen Großvater beim Fahren, er trägt auf jeder Fahrt Handschuhe und seinen Hut. Das macht er immer. Ich entdecke neue Muster.

Die Marienstraße 8 in Vöhringen war mein echtes Zuhause. Meine Großeltern haben mir alles gegeben, was meine Mutter mir nicht geben konnte, inklusive Zeit. Meine Mutter hatte eine schwierige Beziehung zu ihren Eltern. Wir machen nie etwas gemeinsam als Familie. Mein Opa kommt uns abholen und bringt uns zurück.

Schon damals in Neu-Ulm ist mein Stiefvater nicht oft zu Hause. Wenn, dann kümmerte er sich um meinen Bruder. Mit meiner Mutter hatte er Streit, und ich sah sie oft weinen.

Garage.
Vöhringen, 1994


Ich bin fünf Jahre alt, als wir das zweite Mal umziehen. Wir wohnen jetzt in der Falkenstraße in Vöhringen, ganz in der Nähe meiner Großeltern. Es ist, als lebte ich in zwei Welten. Mit den Großeltern verbringen mein Bruder und ich die schönen Zeiten. Wir gehen in den Bergen wandern oder spielen einfach den ganzen Tag im Garten, und sie gucken uns dabei zu. Es gibt unser Lieblingsessen, Käsespätzle mit viel gerösteten Zwiebeln, danach noch Fruchtzwerge zum Nachtisch. Für mich ist es das Paradies.

Meine Oma gehört zu den Zeugen Jehovas, meine Mutter auch. Mein Opa nicht, trotzdem sind er und meine Oma glücklich verheiratet. Sie glaubt einfach daran und lebt danach. Ich bin von Kind an Zeuge Jehovas. Ich gehe mit von Tür zu Tür und bekomme auf meinem Weg reichlich Süßigkeiten geschenkt. Es ist toll. Die Bibel hat spannende Geschichten, davon erzähle ich den Leuten. Als Kind habe ich gerne in diesem Buch gelesen. Mein Opa liest mir zum Einschlafen Märchen vor. Ich fange schon früh an zu schreiben. Mit einer Taschenlampe unter der Decke kritzele ich in Großbuchstaben meine ersten eigenen Geschichten von Piraten und Waldbewohnern in ein gelbes Heft.

Im selben Jahr komme ich in die erste Klasse der Grundschule in Vöhringen. Mein Bruder kommt am gleichen Tag in die Vorschule. Es ist einer der wenigen Momente, in denen wir alle zusammen sind. Im Restaurant in der Wielandstraße öffnen wir unsere Schultüten. Es gibt ein Foto von mir und meinem Bruder, wir haben unsere neuen Schulranzen auf und die Schultüte in der Hand. Meine Lehrerin heißt Frau Köbel. Ich freue mich auf die Diktate im Deutschunterricht. Am Anfang versuchen sie, mir das Schreiben mit links abzugewöhnen. Ich sitze zu Hause und bekomme auf die Finger, wenn ich mit links schreibe. Ich muss nur über die Straße gehen, dann stehe ich vor dem Schulgebäude. Mein bester Freund heißt Timo. Wir machen viel Blödsinn und raufen uns auch mal auf dem Schulhof; zur Strafe müssen wir die restliche Pause am Eingang warten. Wir machen das ganze Dorf zu unserem Abenteuerspielplatz. Wir erkunden die Umgebung und trauen uns immer weiter raus.

Es gibt verschiedene Erinnerungen aus der Zeit in der Falkenstraße. Durch einen älteren Freund komme ich zum Ballsport. Er hat einen Fußball, aber auch einen Basketball und einen Football dabei. Ich schieße, dribble und werfe die Bälle. Irgendjemand sperrt mich in einen Hühnerkäfig, und ich schreie, weil es so eng ist und ich schnell wieder rauswill. Ich küsse einen Jungen, als meine Mutter eine Freundin besucht und wir in seinem Zimmer spielen. Ich spiele mit den Kindern aus unserem Haus. Der Gameboy kommt raus, und wir sind im Tetris-Fieber. Im Fernsehen sind die Power Rangers angesagt. Eine Sache, die ich aus der Falkenstraße nicht vergessen werde, ist die Katze. Sie fliegt bei uns im dritten Stock am Küchenfenster vorbei. Als wir nach unten auf den Hof kommen, sehe ich, wie die anderen Kinder mit der toten Katze Fußball spielen, sie durch die Gegend schießen. Ich schaue sie an, Blut läuft aus ihrem Mund. Wir begraben die Katze auf dem leeren Grundstück nebenan.

Auf dem Hof mache ich meine ersten Versuche mit dem Fahrrad. Ich habe ein lila Puky-Bike, mit einem Wimpel an einer langen Stange, wie eine Antenne sieht die aus, und ich finde sie ziemlich cool. Guck, ich fahr ganz ohne Hände! Ich freue mich, bis ich mit voller Geschwindigkeit gegen das Garagentor krache. Ich liebe den Fahrtwind, wenn ich mit vollem Tempo die Steigungen hinunterfahre. Alle Kids heizen nur noch mit ihren Rädern durchs Dorf. Wir fühlen uns wie eine Motorradgang, die über ihr Revier wacht. Eine perfekte kleine Welt.

Nur zu Hause ist etwas nicht in Ordnung. Ich...

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