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E-Book

Von Auschwitz nach Jerusalem

Über Deutschland und Israel

AutorAlfred Grosser
VerlagRowohlt Verlag GmbH
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783644004610
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Die Shoah prägt bis zum heutigen Tag das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel, zwischen Juden und Nichtjuden. Aber sind wirklich alle politischen und moralischen Folgerungen, die aus ihr gezogen werden, gerechtfertigt? Alfred Grosser wirft einen kritischen Blick darauf, wie nach 1945 mit der mörderischen Vergangenheit umgegangen wurde. Im Land der Täter, aber auch im Land der Opfer - das sich seitdem im Konflikt mit der arabischen Bevölkerung der Region befindet. Grosser ist davon überzeugt: Wer verhindern will, dass ganze Gruppen Opfer von Verbrechen werden, muss die Einhaltung der Menschenrechte immer und überall einfordern. Sie dürfen für Muslime nicht weniger gelten als für Juden - in Palästina, aber auch in Europa selbst. So ist dieses Buch ein sehr persönliches Plädoyer für eine universalistische Ethik, die den Respekt vor dem Leiden des Anderen in den Mittelpunkt stellt. Eine Grundhaltung, die kaum jemand so konsequent vertreten hat wie Grosser seit mehr als fünfzig Jahren.

Alfred Grosser, geb. 1925 in Frankfurt/Main, war Professor am Institut d'études politiques, Paris. In Deutschland ist er seit den fünfziger Jahren durch seine Zeitungsartikel, Reden und Bücher und durch seine Auftritte in Radio und Fernsehen bekannt. 1975 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, danach zahlreiche weitere Ehrungen. Er schrieb mehr als 30 Bücher, zuletzt bei Rowohlt: «Von Auschwitz nach Jerusalem» (2009).

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Leseprobe

Identitäten, «Kollektive» und Schöpferische Erinnerung


Man sollte niemals die sagen. Die Deutschen, die Araber, die Franzosen, die Frauen, die Juden, die Arbeiter, die Berliner, die Christen … Das lässt sich an einem bekannten Paradoxon aus der Antike verdeutlichen: «Epimenides sagt, alle Kreter seien Lügner, aber Epimenides ist Kreter, also lügt er, also sind die Kreter keine Lügner, also sagt er die Wahrheit und alle Kreter sind Lügner, aber er ist Kreter, also lügt er, also sind die Kreter keine Lügner, usw. usw.» Was stimmt da nicht? Nicht alle bedeutet nicht notwendigerweise keiner, sondern kann auch heißen die einen ja, die anderen nein. Ebenso wie die Verneinung von immer nicht nie sein muss, sondern auch manchmal so, manchmal anders sein kann. Wenn man das eingesehen hat, ist man einen großen Schritt weiter – sowohl was das wissenschaftliche Denken betrifft als auch hinsichtlich einer Moral der Toleranz.

Jeder von uns hat eine Vielfalt von Identitäten, eine Menge von Zugehörigkeiten. Ich bin ein Mann und keine Frau. Das verschafft mir sowohl in der deutschen als auch in der französischen Gesellschaft immer noch manche unverdienten Vorteile. Nicht mehr so viele wie vor einigen Jahrzehnten, nicht so viele wie in den islamischen Staaten zwar, doch auch in der katholischen Kirche, in der Synagoge, im Lohn- und Gehaltssystem kann von Gleichberechtigung keine Rede sein. Volle Verwirklichung des Gleichheitsprinzips, wie es das Zweite Vatikanische Konzil in dem schönen Text Gaudium et spes dargestellt hat, hieße, dass eine schwarze Frau Papst werden könnte!

Auch im Umgang mit tragischen Ereignissen wird noch dem Mann der Vorrang gegeben. General Bastian hat vor einigen Jahren seine Lebensgefährtin Petra Kelly getötet, dann sich selbst. Obwohl sie nie die geringste Lust zum Sterben gezeigt hatte, war danach von «doppeltem Selbstmord» die Rede. Wenn sie ihn zuerst getötet hätte, wäre sie als Mörderin betrachtet worden. Generell scheint Sigmund Freuds Erklärung der Geschlechterdifferenzen immer noch weit verbreitet: Die Frau fühle sich unterlegen, weil sie keinen Penis hat. Meinerseits sage ich stets, mein Tatendrang ist vielleicht nur eine unbewusste Umsetzung des Mangels, dass ich kein Kind zur Welt bringen kann.

Ich bin alt und nicht jung. Da meine vier Söhne für mein Ruhestandsgeld arbeiten, habe ich deswegen kein ungutes Gefühl. Meine kinderlosen Kollegen sollten ein solches haben. Ich war als Professor Beamter. Das gibt mir eine andere Identität als die eines Arbeitslosen oder von jemandem, der arbeitslos werden kann. Ich bin Pariser, und das verschafft mir hundertmal mehr Zugänge zu Kulturgütern, als wenn ich in Mittelfrankreich auf dem Dorf leben würde. Ich war Radfahrer und Autofahrer. In der einen Identität verfluchte ich die Autofahrer, in der anderen die Radfahrer: ein typisches Beispiel von Identitätskonflikten!

Ich bin Franzose, was verschiedene Bedeutungen hat. So neige ich in mindestens zwei Hinsichten zur Selbstüberschätzung. Es gibt einen bösen, nicht ungerechtfertigten belgischen Witz, der auf alle dummen französischen blagues belges (Belgierwitze, zu vergleichen mit den deutschen Ostfriesenwitzen) reagiert: «Wie verdient man am leichtesten viel Geld? Indem man Franzosen zu dem Preis kauft, den sie wert sind, und sie dann zu dem Preis verkauft, den sie glauben wert zu sein».

Dieses Gefühl, einer besonders privilegierten Nation anzugehören, ließe sich durch jede Menge Zitate illustrieren. «Unsere Ziele, weil sie französisch sind, liegen im Interesse aller Menschen» (de Gaulle). «Dieser undefinierbare Genius, der Frankreich erlaubt, die tiefen Bedürfnisse des menschlichen Geistes zu konzipieren und auszudrücken.» (François Mitterrand). «Die Biologie des französischen Volkes macht aus ihm eine besondere Gruppe, dazu bestimmt, eine Elite für die Welt zu werden» (Valéry Giscard d’Estaing). «Frankreich muss die Rolle Europas spielen» (nicht: «eine Rolle in Europa»; Georges Pompidou als Premierminister).

Gegen solche Überheblichkeiten kämpfe ich ständig in Wort und Schrift, und sei es nur, um zu zeigen, dass nicht alle Franzosen überheblich sind. Und doch bin ich es in der zweiten Hinsicht: Ich bin ein Kind der Immigration, wie beispielsweise der ehemalige Präsident der Nationalversammlung Raymond Forni, Kind nach Frankreich geflüchteter italienischer Kommunisten, oder wie Nicolas Sarkozy. Dieser sagte vor einigen Jahren in einer Fernsehdiskussion mit Jean-Marie Le Pen: «Wenn es nach Ihnen gehen würde, wäre ich gar kein Franzose» (er wäre Ungar). Kleine Pause. «Welch Verlust wäre das für Frankreich!» Dasselbe sage ich auch von mir seit Jahrzehnten!

In Deutschland denkt man über die Zugehörigkeit zur Nation traditionell anders. In einem Interview mit dem Stern wurde Wolfgang Schäuble gefragt: «Kann ein Türke deutscher Kanzler werden?» Der Minister antwortete: «Sie meinen ein Deutscher mit türkischem Ursprung? Natürlich ja.» Diese Antwort entspricht französischen Normen. In Deutschland ist man ansonsten eher ein Türke mit deutschem Pass. Die Kehrseite der französischen Auffassung wird noch eingehend zu behandeln sein: Eben weil sie Franzosen sind, fühlen sich die jungen Leute nordafrikanischen Ursprungs, die in den Pariser Vorstädten arbeitslos und ohne Perspektive leben müssen, noch mehr diskriminiert, als wenn sie Ausländer wären.

Man kann sich zwischen widersprechenden Identitäten innerlich zerrissen fühlen, wie etwa Albert Camus. In seiner Dankrede zum Literatur-Nobelpreis 1957 betonte er, dass zum ersten Mal ein algerischer Schriftsteller in Stockholm ausgezeichnet würde. Wie viele andere empfand er sich zugleich als Algerier und als Franzose. In den letzten Jahren des Algerienkrieges schwieg er, weil die Gemäßigten beider Lager immer mehr von den Unnachgiebigen zurückgedrängt und oft gnadenlos ermordet wurden. Er selbst hatte versucht, einen aufbauenden Dialog zwischen den Vernünftigen unter Anhängern und Gegnern der Unabhängigkeit herzustellen.

Mein Lieblingsphilosoph ist Emmanuel Levinas, als jüdischer Litauer 1905 in Kaunas geboren, 1923 nach Straßburg ausgewandert, 1995 in Paris verstorben. Mehr als jeder Andere hat er seine Philosophie auf die Anerkennung des Anderen aufgebaut. Er schrieb, jeder solle sich von seinem Inneren aus selber definieren; denn «die Identität eines Individuums besteht nicht darin, sich von außen identifizieren zu lassen durch den Finger, der auf ihn zeigt.»

Das habe ich mir zu eigen gemacht. Mein Vater war ein in Frankfurt heimisch gewordener Berliner, Kinderarzt und Direktor einer Kinderklinik, Außerordentlicher Professor an der Universität, Freimaurer (in der Loge «Zur aufgehenden Morgenröthe», der Ludwig Börne angehört hatte), SPD- und DDP-Wähler, Vater, Gatte, Kriegsteilnehmer als Stabsarzt, im Felde von Anfang bis zum Ende des Weltkriegs, Träger des Eisernen Kreuzes Erster Klasse und «israelitischer Konfession», wie es damals hieß. Zwar war er Mitglied der jüdischen Gemeinde, aber ein wenig praktizierendes; bei uns zu Hause wurde lediglich Hanukka gefeiert. Hitlers Zeigefinger reduzierte alle seine Identitäten, alle seine Zugehörigkeiten auf sein Judentum. Ich habe nie eingesehen, warum sein Sohn sich seine zentrale, seine alles bestimmende Identität von dem Finger Hitlers auferlegen lassen sollte.

Das bedeutet nicht, dass ich den jüdischen Teil meiner Identität verleugnen würde, ich grenze ihn jedoch ein. Auf mein Judentum beziehe mich allerdings, wenn es um die «Schuldfrage» geht. Davon wird noch die Rede sein. Ich sage: «Ich war nicht gegen Hitler. Hitler war gegen mich. Als Jude hatte ich gar keine Wahl. Deswegen bin ich gewiss zornig auf die Verbrecher und auf die wissenden großen Mitläufer, und voller Bewunderung für alle, die in irgendeiner Form widerstanden haben. Ich tendiere aber auch zur Nachsicht gegenüber den Kleinen. Denn ich habe mir ständig die Frage gestellt: Wie mutig wäre ich gewesen, um mich für verfolgte Andere einzusetzen?»

Die vom Finger zugewiesenen Identitäten können langlebig sein, sowohl in der Selbstwahrnehmung wie in der Fremdwahrnehmung. Wenn ich in Baden-Württemberg spreche oder im dem katholischen Bayern eingegliederten Franken, so stelle ich stets die ironische Frage, wieso man sich als Protestant oder als Katholik identifiziert, nur weil vor vier Jahrhunderten ein Fürst seinen Untertanen auferlegt hat, seiner Konfession anzugehören.

Umgekehrt ist in Frankreich ist die Bezeichnung Preuße immer noch negativ belegt. Der «Erbfeind» war eigentlich nicht Deutschland, sondern Preußen. In der ersten großen Anweisung, die die französische Regierung 1945 an die Besatzungsbehörde in Baden-Baden geschickt hat, wird von der Notwendigkeit, den prussianisme auszumerzen, mindestens ebenso eindringlich gesprochen wie vom Nationalsozialismus. Noch 1961 sagte mir General de Gaulle während eines Gesprächs im Élysée-Palast: «Vous et moi, nous savons bien que, de l’autre côté, c’est la Prusse!» (Wir beide wissen doch, dass auf der anderen Seite Preußen liegt!) Dass die bösen Preußen Kommunisten geworden waren, was war natürlicher? Wenn es die guten Bayern oder die guten Rheinländer gewesen wären, so hätte man erstaunt sein dürfen.

Einmal von außen auf eine bestimmte Identität festgelegt, läuft man Gefahr, sich genau so zu benehmen, so zu zeigen, wie es gewissermaßen der herabsetzende Finger behauptet. Das berühmteste Beispiel dafür ist die Figur des jüdischen Geldverleihers Shylock in...

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