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Der falsche Amerikaner

Ein Doppelleben als deutscher KGB-Spion in den USA

AutorCindy Coloma, Jack Barsky
VerlagSCM Hänssler im SCM-Verlag
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl424 Seiten
ISBN9783775173926
Altersgruppe30 – 50
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Am 8. Oktober 1978 passierte der Kanadier William Dyson am Flughafen in Chicago ohne Probleme die Einreisekontrollen. Zwei Tage später hörte er auf zu existieren. Dysons Identität war eine Erfindung des KGB, um einen ihrer Rekruten aus der DDR in die USA einzuschleusen. Der Plan ging auf. Ein junger, ehrgeiziger Agent begann ein neues Leben im Westen: Jack Barsky. Ein Jahrzehnt lang führte er im Kalten Krieg Geheimoperationen aus, bis sich seine Loyalität plötzlich auf überraschende Weise änderte und alles in Frage stellte, an das er geglaubt hatte. Jack Barsky enthüllt die Geheimnisse seiner beiden Leben zwischen Ost und West.

Jack Barsky, Jahrgang 1949, wurde als Albrecht Dittrich aus Jena vom KGB rekrutiert und diente im Kalten Krieg 10 Jahre als 'schlafender' Agent in den USA. 20 Jahre blieb er unentdeckt. 1997 enttarnte ihn das FBI. Seitdem wurde seine außergewöhnliche Geschichte von vielen Medien in den USA und in Deutschland erzählt (u.a. im Spiegel). Heute lebt Barsky als amerikanischer Staatsbürger mit seiner Frau Shawna und der jüngsten Tochter Trinity in Georgia. Cindy Coloma ist eine amerikanische Bestseller-Autorin. Sie hat zwölf eigene Romane verfasst und als Koautorin bei zahlreichen Biografien mitgewirkt. Sie lebt mit ihrer Familie in Washington.

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Leseprobe

1


Meine Eltern kauerten am Küchentisch und drückten die Ohren an ein kleines Röhrenradio, ein Relikt, das den Krieg überlebt hatte, mit dem man aber nur drei Sender empfangen konnte. Während mein Vater an den Knöpfen drehte und versuchte, das Rauschen zu verringern, schob ich mich an den kleinen Holztisch heran, um herauszufinden, was los war. Meine Mutter wiegte meinen kleinen Bruder und brachte ihn sanft zum Schweigen, damit wir verstehen konnten, was im Radio gesagt wurde. Die theatralisch klingende Stimme erhob sich in einer Sprache, die ich nicht verstand, über Chopins schwermütigem »Trauermarsch«. Darüber war der deutsche Übersetzer mit genauso schwermütiger Stimme zu hören.

An diesem Tag Anfang März 1953 wurde auf allen drei Rundfunksendern dasselbe Ereignis übertragen: die Beerdigung des großen sowjetischen Führers Josef Stalin. Überall im gesamten Ostblock saßen die Menschen genauso wie wir wie gebannt vor ihren Radios.

»Vati«, fragte ich, »wer war dieser Stalin? Warum ist er tot? Was ist die Sowjetunion?«

Mein Vater bemühte sich nach Kräften, die Dinge so zu erklären, dass ich sie mit meinem vier Jahre alten Verstand verstehen konnte.

»Genosse Stalin war ein großer Revolutionär. Er war der Führer der Sowjetunion. Das ist ein riesiges Land, das Hitler besiegt hat. Unter seiner Führung wollten wir einen Staat aufbauen, in dem jeder glücklich sein kann. Heute nehmen wir Abschied von einem der größten Männer der Geschichte.«

»Und wird dann alles wieder gut? Kaufst du mir trotzdem zum sechsten Geburtstag ein Fahrrad, wie du es versprochen hast? Bekomme ich am Sonntag wieder einen Pudding?«

»Ja, Albrecht, ich denke, es wird alles gut werden. Ohne Stalin wird es vielleicht ein wenig schwerer. Und es gibt einige Dinge, die du erst verstehen wirst, wenn du älter bist.«

Das war seine Art, mir zu sagen, dass ich keine weiteren Fragen stellen sollte.

* * *

Als ich später meine Wurzeln und meine Herkunft aufzuspüren begann, war dies ein Prozess über mehrere Jahre. An einiges konnte ich mich erinnern, anderes hörte ich zufällig, und wieder anderes wurde mir erzählt, als ich alt genug war, um Fragen zu stellen. Die meisten Informationen über meine frühe Kindheit erhielt ich in Gesprächen mit meiner Mutter.

Eines kann ich mit Gewissheit sagen: Ich wurde zu einer ungünstigen Zeit an einem ungünstigen Ort geboren – vier Jahre, nachdem Adolf Hitlers Selbstmord den Zweiten Weltkrieg in Europa endgültig beendet hatte. Während die Amerikaner, Briten und Franzosen die westlich besetzten Zonen in Deutschland wieder aufbauten, war das Leben im von den Sowjets beherrschten Ostdeutschland ein täglicher Überlebenskampf. Nicht nur hatte der Krieg schlimme Zerstörungen hinterlassen, die Sowjets verschärften die Situation noch weiter, indem sie alles Wertvolle, das die Luftangriffe der Alliierten überlebt hatte, außer Landes schafften, einschließlich ganzer Fabriken und eines großen Teils der Infrastruktur. Als Folge davon wurde Ostdeutschland wirtschaftlich und technologisch um mindestens dreißig Jahre zurückgeworfen. So stark wie zu keiner anderen Zeit im zwanzigsten Jahrhundert wurde der Kampf um Nahrung zur Priorität Nummer eins im Land.

Meine Eltern lernten sich im Januar 1948 bei einer Lehrerfortbildung im Dorf Rietschen kennen, das in einer besonders armen Gegend in Ostdeutschland lag, nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Trotz eines Altersunterschieds von sechs Jahren schlossen Judith Faust und Karl-Heinz Dittrich gleichzeitig das Neulehrer-Programm ab, das von den Alliierten in Nachkriegsdeutschland initiiert worden war. Es schulte Akademiker und junge Arbeiter zu Lehrern um, die keine Verbindung zum Naziregime hatten.

Meine beiden Eltern hatten als Kinder die Weltwirtschaftskrise, Hitlers Machtergreifung und die Not während des verheerendsten Krieges der Menschheitsgeschichte erlebt. Für sie bedeutete ihre erste Lehrerstelle einen Neuanfang und ließ vorsichtige Zukunftsträume in ihren Herzen aufkeimen. Beide hatten vor dem Programm bei ihren Eltern gewohnt, und beide hatten fast einen ganzen Tag für die fünfzig Kilometer lange Reise nach Rietschen gebraucht. In jener Zeit gab es fast keine öffentlichen Busse, und Zugreisen waren ärgerliche Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Fahrpläne waren das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt waren, und das Einzige, das an Eisenbahnen vorhersehbar war, war ihre Unvorhersehbarkeit.

Während Direktor Panzram den Lehrplan und die Aufgaben für das kommende Schuljahr erläuterte, wanderten Judiths Augen immer wieder zu dem adrett gekleideten Karl-Heinz mit den leuchtenden Augen, der aufmerksam zuhörte. Mit seinen feinen Gesichtszügen, hohen Wangenknochen, durchdringenden grauen Augen und glatten schwarzen Haaren sah er aus wie ein Filmstar.

Karl-Heinz war noch nicht ganz zwanzig Jahre alt und das jüngste Mitglied der Gruppe. Sein schlaksiger Wuchs ließ ihn sogar noch jünger aussehen, wie jemanden, um den man sich kümmern musste. Im Gegensatz zu Karl-Heinz, der gerade erst zu arbeiten anfing, hatte Judith sechs Jahre mehr Lebenserfahrung und sechs Jahre mehr Leid hinter sich.

Meine Mutter wurde 1922 in Kaltwasser geboren, wo ihre Eltern, Bernhard und Zilla, als Oberförster und Köchin auf dem Gut eines deutschen Grafen arbeiteten. Sie hatte zwei Schwestern, Ruth und Eva. Aufgrund der biblischen Namen und weil meine Mutter in einem Kirchenchor sang, bevor sie meinen Vater heiratete, gehe ich davon aus, dass sie in einer lutherischen Familie aufgewachsen ist, obwohl ich in meiner Familiengeschichte keine weiteren Hinweise auf eine geistliche Prägung gefunden habe und Gott bei uns zu Hause nie erwähnt wurde.

Da meine Mutter auf einem Landgut aufwuchs, hatte sie immer genug zu essen. Das könnte erklären, warum sie so gesund aussah, als so viele andere ausgemergelt waren. Ihre funkelnden blauen Augen strahlten Intelligenz und Unabhängigkeit aus, aber ihre schlichten, weiten, langen Kleider verrieten, dass sie ein Mädchen vom Land war. Sie trug keinen Lippenstift und ihre schulterlangen Haare hatte sie in ihrem Nacken zu einem konservativen Dutt hochgesteckt.

Trotz ihrer vielen Unterschiede hatten Karl-Heinz und Judith zwei Dinge gemeinsam, als sie sich trafen: Sie waren beide Neulehrer und sie waren beide Fremde im Dorf Rietschen. Folgerichtig verbrachten sie zwischen den Unterrichtsstunden und manchmal auch am Ende des Unterrichtstages ihre Zeit miteinander.

Im Frühling 1948 fing sich Karl-Heinz eine gefährliche Tuberkulose ein. Es gab keine Antibiotika, um diese Krankheit zu bekämpfen. Der Landarzt konnte nur Bettruhe und gesundes Essen verschreiben. Bettruhe war kein Problem, aber gesundes Essen war fast unmöglich aufzutreiben.

An dieser Stelle schalteten sich Judiths Mutterinstinkte ein, und sie begann, ihren kranken Freund und Kollegen zu pflegen. Jeden Tag kam sie nach der Schule in Karl-Heinz’ kleine Wohnung, um ihm Gesellschaft zu leisten und ihm alles Essen zu bringen, das sie hatte auftreiben können. Irgendwie gelang es ihr, bei einem Bauern mehrere Pfund Roggenmehl zu ergattern, aus dem sie zusammen mit Wasser einen Brei anrührte, der für meinen Vater zu einem Hauptbestandteil seiner Nahrung wurde, während er sich erholte.

Nachdem ihn Judith zwei Monate lang liebevoll gepflegt hatte, überwand Karl-Heinz die Krankheit und verliebte sich prompt in die Frau, die ihm höchstwahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Im Oktober 1948 schlossen diese zwei Freunde, die so überhaupt nicht zusammenpassten, im Haus meiner Großeltern in Kaltwasser den Bund fürs Leben.

Auf lange Frist gesehen, hatte ihre Ehe wenig Chancen auf Erfolg; ihr dünnes Fundament war der Umstand, dass mein Vater eine Mutterfigur brauchte und meine Mutter den starken Wunsch hatte, diese Rolle einzunehmen. Sie war stolz darauf, dass sie sich einen so gut aussehenden jungen Mann geangelt hatte, während im ganzen Land großer Mangel an heiratsfähigen Männern herrschte.

Anscheinend hat mein Vater seine Dankbarkeit ausgedrückt, sobald er wieder bei Kräften war. Bei der Hochzeit wusste meine Mutter wahrscheinlich schon, dass sie schwanger war.

* * *

Ende April 1949 begann für meine Mutter der Mutterschutz. Mein Vater begleitete sie zum Haus seiner Eltern in Reichenbach, ungefähr fünfzig Kilometer von Rietschen entfernt. Sie planten, dass sie dort entbinden sollte.

Mein Vater war kurz zuvor in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) eingetreten, was bedeutete, dass er an der Parade zu Ehren des Internationalen Tags der Arbeit teilzunehmen hatte. Er überredete seinen Vater mitzukommen und schlug vor, dass sie nach der Parade für einen Frühschoppen einkehren könnten.

Das Wetter war unangenehm am Morgen des 1. Mai 1949 in Reichenbach: grauer Himmel, Temperaturen um die fünfzehn Grad und Dauernieselregen. Die Maiparade sollte ein Fest sein, doch die Stimmung der bunt zusammengewürfelten Menge, die langsam durch die verlassene Innenstadt marschierte, war wenig festlich. Was hatten sie auch zu feiern? Dank Hitler und der Nazis waren Scham und Resignation an die Stelle des deutschen Stolzes getreten. Die sowjetische Besatzungsmacht war hart und unberechenbar, und es gab immer noch nicht genug zu essen. Die durchschnittliche Tagesration lag im besetzten Deutschland unter tausendfünfhundert Kalorien.

Die Auswirkung dieser Mangelernährung war besonders den Männern anzusehen, die an dem Marsch teilnahmen, auch bei meinem Vater und meinem Großvater, die für diesen Tag ihre Sonntagskleidung angezogen hatten. Keiner von ihnen füllte seinen Anzug aus, ihre Hosen wurden von Hosenträgern gehalten,...

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