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E-Book

Die Stadt

Von der Polis zur Metropolis

AutorElisabeth Lichtenberger
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl304 Seiten
ISBN9783863127497
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Elisabeth Lichtenberger gibt einen umfassenden Überblick über die Entwicklung, Funktion und Gestalt der Stadt sowie ihre Zukunftsperspektiven. Sie zeigt, dass sich Städte mit der Abfolge politischer Systeme tiefgreifend ändern. Dabei gilt ihr Blick insbesondere der Stadtentwicklung des 20. Jahrhunderts. An zahlreichen, gut illustrierten Beispielen werden Leitbilder in den Bereichen Politik, Städtebau und Technik dargestellt. Die kleinräumige Betrachtung veranschaulicht die Struktur der unterschiedlichen Stadträume und deren Funktionen für die Gesellschaft. Die Autorin arbeitet die verschiedenen Wohnräume und Wohnformen, die Institutionalisierung der öffentlichen Einrichtungen sowie die Entwicklung von Einzelhandelsgeschäften zur ?Shopping-Mall?, von der Hinterhofindustrie zum ?industrial state?, vom Kleinbüro zum Bürohochhaus prägnant heraus. Abschließend widmet sie sich der Zukunft der Stadt und ihrer Bedeutung als lebendiges Innovationszentrum der europäischen Kultur.

Elisabeth Lichtenberger ist eine international renommierte Wissenschaftlerin. Sie hat als Professorin an der Universität Wien den Studienzweig angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung und als Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das Institut für Stadt- und Regionalforschung gegründet. Bei der WBG erschienen von ihr außerdem: die wissenschaftliche Länderkunde ?Österreich? (2., völlig überarb. Aufl. 2002) und ?Europa. Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik? (2005).

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Leseprobe

2 Aktuelle Stadtentwicklung und politische Systeme


Abb. 2.1: Frankfurt, Hochhaussilhouette 1990

Überblick

  Das Leitthema lautet: Konvergenz oder Divergenz der Stadtentwicklung zu Beginn des 21. Jh.s?

  Die drei großen politischen Systeme der westlichen Welt bilden die Bezugsbasis:

- das soziale Wohlfahrtssystem Europas,

- das privatkapitalistische System der USA und

- die Transformationsstaaten des Postsozialismus.

  Die politischen Systeme tragen entscheidend zur Divergenz der Stadtentwicklung bei. Sie beeinflussen

- die normativen Prinzipien des Städtebaus und der Stadtplanung,

- den Einsatz der Technologien,

- die Struktur der Wirtschaft,

- die institutionellen Organisationsformen und

- die Segregationsprozesse der Gesellschaft im Stadtraum.

  Folgende Instrumente der Kommunalpolitik besitzen besondere Bedeutung:

- Bauordnungen und Flächenwidmungspläne,

- kommunale Aufgabenbereiche und

- Steuersysteme.

  Weitere Faktoren bedingen die Divergenz:

- die ererbte bauliche Struktur und Landnutzung,

- die tradierten Normen und Verhaltensweisen der Bevölkerung sowie die tradierten Formen des Wohnbaus.

Einleitung


Die Effekte der Globalisierung bestimmen die Gegenwart. Konvergenzen der Entwicklung auf allen Ebenen von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft sind das Ergebnis. Es stellt sich die Frage, ob die europäische Stadtentwicklung – wenn auch mit Abstand – der nordamerikanischen folgen wird oder, wie bisher, einen eigenen Weg in die Zukunft hat. Die Antwort verlangt eine Differenzierung von varianten und invarianten Faktoren der Entwicklung von Städten und städtischen Systemen.

Verfechter der These einer Konvergenz der Entwicklung können eine Reihe von invarianten Faktoren ins Treffen führen.

  Hierzu zählen sämtliche Technologien des Bauens, der Sachgüterproduktion, des Verkehrs, der Infrastruktur von Versorgung und Entsorgung, der Kommunikation und Information.

  Sie können darüber hinaus darauf hinweisen, daß die Abfolge der räumlichen Organisationssysteme der Gesellschaft von der arbeitsteiligen Gesellschaft über die Konsumgesellschaft bis zur Freizeitgesellschaft sich weitgehend unabhängig von den politischen Systemen vollzieht.

  Als ein schlüssiges Glied in der Beweiskette können sie belegen, daß die Instrumente der Stadtplanung, wie die Charta von Athen, längst international gültigen Maßstäben folgen.

Verfechter einer Divergenz der Entwicklung können auf folgende variante Faktorenkomplexe verweisen:

  die aktuellen politischen Systeme mit den Leitbildern und Maßnahmenpaketen zur räumlichen Organisation und Strukturierung von Städten;

  die persistenten Strukturen der Stadtentwicklung als ererbte bauliche Struktur und Landnutzung, die tradierten Normen und Verhaltensweisen der Bevölkerung und die institutionellen Organisationsformen;

  die städtebaulichen Gestaltungsprinzipien, darunter insbesondere die Formen des Wohnbaus.

Drei Unterschiede der nordamerikanischen und europäischen Stadtentwicklung erscheinen von wesentlicher Bedeutung:

  In Europa ist der Raum nicht wie in Nordamerika eine ubiquitäre Ressource. Der Boden ist knapp, die Bodenpreise sind hoch. Die hohe Bevölkerungsdichte führt zu anderen Formen im Städtebau, aber auch in allen anderen Kategorien städtischer Existenz. Phänomene der Unternutzung, der Extensivierung und des Brachfallens von Flächen, das Leerstehen von Objekten werden sehr rasch wahrgenommen und führen zu Gegenaktionen und Maßnahmen seitens der Behörden und der Bevölkerung.

  Städtische Systeme in Europa unterliegen Wohlfahrtsstrategien des Sozialstaates und damit pluralistischen Organisationssystemen – in der Wohnungswirtschaft, im Verkehr, bei der Entwicklung der sozialen und technischen Infrastruktur und, abgeschwächt, auch auf dem Arbeitsmarkt.
Durch diesen Pluralismus werden Segmente auf den genannten Ebenen definiert, welche durch unterschiedliche Zugangsbedingungen voneinander separiert werden und jeweils spezifischen Allokationsbedingungen unterliegen. Besonders ausgeprägt ist diese Segmentierung auf dem Wohnungssektor, da durch die spezifischen nationalen Strategien in Europa Mechanismen der Marktwirtschaft, wie sie in Nordamerika funktionieren, partiell außer Kraft gesetzt wurden. Die Prinzipien der sozialen Chancengleichheit haben ferner massive sachliche und räumliche Umverteilungsstrategien im Gefolge und bedingen damit eine Reduzierung der Disparitäten innerhalb der Gesellschaft und ebenso innerhalb des räumlichen Siedlungssystems.

  Wesentliche Unterschiede zwischen Europa und Nordamerika ergeben sich schließlich aufgrund der politisch-administrativen Organisationsformen, allen voran der Gemeinde als unterster Ebene des Staates, und damit einer Institution, die in Nordamerika ebenso fehlt wie der Verwaltungsaufbau, der auf den aufgeklärten Absolutismus und die bürgerlichen Revolutionen zurückgeht.

Instrumente der Kommunalpolitik


Im folgenden sei ausschließlich auf den Komplex der persistenten Strukturen eingegangen, und zwar auf Bauordnungen und Flächenwidmungspläne, kommunale Aufgabenbereiche und Steuersysteme.

Bauordnungen und Flächenwidmungspläne

Die physische Struktur von Städten als dreidimensionales Gebilde von Freiflächen und verbauten Räumen wird entscheidend durch die Möglichkeiten der Einflußnahme von Stadtbehörden in Form von Bauvorschriften und Bauordnungen bestimmt. Die vertikale Struktur des Baukörpers hängt nicht nur von der Bautechnologie ab. So gab es z.B. die technische Möglichkeit des Hochhausbaus bereits im mittelalterlichen Italien. Die Wohntürme von San Gimignano beweisen es. Die Regierungen der Stadtstaaten zwangen jedoch die Adelsfamilien, ihre Turmbauten abzubrechen. Die Periode eines mittelalterlichen Hochhausbaus in Europa war damit zu Ende.

Die Begrenzung des Baukörpers der Städte in der Vertikalen wurde auch im Absolutismus beibehalten. Aufgrund der Technik der Ziegelbauweise mit dem Leiterngerüst entstand die einheitliche, ruhige Trauflinie einer maximalen Bauhöhe von 26 Metern, welche, erstmals in Paris 1795 in Bauordnungen verankert, über Europa hinweg als „Traufhöhenprinzip“ Nachahmung fand und den europäischen Städtebau bis zum Ersten Weltkrieg bestimmte.

Nordamerika hat Beschränkungen des Bauens in der Vertikalen nie gekannt. Die Fortschritte der Bautechnologie können am Höherziehen der „skyscraper“ abgelesen werden. Traditionelle städtebauliche Vorstellungen, genormte bautechnische Regulierungen und eingespielte verwaltungstechnische Durchführungsbestimmungen verzögerten den Hochhausbau in Europa fast um ein Jahrhundert. Die zentral-periphere Abstufung der Bauhöhe in Form eines Bauklassenprinzips behielt bis in die 50er Jahre des 20. Jh.s ihre Gültigkeit und wurde erst durch die Einführung der Geschoßflächenzahl und damit durch eine in der Vertikalen elastische Bauweise abgelöst. Damit ist auch in Europa der Hochhausbau auf die Bühne getreten (Abb. 2.1).

Allerdings unterscheidet sich seine Verortung im europäischen Stadtraum grundsätzlich von der in Nordamerika. Die neuen Landmarken der City – Banken, Versicherungen, Bürobauten von Großkonzernen und Hotels – halten einen Respektabstand zu den historischen Landmarken der Kirchen, Rathäuser und Schlösser. Es sind – und dies mag den Stadthistoriker interessieren – die historisch-topographischen Grenzen, die Narbenzonen der Städte, in denen man die technische Infrastruktur einbringen kann, die notwendig ist, damit Hochhäuser errichtet werden können. Hochhäuser entstehen ferner dort, wo traditionelle Bauklassen aneinanderstoßen, und markieren damit den Eingang zu älteren Vorstädten und Vororten. Hochhäuser sind überdies ein Instrument der Slumsanierung, ebenso werden sie aber auch bei Wohnsatelliten am Rande der Agglomeration verwendet. Sie markieren die Wachstumsfront des zentralen Geschäftsbezirks und bilden Cityauslieger, wie die UNO-City in Wien und La Défense in Paris (Abb. 2.2).

Ein neues architektonisches Element bilden die Bahnhofsüberbauungen, wie Montparnasse in Paris und der Franz-Josefs-Bahnhof in Wien.

Verkehrsknoten des Massenverkehrs werden in den Millionenstädten dadurch markiert. Hinsichtlich des anzustrebenden Musters von Hochhausbauten im Stadtgebiet bestehen jedoch nirgends städtebauliche Leitbilder.

Vergleichen wir mit Nordamerika. Hier nahmen die städtischen Behörden vor dem Ersten Weltkrieg im wesentlichen in zwei Richtungen Einfluß auf die physischen Erscheinungen von Städten: Erstens in Form von Brandschutzordnungen, zu deren wohl wichtigsten Bestimmungen die Anlage von...

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