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Ein neuer Geist des Kapitalismus?

Paradoxien und Ambivalenzen der Netzwerkökonomie

VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl345 Seiten
ISBN9783531910741
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis40,00 EUR
In den Sozialwissenschaften werden seit etwa 15 Jahren die Perspektiven der modernen postindustriellen Gesellschaften verstärkt unter den Stichworten 'Netzwerkgesellschaft' und 'Netzwerkkapitalismus' diskutiert. Der oft vertretenen These vom 'Verschwinden des Sozialen' - im Zuge einer fortschreitenden Deregulierung und Optionalisierung der Arbeits- und Konsumsphäre - steht die Gegenthese vom Aufkommen eines 'Neuen Geistes des Kapitalismus' gegenüber. Es ist nun eine offene Frage, ob die kulturellen und sozialen Spannungsmomente, welche in diesem Kontext identifiziert werden können, einen Leitfaden an die Hand geben, um die Ambivalenzen und Paradoxien der heutigen Netzwerkökonomie analysierbar und verstehbar zu machen.

Dr. Philipp Hessinger ist Privatdozent an der Universität Magdeburg; Arbeitsschwerpunkte: Netzwerkökonomie, Reorganisation des Gesundheitswesens, internationaler Vergleich von 'Governances'
Dr. Gabriele Wagner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Frankfurter Institut für Sozialforschung und Privatdozentin an der Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld; Arbeitsschwerpunkte: Wirtschafts-, Organisations- und Arbeitssoziologie, Transnationalisierung von Organisationen


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Leseprobe
Friedhelm Hengsbach (S. 145-146)

Kapitalismus als Religion?

„Religion" scheint ins öffentliche Bewusstsein zurück gekehrt zu sein. Politischer Terrorismus und hegemoniale Kriege werden religiös begründet. Junge Menschen besinnen sich auf religiöse Werte, suchen spirituelles Erleben, wandern auf überlieferten Pilgerwegen und strömen zu papstkirchlichen Events. Ist die säkulare Gesellschaft in Europa an einen Wendepunkt geraten? Gilt es als zeitgemäß, religiöse Überzeugungen öffentlich zu bekennen? Traut man einem religiösen Deutungsmuster gar zu, das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem des globalisierten Kapitalismus auf den Begriff zu bringen? Max Weber war offensichtlich bereits am Ende des Ersten Weltkriegs von solchen Ahnungen erfüllt.

In einem Vortrag, den er vor Studierenden der Münchener Universität 1917 gehalten hat, kennzeichnete er als das hervorstechende Merkmal der gegenwärtigen Epoche die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung der Lebensbedingungen durch Wissenschaft und wissenschaftlich orientierte Technik. Sie sind nicht länger dem Spiel geheimnisvoller, unberechenbarer Mächte ausgeliefert, sondern durch Berechnung beherrschbar. „Das aber bedeutet: Die Entzauberung der Welt" (Weber 1951: 578). Dieser Entzauberungsprozess, der sich in der okzidentalen Kultur durch Jahrtausende fortgesetzt hat, ist zu einer unentrinnbaren Gegebenheit der gegenwärtigen Zeit geworden.

Er hat die religiös-moralische Klammer, die traditionelle Gesellschaften zusammen hielt, gesprengt und zwei heterogene Sphären hervorgebracht, nämlich einerseits die öffentliche Sphäre der Wissenschaft, in der Tatsachen und Sachverhalte festgestellt werden, anderseits die private Sphäre religiöser Überzeugungen, bei denen persönliche Stellungnahmen und Anschauungen dominieren. Die Dualität von Analyse und Werturteil, von Wissen und Glauben, von methodischethischer und religiös-sinnvoller Lebensführung ist für Max Weber endgültig. In der Sphäre rationaler Experimente, mit deren Hilfe Erfahrungen zuverlässig kontrolliert werden, lässt sich eine Verständigung über das erzielen, was ist.

In der Sphäre subjektiver Werturteile und religiöser Heilserwartungen dagegen entsteigen die alten vielen Götter aus ihren Gräbern, streben nach Gewalt über die jeweilige Lebenspraxis „und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf" (Weber 1951: 589). Welchem der miteinander kämpfenden Götter zu dienen sei, lässt sich mit den Methoden der Wissenschaft nicht bestimmen. Der Prophet, der eine weltanschauliche Position vertritt, gehört nicht in den Hörsaal, wohl aber der Wissenschaftler, dem es rein um die Sache geht. Weber sah zwar die Gefahr, dass ein Teil der Jugend in die Vorlesung kommt, „um etwas anderes zu erleben als nur Analysen und Tatsachenfeststellungen" (Weber 1951: 589), dass die jungen Leute weniger die wissenschaftliche Arbeit, sondern das sensationelle Erlebnis suchen, und dass sie dazu neigen, die Würde ihrer eigenen menschlichen Gemeinschaften wiederum durch eine religiöse Deutung zu überformen.

Aber er selbst setzte sich solchen übersteigerten Erwartungen zur Wehr: Mit der Intellektualisierung und Rationalisierung, vor allem der Entzauberung der Welt seien die letzten Werte aus der Öffentlichkeit in das Reich mystischen Lebens oder in die Intimität persönlicher Beziehungen getreten. „Es kann, glaube ich, gerade dem inneren Interesse eines wirklich religiös »musikalischen« Menschen nun und nimmermehr gedient sein, wenn ihm und anderen diese Grundtatsache, dass er in einer gottfremden, prophetenlosen Zeit zu leben das Schicksal hat, durch ein Surrogat, wie es alle diese Kathederprophetien sind, verhüllt wird. Die Ehrlichkeit seines religiösen Organs müßte, scheint mir, dagegen sich auflehnen" (Weber 1951: 593 f.).
Inhaltsverzeichnis
Inhalt5
Vorwort7
Max Webers Protestantismus-These und der „neue Geist des Kapitalismus“ – Eine deutsch- französische Gegenperspektive8
1. Das Unbehagen am heutigen Kapitalismus8
2. Webers These und die Kritische Theorie11
3. Kapitalistische Faktizität und gesellschaftliche Rechtfertigungsordnungen16
4. Historische Entwicklungsstadien und der Geist des Kapitalismus19
5. Erfolg und Scheitern der Kritik26
Die Beiträge30
Literatur34
I. Kritische Theorie und Soziologie der Kritik38
Kritik (in) der Netzwerkökonomie39
1. Vom Fordismus zur Netzwerkökonomie40
2. Die Rechtfertigungsordnung des Projekts44
3. Formen der Kritik der Netzwerkökonomie49
4. Aufgaben und Funktionen einer Soziologie der Kritik im Kapitalismus56
Literatur59
Krise und Metamorphose des Protests: Die 68er Bewegung und der Übergang zum Netzwerkkapitalismus61
1. Einleitung61
2. Die Metamorphosen der 68er Protestbewegung in Frankreich64
3. Zur Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft: Wertigkeitsordnungen und gesellschaftliche Krisenphänomene71
4. Die Unlesbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse als individueller oder kollektiver Orientierungsverlust75
5. Pierre Bourdieus Ansatz: Neoliberalismus als symbolische Gewalt79
6. „Ideologie der Kompetenz“ oder „Projektpolis“? Zwei komplementäre Konzepte85
7. Diesseits und jenseits des Kapitalismus89
8. Resümee: Kritische Soziologie und Soziologie der Kritik92
Literaturverzeichnis:95
II. Dynamiken der Weltbildentwicklung und kapitalistischer Prozess98
Die neue Kulturtheorie und der „Geist des Kapitalismus“ – Max Weber and beyond99
1. Die „neue Kulturtheorie“ und die „Wirtschaftsethiken des Kapitalismus“100
2. Zur Kritik der „neuen wirtschaftsethischen Kulturtheorie“108
3. Kapitalismus, Kultur und der „Geist des Kapitalismus“ – Überlegungen zu einer veränderten theoretischen Fassung der „ neuen Kulturtheorie“114
4. Schluss und Ausblick117
Literatur118
„Kapitalismus“ und „Geist des Kapitalismus“ – Anmerkungen zum theoretischen Ansatz Boltanski/Chiapellos123
1. Einleitung123
2. Das ungeklärte Verhältnis zwischen den „Esprits“ und der kapitalistischen Kernstruktur124
3. Kapital als „Chiffre“127
4. Die Dynamik kapitalistischer Mythen132
5. Ein neuer Mythos?135
Literatur:138
Kapitalismus als Religion?140
1. Max Weber: Die Entstehung des modernen Kapitalismus ist durch religiöse Überzeugungen bedingt.143
2. Walter Benjamin: Der Kapitalismus ist eine essentiell religiöse Erscheinung151
3. Georg Simmel: Das Geld als absolutes Mittel und Endzweck tritt an die Stelle der religiösen Instanz.156
4. Christoph Deutschmann: Technisch-ökonomische Mythen decken die religiöse Natur des Kapitalismus auf.164
5. Resümee177
Literatur185
III. Die Ambivalenz der neuen organisatorischen Kontrollformen187
Management, Governance und Netzwerke: Kapitalismusmodernisierung als Mobilisation von Lateralität188
Die duale Institution der Arbeit und der neue(ste) Geist des Kapitalismus212
„Ich habe gerne ein gutes Produkt, das ich vorzeige“ – Zur Managementisierung der humanitären Hilfe1225
1. Einleitung225
2. Operative Probleme humanitärer Hilfsorganisationen: Das Spannungsfeld von externen Anforderungen und internen Ansprüchen228
3. Managementkonzepte: Zum Verhältnis von gesellschaftlichen Semantiken und organisatorischen Strukturen231
Exkurs: Methodische Herangehensweise233
4. Die Bedingungen der Abnahmebereitschaft des Konzepts der ‚ Lernenden Organisation‚ in humanitären Hilfsorganisationen235
5. Die Umsetzung des Konzepts der ‚Lernenden Organisation‚ und ihre Folgen239
6. Schluss243
Literatur244
IV. Die gesellschaftliche Beschreibung von Arbeitsverhältnissen und die Wiederkehr der sozialen Frage247
Zeitsouveränität: die paradoxe Suche nach Selbstbestimmung248
1. Entstrukturierung der industriellen Zeitordnung – Exposition des Arguments248
2. Der Zeitmodus von Wissensarbeit250
3. Die frühe Thematisierung von Zeitsouveränität (als Arbeitszeitmodell) und ihre Deutung als work- life- balance254
4. Die Wertschätzung der Selbstbestimmung259
5. Die Paradoxien selbstbestimmter Arbeit261
6. Zeitsouveränität und Rechtfertigung264
Literatur266
Die Organisation der Ausblendung: Der „neue Geist des Kapitalismus“ und die Geschlechterverhältnisse269
1. Einleitung269
2. Frauenbewegung und Geschlechterforschung: Einblendungen270
3. Der „neue Geist des Kapitalismus“279
4. Schlussfolgerungen293
Literatur295
Vom Verstummen der Sozialkritik300
1. Das konzeptionelle Programm der Studie – kritische Rückfragen301
2. Der Strukturwandel sozialer Ungleichheit309
3. Strukturwandel von Mitgliedschaftsverhältnissen312
4. Vom gewährleistenden zum aktivierenden Sozialstaat316
5. Resümee und Ausblick: Mitleid statt Sozialkritik?321
Literatur:324
Autoren328

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