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Gebären - Erzählen

Die Geburt als leibkörperliche Grenzerfahrung

AutorCecilia Colloseus
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl305 Seiten
ISBN9783593438450
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis35,99 EUR
Erzählungen über die Geburt aus der Perspektive der Mütter sind bisher nicht Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung gewesen. Diese Leerstelle möchte die vorliegende Studie füllen, indem sie das Erzählen über individuelle Gebärerfahrungen als soziale Praxis erstmals phänomenologisch erschließt. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Bedeutung des Erzählens für den Umgang mit der Grenzerfahrung Geburt. Anhand von Erzählungen aus Internetforen wird gezeigt, wie Frauen ihre eigenen Geschichten wiedergeben und verarbeiten sowie in welcher Form sich in diesen Erzählungen zentrale Werte, Normen und Deutungssysteme unserer Gesellschaft widerspiegeln.

Cecilia Colloseus, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt 'Retraditionalisierung pränatal' im Fach Soziologie an der Universität Tübingen.

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Leseprobe
Dank Die vorliegende Studie entstand im Rahmen des Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Life Sciences, Life Writing. Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung an der Johannes Gutenberg-Universität/Universitätsmedizin Mainz. Für diese einzigartige Möglichkeit der transdisziplinären Vernetzung sowie für die Finanzierung in Form eines Stipendiums bin ich der DFG zu großem Dank verpflichtet. Dass die Studie als Buch erscheinen kann, verdanke ich ebenfalls der freundlichen Unterstützung der DFG. Gefördert wurde die Publikation außerdem von der Deutschen Stiftung Frauen- und Geschlechterforschung, der ich ebenso danke. Dem Herausgeber der Reihe Kultur der Medizin, Andreas Frewer, und Eva Janetzko vom Campus Verlag danke ich für ihre kompetente Beratung und Begleitung. Mein besonders herzlicher Dank gilt Michael Simon. Als mein Doktorvater betreute er meinen Promotionsprozess nicht nur umfassend, sondern bewies auch alle sprichwörtlichen geburtshilflichen Qualitäten, ohne die diese Studie wohl sehr viel schwerer zur Welt gekommen wäre. Außerdem bedanke ich mich bei meinen Mitkollegiat_innen im GRK 2015/1, insbesondere bei Miriam Halstein Julia Reichenpfader und Anita Wohlmann, mit denen ich in einem kontinuierlichen und intensiven fachlichen Austausch stand und stehe. Ein großer Dank gebührt auch Claudia Buir, die als Koordinatorin des GRK nicht nur für einen reibungslosen Ablauf sorgte, sondern uns Kollegiat_innen auch in jeder Hinsicht unterstützte. Den Mitarbeiter_innen des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Andrea Brösing, Christine Forcina, Dagmar Loch und Susanne Michl, danke ich für ihre große Hilfsbereitschaft. Auch bedanke ich mich bei Elisabeth Bodenstein vom Prüfungsamt des Fachbereichs 05. Für inspirierende (Fach-)Gespräche, Unterstützung und Beratung in allen Belangen danke ich Natalie Aharon, Bianca Blum, Diana, Marius und Ronja Colloseus, Barbara Coridaß-Ott, Verena Delto, Timo Heimerdinger, Joachim Hopp, Matthias Samuel Laubscher, Christine Loytved, Rudolf Mensing, Stephan Nicolae, Elisabeth, Thomas und Wilhelm Ott, Wiebke Partzsch, Johanna und Hans Pechatscheck, Lisa von Reiche, Lukas Ricken, Lotte Rose, Jonathan Roth, Stefanie Schmid-Altringer, Sarah Scholl-Schneider, Rhea Seehaus, Andrea Sell, Christine Skala, Hedwig Suwelack, Mirko Uhlig, Sophie Wasserscheid, Sascha Weber, Eberhard Wolff und dem Doktorand_innen-Kolloquium der Kulturanthropologie/Volkskunde an der Universität Mainz. Nicht zuletzt bedanke ich mich auch bei allen Nutzerinnen des Internetforums Mama-Community, deren Texte im Rahmen dieser Studie verwendet werden sowie bei den Teilnehmenden der Aktion Erzählcafés - ?Der Start ins Leben? und den Hebammen und Ärztinnen, die mir einen Einblick in ihre Tätigkeit ermöglichten und für ein Interview zur Verfügung standen. Ihre Erzählungen haben die vorliegende Untersuchung überhaupt erst möglich gemacht. Diese Studie wäre nicht zustande kommen, hätten mich nicht zahlreiche Menschen in meinem persönlichen Umfeld unermüdlich unterstützt, ermutigt und getragen, allen voran meine Eltern Maria und Hans Günter Colloseus sowie meine Patentante Christa Westenberger. Ich verdanke ihnen so viel, und es ist das Mindeste, ihnen dieses Buch zu widmen. Zu guter Letzt danke ich meinem Mann Matthias Colloseus. Durch sein Interesse an meiner Forschung von Anfang an bis hin zum sorgfältigen Lektorat habe ich von ihm die beste und umfassendste Unterstützung erfahren, die ich mir vorstellen kann. Ich danke ihm für seinen wachen Verstand und seine grenzenlose Geduld. Cecilia Colloseus Freiburg, im August 2017 1. Einleitung: Gebären aus narrativer Perspektive Der Vorhang läßt nur mattes Licht herein, Sie windet sich auf tränennassen Kissen, Sie hat die Zähne in den Daumen fest gebissen, Daß blau er schwillt. Sie hält es nicht... muß schrein, Es rast heraus, es bricht sich an den Wänden Der graue Ton und klopft mit fürchterlichen Händen Da schlägt hoch über aller Wipfel Glut die Flamme Ein rosig, klumpig Etwas trägt die Amme. Der Sanitätsrat hat den Ärmel aufgekrempelt, Indem er diesen roten Fleck zu einem Knaben stempelt. Dem Vater perlt der kalte Schweiß. Die Mutter aber lächelt, und sie weiß, Es singt mit Harfen und mit Flöten ihren Ohren: Ich habe einen Gott geboren! (Klabund 1913: 57) 1.1 Gebären - ein Tabu? Jeder Mensch wird geboren. Zu dieser Tatsache steht das Interesse an den Gegebenheiten, die die Umstände des Gebärens bestimmen, in einem bemerkenswerten Missverhältnis. Dabei ist die Geburt eine der wichtigsten Metaphern für den Anfang und das Hervorbringen von Neuem. 'Oft hat man sich die Entstehung der großen Werke im Bild der Geburt gedacht', schreibt Walter Benjamin (1989 [1932]: 438). Zwischen Sokrates' Maieutik (Platon nach Becker 2007) und Hannah Arendts Natalität, dem 'Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt' (Arendt 2010 [1958]: 18), dient das gesamte semantische Feld als figurative Umschreibung für das schöpferische Tun und als Topos in Erzählungen. Diese Beobachtung gilt nicht nur für westliche Vorstellungswelten. Viele Kulturen kennen Metaphern des 'Schwangergehens', des 'Geburtsschmerzes' und der 'Nachwehen' und messen ihnen in ihren großen Erzählungen, beispielsweise in Schöpfungsmythen, außerordentliche Bedeutung bei (vgl. Dierichs 2002). Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik identifiziert für das Hebräische gar eine gemeinsame Wurzel für die Wörter 'Geschichten' und 'Gebären' (Brumlik 2008). Doch so prominent das Hervorbringen neuen Lebens in mythischen, philosophischen und literarischen Kontexten verhandelt wird, so wenig präsent ist der konkrete körperliche Prozess des Gebärens aus der Perspektive der Frauen in der Literatur oder der Alltagserzählung. Das eben noch Idealisierte, narrativ Überformte und poetisch Umschriebene wird banalisiert oder sogar ausgeblendet, wenn es um die tatsächliche Geburt geht; der körperliche Akt des Gebärens erzeugt Hemmungen, sogar Sprachlosigkeit, bleibt eine Leerstelle. Im biomedizinisch dominierten Geburtssystem der Gesellschaften des globalen Nordens ist der Blick auf die Geburt ambivalent: Einerseits wird sie als medizinisch-technisch kontrollierbares Ereignis betrachtet, das den Ansprüchen von Planbarkeit und Risikomanagement entsprechen soll, andererseits folgt auch die moderne Geburtsmedizin dem überkommenen idealisierenden Narrativ der Geburt als Hervorbringen neuen Lebens, wobei das Geborene im Mittelpunkt steht, nicht die Gebärende. Berichte über die leiblichen Erfahrungen der Gebärenden bleiben auch hier in jeder Hinsicht außen vor und sind nicht diskursrelevant. Das Erzählen über das individuelle, leibkörperliche Erleben einer Geburt wirkt in einer Gesellschaft Mitteleuropas, die (nur scheinbar) offen mit Körperlichkeit umgeht, wie ein geradezu anachronistisches Tabu: 'Wir wollen heute offen sein. Wir sprechen über Orgasmusschwierigkeiten, fragen unsere Freundin, wie schmerzhaft das Tattoostechen war oder das Bikini-Waxing. Wenn eine Doku über Hirn-OPs läuft, schauen wir fasziniert zu. Wir leben im 21. Jahrhundert, eine aufgeklärte Gesellschaft, die verstehen will, was sie nicht versteht. Worüber wir schweigen: über die Geburt. Bis heute ist sie ein Mythos geblieben.' (Smechowski 2016) Was die Journalistin Emilia Smechowski hier konstatiert, greift dezidiert das Schweigen über die leibliche Dimension des Gebärens auf, die hinter dem 'Mythos Geburt' zurückbleibt. Als Antwort auf Smechowskis Feststellung schreibt eine Bloggerin des Blog-Kollektivs kleinerdrei jedoch einschränkend: 'Mein erster Gedanke [beim Lesen von Smechowskis Artikel, C.C.] war: Stimmt nicht. Ich habe schon mehr detaillierte Geburtsschilderungen bekommen als ich zählen kann. Die Bandbreite reicht von ?Ich hatte vier wunderbare Hausgeburten? bis hin zu blutigen Dramen, bei denen ohne moderne Medizin Kind, Mutter oder gar beide den Kreißsaal nicht lebend verlassen hätten. Ich kenne Geschichten mit Dammschnitt oder mit Globuli, von zu starken und zu schwachen Wehen, von einer 30-min-Sturzgeburt und einer, bei der sich nach 40 Stunden immer noch nicht genug getan hatte. Ich kenne Frauen, die hatten Notkaiserschnitte, andere hatten Wunschkaiserschnitte, manche brauchten eine Doula , viele andere eine PDA . Hört sich so Schweigen an? Ist das ein Mythos? Nö.' (Barbara 2016) Die Bloggerin kommt zu dem Schluss, dass das Erzählen über konkrete Geburtserlebnisse nur in Gruppen von Frauen möglich ist, die selbst bereits geboren haben. Bei den meisten Müttern sei das Bedürfnis sogar sehr groß, über das Erlebte en détail zu sprechen. Mit Personen, die keine eigene Gebärerfahrung haben, findet hingegen kein Austausch über das Thema statt. Bei denen, die erzählen wollen, erfolgt eine Selbstzensur. Die Beobachtungen der beiden Autorinnen werden für die vorliegende Studie zum Anlass genommen, das Erzählen über das individuelle Erleben des Gebärens gesondert in den Blick zu nehmen. Als soziale Praxis findet dieses nämlich immer wieder statt, bleibt jedoch, wie von der Bloggerin beschrieben, nur einem bestimmten Kreis vorbehalten, dem öffentlichen Interesse und damit auch der wissenschaftlichen Analyse verborgen. Dass sich die Wissenschaft bislang nicht mit dem Erzählen über das Gebären beschäftigt hat, beklagte die Literaturwissenschaftlerin Tess Cosslett bereits vor gut zwanzig Jahren: 'Childbirth, as an experience belonging to the private sphere of womanhood, has long been marginalised as a subject for public representation. In particular, accounts of childbirth from the perspective of the birthing woman herself have been relegated to private diaries, or anonymous letters to magazines.' (Cosslett 1994: 1) Cosslett benennt hier explizit das Problem der Marginalisierung der weiblichen Lebenswelt, die über Jahrhunderte fast ausschließlich im Privaten verortet war und nicht öffentlich repräsentiert wurde. Die Perspektive der gebärenden Frauen, so Cosslett, wurde strukturell marginalisiert und beschränkte sich auf private Aufzeichnungen und lediglich anonyme öffentliche Äußerungen. Dadurch war auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der (historischen) weiblichen Lebenswelt aufgrund der schlechten Quellenlage kaum möglich. Die Kulturanthropologie, der sonst nichts Menschliches fremd ist, hat die Gebärerzählung bisher ebenfalls gemieden. Gründe hierfür aufzuspüren, ist ebenfalls Aufgabe der vorliegenden Studie. Vor allem aber wird hier der Versuch unternommen, die Leerstelle der Gebärerzählung zu füllen, die verschiedenen Arten, Geburt zu erzählen, durch unterschiedliche Zugänge sichtbar zu machen. Als Hauptzugang wird dafür das Erzählen im Kommunikationsraum Internet gewählt. Hier sind die Gruppen der Frauen, die über ihre Gebärerfahrungen berichten, in Form von Internetforen und Blogs öffentlich zugänglich, große Korpora von Geburtsberichten stehen einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zur Verfügung. Sich dieser Erzählungen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit anzunehmen, ist Aufgabe der kulturanthropologischen Erzählforschung. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind jedoch auch über die Fachgrenzen hinaus von Interesse. Gerade angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen rund um die geburtshilfliche Praxis ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema für die Geburtshilfe im Allgemeinen, die Geburtsmedizin, die Medizinethik und andere Fachbereiche wünschenswert. Nicht zuletzt wird aufgezeigt: Zahlreiche Akteur_innen sind an den derzeit in der Geburtshilfe stattfindenden Debatten beteiligt. Geburtsmediziner_innen, Hebammen, Entbindungspfleger , Politiker_innen, große Versicherungskonzerne: Alle 'erzählen' das Gebären unterschiedlich und mit je eigenen Interessen. Die Gebärenden selbst bleiben dabei meist außen vor. Ihre Stimmen, ihre Erzählungen sollen in der vorliegenden Studie gehört werden und einen weiteren wichtigen Zugang zur aktuellen gesellschaftlichen Verhandlung von Geburt liefern. 1.2Gebären - eine Grenzerfahrung? Bereits ein Blick auf den Entstehungskontext der vorliegenden Studie zeigt, wie wichtig es ist, das Erzählen über das Gebären als eigenständiges Thema zu betrachten. Als Teilprojekt des DFG-Graduiertenkollegs Life Sciences, Life Writing - Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung verhandelt diese Studie das Gebären nämlich als eine 'Grenzerfahrung menschlichen Lebens'. Aus leibphänomenologischer Perspektive sind mit 'der Kategorie ?leibkörperliche Grenzerfahrung? Phänomene gemeint, die sich dem Individuum als spürbarer innerer Widerstand bemerkbar machen. In Grenzerfahrungen realisiert das Individuum die räumliche Begrenzung des eigenen Leibes (nicht: des Körpers) als spürbaren GegenStand [sic].' (Gugutzer 2001b: 76) Beim Gebären visualisiert sich diese Definition Gugutzers ganz plastisch vor dem geistigen Auge, wenn man sich das Verhältnis des kindlichen Kopfes und des mütterlichen Beckens vergegenwärtigt: Die kleine Öffnung des Muttermunds, der selbst nach vollständiger Eröffnung ein Nadelöhr bleibt, und die Enge des Geburtskanals, durch die das Kind einem hohen Druck ausgesetzt wird. In Bezug auf das Kind liegt die wortwörtliche Grenzerfahrung nahe: Es erlebt nicht nur die Grenzen des eigenen Leibes, sondern auch und vor allem die Grenze des mütterlichen Körpers. Dass auch die Gebärende ihren Leib als 'räumliche Begrenzung', als 'GegenStand' wahrnimmt, gerät angesichts der Konzentration auf das Kind jedoch leicht in Vergessenheit. Dass das Gebären als Phänomen wahrgenommen wird, das 'sich dem Individuum als spürbarer innerer Widerstand bemerkbar' macht, zeigt ein Blick in die Gebärerzählungen aus der Perspektive von Müttern. In ersten Stichproben im Vorfeld dieser Studie fand sich der Begriff der Grenzerfahrung explizit oder implizit. Beschrieben wurden damit nicht nur im klinischen Sinne riskante Situationen, sondern auch die völlig undramatische Grenzüberschreitung zur (erneuten) Mutterschaft in Form einer physiologischen Spontangeburt ohne medizinische Interventionen. Dieser Begriffswahl wurde von Vertreter_innen der medizinischen Expert_innenschaft mit Argwohn begegnet: Für sie gilt die (physiologische Spontan-)Geburt als medizinisch kontrollierbares Routineereignis und - zumindest für die Gebärende - nicht als Grenzerfahrung, obgleich selbst in der klinischen Forschung Ergebnisse vorliegen, die eine solche Annahme stützen (Simkin 1991; Waldenström et al. 2004; Lemola et al. 2007; Wiklund 2008). Die 'Erzählkulturen' von Ärzt_innen und Frauen, die geboren haben, prallen hier also ganz offensichtlich aufeinander: Die Medizin 'erzählt' das Gebären als alltägliches Ereignis, die Mütter in ihrer Rolle als medizinische Laiinnen erzählen es als (leibkörperliche) Grenzerfahrung. Dieser clash of narratives ist ein weiterer Anlass, die unterschiedlichen Formen, Geburt zu erzählen, als Phänomen wahr- und auseinanderzunehmen und in einen interdisziplinären Forschungskontext zu stellen. Die noch recht junge Disziplin der narrative medicine (Charon 2004; 2006) nimmt erstmals wissenschaftlich Stellung zu diesen unterschiedlichen Formen des Erzählens medizinischer Situationen, von körperlichen beziehungsweise leiblichen Erfahrungen. Die Vertreter_innen der narrative medicine gehen davon aus, dass es wichtige Wege in Diagnose und Therapie verstelle, eine medizinisch betreute Situation nicht auch aus Perspektive der Patient_innen zu sehen (Charon 2004: 862). Die Selbstnarrative der Patient_innen stehen deshalb im Mittelpunkt des Interesses, doch auch die narrative Kompetenz der Mediziner_innen wird thematisiert (ebd.: 863). Die vorliegende Studie orientiert sich in dieser Aufwertung des Narrativen an der narrative medicine und versucht, die im Kontext von Schwangerschaft und Geburt beteiligten Akteur_innen mit ihren jeweiligen Narrativen zu Wort kommen zu lassen. Anders als im klassischen Setting der narrative medicine kommt im hier behandelten Kontext zu Ärzt_innen und Patient_innen beziehungsweise Gebärenden noch die dritte Partei der Hebammen hinzu. In der zurzeit stattfindenden Neuverhandlung des Hebammenberufs werden Selbstnarrative von Müttern häufig politisch instrumentalisiert, um die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit einer Betreuung von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen durch Hebammen zu überzeugen (z. B. Jeremias et al. 2012; Virnich 2014). Vor allem das öffentliche Sprechen über als fremdbestimmt und traumatisch erlebte Geburten wird mit einer politischen Agenda verknüpft. Auch diese Beobachtung wird Teil der hier vorgenommenen empirischen Auseinandersetzung mit dem Thema sein. 1.3 Aufbau der Studie In den folgenden Kapiteln dieses Buchs wird versucht, die unterschiedlichen Arten zu erschließen, wie das Gebären erzählt wird. Die verschiedenen beteiligten Akteur_innen kommen dabei zu Wort. Auf diese Weise sollen mögliche Anknüpfungspunkte für die weitere Forschung und nicht zuletzt auch für die Praxis vorgeschlagen werden. Zu diesem Zweck werden in diesem ersten Kapitel zunächst die aktuellen Diskussionen zum Thema Geburt beziehungsweise Geburtshilfe und der entsprechende Forschungsstand präsentiert. Anschließend werden die zentralen Fragestellungen in diesen Diskurs eingeordnet, die theoretischen und empirischen Quellen, die Konzepte, Theorien und Methoden präsentiert. Ein zweites Kapitel befasst sich mit den 'großen Erzählungen' rund um das 'biosoziale Ereignis' (Jordan 1993 [1978]) Geburt aus medizinischer sowie aus (medizin-)ethnologischer Perspektive, wobei auch historische und aktuelle Entwicklungen berücksichtigt werden. Hier werden außerdem Ergebnisse einer teilnehmenden Beobachtung in zwei geburts-hilflichen Abteilungen skizziert, um eine möglichst genaue Darstellung des Geburtssytems in der Bundesrepublik Deutschland zu gewährleisten. Daran anschließend werden die Narrative der Expert_innen innerhalb dieses Systems vorgestellt und charakterisiert sowie die Erzählungen um Konstruktionen von Weiblichkeit und Mutterschaft identifiziert. Im dritten Kapitel werden die Theorien und Methoden der (kultur-anthropologischen) Erzählforschung präsentiert, die sich besonders für die Untersuchung von Erzählungen über leibkörperliche Erfahrungen eignen. Das vierte Kapitel skizziert den Kommunikationsraum Internet auf dem gegenwärtigen Stand der digitalen Technik. Hier steht der Einfluss der neuen Medien auf das Verhältnis zwischen medizinischen Expert_innen und Lai_innen im Mittelpunkt. Außerdem wird das Internetforum Mama-Community eingeführt, das die Hauptquelle für die zu untersuchenden Gebärerzählungen darstellt. Im fünften und umfangreichsten Teil der Studie wird ein Korpus von 44 Geburtsberichten aus dem Internetforum Mama-Community einer qualitativen Analyse unter sprachlich-formalen und inhaltlich-hermeneutischen Gesichtspunkten unterzogen und vor dem im dritten Kapitel vorgestellten theoretischen Hintergrund verhandelt. Als ergänzender empirischer Beitrag werden hier außerdem Befragungen von geburtshilflichen Expert_innen und Gebärerzählungen, die im Rahmen der Aktion Erzählcafés - ?Der Start ins Leben? gewonnen wurden, in die Untersuchung einfließen. Die Studie ist im Ganzen auf einen kulturanthropologischen Erkenntnisgewinn ausgerichtet. Die Ergebnisse können jedoch auch einen Beitrag zur narrative medicine, zur Geburtsmedizin und zur Hebammenwissenschaft sowie zur Medizinethik leisten, da sie einen Bereich abdecken, der in der medizinischen und geburtshilflichen Praxis in der Regel nicht in qualitativer Form berücksichtigt werden kann. Da das Interesse an qualitativer, vor allem ethnographischer Forschung zum Zweck einer Weiterentwicklung der Praxis in diesen Fächern jedoch stark ausgeprägt ist, kann die Studie hier ergänzend eingesetzt werden. Diese mögliche praktische Implikation der Forschungsergebnisse ist Gegenstand des zusammenfassenden sechsten Kapitels. 1.4 Zentrale Forschungsfragen Übergeordnetes Ziel der Untersuchung ist es, das Erzählen über individuelle Gebärerfahrungen als soziale Praxis phänomenologisch zu erschließen und der kulturanthropologischen (Erzähl-)Forschung als Gegenstand zuzuführen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach der Bedeutung des Erzählens für den Umgang mit der Grenzerfahrung Geburt. Es wird davon ausgegangen, dass Narrative auf zwei Ebenen für das Geburtsereignis relevant sind: auf einer individuellen Ebene im Kontext der Verarbeitung einer Grenzerfahrung und auf einer überindividuellen Ebene. Für die Erschließung der letzteren werden sogenannte Metanarrative identifiziert, in welche die individuellen Erfahrungen entweder integriert und eingeschrieben werden oder denen sie widersprechen. An die Gebärerzählungen werden folgende Fragen gestellt: Was erzählen sich Frauen untereinander über ihre Gebärerfahrungen? Welche Themen stehen im Mittelpunkt? Wie wird erzählt und welche wiederkehrenden Narrative und Topoi lassen sich identifizieren? Welche Dynamiken entwickeln sich zwischen den Erzählenden? Spiegeln sich die etablierten Metanarrative in den individuellen Erzählungen und wenn ja, wie? Was wird explizit und implizit über das Gebären und die Geburtshilfe in Deutschland ausgesagt? Wie wird auf bestehende Strukturen und das gegenwärtige Geburtssystem rekurriert? Wird Kritik geäußert und wenn ja, woran, von wem und in welcher Form? Welche Wünsche werden implizit oder sogar explizit an die Geburtshilfe gerichtet? Es soll gezeigt werden, wie die Erzählenden ihre eigenen Geschichten wiedergeben und verarbeiten und ob beziehungsweise wie sich in diesen Erzählungen zentrale Werte, Normen und Deutungssysteme der zu untersuchenden Gesellschaft widerspiegeln. Internetforen erlauben einen öffentlichen Austausch in einem größeren Rahmen. Welche (neuen) Narrative sich innerhalb solcher Foren entwickeln, welche Bedeutungen die einzelnen Mitglieder für sich aus den Erzählungen herauslesen, sind Fragen, die im Zusammenhang mit der sozialen Bedeutung solcher virtueller Erzählräume gestellt werden müssen. Es soll aufgezeigt werden, ob und wie auch in einer postindustriellen Informationsgesellschaft Erzählen Bestandteil des Gebärens ist und wie sich beides gegenseitig beeinflusst. Eine weitere Frage gilt den Gründen für die zu konstatierende bisherige Vernachlässigung des Themas der weiblichen Gebärerzählung (und auch der weiblichen Erzählung über leibkörperliche Erfahrungen im Allgemeinen) in der kulturanthropologischen Erzählforschung. Obgleich Körper und Leib spätestens mit dem in den 1990er Jahren vollzogenen body turn oder corporeal turn in den Geisteswissenschaften als Forschungsthema omnipräsent sind (z. B. Gugutzer 2001), fallen Untersuchungen zum weiblichen Körpererleben gering aus. In ihrer Studie zur Kulturgeschichte des Gebärens stellt die Historikerin Eva Labouvie fest, dass es bis ins 20. Jahrhundert kaum Ego-Dokumente von Frauen gebe, die über deren Geburtserlebnisse berichten (Labouvie 2000: 10) und die Einbeziehung von Selbstnarrativen daher schwierig sei. Das Web 2.0 macht solche Erzählungen heute jedoch frei zugänglich. Dennoch ist das Thema in der Forschung weiterhin marginalisiert. Gründe hierfür zeigt die vorliegende Studie auf. Nicht zuletzt geht es auch um praktische Implikationen. Die Hebammen Barbara Baumgärtner und Katja Stahl geben zu bedenken: 'Für eine evidenzbasierte, frauenzentrierte Betreuung sind die Sichtweisen der Frauen von zentraler Bedeutung. Die Sichtweisen umfassen dabei sowohl antizipatorische Aspekte (Wünsche und Erwartungen) wie auch das tatsächliche Erlebte sowie die Zufriedenheit mit dem Erlebten.' (Baumgärtner/Stahl 2005: 66) Nicht nur über gebärende Frauen zu sprechen, wie es in wissenschaftlichen und populären Debatten derzeit noch der Fall ist, sondern auch mit ihnen - und zwar nicht nur, wie Baumgärtner und Stahl schreiben, über ihre Erwartungen, sondern auch über ihre Erfahrungen - hat Einzug in die Auseinandersetzung mit der geburtshilflichen Praxis gehalten. Die Ansätze und Methoden der kulturanthropologischen Erzählforschung können hier wichtige Ergänzungen bereitstellen. Der narrative Ansatz, der das Erzählverhalten in Gruppen von Betroffenen in den Mittelpunkt stellt, kann aus klinischer Perspektive unter Umständen ebenso aufschlussreich sein wie eine Patient_innen-Befragung im Kreißsaal. Ob sich entsprechende Implikationen ableiten lassen, wird die vorliegende Studie zeigen.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Dank10
1. Einleitung: Gebären aus narrativer Perspektive12
1.1 Gebären – ein Tabu?12
1.2 Gebären – eine Grenzerfahrung?16
1.3 Aufbau der Studie18
1.4 Zentrale Forschungsfragen20
1.5 Forschungsstand22
1.6 Konzepte, Theorien und Methoden29
1.7 Forschungsfeld und Quellen30
2. Die »großen Erzählungen« um das »biosoziale Ereignis« Geburt33
2.1 Historischer Abriss der modernen Geburtshilfe in Mitteleuropa36
2.2 Das geburthilfliche Skript – Gebären in Deutschland54
2.3 Expertinnen der Lebenswelt und medizinische Fachmänner68
2.4 »Die Frau im Körper« – (narrative) Konstruktionen von Weiblichkeit84
2.5 Die »gute Mutter« – (narrative) Konstruktionen von Mutterschaft88
2.6 Ergebnis: Die großen Geschichten96
3. Frauen erzählen über (leibkörperliche) Erfahrung100
3.1 Perspektiven kulturanthropologischer Erzählforschung101
3.2 Albrecht Lehmann: Erzählen über Erfahrung103
3.3 Hans-Joachim Schröder: Topoi des autobiographischen Erzählens109
3.4 Arthur Frank: Narrativer Habitus111
3.5 Weibliches Erzählen113
3.6 Erzählen im medizinischen Kontext119
3.7 Erzählen im Internet125
3.8 Die Gebärerzählung – Historische Perspektiven129
3.9 Die Gebärerzählung als Forschungsgegenstand136
3.10 Ergebnis: Bewusstsein, Erzählung, Weiblichkeit138
4. Wehen im Web140
4.1 Das Internet als Informationsquelle140
4.2 Das Internet als Forschungsfeld143
4.3 Der Online-Clan145
4.4 Die Internetseite www.mamacommunity.de147
4.5 Zugang zum »Feld«164
4.6 Ergebnis: Erzählen in der Communitas166
5. Erzählen vom Gebären168
5.1 Erzählen im Forum168
5.2 Das Textkorpus171
5.3 Formale und stilistische Analyse der Gebärerzählungen175
5.4 Inhaltlich-hermeneutische Analyse der Gebärerzählungen203
5.5 Zwischenfazit im Sinne der Bewusstseinsanalyse nach Lehmann239
5.6 Einbindung von Expert_innen241
5.7 Die Aktion Erzählcafés – ›Der Start ins Leben‹251
5.8 Ergebnis: die kleine und die große Gebärerzählung261
6. Die Macht der Erzählung265
6.1 Ein neues Genre für die Erzählforschung269
6.2 Who cares? Implikationen für die Praxis272
6.3 Ausblick279
Literatur282
Register305

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