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Jenseits des Westens

Für ein neues kosmopolitisches Denken

AutorStefan Weidner
VerlagCarl Hanser Verlag München
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783446259591
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Wir waren es gewohnt, dass Europa und Nordamerika die Welt dominieren. In Zeiten der Globalisierung melden nun andere Großmächte politische und wirtschaftliche Ansprüche an und stellen die 'westliche' Weltdeutung in Frage. Fortschritt, Säkularisierung, Liberalismus: Warum sollten diese Prinzipien unserer Ideengeschichte für den ganzen Globus gelten? Stefan Weidner ist ein Anhänger der Aufklärung. Gerade deshalb plädiert er dafür, Weltentwürfe aus Arabien, Afrika oder China ernst zu nehmen. Der 'Westen' darf nicht glauben, die ganze Welt werde früher oder später seine Vorstellungen übernehmen. Wir brauchen ein kosmopolitisches Denken, das die Vorstellung kultureller Überlegenheit überwindet.

Stefan Weidner, Jahrgang 1967, reiste 1985 noch als Schüler mehrmals auf eigene Faust nach Nordafrika. Später studierte er Islamwissenschaften, Philosophie und Germanistik in Göttingen, Damaskus, Berkeley und Bonn und begann seine Karriere als Übersetzer arabischer Lyrik und als Literaturkritiker. 2001-2016 Chefredakteur der vom Goethe-Institut auf Englisch, Arabisch und Persisch herausgegebenen Kulturzeitschrift Art & Thought / Fikrun wa Fann. Für seine Arbeit hat er u.a. den Clemens-Brentano-Preis, den Johann-Heinrich-Voß-Preis und den Paul-Scheerbart-Preis erhalten. Stefan Weidner lebt in Köln. Zuletzt erschienen u.a.: Mohammedanische Versuchungen (2004), Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist (2008) und die erste vollständige Übersetzung von Ibn Arabis Übersetzer der Sehnsüchte - Liebesgedichte aus dem arabischen Mittelalter (2016), für die Weidner 2018 in Doha, Katar, mit dem Scheich-Hamad-Preis für Übersetzung und internationale Verständigung, dem höchstdotierten Übersetzerpreis der Welt, ausgezeichnet wurde. 

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Leseprobe

Erste Schritte


Meine Suche nach dem Jenseits des Westens begann 1982 an einem Ort tief im Westen: in einem der Gebäude der Kölner Volkshochschule. Einige Monate zuvor hatte ich auf dem Gymnasium Altgriechisch als dritte Fremdsprache gewählt. Diese Sprache müsse lernen, wer die abendländische Kultur von Grund auf verstehen will, hatten mir die Lehrer erzählt. Mich reizte daran eher der exotische Aspekt: Wer lernte noch Griechisch? Diese »abendländische« Kultur schien doch niemanden mehr zu interessieren! Indem ich dieses Fach wählte, durfte ich mich als etwas Besonderes fühlen.

Bald merkte ich jedoch, dass mir das nicht genügte. Ich wollte verreisen, die Welt entdecken, dem Gefühl der Enge und Stagnation entfliehen, von dem die letzten Jahre der alten, westdeutschen Bundesrepublik geprägt waren. Dafür musste ich Sprachen lernen, und zwar nützliche, nicht Altgriechisch. Also belegte ich ein paar Abendkurse an der Volkshochschule, neben Französisch auch Russisch und Arabisch. Die Schule wurde darüber zur Nebensache, die Noten sackten in den Keller. Aber ich riss die Tür zur Welt auf.

Auf einem Foto von Weihnachten 1983 posiere ich vor einem Radio, einem sogenannten Weltempfänger. Wenn ich die Ohren spitzte, konnte ich über Kurzwelle Nachrichten aus so fernen Orten wie Peking, New Delhi oder Johannesburg hören. Im unvermeidlichen Rauschen des Äthers schwang das Versprechen von einem Leben mit, das mehr zu bieten hatte als die kleinbürgerliche Schein-Idylle, in der ich aufwuchs. Das alltägliche Elend, die Kleinkriege und Katastrophen, welche meine beiden Lieblingssendungen im TV, »Weltspiegel« und »Auslandsjournal«, in unser rustikal möbliertes Wohnzimmer trugen, kamen mir naturgemäß aufregender und begehrenswerter vor als die Welt, in der zu leben ich mir verurteilt vorkam – und über der das Damoklesschwert der atomaren Apokalypse hing.

Zum Charme der Stimmen aus dem Radio trug das Rauschen nicht wenig bei. Es verbürgte ihre Echtheit, machte erfahrbar, dass diese Stimmen wirklich aus der Ferne kamen. Nur die Nachrichten, die mit dem Rauschen einhergingen, schienen etwas Substanzielles zu sagen. Was ohne Rauschen daherkam, ließ sich vernachlässigen – es konnte nicht weit damit her sein.

Weltempfänger gibt es nicht mehr, nur noch wenige Stationen senden auf Kurzwelle, der Computer ist der neue Weltempfänger, und so wunderbar leicht Radiosender und Zeitungen aus aller Welt jetzt zugänglich sind, so unterschiedslos nah, so banal wirken sie und mit ihnen die weite Welt im Vergleich zu damals, als ich sie mir erlauschen musste wie ein Spion. Es braucht kein Glück mehr, und es ist keins mehr, sie zu hören. Mögen sie in Wahrheit auch Repräsentanten und Vermittler des Anderen sein, sie erscheinen nicht mehr als solche, sie sind im wahrsten Sinn des Wortes entzaubert, banalisiert. Die Interferenz, ohne die das Fremde, Andere, Ferne nicht zu haben ist, ist verschwunden.

Wir werden mit dem Begriff der Entzauberung noch zu tun haben; im Fall der plötzlich rauschfreien Stimmen aus dem Radio wird sie sinnlich erfahrbar. Es ist eine Entzauberung durch zu große Nähe und Vertrautheit – ein seltsames, fast alltägliches Phänomen: Was nah rückt und allzu bekannt ist, verliert seinen Reiz. Das kann ein Mensch sein, den wir einst begehrt haben, aber genauso ein begehrenswertes Objekt. Die Nähe selbst hat also das Potenzial, zu entfremden, und zwar in jenem geheimen Doppelsinn dieses deutschen Wortes: dass uns etwas fremd wird gerade dadurch, dass es uns nicht mehr fremd ist, ohne Distanz ist, ohne Interferenz. Um es paradox auszudrücken, könnte man sagen, die Entfremdung vollziehe sich in der Ent-Fremdung, nämlich darin, dass die Fremdheit verlorengeht und einem die Welt dadurch banal, reizlos, unattraktiv erscheint.

Sofern man bereit ist, die ausgetrampelten Wege der Sprache zu verlassen, wäre dies der seltene Fall eines Wortes, das sich selbst zugleich aufhebt und aktiviert.1 In einem ständigen Oszillieren pendelt es zwischen den gegensätzlichen Polen seiner Bedeutung. Sobald die Ent-Fremdung im Sinne des weniger Fremdseins eingetreten ist, polt sich diese Bedeutung um, aktiviert ihr Gegenteil und führt zu einer Entfremdung im herkömmlichen Sinn. Die vertraute Welt wird schal.

Dieses Pendeln und Oszillieren weist darauf hin, dass Fremdheit und Entfremdung letztlich unaufhebbare Zustände sind, ein Teil der conditio humana. Alle Menschen wissen, was mit dem Gefühl der Fremdheit gemeint ist. Jeder hat als Kind einmal Heimweh erlebt, jeder hat sich in einer Gruppe von unbekannten Menschen schon fremd gefühlt und vielleicht sogar inmitten von Freunden. Dass es Orte, Dinge, Menschen, Zeiten, Erlebnisse gibt, die einem fremd sind – niemand wird dies bestreiten. Die Möglichkeit, Ent(-)Fremdung positiv zu bewerten, ist jedoch nicht nur im Wort selbst angelegt, sondern entspricht zuweilen ebenfalls einer konkreten Erfahrung, nämlich der Verzauberung durch die Fremde.

Mit sechzehn besorgte ich mir einen Pass, kaufte mir ein Interrail-Ticket und klagte gegenüber meinen Eltern das Recht auf Reisen und eigenständige Erfahrungen ein. Zuerst ging es nach Italien, Malta und Griechenland. Aber das genügte nicht. In den folgenden Osterferien kaufte ich mir ein weiteres Interrail-Ticket und wählte das fernstmögliche Ziel: Marrakesch.

Marokko war anders als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Meine Vorstellungen versagten: Ein fremder Planet wäre mir nicht exotischer vorgekommen. Zugleich – und vielleicht gerade deswegen – bekam das Gesehene und Erlebte eine nie gespürte Präsenz, Gegenwärtigkeit. Es zeigte sich so neu, wie nur je etwas neu und ungesehen gewesen ist. Wenn es mein Ziel war, die Selbstentfremdung aufzuheben oder ihr zu entfliehen, indem ich die absolute Fremde aufsuchte, so gelang dies auf eine Weise, die jede Erwartung sprengte. Ausgerechnet in der größten Fremde gab es die Trennung von innen und außen, Sein und Bewusstsein nicht mehr. In den Erinnerungen an dieselbe Zeit zu Hause sehe ich mich dagegen vor allem als Grübelnden, in riesigem Abstand zu seiner Umwelt.

Die absolute Fremde hob die Entfremdung in mir selbst auf. Dafür genügten ein paar sehr einfache Dinge. Ich erinnere mich an die plötzliche, überragende Intensität des Lichts und der Farben, als wäre mit der Überfahrt nach Afrika ein Schleier von der Sonne gezogen worden und als käme sie erst hier und jetzt richtig zur Geltung. Ich erinnere mich an die Nähe der Menschen zueinander (so jedenfalls kam es mir vor im Vergleich zu dem, was ich von zu Hause gewohnt war), an die Selbstverständlichkeit der Kommunikation: Ohne Umstände kam ich im Zug mit allen ins Gespräch, wurde eingeladen, und auch mein übliches Misstrauen war wie weggeblasen. Ebenso magisch war, dass, entgegen vielen Erzählungen, die damals über Marokko kursierten, mein unerwartetes Zutrauen in die Menschen zu keinem Moment enttäuscht wurde.

Die Veränderung wurde mir bereits in den ersten Stunden auf afrikanischem Boden bewusst, als der Zug aus Tanger kurz vor Mitternacht in der Hauptstadt Rabat ankam, wo ich nach Casablanca hätte umsteigen müssen. Ich folgte dem Rat eines marokkanischen Mitreisenden, besser nicht über Nacht weiterzureisen, sondern bei ihm zu bleiben und den Anschlusszug am nächsten Morgen zu nehmen. Auf dem Bahnhofsvorplatz stiegen wir in ein Taxi. Es war noch warm, die Fenster des klapprigen Renaults waren weit geöffnet, man roch den Atlantik, und sofort entspann sich ein lebhaftes Gespräch zwischen dem Taxifahrer und meinem Gastgeber, begleitet von Lachern und Ausrufen.

Ich war hingerissen und verblüfft; was für ein Zufall, dass der erstbeste Taxifahrer offenbar ein Verwandter oder alter Freund meines Gastgebers war, und ich fragte ihn, woher er den Taxifahrer kenne. Verdutzt fragte er zurück: »Wieso? Ich kenne ihn doch gar nicht!« Aber sie müssten doch, entgegnete ich, mindestens befreundet sein, so wie sie miteinander redeten und sich begrüßt hätten. »Nein, nein«, sagte er. Und als ich ihn ungläubig anschaute, fügte er hinzu: »Alle Marokkaner sind einander Freunde und Brüder!« Es sei ganz normal, wie sie sich unterhielten.

Das kam mir im ersten Moment wie eine leere Phrase vor, die das, was ich beobachtete, nicht annähernd wiedergab. Und doch bezeichnete diese Aussage die Situation vielleicht sehr genau. Wahrscheinlich konnten sich die Menschen in Deutschland nicht wirklich leiden. Sie waren eher keine Freunde. Jetzt erst merkte ich, woher ich gekommen war – an meiner Überraschung über die Freude, mit der ein Taxifahrer mit einem heimkommenden Fahrgast redete.

Solche Erfahrungen wiederholten sich. Die Fremde ent-fremdete mich, machte, dass ich mich weniger fremd fühlte – zuerst mir selbst gegenüber, dann im Verhältnis zu meiner Umwelt. Auch wenn oder weil ich vielleicht nur ein Gast war, fühlte ich mich zu Hause. Ich war im mehrfachen Sinn des Wortes verzaubert – im banalen Sinn ebenso wie in jenem großen eines neuen, magischen Weltverhältnisses.

Wenn es uns möglich ist, einer sehr konkreten Fremdheitserfahrung oder Entfremdung die einer Ent-Fremdung und Wiederverzauberung als Gegenpol zuzuordnen und sie zu beschreiben, dann ist dies vielleicht auch mit anderen Erfahrungen und Begriffen möglich, die von unserem Ort in der Welt handeln.

Dazu zählt die Aufklärung. Ihr kommt in den folgenden Überlegungen eine zentrale Stellung zu. Im Sinn eines Zuwachses von überprüfbarem, falsifizierbarem Wissen, von Überblick, ist die Aufklärung ein wesentlicher Motor des Pendels des Ent- geworden: Einerseits hat sie den Menschen auf der Erde heimischer gemacht, indem sie ihn vom...

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