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E-Book

Unheilig

Der Graf und seine Welt

AutorMichael Fuchs-Gamböck, Thorsten Schatz
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl285 Seiten
ISBN9783838711331
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Platz 1 der deutschen Charts, Echo-Preis, Millionen verkaufter Alben. Unheilig ist eine der erfolgreichsten deutschen Bands. Ihr Sänger, der Graf, ist für seine Fans mehr als nur ein Chartstürmer: ein Mann, der ihre Sprache spricht, der ihre Seele berührt. Hunderttausende zog er mit Hits wie 'Geboren, um zu leben' in seinen Bann, trotzdem ist kaum etwas über ihn bekannt. Dabei ist diesem außergewöhnlichen Menschen nach einem oft schweren Weg eine faszinierende Erfolgsstory gelungen. Mit diesem Buch sind Sie hautnah dabei! 'Das Leben inspiriert mich. Ich mache Musik, damit es mir besser geht. All das, was mich beschäftigt, schreibe ich mir von der Seele.' Der Graf

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Vorhang auf:
Der Schritt zum Musiker

Der Mann, der sich unter seinem Künstlernamen »Der Graf« zu einem der populärsten deutschen Musiker entwickeln sollte, setzte Mitte der 1990er Jahre nach frustrierenden Erfahrungen all seine Hoffnungen, einen Plattenvertrag zu bekommen, schließlich in das Musikunternehmen Old World Record. Gerade dieses heiß ersehnte Schriftstück konnte die Firma dem angehenden Popstar aber nicht bieten, weil sie nur als Musikverlag arbeitete und ihre Künstler und deren Produkte lediglich Plattenfirmen anbot.

Der Kopf von Old World Record war der 1953 in Sydney geborene australische Sänger, Texter und Komponist Grant Stevens. Er wanderte in den 1970er Jahren in die britische Metropole London aus, wo er in Kontakt mit der dortigen Musikszene kam. Unter anderem lernte er den Produzenten Kit Lambert kennen, der mit der Rock-Legende The Who zusammengearbeitet hatte. Grant nahm in den 1980er Jahren mehrere Singles und 1981 und 1984 zwei LPs als Frontmann und Sänger der deutschen Gruppe Nervous Germans auf. Kurz danach siedelte er nach Deutschland über und war seitdem gut beschäftigt als Sänger, Texter und Songschreiber für Acts wie Opernsänger Peter Hofmann, Pop-Chanteuse Jennifer Rush, den Singer/Songwriter Christopher Cross, die Soullegende Percy Sledge, die Schlagerstars Jürgen Marcus und Michelle, die Rockband Depp Jones, die Popsänger Bilgeri, Johnny Logan, das Dance-Music-Projekt Sash! sowie Ex-Smokie-Star Chris Norman. Dazu kamen diverse Kompositionen für TV-Werbespots, etwa der Song »Everlasting Friends« für die Biermarke Holsten Pilsener, »Wild For You« für einen C&A-TV- und Kinowerbekurzfilm und die Musik für einen »Rover 2000«-TV-Spot. Zwischendurch brachte er 1989 ein Soloalbum mit dem Titel »Grant Stevens« heraus. Dazu gesellten sich bei dem Tausendsassa Kompositionsaufträge für das Musical Die Schöne und das Biest oder der Titelsong des Films »Es ist nicht leicht ein Gott zu sein«, dem er den naheliegenden Titel »Hard To Be A God« gab. Außerdem schrieb er Texte für den Soundtrack des Films Obsession und das deutschsprachige Musical Robin Hood, er komponierte die Musik des TV-Films Contergan und war an etlichen Studioproduktionen beteiligt. Keine Frage, Grant Stevens war ein echter Profi, ein Vollblutmusiker, der auf vielen Hochzeiten tanzte und Beziehungen hatte. Er hörte sich die Songversuche des Grafen auf dessen erstem selbstgebastelten Album Dreams And Illusions an und erkannte sofort: Diese Stücke besitzen großes Potenzial. Aber nicht nur das: Zwischen dem Newcomer und dem Musik-Profi entstand sofort eine enge Verbindung, die Chemie zwischen den beiden stimmte. Für den Grafen war das Zusammentreffen sogar eine fast schon spirituelle Erfahrung, wie er dem Magazin Orkus erzählte: »Es gibt manchmal schicksalhafte Begegnungen, und du lernst Menschen kennen, mit denen du so vertraut bist, als ob du sie schon ewig kennen würdest.«

Der so vertraut wirkende Grant Stevens wollte versuchen, dem künftigen Chartstürmer einen Plattenvertrag zu verschaffen, was im ersten Anlauf jedoch nicht funktionierte. Also wurde beschlossen, das Songmaterial aufzupolieren und das missratene Cover mit neuen Porträtbildern auszustatten, um die Chancen auf einen Plattenvertrag zu erhöhen. Professionalität zählte.

Der angehende Popstar musste jedoch zunächst wieder nach Lübeck, um die Abschlussprüfungen seiner Ausbildung als Hörgeräteakustiker zu absolvieren. Das gelang ihm nach zwei Wochen purem Stress, was ihn zugleich glücklich und traurig stimmte. Denn er musste sich von den Freunden verabschieden, die mit ihm ein Zimmer geteilt hatten und zu denen er freundschaftliche Bande geknüpft hatte.

Wieder zurück in Aachen erhielt er eine Einladung zur Feier der Gesellenübernahme, die aber ausgerechnet an dem Wochenende stattfinden sollte, an dem Grant seine Songs neu bearbeiten wollte. Dennoch nahm der Graf an der Festivität teil, die ihm das Gefühl vermittelte, mit seinem Ausbildungsabschluss etwas geleistet und geschafft zu haben. Er hatte nun endlich einen Job, der ihm das Musikmachen finanzierte.

In der Zwischenzeit hatte Grant an den Songs herumgebastelt und bei zwei Stücken weibliche Chorstimmen zugemischt, bei einem anderen ein sprachlich fehlerhaftes Intro gelöscht. Der künftige Graf war enttäuscht. Er hatte größere Veränderungen erwartet, hielt sich mit Kritik allerdings zurück. Schließlich wollte er so bald wie möglich einen Plattenvertrag unterschreiben. Und dafür verließ er sich auf das Urteil und die Arbeit des Musik-Experten Grant Stevens, der auch ein paar Vorschläge für die neuen Porträtbilder parat hielt.

Nach allem, was er bislang von dem Aachener Nachwuchstalent gehört hatte, ordnete der Australier dessen Musik in die Richtung Gothic Rock ein. Bei dieser Spielart des Rock werden die Bässe und Gitarren besonders stark betont und dabei mit elektronischen Klangeffekten untermauert. Daraus ergibt sich ein geradezu psychedelischer Effekt und eine treibende, tieftönende, sehr düstere Grundstimmung als spezielles Charakteristikum des Gothic Rock, der gleichfalls als »Batcave« nach dem für seine Entwicklung so wichtigen Londoner Batcave-Club bezeichnet wurde.

Das Finstere, Dunkle der Musik findet sich auch in den Texten der Gothic-Songs wieder, die damit die Ideen- und Vorstellungswelt der Subkultur abbilden, der sie entstammen.

Die Gothic-Szene entwickelte sich Ende der 1970er Jahre in Großbritannien. Damals war die bis dahin im Underground dominierende Punk- und New Wave-Kultur nicht mehr in der Lage, die damals aufkommende melancholische Grundstimmung vieler Jugendlicher zu transportieren, nach außen zu vermitteln. Das schaffte hingegen die gerade entstehende Dark-Wave-Kultur, deren Kern die Gothic-Szene bildete. Ihre musikalischen Favoriten waren anfangs Gruppen wie Joy Division, The Cure, Bauhaus und Siouxsie & the Banshees, die zunächst noch viel Punk in ihre Songs einfließen ließen. Gleichzeitig orientierte man sich inhaltlich mehr und mehr an den Gothic Novels, der sogenannten Schauerliteratur, die im Großbritannien des ausgehenden 18. Jahrhunderts aufkam und schnell auch in anderen Ländern Anhänger fand. Dazu zählten Bücher wie The Castle Of Otranto von Horace Walpole, Das Petermännchen von Christian Heinrich Spieß, Der Mönch von Matthew Lewis und im 19. Jahrhundert Klassiker wie Mary Shelleys Frankenstein und natürlich Dracula von Bram Stoker.

All diesen Werken gemeinsam ist das Interesse an und die Sehnsucht nach den dunklen Seiten des menschlichen Daseins, am Unerklärlichen. Oft kommen Motive wie Friedhöfe, Gräber, Gruften und Urnen vor. Die Schauplätze der Handlung sind bevorzugt von der mittelalterlichen Architektur der Gotik geprägt, die im 19. Jahrhundert wieder aktuell und beliebt war, daher auch der Begriff der »Gothic Novels«, den die Gothic-Subkultur hundert Jahre später übernahm.

In der Szene und bei den Gothic-Musikern ebenfalls beliebt waren Horrorfilme wie der Stummfilm-Klassiker Nosferatu, Die schwarze Katze, Der Rabe und The Hunger sowie Komödien des Genres wie The Munsters und The Comedy Of Terrors. Diese Filme wiesen ganz ähnliche Inhalte und Motive auf wie die Schauerliteratur und waren voller Todessehnsucht und romantisch-morbider Melancholie – eine spezifische Vorstellungs- und Gefühlswelt, die die Gothic-Rock-Bands in Musik verwandelten.

Zu den Protagonisten der Szene gehörten seit den frühen 1980er Jahren britische Gruppen wie The Sisters of Mercy, The Mission und weiterhin The Cure. Sie veröffentlichten ihre Produktionen bei Independent-Labeln und konnten nach und nach auch veritable Hits in den Mainstream-Charts verbuchen, etwa »Temple Of Love« von den Sisters of Mercy oder »Boys Don’t Cry« von The Cure. Solche Gothic-Bands gab es in ganz Europa und in den USA, wo etwa Christian Death als wichtiger Repräsentant zu nennen wäre. Hinzu kamen bis zum Ende der 80er Jahre noch US-Gruppen wie Faith and the Muse und London After Midnight.

In Deutschland entwickelte sich der Gothic Rock kurz nach dem Startschuss in Großbritannien ebenfalls seit etwa 1979/1980. Pionier-Bands waren beispielsweise Geisterfahrer, Xmal Deutschland, Leningrad Sandwich, Belfegore und später, bis Mitte der 80er, Asmodi Bizarr, Marquee Moon oder Remain in Silence.

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre lösten sich die meisten deutschen Gothic-Rock-Gruppen der ersten Generation bereits wieder auf, und nur vereinzelt gaben Bands wie Taste of Decay oder Mask for, Stimmen der Stille, Arts & Decay und die Girls Under Glass Lebenszeichen von sich. Gleich zu Beginn der 90er Jahre boomte der deutsche Gothic Rock jedoch wieder mit vielen neuen Bands wie Eyes of the Nightmare Jungle, Love Like Blood, Sweet William, Catastrophe Ballet, Garden of Delight, Still Patient?, Moonchild, The House of Usher, Head on Fire und The Hall of Souls.

Bis dato entwickelte sich die Gothic-Kultur in Deutschland wie international zum Mittelpunkt der sogenannten Schwarzen Szene. Sie schälte sich in den 80er Jahren und in der ersten Hälfte der 90er Jahre aus der Dark-Wave-Bewegung heraus. Ihr Zentrum verlagerte sich von Großbritannien dann vor allem nach Deutschland, sie war aber ebenfalls in den Niederlanden und Frankreich zu finden. In der Schwarzen Szene trafen sich Anhänger von Subkulturen wie etwa dem Punk, New Wave oder der New Romantic. Die Jugendlichen, die sich ihr zurechneten,...

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