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E-Book

Alexandra - die letzte Zarin

AutorGunna Wendt
VerlagInsel Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl222 Seiten
ISBN9783458739678
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Sie war eine der mächtigsten Frauen der Welt: Alexandra Fjodorowna, die letzte Zarin. Bereits im Alter von 12 Jahren traf die gebürtige Prinzessin Alix von Hessen den russischen Thronfolger Nikolaus. Trotz großer Widerstände heiratete das Paar zehn Jahre später, und Alix wurde mit 23 Jahren Zarin von Russland. Von den kaiserlichen Verwandten ebenso wie von politischen Gegnern verachtet und verleumdet, wurde aus der schüchternen jungen Frau eine durchsetzungsfähige Herrscherin, die für ihre neue Heimat kämpfte. Doch die drohende Katastrophe konnte sie nicht verhindern ... Gunna Wendt schildert das glanzvolle und dramatische Leben der Alexandra Fjdorowna. Sie erzählt von der starken Frau an der Seite des letzten Zaren, vom Kampf der liebevollen Mutter um das Leben ihres Sohnes, von der verhängnisvollen Freundschaft zu dem umstrittenen Wanderprediger und Wunderheiler Rasputin und von ihrem tragischen Ende während der Oktoberrevolution.

<p>Gunna Wendt, geboren 1953 in Jeinsen, studierte Soziologie und Psychologie in Hannover und lebt seit 1981 als freie Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin in M&uuml;nchen. Neben ihren Arbeiten f&uuml;r Theater und Rundfunk ver&ouml;ffentlichte sie Kurzgeschichten, Essays und Biographien, u.a. &uuml;ber Liesl Karlstadt, Helmut Qualtinger, Maria Callas, Clara Rilke-Westhoff, Paula Modersohn-Becker, Franziska zu Reventlow und Lena Christ. Zuletzt erschienen ihre B&uuml;cher &uuml;ber die Dynastien Bernadotte und Romanoff sowie die Furtw&auml;ngler-Frauen.</p> <p>&nbsp;</p>

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Leseprobe

1?Reise in ein fremdes Land


Sommer 1884. Alix saß am Fenster. Ihr Blick glitt an der Landschaft vorbei, in derselben Geschwindigkeit wie der Zug. Diese Art des Reisens war ihr neu. Sonst hatten ihre Augen immer einen Gegenstand gefunden, der ihre Neugier erregte, wenn sie im Zug saß. Dann bedauerte sie, nicht anhalten und nachschauen zu dürfen. Auf ihrer Russlandreise zog die Welt an ihr vorüber, während sie ihre Gedanken schweifen ließ. Die Gespräche des Vaters und der Geschwister interessierten sie nicht, obwohl sie mehrfach dazu aufgefordert wurde, beteiligte sie sich nicht daran, sondern gab vor zu schlafen oder zu lesen. Nichts war mehr wichtig und schön, seit ihre Mutter gestorben war. Seit sechs Jahren war Alix mehr Zuschauerin als dass sie aktiv am Leben teilnahm. In dieser Rolle ließ sich das Leben leichter ertragen. Vor allem die großen Verluste, die Ängste und die Sehnsüchte. Schwer war es, diese Leere, die sie in Kälte umtaufte, um ihrer besser habhaft zu werden, zu bewältigen. Sie schien sich stetig zu vergrößern. Und jetzt reiste sie auch noch in ein kaltes, leeres Land.

Doch sie verspürte kein Heimweh. Das Schloss in Darmstadt war ohne die Mutter leer. Und auch die Großmutter, Königin Victoria, die sie oft in Windsor oder Balmoral besuchte, konnte ihr die Mutter nicht ersetzen, sosehr sie sich auch bemühte. Den Halt, den Alix brauchte, konnte sie ihr nicht geben. Alix fror immer und überall, zu jeder Jahreszeit und in den wärmsten Räumen. Und überall fühlte sie sich verloren.

Der Mensch, mit dem sie sich am meisten verbunden fühlte, war ihre Schwester Ella. Warum musste Ella nun einen Mann heiraten, der in einem fremden Land lebte, das weit entfernt war von ihrem Zuhause? Sie hatte doch so viele Verehrer in der Nähe gehabt, zum Beispiel ihren Cousin Willy, der einmal deutscher Kaiser werden würde. Nicht dass Alix ihn besonders mochte, seine Angeberei ging ihr auf die Nerven, aber er würde die geliebte Schwester wenigstens nicht in ein Land entführen, das am Ende der Welt lag. Doch das war nicht der einzige Bewerber, den Königin Victoria für Ella vorgesehen hatte. Als die junge wählerische Frau auch Fritz von Baden ablehnte, fragte die verständnislose Großmutter: »Will sie überhaupt niemanden?« Alix fiel der Brief ein, den ihr Granny geschrieben hatte: »Wie unglückselig es von Ella ist, den lieben Fritz von Baden abzuweisen, einen so guten und stabilen Mann mit einer so sicheren, glücklichen Position – und das für einen Russen! Ich bedaure das zutiefst. Ellas Gesundheit wird das Klima niemals aushalten!«

Die Reise war endlos. Drei Tage lang schien sich die Landschaft überhaupt nicht zu verändern und der Zug seine Richtung beizubehalten. Immer geradeaus, entlang der baltischen Küste »durch die langen häßlichen Landstriche von der russischen Grenze bis nach Petersburg«. Die einzige Abwechslung in dem flachen Marschland waren widerspenstige harte Gräser und Gewächse, die Dickichte bildeten, dazwischen ab und zu ein kleiner See. Alles in trübes Licht getaucht, von Nebelschwaden durchzogen. Was, wenn der Zug plötzlich anhalten müsste wegen eines Maschinenschadens? Nur nicht daran denken.

Alix war sich ziemlich sicher, dass ihre erste Fahrt nach Sankt Petersburg ihre einzige bleiben würde; beim nächsten Anlass würde sie genau überlegen, ob sie sich diese Reise durch eine Wüstenei noch einmal zumuten wollte. Gleichzeitig war ihr klar, dass ihr Ella fehlen würde. Die kluge und schöne große Schwester, von der sie sich verstanden fühlte und der man nicht immer alles erklären musste. Ella war eine Meisterin darin, Streitigkeiten zu schlichten – manchmal sogar mit Humor. Das hatte nicht einmal die Mutter gekonnt. Als Alix daran dachte, wie es ihrer Schwester gelang, selbst ernste Situationen mit einem Augenzwinkern zu beleuchten, wurde ihr zum ersten Mal warm ums Herz. Sie lachte so gern mit Ella.

Ach Ella, war es überhaupt richtig zu heiraten? Alix stand der Ehe skeptisch gegenüber. Zu viel Negatives hatte sie in letzter Zeit mitbekommen: Ihre Großmutter, Königin Victoria, die die Rolle der Heiratsvermittlerin liebte, hatte mit ihrer Wahl in letzter Zeit selten reüssieren können. Ihre Bestrebungen, Alix' verwitweten Vater, Großherzog Ludwig von Hessen, mit ihrer Tochter Beatrice, einer Schwester seiner verstorbenen Frau, zu verheiraten, waren gescheitert. Schlimmer noch, der Vater war heimlich eine sogenannte morganatische Ehe mit einer geschiedenen Frau eingegangen. Das konnte Königin Victoria nicht dulden. Sie setzte sich vehement dafür ein, dass die Ehe nach wenigen Monaten annulliert wurde. Sehr zum Bedauern der Kinder des Großherzogs, die Alexandrine von Kolemine mochten. Für Alix hatte die neue Frau des Vaters zwar nicht die Mutter ersetzen können, aber sie war gern mit ihr zusammen. Das rigorose autoritäre Verhalten der Großmutter hatte sie irritiert.

Doch damit nicht genug: Königin Victoria war auch über die Wahl ihrer Enkelin Ella entsetzt, denn sie hegte eine Abneigung gegen Russland und seine Herrscher, gegen die gesamte Romanow-Dynastie, besonders gegen Alexander III., den sie den »fetten Zar« nannte. Die Antipathie war gegenseitig: Alexander bezeichnete sie als eine verwöhnte, sentimentale, selbstsüchtige alte Frau.

Aber diese Familienstreitereien waren Bagatellen gegen die Tragödie, die Alix vor sechs Jahren erlebt hatte. Der Dezember 1878 war die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. Nichts war zu spüren von der von ihr sonst so geliebten Vorweihnachtszeit, in der die Familie so oft wie möglich gemütlich zusammenzusitzen pflegte. Stattdessen schien jeder für sich allein zu sein, einsam herumzulaufen, Geschäftigkeit vorzugeben, bis sie sich schließlich alle am Krankenbett der Mutter trafen. Alle hatten dieselbe Angst und wagten nicht, sie auszusprechen. Einzig Alix strahlte Zuversicht, ja, sogar eine – gedämpfte – Fröhlichkeit aus. In ihr war die Hoffnung noch nicht erloschen, dass ihre Mutter die schwere Krankheit überstehen würde. Großherzogin Alice war doch so stark, hatte alle betreut und behauptet, sie würde nie krank werden. Sie versicherte, wenn man nur fest daran glaubte, gesund zu bleiben, würde man sich nicht anstecken. Da war sie wie ihre Tochter Ella, die Einzige, die es nicht erwischt hatte. Alix hingegen bekam gleichzeitig mit den anderen Geschwistern Fieber und Halsschmerzen, aber nicht so schlimm, dass sie ihre Fröhlichkeit verlor. Nicht von ungefähr wurde sie Sunny genannt. Sie hatte wirklich ein sonniges Wesen, das die anderen ermutigte und immer wieder zum Lachen bringen konnte. Auch jetzt war sie zuversichtlich.

Die anderen hatten es ja auch alle geschafft. Fast alle: Ihr Vater, Großherzog Ludwig, ihre älteren Schwestern Viktoria und Irene, ihr Bruder Ernie und sie selbst waren von der Diphtherie genesen – vor allem dank der aufopfernden Pflege ihrer Mutter. Nur die kleine May war zu schwach gewesen. Der Tod ihres jüngsten Kindes hatte Großherzogin Alice schwer getroffen. Dann wurde auch sie krank. Alle hatten sich über ihre bisherige Widerstandskraft gewundert. Während sie ihren Mann und ihre erkrankten Kinder pflegte, schien ihre Zuversicht ungebrochen und ihre Energie grenzenlos zu sein. Der Tod ihrer Jüngsten entzog ihr jedoch jegliche Lebensfreude, die notwendig gewesen wäre, um die Krankheit erfolgreich abzuwehren.

Damals hatte die sechsjährige Alix zum ersten Mal die große Kälte gespürt, die sie anfangs nur ab und zu erstarren ließ, bis sie sie nicht mehr verließ. Am 14. Dezember 1878 dann die Katastrophe: der Tod der Mutter. Beinahe von einem Tag zum anderen wurde aus der fröhlichen Sunny ein trauriges, nachdenkliches Kind, das immer ein wenig abwesend schien. Früh musste sie lernen, wie nahe Leben und Tod beieinanderlagen. Es erzeugte bei Alix den unkindlichen Ernst, den man ihr schon früh attestierte. Das Leben war eben ernst, und man konnte es von einer Sekunde auf die andere verlieren. Alles, was schön war, konnte sich ins Gegenteil verkehren.

Jetzt, im Zug in der einsamen Weite, hatte sie das Krankenzimmer der Mutter vor Augen. Das Fenster aus Buntglas, auf dem der Satz stand: »Lasset die Kinder zu mir kommen«. Es zeugte von einer anderen frühen familiären Katastrophe, an die sich Alix nicht erinnern konnte. Sie war noch ein Baby gewesen, als ihr dreijähriger Bruder Friedrich aus diesem Fenster gefallen war. Er hatte den Sturz auf die Terrasse nicht überlebt. Man munkelte, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Es war ein Sturz aus geringer Höhe gewesen, die äußeren Verletzungen waren nicht schwer. Von inneren Blutungen hatte man gesprochen, und irgendwann hatte Alix das Wort »Bluter« gehört. Zusammen mit ihren Geschwistern hatte sie sein Grab besucht; die Tiefe der Trauer ihrer Mutter hatte sie damals noch nicht ermessen können. Doch jetzt konnte sie sich vorstellen, wie groß das Leid gewesen sein musste.

Wie es der Mutter wohl gefallen hätte, dass ihre Tochter Ella einen russischen Großfürsten heiratete? Dass sie anders als andere Mütter war, hatte Alix schon als kleines Mädchen gespürt. Großherzogin Alice legte keinen Wert auf Äußerlichkeiten. Sie trug stets schwarze Kleider und als einzige Schmuckstücke eine Kette, an der ein opulentes goldenes Kreuz hing, sowie eine Brosche, die wie ein Medaillon wirkte und Haarsträhnen ihrer beiden geliebten Verstorbenen – ihres Vaters und ihres Sohnes – enthielt. Wenn Alix danach fragte, schwieg die Mutter. Ihr Blick wurde dann noch trauriger, als er es meistens ohnehin schon war. Nur das Nervöse, Getriebene verschwand für kurze Zeit.

Alix kamen auf dieser Reise viele Erlebnisse mit der Mutter in den Sinn. Das...

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