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Ernst Jünger

Die Biographie

AutorHelmuth Kiesel
VerlagSiedler
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl720 Seiten
ISBN9783641023485
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Ernst Jünger - der umstrittenste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts
Der Schriftsteller Ernst Jünger war eine Jahrhundertgestalt. Geboren im Kaiserreich und gestorben erst nach der Wiedervereinigung , spiegelt sein Leben wie kaum ein zweites die zentralen Wendungen und Widersprüche der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zehn Jahre nach Jüngers Tod schildert Helmuth Kiesel lebendig und kenntnisreich Jüngers Leben und Werk im Kontext seiner Zeit.


Helmuth Kiesel, Professor für Neuere Deutsche Literatur in Heidelberg, ist einer der besten Kenner der literarischen Moderne in Deutschland. Er veröffentlichte unter anderem die Bücher 'Literarische Trauerarbeit. Das Exil- und Spätwerk Alfred Döblins' (Tübingen 1986), 'Wissenschaftliche Diagnose und dichterische Vision der Moderne: Max Weber und Ernst Jünger' (Heidelberg 1994) und 'Geschichte der literarischen Moderne: Sprache, Ästhetik, Dichtung im 20. Jahrhundert (München 2004). Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Kiesel vor allem durch seinen Beitrag zur Debatte um Martin Walsers Buch 'Tod eines Kritikers' bekannt.

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Leseprobe
ERSTER TEIL
Geborgenheit und Abenteuerlust
Ernst Jünger in der Fremdenlegion, Herbst 1913
Die Die Jünger-Geschwister um 1912: Friedrich Georg, Johanna Hermine, Wolfgang, Ernst und Hans Otto: herausgeputzt, aufgeweckt, selbstbewußt. Der Vater hat im Kali-Bergbau reichlich Geld verdient, die Währung ist stabil, die Wirtschaftfloriert, Deutschland ist eine Großmacht. Die junge Generation spürt die »Sekurität«und blickt erwartungsvoll in die Zukunft.

1895


1895, Jüngers Geburtsjahr. Die Fertilitäts- oder Geburtenrate ist um 1895 in Deutschland so hoch wie nie zuvor und nie wieder danach. Das hat seinen Grund: Mehrheitlich blicken die Deutschen in diesen Jahren mit Stolz auf ihr Land, mit Zufriedenheit auf ihre Situation und mit Optimismus in die Zukunft. Der siegreiche Krieg gegen Frankreich, der zur nationalen Einigung und Gründung des Deutschen Reichs geführt hat, liegt ein Vierteljahrhundert zurück, und seither lebt man – trotz einiger konjunktureller Einbrüche und sozialer Spannungen – in einer Zeit der Prosperität und der Modernität, der Neurasthenie und der Vitalität, des national(istisch)en Größenbewußtseins und der imperialistischen Aspirationen, des Fortschrittsdenkens und der Sekurität.
Prosperität und Modernität, Neurasthenie und Vitalität, Nationalismus und Imperialismus, Fortschrittsdenken und Sekurität -: Diese acht Begriffe markieren, was man in Anlehnung an die Astrologie, die aus der Konstellation der Gestirne bei der Geburt eines Menschen auf dessen Charakter und Lebensgang schließen will, als die soziale Nativität oder Geburtskonstellation Ernst Jüngers bezeichnen kann: als das Ensemble der sozialen – und das heißt allemal auch: kulturellen, politischen, ökonomischen – Gegebenheiten oder Umstände, die für den Lebensweg des 1895 Geborenen von weitreichender Bedeutung sein sollten. Die geschichtlichen Sachverhalte, die mit diesen acht »Merkworten« (Herder/Hofmannsthal) jener Epoche aufgerufen werden, haben Jünger ursprünglich geprägt und auf eine Bahn gelenkt, die ihn zunächst einmal zum Aktivisten der deutschen Katastrophe werden ließ. Sich ihr zu entwinden, war nicht leicht.
Prosperität: Die Gründung des Deutschen Reiches fiel mit einer konjunkturellen Aufwärtsbewegung zusammen und intensivierte diese noch einmal beträchtlich. 1873 aber kam es zu einer Weltwirtschaftskrise, die auch in Deutschland – trotz eines kontinuierlichen Wachstums – zu wiederholten Konjunkturkrisen und einer anhaltenden Deflation führte. Die Folgen waren ein markanter Verfall von Preisen, Gewinnen und Renditen sowie Lohnsenkungen, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Diese »Große Deflation« hielt bis in die neunziger Jahre an. 1895 aber ist sie überwunden. Es beginnt ein furioser wirtschaftlicher Aufschwung. Die Wachstumsrate schnellt empor, erreicht 4,5 Prozent und bleibt trotz einiger Depressionsjahre bis 1913 auf diesem Niveau. Die Auswanderung geht stark zurück, die Einwanderung nimmt zu. Einkommen und Löhne steigen deutlich und kontinuierlich an und erlauben die Entwicklung eines höheren Lebensstandards auf breiter Ebene, auch wenn klassenspezifische Differenzen groß bleiben und manifeste Armut noch weit verbreitet ist. Aber: Die wirtschaftliche Entwicklung, die sich um 1894/95 abzuzeichnen beginnt, weckt Hoffnungen und erlaubt einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft. Deutschland wird nach den Vereinigten Staaten von Amerika und neben Großbritannien die zweit- oder drittgrößte Wirtschaftsmacht und zum »Workshop of the World«. Dies schmeichelt dem Nationalismus und läßt imperialistische Begehrlichkeiten entstehen.
Modernität: Zum Jahreswechsel 1886/87 publizierte eine Gruppe junger Berliner Autoren, zu der auch Gerhart Hauptmann zählte, zehn Thesen zur Bedeutung und Zukunft einer gegenwärtigen, wirklichkeitsorientierten und wissenschaftlich grundierten Literatur. Die fünfte dieser Thesen lautet: »Unser höchstes Kunstideal ist nicht mehr die Antike, sondern die Moderne.« Damit wurde nicht nur eine kulturell wichtige Bewegung proklamiert: die Abwendung von ästhetischen Normen, die sich aus der Antike herleiteten, und die Hinwendung zu gegenwärtigen Vorstellungen und Werten; es wurde auch ein neues Wort in Umlauf gebracht: das Substantiv »die Moderne«, das es bis dahin nicht gegeben hatte. 1894 wird dieses Wort in den Großen Brockhaus aufgenommen, 1896 in Meyer’s Konversationslexikon, und als Bezeichnung für die zeitgenössische soziale und kulturelle Konfiguration indiziert oder, anders gesagt, als Bezeichnung für die gegenwärtige, als durchaus neuartig empfundene Epoche.
Und in der Tat, Deutschland ist sichtbar in die Moderne eingetreten, gewinnt zügig jene Modernität, die bis heute unsere Vorstellung von »Moderne« primär bestimmt: Die Industrialisierung greift mit neuer Dynamik um sich und prägt mit ihren Fabrikanlagen und Arbeitersiedlungen zahlreiche Städte und ganze Regionen. Viele Städte wachsen zu veritablen Großstädten an. Der Eisenbahnverkehr wird ausgebaut und technisch optimiert: 1892 wird die preußische Schnellzuglokomotive eingeführt, die eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde erreicht (1907: 154,5), während die Züge um 1875 kaum halb so schnell waren. 1895 gibt es die ersten Autos mit luftgefüllten Gummireifen, beginnt die Serienproduktion von Motorrädern, erhalten die elektrischen Straßenbahnen die bis heute gebräuchlichen Bügelstromabnehmer, bekommt Graf Zeppelin das Patent auf sein Luftschiff, wird (in Frankreich) der Cinematograph entwickelt und damit das Kino auf den Weg gebracht, entdeckt Wilhelm Röntgen die nach ihm benannten elektromagnetischen Strahlen. Die naturwissenschaftliche Erkundung und Erklärung der Welt ist so weit fortgeschritten, daß der Zoologe und Popularphilosoph Ernst Haeckel 1899 glaubt behaupten zu können, die sogenannten »Welträtsel«, also die Fragen nach den letzten Gründen und Bedingungen der Welt und des Lebens, seien gelöst. Kurzum: Die Technik gibt der Welt und dem Leben jenes Aussehen, das bis heute als »modern« gilt; die Wissenschaft vermittelt den Zeitgenossen das Bewußtsein oder Gefühl, in einer weitestgehend erforschten und wissenschaftlich-technisch beherrschbaren Welt zu leben; die Künste reflektieren diese Entwicklung und nehmen darüber ein Aussehen an, das sie ebenfalls als dezidiert »modern« erscheinen läßt, auch dann, wenn sie, wie dies häufig der Fall ist, die forcierte technische und soziale Modernisierung kritisieren und beklagen.
Neurasthenie: Die Moderne bringt ihre eigene Krankheit hervor: die Neurasthenie oder reizbare Nervenschwäche, von der sich viele Zeitgenossen, Männer wie Frauen, plötzlich befallen fühlen. Man weiß nicht so recht, woher die Neurasthenie rührt und was es mit ihr auf sich hat. Einige medizinische Experten führen sie auf die natürliche Dekadenz zurück; die meisten Beobachter aber verweisen auf die notorisch gewordene Überforderung der Menschen durch die Moderne: durch das wirbelnde Leben in den Großstädten; durch die Reizungen des Konsums in einer Welt der beginnenden Massenproduktion und der Verfügbarkeit exotischer Waren; durch das entfaltete kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinem Konkurrenzprinzip, mit seiner Verbindung von Chance und Risiko, mit seinem undurchschaubaren Auf und Ab der Konjunktur; durch den daraus sich ergebenden Leistungsdruck im persönlichen Leben, in dem die Arbeit ein immer größeres Gewicht bekommt und zugleich das Gefühl entsteht, daß es kein Fertigwerden gebe und daß man stets in der Gefahr schwebe, im Lebenskampf gegen die harte Konkurrenz zu unterliegen. In einem Kommersbuch aus Jüngers Geburtsjahr 1895 findet sich ein Lied mit dem Titel Nervöses Zeitalter, in dem es heißt:
Überall ein Rennen, Jagen nur nach Mammon, schnödem Geld;
jeder möcht die erste Geige gerne spielen in der Welt.
Hastges Treiben, hastge Miene, wildes Wogen und Getös!
Und der Mensch wird zur Maschine, und der zweite wird nervös.
Joachim Radkau, der dieses Syndrom in einer aufschlußreichen Studie dokumentiert und analysiert hat, schreibt der Nervosität jener Zeit zu Recht einen doppelten Charakter zu: Sie war »echte Leidenserfahrung« und »kulturelles Konstrukt«, also Bewußtmachung und Profilierung dieser Leidenserfahrung, zum Teil aber auch Induzierung und Stimulus. Und Radkau macht weiterhin deutlich, daß diese moderne Nervosität zu einer Art von Zeitstil wurde, den Habitus der wilhelminischen Gesellschaft prägte und sich nicht nur im privaten und beruflichen Leben zeigte, sondern auch in der Sphäre der Politik, die ja nach dem Amtsantritt Wilhelms II. in der Tat »nervös« wurde: gereizt, lamentierend, unzufrieden, ungeduldig, sprunghaft, aggressiv.
Eng verwandt mit der Vorstellung der Neurasthenie ist die der modernen Degeneration, die 1892/93 von dem jüdischen Arzt und Schriftsteller Max Nordau in einem zweibändigen Werk unter dem Titel Entartung als epochales Phänomen profiliert und attackiert...
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