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Architektur als Programm

Jesuitenkirchen in der niederrheinischen Provinz

AutorRudolf Otten
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl110 Seiten
ISBN9783656112266
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis27,99 EUR
Examensarbeit aus dem Jahr 2000 im Fachbereich Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege, Note: 1,3, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Sprache: Deutsch, Abstract: Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die gotisierenden Anteile der Jesuitenkirchen der niederhreinischen Provinz programmatischen Charakter für die Missionstätigkeit der Jesuiten hatten oder nicht. Dabei wird auch das weitere Tätigkeitsfeld der Jesuiten im 16. Jahrhundert wie Erziehung, Theater oder Musik beleuchtet. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Kölner Kirche St. Mariae Himmelfaht, die am Ende des 16. Jahrhunderts in unmittelbarer Nähe zum Dom, der erst seit circa 20 Jahren eine gotische Bauruine war, von den Jesuiten errichtet worden ist. Ist die Wahl des gotisierenden Baustils bei St. Mariae Himmelfahrt einer lokalen Kölner Bautradition geschuldet oder wollten die Jesuiten damit ein Zeugnis für ihre Katholizität ablegen, insofern der gotische Baustil als spezifisch mittelalterlich und damit katholisch aufgefasst worden ist?

Geb. 1971 in Essen/Kettwig 1995 -1999 Studium der Klassischen Philologie (Latein) und Geschichte in Bonn 2001-2003 Referendariat für das Lehramt (Sek. I/II) in Koblenz Seit 2003 tätig als Lehrer für Geschichte, Latein und Bildende Kunst am Privaten St.-Josef-Gymnasium Biesdorf (Südeifel)

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Leseprobe

2. Gotik, Nachgotik und Barock: Tradition oder Programmatik ?


 


2.1. Zur Verbreitung gotischer und nachgotischer Kirchen in der niederrheinischen Provinz


 


2.1.1. Gotische Kirchen in der niederrheinischen Provinz und die Theorie der Adaption


 

Eine der häufigsten Begründungen für die Existenz der jesuitischen Nachgotik, die auch H. Hipp vertritt, ist die, dass die Jesuiten sich an die in Nordeuropa vorherrschende Tradition der Gotik anpassen wollten.[92] Zwei Problemkreise eröffnen sich bei dieser Theorie: zum einen die Frage, ob tatsächlich diese gotische Tradition vorherrschend oder sogar allein vorhanden war, und zum anderen die Frage, ob das bewusste Anknüpfen an die Tradition der Gotik der ausschlaggebende Faktor für die niederrheinischen Jesuitenkirchen als nachgotische Kirchen ist.

 

Man wird an dieser Stelle prinzipiell die Frage stellen dürfen bzw. müssen, inwieweit überhaupt ein einziger Aspekt ausschlaggebend ist für die Wahl eines Stils, oder ob nicht eher mehrere Faktoren zusammengenommen den Entscheidungsprozeß bestimmen,[93] d. h. Wünsche und Bildungsgrad des Bauherren, Wahl des Architekten und Qualität und Art seiner Ausbildung, Wahl des Standortes für die Kirche, Bautradition des Ordens, herrschender Zeitgeschmack und weitere Aspekte. Daher muss der Bauprozeß jeder einzelnen Kirche sehr sorgfältig untersucht werden, um zu sehen, ob Stileigenarten tatsächlich programmatischen Charakter haben, oder ob sie nicht vielmehr als eklektisch, imitativ oder tradiert motiviert erscheinen. Da jeder Kirchbau von der Summe solcher Entscheidungen abhängt, erscheint es wahrscheinlich, dass auch die Nachgotik der Jesuiten sich nicht monokausal programmatisch erklären lässt, die nachgotische Bauweise vielmehr ein Teilaspekt des genetischen Bauprozesses ist. Darüber wird allerdings an späterer Stelle noch mehr zu sagen sein.

 

Was nun das erste Problem der jahrhundertealten gotischen Tradition im Rheinland betrifft, so gilt es festzuhalten, dass im Hochmittelalter bestimmte Gruppen eher als Träger gotischer Architektur erscheinen als andere, so zum Beispiel die Bettelorden, vor allem die Dominikaner, die Franziskaner mit ihren jeweiligen Observanzen sowie die Zisterzienser. Relativ spät erst öffneten sich die Stifte und Domkapitel der gotischen Bauweise. Dies hängt allerdings weniger mit einer der Gotik gegenüber ablehnenden Haltung zusammen, als vielmehr mit der Tatsache, dass die Bistümer, Klöster, Stifte und Pfarreien schon in der Epoche der großen romanischen Kirchbauten viele ihrer Kirchen hatten errichten lassen: „Während des staufischen Jahrhunderts hatten die großen Stifte fast alle ihre Kirchen wie im Wettbewerb erneuert, so dass hier Neubauten [...] Ausnahmen blieben".[94] Somit konnte gotisch nur noch dann gebaut werden, wenn ein Neubau aus bestimmten Gründen notwendig wurde, wie in Straßburg, wo der 1176 durch Brand beschädigte Bau der ottonischen Zeit durch einen Neubau ersetzt werden musste. Andernorts wurden gotische Elemente zumindest während der laufenden Bauarbeiten berücksichtigt, wie man am Beispiel des Langhauses des Bonner Münsters sehen kann, das im unteren Bereich noch romanisch aufgeführt wurde, im oberen Bereich aber Strebepfeiler und Tendenzen zur Auflösung massiver Wände zugunsten mehrerer Schichten aufweist.[95]

 

Aus dieser Problematik der weitgehenden Sättigung mit Kirchen im städtischen, ländlichen und stiftischen Bereich ergibt sich, dass gotische Kirchen ganz überwiegend dort entstanden, wo sich durch neue Reformorden die Notwendigkeit zu neuen Kirchbauten ergab. Wie sah aber nun die Situation in der niederrheinischen Provinz aus, als die Jesuiten ihre Bautätigkeit entfalteten?

 

Im Rheinland waren sehr viele große Kirchen schon in der romanischen Epoche entstanden, wie in Köln (zwischen 1150 und 1250 waren es hier allein 28),[96] Bonn, Mainz, Worms und Speyer, um nur einige Beispiele zu nennen. Hier waren es, wie gesagt, in der Hauptsache die Reformorden des Hochmittelalters, die sich der gotischen Bauweise bedienten. Zentren der (hoch-)gotischen Architektur lagen dagegen entweder im Westen Europas, wie in Frankreich auf dem Gebiet der französischen Kronlande der Könige, von wo die Kathedralgotik ab etwa 1137 mit Saint-Denis ihren Ausgang nahm. Im Rheinland und im westlichen Reichsgebiet drang die hochgotische Architektur erst ab etwa 1235 durch. Hier sind als erste und wichtigste Bauten die Elisabeth-Kirche in Marburg (begonnen um 1235) und die Liebfrauenkirche in Trier (1235-1250) zu nennen.[97] Die gewaltigste Verkörperung der hochgotischen Architektur im Rheinland ist der Kölner Dom, der, 1248 begonnen, seinerseits schon auf die Vorbilder St. Denis, Beauvais, Amiens, Reims und Straßburg zurückgreift.

 

Im Wesentlichen hat sich die Gotik innerhalb Europas also von Westen nach Osten entwickelt. Aus dieser Position heraus erscheint zumindest die Behauptung, die Gotik sei einerseits der traditionell deutsche und andererseits im Rheinland eigentlich herrschende Baustil, als problematisch. Die hochgotische Kathedral-Gotik ist vielmehr genuin französisch oder besser westfränkisch. Diese Position hat sich freilich schon lange in der Forschung durchgesetzt. Dennoch muss man festhalten, dass im Westen des Reiches der vorherrschende Baustil bis weit ins 13. Jahrhundert hinein der romanische war; und dieser Stil prägte also das Bild der Städte und Dörfer maßgeblich. Wenn man wie Hipp von einer Anpassung der Jesuiten an den lokalen vorherrschenden Baustil spricht,[98] so muss man fragen, warum der so dominant vorherrschende Stil der Romanik sich dann bei den Jesuitenkirchen nur an den Türmen durchsetzten konnte.

 

Gleichwohl muss man in Betracht ziehen, dass im gesamten rheinischen Raum im Zuge der Säkularisation des frühen 19. Jahrhunderts eine Reihe von Kirchen niedergelegt wurden, so allein in Bonn die Pfarrkirchen St. Peter, St. Gangolf und St. Remigius und einige Kapellen und Klosterkirchen, und man so also leicht über den tatsächlichen Bestand gotischer Bausubstanz im frühen 17. Jahrhundert getäuscht werden könnte. In Köln sind seit dem hohen Mittelalter allein ca. 70 Kirchen abgebrochen worden[99], an deren Stelle teilweise neue Bauten traten. Insgesamt dürften sich aber die Zahlen der romanischen und gotischen Kirchen, die abgebrochen worden sind, die Waage halten.

 

In Köln nun wurde das Stadtbild tatsächlich stark von gotischen Kirchen und Kapellen geprägt. So zählt K. G. Beuckers nicht weniger als 81 Kirchen und Kapellen, die entweder von vorne herein gotisch geplant oder im Nachhinein gotisch umgebaut worden sind.[100] Dennoch finden sich in Köln so viele romanische Kirchen auf engstem innerstädtischen Raum wie sonst nirgendwo in der niederrheinischen Ordensprovinz. Eine Anpassung der Jesuiten hätte hier ebenso gut an die romanische Bausubstanz stattfinden können, und zwar nicht nur an den Türmen.

 

Die Adaption an die gotische Bausubstanz scheint in Köln als ausschlaggebender Faktor für die Stilwahl nicht ausreichend zu sein, man muss folglich nach stärkeren Faktoren suchen, um dort die Nachgotik begründen zu können

 

In Koblenz dominierten schon damals die hochromanische Kirche St. Kastor (die Einwölbung in gotischen Formen fand erst 1496-1499 statt), die romanische Pfeilerbasilika St. Florin und die Liebfrauenkirche, eine spätromanische Emporen-Basilika das Stadtbild: Auch hier kann man also nicht von der Gotik als einheimischem und dominierendem Baustil sprechen.

 

In Aachen prägt der hochgotische Chor des Münsters ganz wesentlich das Stadtbild. Hinzu kommt eine Vielzahl kleinerer gotischer Kirchen. So erscheint es verwunderlich, wenn die Jesuiten gerade hier die Fassade ihrer Kirche St. Michael in den neuen Formen nach dem Vorbild der Münchener·Kirche errichteten und sich nur im Inneren auf nachgotische Gewölbe beschränkten. Eine innerstädtische Adaption an die Gotik ist hier nicht zu erkennen.

 

Die übrigen größeren Städte des westlichen Reiches wurden schon erwähnt, und auch in den kleineren Städten ergibt sich dasselbe Bild: In Bonn scheint die Nähe zur gotischen Minoritenkirche in der Brüdergasse eher zufällig zu sein. Eine Adaption an die Gotik machen hier zudem die romanisiernden Türme unwahrscheinlich.

 

In Bad Münstereifel, wo auch eine nachgotische Kirche der Jesuiten steht, findet sich ebenfalls keine gotische Kirche von Bedeutung, vielmehr ist die bedeutendste Kirche hier die romanische Stiftskirche aus dem 11.-12. Jahrhundert. Die kleinräumige Umgebung von Bad Münstereifel, in der die romanische Stiftskirche nur ca. 100 Meter von der nachgotischen Jesuitenkirche entfernt steht, lässt auch die Theorie von einer direkten Beeinflussung durch benachbarte Gebäude,[101] wie es in Köln für St. Maria Himmelfahrt in Bezug auf den Dom vermutet worden ist, unwahrscheinlich erscheinen.

 

In Düsseldorf liegt insofern eine besondere Situation vor, als hier die einzige Jesuitenkirche in rein barocken Formen errichtet wurde. Nicht weit von ihr entfernt steht die...

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