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Das verleugnete Leben

Die Biographie des Heimito von Doderer

AutorWolfgang Fleischer
VerlagVerlag Kremayr & Scheriau
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl570 Seiten
ISBN9783218010597
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
'Ein Autor ohne Biographie - das wollte Doderer sein und daher als Person ganz hinter seinem Werk verschwinden. Wolfgang Fleischers Buch holt den Autor aus diesem selbstgewählten Exil hervor und erzählt von dessen Leben, dem unerschöpflichen Fundus eines gewaltigen erzählerischen ?uvres. Viele bislang unbekannte Quellen wurden erschlossen, manche liebgewordene Legende zerstört, die Lücken in der Biographie durch Kombination zahlreicher Details so gut wie ganz zum Verschwinden gebracht. Die Auseinandersetzung mit heiklen Fragen wie der politischen Einstellung Doderers in den dreißiger Jahren oder dem Wust bizarrer sexueller Kalamitäten meidet Fleischer ebensowenig wie eine kritische Diagnose der mentalitätsgeschichtlichen und ideologischen Rahmenbedingungen des Werkes. Detailgenauigkeit und scharf konturierte Epochenüberblicke treten in glückliche Konjunktion, um Doderers gesellschaftlichen Ort zu markieren, und so berichtet diese Biographie nicht nur vom Leben eines bedeutenden Schriftstellers, sondern reflektiert die österreichische Geschichte in den ersten beiden Dritteln dieses Jahrhunderts mit. Die Widersprüche, die Doderers Leben bestimmten, ihn peinigten und doch zu Impulsen für sein Werk wurden, werden nicht geglättet. Die kompromißlose Deutlichkeit, mit der dieser Text Doderers Leistungen und Verfehlungen gerecht wird, ist die redliche Reverenz des Schriftstellers Fleischer für den Schriftsteller Doderer.' Wendelin Schmidt-Dengler

Wolfgang Fleischer, 1943-2014, Übersetzer und Schriftsteller, daneben Arbeiten für Rundfunk und Fernsehen. Er war von 1963 bis 1966 Sekretär Heimito von Doderers. Nach langen Auslandsaufenthalten (vor allem in Südamerika und Asien) war er in Österreich vor allem mit der Vegetation der Trockenrasen und Feuchtbiotope beschäftigt und züchtete auch mit Erfolg neue Seerosenarten.

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Leseprobe

1. TEIL: 1896–1920


2. HEIMCHENS WELT


Franz Carl Heimito – und natürlich auch als Baby schon Ritter von Doderer – wurde am 5. September 1896 in Hadersdorf-Weidlingau bei Wien geboren, und zwar in dem zwischen Wald und Feldern weithin einsam gelegenen Laudon’schen Forsthaus, das der Vater hier in der Nähe seiner riesigen Baustelle – den Staubecken des Wienflusses – gemietet hatte: als Sommerquartier für die Familie und um ihr gleichzeitig näher sein zu können. Der Geburt assistiert hatte die Hebamme Antonia Vogel, was im Taufschein vermerkt wurde. (Im März desselben Jahres war bereits Heimitos nachmalige zweite Frau, Emma Maria Thoma, und im Juli die erste, Gusti Hasterlik, zur Welt gekommen.)

Nur wenige Tage nach der Geburt zog die Familie wieder ins Stadt- und Stammhaus in der Stammgasse, im III. Wiener Gemeindebezirk. Dieses mehrstöckige und durchaus repräsentative Gebäude hatte Doderer als Familiensitz für die Zeit nach der Rückkehr aus Norddeutschland von seinem nunmehrigen Schwager Max von Ferstel errichten lassen (bloß die Eisentraversen für die modernste Bauweise bezog er selber vom Fabrikanten Walberg, der später viel im Haus verkehrte); die Doderers bewohnten es bis zum zweiten Stock, darüber hausten Max und Lollo mit ihrem im Frühjahr geborenen ersten Kind, einer Tochter. (Nicht alles rundherum war damals schon mit hohen Häusern verbaut; rechts daneben stand noch das Palais Knobloch, eine große alte Villa mit Reitställen, wo auch die Knechte hausten.)

Dort im Stammhaus – wozu der neue Bau eigentlich erst werden sollte – fand am 24. Oktober die Taufe Heimitos statt; der Dechant der Evangelischen Stadtkirche, Herr Dr. von Zimmermann, kam zu den Feierlichkeiten ins Haus. (Übrigens waren alle Hügels, Vietors und Doderers evangelisch – mit Ausnahme von Heimitos Vater Wilhelm, der wohl seiner Mutter und der Familie Greisinger zuliebe katholisch getauft worden war, aber dann evangelisch heiratete, alle seine Kinder nach Augsburger Bekenntnis taufen ließ und schließlich auch evangelisch beerdigt wurde. Dahinter steckte weder ein Gewissenskonflikt noch ein pragmatischer Kompromiß mit einem Land, das die Gegenreformation reichlich brutal betrieben hatte, sondern bei beiden Wilhelms die religiöse Indifferenz der typisch Liberalen, die der Apostolischen Majestät auch auf diesem Gebiet höchst unfreiwillige Zugeständnisse abgerungen hatten.) Die Taufpaten waren: bestimmend für den ersten Vornamen Dr. Franz Bubenik, Gatte von Wilhelm von Doderers Schwester Henriette und bald Direktor der Österreichisch-Ungarischen Bank (was nicht gerade treffend zu Heimitos späterem Bezug auf den asketischen Franz von Assisi paßt), und – für den zweiten Beinamen – der Großvater Carl Wilhelm. Vielleicht dachte sich bei dieser Zeremonie auch irgendwer, daß hinter diesem feierlich eingehüllten Bündel von Kind das stolze, drängende Selbstbewußtsein stand, das sich aus vier Linien und runden hundert Jahren hier angesammelt hatte.

Bloß Heimito sah das später ganz anders, nämlich „wie widerwärtig diese Familie ist oder war, aus welcher ich stamme …“1. Und noch in seinem Todesjahr: „Die ,Landstraße‘, also Wien III, woher ich ja stamme, ist ein gemeiner, ordinärer und platter Bezirk, voll von unschönen Häusern und vorwiegend Anstalten für gemeine Bedürfnisse enthaltend, Markthallen und Schlachthöfe. Sich gerade da ein Haus zu erbauen, zeigt eine wenig empfehlende Geschmacksrichtung an.“2

Solche Tagebucheintragungen bestätigen nur die Tiefe des schon erwähnten Konflikts; doch zumindest seine zweite Bemerkung ist nicht unbedingt stichhältig. Zwar hatten sich in diesem Teil Wiens – der seit der Bronzezeit besiedelt ist, eine Kelten- und eine zivile Römerstadt aufwies und im Mittelalter eine Erdburg, bei der König Richard Löwenherz gefangen wurde – auch gräßliche Dinge abgespielt wie die öffentliche und als Volksspektakel gefeierte Verbrennung von 210 (reichen) Juden (die armen hatte man ausgewiesen, weil sie dem Staat nichts zu hinterlassen hatten) unter Herzog Albrecht V. im Jahre 1421, auf der sogenannten Gänseweide. Später waren die dort ansässigen Gärtner, Gerber und Fleischer zweimal von den Türken aufs ärgste gebrandschatzt worden; aber spätestens ab der Mitte des 18. Jahrhunderts setzte ein baulicher und auch gesellschaftlicher Aufschwung großen Ausmaßes ein. Ein Sommerpalais im Grünen war hier, so knapp vor der Stadtmauer, ebenso begehrt wie prestigeträchtig: Prinz Eugen und die Fürsten Schwarzenberg bauten in diesem Bezirk ihre berühmten Schlösser, Metternich lebte hier in seinem Stadtpalais, und gerade die Gegend der Stammgasse wurde geprägt von Park und Residenz des Geheimen Botschafters des Zaren, Andreas Kyrill Rasumofsky, der im kulturellen Leben der Stadt in den ersten Jahrzehnten des 19. Jhdts (und also auch während des Wiener Kongresses) eine so bedeutsame Rolle spielte. Er unterhielt ein eigenes Quartett, dem (Doderers Held) Beethoven die drei schwergewichtigen Werke op. 59 widmete; er war es auch, der hier für die Bewohner des Bezirks die erste Brücke über den Donaukanal in den dadurch endlich ganz nahen Prater bauen ließ; an derselben Stelle, doch mittlerweile über die erneuerte Sophienbrücke (heute ist dort die Rotundenbrücke) wird das böhmische Kindermädchen Maschka den ihr anvertrauten kleinen Heimito oft über den Fluß ins Grüne gebracht haben.3

Von ihr erinnerte er später nur noch das dunkle und am Rand geblümte Kopftuch; doch Personal, inklusive französischer Gouvernante, war für die Kinder immer vorhanden. Natürlich liebte die – übrigens winzig kleine – Frau von Doderer oder auch ,Mumi‘, wie sie selbst von entfernteren Nachfahren noch heute genannt wird, ihre Kinder sehr herzlich: sie besuchte sie im Kinderzimmer oder ließ sie zu sich bringen, erzählte, hörte zu oder spielte mit ihnen; aber dann wurden die Kinder wieder den entsprechenden Dienstboten übergeben und blieben mit diesen in ihrem eigenen Bereich. Erst wenn sie groß genug waren, um sich gesittet benehmen zu können, durften sie am Essen teilnehmen: bei Doderers mußte hinter den Stühlen stehend gewartet werden, bis die Eltern saßen, dann küßte man der (ab 1900 hier lebenden) Großmutter die Hand und begab sich auf seinen Platz; vorgelegt wurde von einem Dienstmädchen, das sonst wartend am Buffet stand.

Zu mehr Beschäftigung mit jedem einzelnen ihrer Kinder hätte die kleine Frau Doderer Willy gar nicht Zeit gehabt, auch nicht bei dem verhätschelten Jüngsten, den sie ,Tit-bit‘, ihr bestes Stück, nannte: sie ,führte‘ – im tatsächlichen Wortsinn – einen großen (,herrschaftlichen‘) Haushalt, leitete das Personal, traf alle Entscheidungen, denn schließlich war nur sie – und eben nicht das Personal – für alles verantwortlich. Das hieß etwa in der Küche, daß sie, ohne selber nach Schlagbesen oder Kochlöffel zu greifen, jedes Rezept genau kannte, welches die Köchin – nach ihren Anweisungen – auszuführen hatte, und daß sie damit zu Zusammenstellung und Qualität der häufigen Gastmähler, die für die Reputation des Hauses als unabdinglich galten, den entscheidenden Beitrag leistete (zufällig ist eines ihrer Rezepte, nämlich für eine ,Citronentorte‘, erhalten geblieben und gibt den Eindruck höchster Raffinesse). Daß es natürlich die Hausfrau war, die sämtliche Küchenvorräte verwaltete und täglich bestimmte, was eingekauft und ergänzt werden sollte – und in welcher Qualität, und bei welchem Händler –, verstand sich ganz von selbst. Über Nacht sperrte sie übrigens alle Lebensmittel in einen Kasten, der erst morgens wieder geöffnet wurde.

Neben der Anleitung und Überwachung von Kindermädchen, Gouvernanten, Wäscherinnen, Zimmermädchen etc. hatte sie sich auch um die musikalische Erziehung der Kinder zu kümmern, die als Ausdruck der feineren Gebildetheit (wie Speisefolgen, Kleidung, Möbelstücke oder Urlaubsorte) ebenfalls der gesellschaftlichen Bewertung unterworfen wurde. So mußte man herumhorchen, um jedem Kind nicht nur den ,eigenen Philharmoniker‘, sondern womöglich noch den besten zu verschaffen; Ilse, Almuth, Helga und Astri studierten, wie seinerzeit die Mutter, Klavier, Immo Geige (wie Lenau), Helga entwickelte später einen beträchtlichen Mezzosopran und erhielt Unterricht der Opernsängerin Lucy Weidt (von Heimitos Cello wird noch die Rede sein). Musikalische Darbietungen bei Abendgesellschaften waren vor Radio und Schallplatte erheblich beliebter, obwohl Gähnen und Hüsteln dabei sicher keine Erfindungen erst unserer Zeit sind. Auch für die Pflege eventuell auftretender weiterer Begabungen der Kinder zu sorgen war Aufgabe der Frau des Hauses: so wurden damals berühmte Künstler berufen, um Almuth und Astri Zeichen- und Malunterricht zu geben. In einem war diese kleine Mutter unermüdlich: ihre Kinder in dem Glauben zu bestärken, sie alle seien noch viel besonderer als andere und schlechthin genialisch – womit späterem Hochmut schon früh die Begründung eingebleut war.

Und die Frau von Doderer – dichtete selber: herzige kleine Theaterstücke, meist mehr oder weniger lustig gereimt (sogar etwas besser als das zitierte Hügel-Epos), nur für häusliche Aufführungen und voll witzig gemeinter Anspielungen auf Ereignisse, die den Anwesenden bekannt waren – und auch niemandem wehtaten; es war ein harmloses Vergnügen. So wenig wie bei allem Musizieren und Malen ging es um Kunst im eigentlichen Sinn, sondern um Kultur als Zier des Standes – und um den...

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