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Die altgläubige Position und Haltung Karls V. rund um den Augsburger Reichstag von 1530

AutorJohannes Ehrengruber
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl47 Seiten
ISBN9783668124943
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Studienarbeit aus dem Jahr 2013 im Fachbereich Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit, Note: 1,0, Philipps-Universität Marburg (Seminar für Neuere Geschichte - Frühe Neuzeit), Veranstaltung: Hauptseminar Reichstage + Reformation 1521-1530, Sprache: Deutsch, Abstract: Als am 20. Juni 1530 der große Konfessionsreichstag zu Augsburg feierlich eröffnet wurde, versprachen sich von diesem Reichstag alle Beteiligte, allen voran der gerade erst frisch gekrönte und damit vom Papst sakral legitimierte Kaiser Karl V., dass sich die andauernde und zunehmend regelungsbedürftige Religionsfrage im Reich doch noch gütlich und einhellig überwinden und lösen lasse. Obwohl dieser Reichstag in einer erstaunlichen Art und Weise von dem Bemühen aller Beteiligten um Wiederherstellung der kirchlichen Einheit geprägt war, kam es, wie wir wissen, jedoch anders: am Ende war Karl V. entgegengesetzt zu seiner Anfangsposition quasi zum Haupt der altgläubigen Seite geworden und er und die altgläubige Ständemehrheit bestätigten mit einem scharfen und strengen Religionsabschied das Wormser Edikt, womit eine gütliche und einhellige Überwindung der Religionsfrage in weite Ferne gerückt war. Wie ist es dazu gekommen? Diese Frage gilt es zu beantworten. Die Arbeit befasst sich daher mit den Haltungen, Positionen, Intentionen und Vorgehensweisen Kaiser Karls V. und der altgläubigen Seite (altgläubige Ständemehrheit, altgläubige Theologen und Kurie) zeitlich kurz vor Beginn und während des Augsburger Reichstages von 1530. Der erste Punkt des Hauptteils (2. Punkt) befasst sich daher folglich mit der Vorgeschichte und der Ausgangssituation am Vorabend es Augsburger Reichstages von 1530, um dem Leser einen knappen, aber möglichst genauen Überblick über die kaiserlichen Handlungen und Initiativen und die politische Lage Karls V. zeitlich kurz vor Eröffnung des Reichstages zu geben sowie die am Vorabend des Augsburger Reichstages vorhandenen Haltungen, Positionen und Intentionen Karls, des Papstes bzw. der römischen Kurie und der altgläubigen Reichsstände bezüglich der Religionsfrage und ihrer möglichen Behandlung und Lösung darzustellen. Der zweite Punkt des Hauptteils (3. Punkt) befasst sich dann mit den Positionen, Haltungen und Vorgehensweisen Kaiser Karls V. und der altgläubigen Seite während des Reichstages und erstreckt sich zeitlich und chronologisch von der Eröffnung des Reichstages, über die Entstehung der Confutatio und den Ausschussverhandlungen und Beratungen im August und September 1530 bis hin letzten und endgültigen Religionsabschied Mitte November.

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Leseprobe

3. Die Positionen, Haltungen und Vorgehensweisen Kaiser Karls und der altgläubigen Seite während des Reichstages


 

3.1 Von der Eröffnung des Reichstages bis zum Entschluss der Ausarbeitung einer Widerlegung der Confessio Augustana im Namen des Kaisers


 

Karl war am 15. Juni 1530 feierlich in Augsburg eingezogen. Am 20. Juni 1530 wurde daraufhin der Reichstag mit der kaiserlichen Proposition eröffnet.[63] In der Proposition wurde das entgegenkommende Angebot des Ausschreibens, dass jede Seite ihre Auffassungen über Glauben, Lehre und Missbräuche schriftlich darlegen und überreichen könne, wiederholt, jedoch wurde jetzt bestimmter darauf hin gedrängt, dass die religiöse Einheit im Reich nach den Vorstellungen des Kaiser schnell herzustellen und von jedem zu akzeptieren sei. Außerdem wurde jetzt, anders als im Ausschreiben, auch die Nichtbefolgung des Wormser Ediktes beklagt.[64] Am 22. Juni erreichten die evangelischen Stände gegen den Widerstand der Kurfürsten, dass die Glaubensfrage vor der Türkenhilfe verhandelt wurde und kehrten damit die Reihenfolge der Tagesordnungspunkte in der Proposition um.[65] Schon drei Tage später, am 25. Juni, übergaben die evangelischen Fürsten und Stände Kursachsen, Brandenburg-Ansbach, Hessen, Braunschweig-Lüneburg, Anhalt und die Reichsstädte Nürnberg und Reutlingen die Confessio Augustana (CA) als gemeinsames Glaubensdokument und Bekenntnis der evangelischen Partei an den Kaiser.[66] Damit war die evangelische Seite der Aufforderung des Ausschreibens und der Proposition nach einer Darlegung ihrer Glaubensauffassung nachgekommen. Die „[...] lutherischen Fürsten und ihre Ratgeber [hatten somit] genauestens die vom Kaiser erbetene Verfahrensweise [befolgt]. Ihr Bekenntnis, […], gab sich nach Form und Inhalt als Meinungsäußerung einer Partei unter den Reichsständen und wandte sich formell an den Kaiser, um dessen Gunst für ein von ihm erhofftes vorteilhaftes Urteil zu erwirken“.[67] Anders sah es hingegen auf der altgläubigen Seite aus. Die Altgläubigen waren nicht dem vom Kaiser in der Ausschreibung und der Proposition gewünschten Verfahren nachgekommen und sie lehnten es ab, der evangelischen Partei ein gemeinsam erarbeitetes Bekenntnis entgegenzusetzen, da dies die formelle Bildung einer eigenen altgläubigen Ständepartei auf dem Reichstag erfordert hätte und gegen „[...] solche Bestrebungen erhoben sich […] auf Seiten der Altgläubigen schon frühzeitig erhebliche Bedenken“.[68] Den der Bildung einer wenigstens lockeren eigenen Ständepartei, welche man für ein gemeinsames Vorgehen gebraucht hätte, standen kirchenpolitische und theologische Überlegungen entgegen.[69] Vor allem zwei Gründe sind hier zu nennen. Zum einen musste sich in ihren Augen eine ausführliche Darlegung und Begründung ihrer eigenen Glaubensauffassung erübrigen, wenn man für die Behauptung, [...] daß sie die Vertreter und Verteidiger der allseits bekannten alten christlichen Glaubenslehre waren [und sind]“, Anerkennung erzwingen wollte.[70] Ihr religiöses Selbstverständnis, also Besitzer der einzig richtigen christlichen Wahrheit zu sein, verbot es ihnen daher, selbst als Partei auf dem Reichstag aufzutreten.[71] Zum anderen musste in ihren Augen der Anschein vermieden werden, als würden die evangelische Seite und die altgläubige Seite als gleichberechtigte Parteien miteinander verhandeln. Denn „[...] [abgewichen] und damit 'Partei' innerhalb der Reichsstände waren [nach ihrer Auffassung] allein die […] [Evangelischen]“. Es war demnach in der altgläubigen Sichtweise vollkommen klar und angemessen, [...] daß […] [die evangelische Seite] und nur diese sich durch Vorlage einer begründeten Erklärung ihres Verhaltens vor dem Reichstag verantwortete“.[72] Die altgläubigen Reichsstände und ihre Ratgeber und Theologen verstanden sich also nicht als Partei und nach ihrer Auffassung bedurfte die altgläubige Position und die Lehre der römischen Kirche keiner Darlegung, Erklärung oder Rechtfertigung. „So war es nur konsequent, wenn die etwa 20 katholischen Theologen keine Veranlassung sahen, nach der Übergabe der CA [Confessio Augustana, Anm. des Verfassers] mit der Ausarbeitung eines katholischen Bekenntnisses zu beginnen“.[73]

 

So hatte sich der Kaiser dies alles vermutlich nicht vorgestellt, denn das Verhalten der altgläubigen Seite widersprach den Hoffnungen, Erwartungen und Intentionen des Kaiserhofs. Daher kam der Kaiser schon am Tag nach der Verlesung der CA, am 26. Juni, mit der altgläubigen Ständemehrheit zusammen, um mit ihnen über das weitere Verfahren und Vorgehen in der Religionssache und über den Vorschlag der CA, dass auch andere Parteien ihr Bekenntnis übergeben sollten, zu beraten.[74] Die altgläubigen Stände rieten dem Kaiser auf dieser gemeinsamen Versammlung, die CA an hochgelehrte, verständige, redliche, schiedliche und nicht gehässige Personen bzw. Theologen zur Begutachtung und Prüfung zu übergeben. Diese Theologen sollten nach Ratschlag der altgläubigen Ständemehrheit die Vereinbarkeit der CA mit dem Evangelium und den Lehren und Auffassungen der römischen Kirche prüfen und bei festgestellten Abweichungen, diese mit Hilfe der Heiligen Schrift und christlichen Gelehrten widerlegen.[75] Des Weiteren empfahlen die Stände dem päpstlichen Legaten Campeggio ein lateinisches Exemplar der CA zukommen zu lassen, um auch seinen Rat und seine Meinung zu erfahren. Feststellen lässt sich, dass die Maßnahme der Vorlage eines eigenen Bekenntnisses nun überhaupt nicht mehr im Raum stand. Die altgläubige Seite wollte es bei einer Antwort bzw. Kritik oder Widerlegung der vorgelegten Confessio belassen. „Damit waren unausgesprochen die oben dargestellten Vorbehalte gewahrt“.[76] Die altgläubigen Fürsten ließen ihren Theologen wohl noch am selben Tag den Text der CA zur Begutachtung zukommen, ohne ihnen jedoch genaue Anweisungen hinsichtlich der Form und des Charakters einer Entgegnung zu erteilen. Ferner berief der Kaiser sogleich eine altgläubige Theologenkommission, deren Vorsitz Johann Fabri führte, zur Begutachtung und Widerlegung der CA.[77]

 

Die Meinungsäußerung Campeggios, der an jenen Tagen wegen Krankheit seine Unterkunft kaum verlassen konnte und sich deshalb schriftlich äußerte, war konkreter. Abweichend von seiner sonstigen harten Haltung schrieb er in seiner Antwort, dass er es jetzt zunächst für ratsamer hielt, „[...] mit Zurückhaltung, Klugheit, Höflichkeit und ganz in christlicher Liebe […]“ gegen die Abgefallenen vorzugehen.[78] Er schlug daher vor, alle redlichen und vorbildlichen altgläubigen Doktoren und Theologen, von denen 20 in der Stadt seien, für eine Entgegnung der CA heranzuziehen. Der Kaiser oder auch er selbst solle die Theologen mit der Antwort und Prüfung beauftragen und die Artikel der CA sollten je einzeln an die Theologen ausgegeben werden. Ferner empfahl er, dass die Entgegnung der evangelischen Seite als endgültige Antwort vorgelegt werden müsse, „[…] gegen die eine Appellation an das künftige Konzil nur nach vorheriger Rücknahme aller Religionsneuerungen statthaft sein dürfe“, um der evangelischen Seite von vornherein jede Möglichkeit einer langwierigen und vermutlich unfruchtbaren Verteidigung oder Auseinandersetzung zu nehmen.[79] Der Legat hielt „[...] aber die im Rahmen der gewohnheitsrechtlich verankerten Reichstagsgepflogenheiten zu erstellende Antwort auf die Eingabe der Protestenten nicht für das einzige und zunächst sicher nicht für das erfolgversprechendste Mittel, den Andersgläubigen zu begegnen“.[80] Er befand sich aus diesem Grund daher zur selben Zeit schon in intensiven Sonderverhandlungen mit Melanchthon, welcher als primärer und angesehenster evangelischer Theologe die Sache Luthers in Augsburg vertrat.[81] In den Gesprächen und der Korrespondenz mit Melanchthon konzentrierte sich der Legat vor allem auf die Punkte und Zugeständnisse, von welchen die evangelischen Fürsten eine Wiedereingliederung in die römische Kirche abhängig machten, denn diese evangelischen Mindestforderungen schienen ihm als Fundament für erfolgversprechende Einigungsverhandlungen vermutlich aussichtsreicher als die noch auszuarbeitende, offizielle, an die schwerfälligen Reichstagsstrukturen gebundene Antwort der Altgläubigen.[82] In ihren weiteren Gesprächen in den folgenden Tagen näherten sich Campeggio und Melanchthon weiter an, was auch daran lag, dass Melanchthon die Forderungen abschwächte und der Legat so den Eindruck gewann, dass gute Aussichten auf Einigung bzw. Wiedereingliederung der Protestanten in die römische Kirche bestünden.[83] Diese Ergebnisse der Sonderverhandlung mit Melanchthon schrieb er umgehend nach Rom. Die Kurie lies ihn darauf Wochen später wissen, dass sie nicht gewillt sei, irgendwelche, und seien es nur minimale, Zugeständnisse zu billigen und wies ihn daher an, auf bedingungslose Durchsetzung des Wormser Ediktes zu drängen.[84] „Der vom Legaten behutsam angedeutete Weg für ein Nachgeben […] [wurde] […] [somit von] der Kirche radikal abgelehnt“.[85]

 

Der Kaiser indes hatte sich im Anschluss an die Versammlung mit der altgläubigen Ständemehrheit vom 26. Juni in...

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