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E-Book

Eine kurze Geschichte von Gott

Von der Vorzeit bis heute

AutorWalter-Jörg Langbein
VerlagAufbau Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl202 Seiten
ISBN9783841213587
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Walter-Jörg Langbein gibt einen breiten Überblick über die vielen Gottesbilder der Religionen - von der Vorzeit bis heute. Vom Vielgötterglauben der Urzeit bis zum Eingottglauben, vom Judentum und Christentum bis zum Islam und Buddhismus zeichnet der bekannte Religionswissenschaftler nach, wie der Mensch Orientierung sucht. Er erklärt aber auch, warum der persönliche Glauben bis heute so wichtig ist.

Walter-Jörg Langbein, 1954 geboren, hat evangelische Theologie studiert, bevor er freier Autor wurde. Er hat zahlreiche Sachbücher zu den Themen Religion und Bibel geschrieben. Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschienen von ihm: 'Das Sakrileg und die heiligen Frauen' sowie 'Lexikon der biblischen Irrtümer'. Im Verlag Rütten & Loening legte er mit 'Die Geheimnisse der sieben Weltreligionen' einen umfassenden Blick auf die großen Glaubensbekenntnisse vor.

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Leseprobe

1. Am Anfang: Rahab aus dem Meer und die Göttin von Minos


Bevor Gott Jahwe zum Schöpfergott wurde, herrschte die Göttin. Als Monster taucht sie im Alten Testament auf. Jahwe musste sie erst besiegen, bevor er das Paradies, Adam und Eva kreieren konnte. Die Göttin unterlag Gott, aber ihre Spuren finden sich noch in der Bibel und bei archäologischen Ausgrabungen. Luther verfälschte die Bibel, um die Erinnerungen an die Göttin verschwinden zu lassen. Für viele ein Sakrileg: Jahwe teilte sich das Allerheiligste im Tempel mit einer Göttin, gemeinsam hatten sie eine Tochter. Jahrtausendelang herrschte die Göttin: im Heiligen Land wie in Europa.

Meeresgöttin und Himmelskönigin

Wie beginnt die Geschichte von Gott in der Bibel? Die Antwort meinen selbst Atheisten zu kennen, die gewöhnlich die Bibel nicht lesen (1. Buch Mose, Kapitel 1, Verse 1–3): »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – findet sich im Alten Testament ein älterer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte, musste er erst Rahab besiegen (Hiob, Kapite 26, Vers 12): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«

Wer oder was aber war Rahab?

Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: Der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (Jesaja, Kapitel 51, Vers 9): »Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Der versteckte Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments. Allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (1. Buch Mose, Kapitel 1, Vers 2): »Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.« Nimmt man das hebräische Original aber wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.«

Tehom lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen. Sie wird oft als Meeresdrachen bezeichnet, war aber ursprünglich die Meeresgöttin.

Die biblische Geschichte vom Kampf Gottes gegen Rahab ist die Kopie einer älteren Vorlage. Das Original steht in der babylonischen Geschichte von Gott: Schöpfergott Marduk muss erst Tiamat besiegen, damit er den Kosmos erschaffen kann. Jahwe, der biblische Gott, entspricht dem babylonischen Gott Marduk, Rahab ist die hebräische Variante der babylonischen Meeresgöttin Tiamat. In Rahab lebt also die Göttin des Meeres weiter. Das Alte Testament verdrängt weitestgehend die Erinnerung an die Göttin, die vor Jahwe geherrscht haben muss. Wie sich die Bilder doch gleichen: Viele Jahrhunderte vor Niederschrift des Alten Testaments verehrte man Baal, den Bezwinger des Meeresmonsters Yam.

Die Göttin musste aus religiösen Texten gestrichen werden, viele ihrer Anhänger verehrten sie aber weiter. Im Heiligen Land wurde sie noch im 6. Jahrhundert v. Chr. als »Himmelskönigin« angebetet. Der Prophet Jeremia prangert das wütend an (Kapitel 7, Verse 17 und 18): »Siehst du nicht, was sie tun in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems? Die Kinder lesen Holz, die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, dass sie der Himmelskönigin Kuchen backen.«

Was Jeremia ganz besonders erzürnt haben muss: Es waren nicht einige unbedeutende Frauen, die den Kult um die Himmelskönigin am Leben hielten. Sie vertraten als Kultangestellte einen wichtigen Teil des öffentlichen religiösen Lebens, in dessen Mittelpunkt der Tempel in Jerusalem stand! Die Himmelskönigin spielte, auch wenn das von den Jahwe-Priestern alles andere als gern gesehen wurde, nach wie vor eine zentrale Rolle im religiösen Leben des Volkes.

An anderer Stelle wird beim Propheten Jeremia klar, dass es sich bei den Verehrern der Himmelskönigin nicht um eine sektenhafte kleine Gruppe, sondern um eine Massenbewegung gehandelt haben muss. Männer und Frauen bekannten sich, der offiziellen Jahwe-Religion trotzend, zur Himmelskönigin – und das ganz offensichtlich in großer Zahl (Der Prophet Jeremia, Kapitel 44, Verse 15 und 17): »Da antworteten dem Jeremia alle Männer, die sehr wohl wussten, dass ihre Frauen anderen Göttern opferten, und alle Frauen, die dabei standen, eine große Menge (…): Wir wollen all die Worte halten, die aus unserem Munde gekommen sind, und wollen der Himmelskönigin opfern und ihr Trankopfer darbringen, wie wir und unsere Väter, unsere Könige und Oberen getan haben in den Städten Judas und auf den Gassen Jerusalems.«

Dankbarkeit empfinden die Menschen für die Himmelskönigin (Der Prophet Jeremia, Kapitel 44, Verse 17 und 18): »Da hatten wir auch Brot genug, und es ging uns gut, und wir sahen kein Unglück. Seit der Zeit aber, da wir es unterlassen haben, der Himmelskönigin zu opfern und Trankopfer darzubringen, haben wir an allem Mangel gelitten und sind durch Schwert und Hunger umgekommen.«

Frauen sind es, die den uralten Kult der Himmelskönigin aufrechterhalten, das aber – darauf weist der Text beim Propheten Jeremia ausdrücklich hin – im Einverständnis mit den Männern (Vers 19): »Und wenn wir Frauen der Himmelskönigin opfern und Trankopfer darbringen, das tun wir ja nicht ohne den Willen unserer Männer, wenn wir ihr Kuchen backen, um ein Bild von ihr zu machen, und ihr Trankopfer darbringen.«

Die Göttin wird besiegt

Offenbar gehörten Frauen wie Männer zur Gemeinde der Himmelskönigin. Der Text macht keine Angaben darüber, aus welchen Volksschichten oder Altersgruppen diese Anhänger der Göttin stammten. Daraus kann man wohl ableiten, dass Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Gruppen der Himmelskönigin huldigten. In der offiziellen Berichterstattung der Bibel aber wurde Jahwe zum Sieger über die Göttin gemacht. Es dauerte allerdings viele Jahrhunderte, bis sich Jahwe auch wirklich durchsetzte. Erhalten blieben Spuren der Göttin in der Bibel, sehr zum Verdruss der jahwetreuen Autoren des Alten Testaments, die mit ihren Schriften den alleinigen Herrschaftsanspruch Jahwes als einziger Gott untermauerten.

Zwei Jahrtausende später wollte Martin Luther diese Hinweise verschwinden lassen. Der Reformator verfälschte im 16. Jahrhundert konkrete Aussagen über die ganz zentrale Bedeutung der Himmelskönigin durch kurios anmutende Übersetzungen. Der Reformator produzierte einige an sich unverständliche, ja unlogische Bibelaussagen, nur um die Spuren der Himmelskönigin zu verwischen. Martin Luther duldete nur einen Gott im Zentralheiligtum in der Heiligen Stadt Jerusalem. Die Himmelskönigin hatte da nach seinem Verständnis nach nichts zu suchen, auch wenn der Originaltext im Hebräischen Jahwe und die Himmelsgöttin als Paar im Tempel von Jerusalem beschrieb!

Luthers Übersetzungen in Sachen Aschera sind offensichtlich falsch, weil sinnlos. Warum fiel das bei der Drucklegung der Bibel nach Luther im 16. Jahrhundert niemandem auf? Wie eklatant Luthers Verfälschungen sind, verdeutlicht ein Vers aus den Königsbüchern. Bei Luther hieß es da anno 1545 (Das 2. Buch der Könige, Kapitel 23, Vers 6 in der Übersetzung Luthers von 1545, in angepasster Rechtschreibung): »Er (Josia) ließ den Hain aus dem Hause des Herrn führen«. Mit dem »Haus des Herrn« war das Zentralheiligtum des Judentums, der Tempel in Jerusalem, gemeint. Nach Luther wurde aus dem Tempel ein Hain, also ein Wald, »weggeführt«. Natürlich gab es zu keiner Zeit im Allerheiligsten des Tempels so etwas wie einen Wald. Ein Blick in den hebräischen Originaltext klärt den Sachverhalt: Entfernt wurde eine Aschera-Statue.

Das aber war in den Augen Luthers ein echtes Sakrileg: Ganz offensichtlich stand im Allerheiligsten des Tempels von Jerusalem eine Statue der Aschera. Ein pikantes Detail: Ascheras Statue wurde sonst eigentlich mit einem anderen Gott in Verbindung gebracht, mit Baal. Darauf weist ein kurzer Text im Alten Testament hin, den Luther nach bewährter Manier manipulierte.

Wieder arbeitete Luther mit dem gleichen »Fehler« (Buch der Richter, Kapitel 6, Verse 25 und 26 in Luthers Übersetzung von 1545, hier der heutigen Rechtschreibung angepasst): »Und zerbrich den Altar Baals … und haue ab den Hain, der dabeisteht.« Von einem »Hain«, also einem Wäldchen, ist im Original nichts zu finden. Falsch übersetzt Luther weiter: »Und baue dem Herrn, deinem Gott … einen Altar und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Hains, den du abgehauen hast.« Es wurden im hebräischen Originaltext weder Bäume gefällt noch verbrannt, sondern eine Statue der Göttin Aschera.

Jahwe wurde von der Priesterschaft bereits als Sieger propagiert, als die Göttin noch recht angesehen war. In der Realität des Alltags gab es noch lange Zeit keine einheitlich konsequente Haltung der Obrigkeit gegenüber Aschera. Die einen ließen ihre Statue aus dem Tempel von Jerusalem entfernen, andere ordneten ihre Verbrennung an, und wiederum andere duldeten zumindest ihren Kult. In Luthers Übersetzung von 1545 heißt es im 2. Buch Könige (Kapitel 13, Vers 6): »Auch blieb stehen der Hain...

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