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Erleben und Verhalten der ersten Christen

Eine Psychologie des Urchristentums

AutorGerd Theißen
VerlagGütersloher Verlagshaus
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl624 Seiten
ISBN9783641028176
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis32,99 EUR
Mythos. Ritus. Ethos.
- Was erlebten und fühlten die ersten Christen?
- Die erste historische Psychologie des Urchristentums
- Ein weiteres großes Werk zur Deutung des Frühen Christentums

Eine der faszinierendsten Fragen der Geschichtsschreibung ist die nach der Entstehung des Christentums: Was führte dazu, dass aus einer kleinen Sekte des Judentums eine Bewegung erwuchs, die die Weltgeschichte veränderte? Um dies zu verstehen, genügt es nicht, historische und soziologische Fakten zu interpretieren. Es sind gerade auch psychologische Sachverhalte, die an der Wurzel des Christentums liegen. Diese zeigt Gerd Theißen in seinem neuen Buch auf.
In dieser Psychologie der urchristlichen Religion beschreibt und ordnet der Heidelberger Neutestamentler das religiöse Verhalten und Erleben der ersten Christen und macht es für uns heute verstehbar. Nach »Die Religion der ersten Christen« ein weiteres großes Werk in der Deutung des Frühen Christentums.


Dr. Gerd Theißen, geboren 1943, ist Professor em. für Neutestamentliche Theologie in Heidelberg. Er gilt als einer der kreativsten Exegeten der Gegenwart und entwickelte eine Theorie des Urchristentums, indem er die biblische Überlieferung mit Hilfe soziologischer und religionspsychologischer Fragestellungen untersuchte. Sein Buch »Der Schatten des Galiläers« ist seit mehr als 30 Jahren ein unübertroffenes Werk erzählender Jesusliteratur.

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Leseprobe
I. Seele und Leib Die Erfindung des inneren Menschen in der Antike und seine Erneuerung im Urchristentum
Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen ihrem Verhalten und Erleben ein einheitliches Zentrum im Inneren zuschreiben. Das »Innere« wurde erst in der »psychologischen Wende in der europäischen Religionsgeschichte«86 in der »Achsenzeit« um das 6. Jh. v. Chr. bei jüdischen Propheten und griechischen Philosophen entdeckt. Der Mensch lernte damals, sich in seinem Selbstverständnis von allem zu unterscheiden, was nicht zu seiner Person gehört. Er entdeckte den »inneren Menschen« und erfand ihn mit seiner Entdeckung.87 Bei psychischen Phänomenen gehören Erkennen und Erkanntes zur selben psychischen Realität. Daher kann die Erkenntnis hier mehr als bei anderen Gegenständen das Erkannte formen und schaffen. Mit der Entdeckung und Erfindung des »inneren Menschen« begann die vorwissenschaftliche Psychologie. Einige allgemeine Kategorien sind für ihre Analyse hilfreich und seien daher vorweg vorgestellt.
In den Entwürfen eines psychologischen Selbstverständnisses des Menschen können wir Architektur und Dynamik der Psyche unterscheiden. In ihrer Architektur lassen sich obere und untere Schichten, leitende und abhängige Instanzen, Zentrum und Peripherie erkennen. Dabei wird die Struktur der Psyche techno-, bio- oder soziomorph gedeutet.88 Technomorph kann der Mensch seinen Körper als Instrument eines Steuerungsorgans auffassen. Wenn der Mensch sein Inneres heute manchmal als einen komplizierten Computer versteht, ist das eine technomorphe Selbstauslegung. Biomorph kann der Mensch seine seelischen Organe als Körperteile deuten: Aus Organseelen wurden in der Geschichte oft Seelenorgane. Die Deutung des Seelenlebens nach Funktionen von Gehirnteilen, wie sie sich in der Gegenwart immer mehr verbreitet, ist eine biomorphe Selbstinterpretation. Schließlich kann der Mensch sein Innenleben soziomorph als das Leben einer Gesellschaft im Kleinen interpretieren – mit einem Herrscher an der Spitze und Befehlsempfängern unter ihm. Die psychoanalytische Unterscheidung von drei Instanzen, von Überich, Ich und Es, ist solch eine soziomorphe Selbstauslegung des Menschen. In allen drei Fällen wird die Struktur des Inneren nach Modellen der Außenwelt erfasst.89
Von der Architektur der Psyche lässt sich ihre Dynamik unterscheiden, d. h. Aussagen über das, was den Menschen bewegt und steuert. Die einzelnen Begriffe sind freilich unscharf. Was ein Körperteil meint, ist oft gleichzeitig eine Kraft. »Topologie« und Dynamik der Seele gehen ineinander über. Im Hebräischen wurde aus der Kehle (nœfœš) der Atem als Lebenskraft, so dass die Kehle zur »Seele« wurde. Im Neuen Testament bezeichnen die Begriffe »Fleisch« (sárx) und »Leib« (sôma) nicht nur den materiellen Aspekt des Menschen, sondern auch psychische Energien.
Erst durch die Grenzziehung zwischen »Innen und Außen« kann der Mensch unterscheiden, ob seine Antriebe innerhalb oder außerhalb seiner selbst ihren Ursprung haben. Er ist ständig damit beschäftigt, seinen Erfahrungen mit sich Ursachen zuzuschreiben. Dabei treten in der Geschichte vier Attributionsmuster auf:90 Der Mensch deutet entweder sein Handeln heterodynamisch. Er glaubt, dass es von externen Faktoren (von Göttern, Dämonen oder anderen Menschen) abhängig ist. Er kann sich ferner autodynamisch die Ursachen seines Verhaltens selbst zuschreiben, etwa wenn er irrationale Impulse als Affekte seines Inneren deutet und nicht als Wirken eines Geistes oder Dämons, der von ihm Besitz ergriffen hat. In diesem Fall ersetzt er eine externale durch eine internale Kausalattribution. Bei einer zeitlichen Differenzierung beider Möglichkeiten gelangt er zu einem transformationsdynamischen Bild seiner selbst: Der Mensch erwartet eine grundlegende Veränderung seiner Antriebsstruktur in der Zeit. In seiner Ausgangslage sieht er sich von externen Faktoren abhängig, hofft aber, durch innere Verwandlung zur Ursache seines Verhaltens zu werden. 91 Er setzt auf eine Entwicklung von Hetero- zu Autodynamik oder befürchtet einen Abstieg von Auto- zu Heterodynamik. Bei einer räumlichen Differenzierung gelangt der Mensch zu einem tiefendynamischen Menschenbild: Er erlebt eine in ihm selbst lokalisierte Ursache als eine Macht, die sich seiner Erkenntnis und Verfügungsmacht entzieht. Er interpretiert sein Leben als von Mächten abhängig, die er zwar auf sein Inneres zurückführt, die er aber dennoch weder durchschaut noch beherrscht.
Eine Analyse der in antiken Texten enthaltenen impliziten Psychologie mit diesen Kategorien lässt in ihnen leicht Vorläufer wissenschaftlicher Psychologie erkennen. So wird die Nähe der klassischen Psychoanalyse Sigmund Freuds zu vorwissenschaftlichen Selbstinterpretationen deutlich.92 Sein Menschenbild schwankt zwischen einer »technomorphen« Auffassung des Menschen (mit naturwissenschaftlichen Begriffen wie »Libidoenergie« und »Abwehrmechanismus«) und einem personalen Menschenbild, das sich »soziomorpher« Metaphern bedient und den Menschen (mit Begriffen wie »Übertragung« und »Gegenübertragung«) als Beziehungswesen deutet. Nebeneinander benutzt er die Sprache des Körpers und die des Geistes. Überich, Ich und Es bilden eine soziomorphe Hierarchie. Diese Hierarchie überschneidet sich mit einer »Topologie« des Bewussten, Unbewussten und Vorbewussten. In dieser Architektur spielt sich eine gewaltige innere Dramatik und Dynamik ab: Das Überich vertreibt wie ein repressiver Herrscher Teile seiner Untertanen, die bei Lockerung der Grenzkontrollen nachts unerlaubt in sein Gebiet zurückkommen. Seine Abwehrmechanismen wehren die Triebe ab, setzen ihnen Grenzen und zwingen sie zu verschiedenen Verkleidungen in Symbolen, Träumen, Mythen oder Neurosen. Überich und Es reichen weit in unbewusste Räume hinein, in denen der Konflikt zweier Urtriebe, Eros und Thanatos, seinen Ursprung hat. Diese psychoanalytische »Triebmythologie« bringt das Wissen zum Ausdruck, dass die elementarsten Antriebe des Menschen bewusster Steuerung entzogen sind. Das Menschenbild der Psychoanalyse ist jedoch insgesamt transformationsund tiefendynamisch: Der abhängige Mensch soll in die Lage versetzt werden, sein Leben verantwortlich zu führen. Wo Es war, soll Ich werden. Unbewusstes soll und kann in Bewusstsein verwandelt werden.

a. Die Erfindung des inneren Menschen in der Antike93


Ehe die Menschen in der Antike ihr eigenes Inneres als gegliederte Architektur und geordnete Dynamik reflektieren konnten, mussten sie in einer »psychologischen Wende« die »Seele« als einheitliches Zentrum in ihrem Inneren entdecken. Die Reflexion des Menschen über sich selbst geschieht dabei oft indirekt. Er braucht einen Spiegel außerhalb seiner selbst, um sich in ihm erkennen zu können. Als Spiegel diente ihm in archaischen Zeiten oft die Vorstellung einer externen Seele, die außerhalb seines Körpers existiert und in den Überlieferungen der Völker viele Formen annehmen kann. Entweder wird sie von vornherein außerhalb des Menschen lokalisiert, so dass sie dem Menschen von außen begegnet, oder sie wird im Menschen lokalisiert, kann ihn aber verlassen. Wir unterscheiden die Außenseele und den Todesboten, die außerhalb des Menschen lokalisiert sind, von der im Menschen wohnenden Exkursionsseele und Totenseele. In allen vier Formen handelt es sich um Varianten eines »dissoziativen Selbst«. Nach den Vorstellungen der damaligen Menschen war es ein Selbst, das sich vom Körper dissoziieren konnte, von ihm getrennt war oder ihn verlassen konnte, nach unseren Vorstellungen war es eher ein Selbst, das von anderen Teilen des Bewusstseins dissoziiert existierte.
Eine Außenseele wird dem Menschen zugeschrieben, wo er von einer von ihm unterschiedenen Lebenskraft begleitet wird. Die Römer kennen den genius eines Menschen,94 die Griechen den beschützenden daímon. Diese Außenseele lebt im Glauben an einen Schutzengel der einzelnen Menschen weiter. Sie ist außerhalb des Menschen lokalisiert.
Die im Menschen lokalisierte Exkursions- und Freiseele kann den Körper im Traum oder in der Ekstase verlassen, am deutlichsten in sogenannten out-of-body-experiences, bei denen ein Mensch meint, sich von außen wahrzunehmen. Erlebnisgrundlage sind dissoziative Zustände oder abweichende Bewusstseinszustände (altered states of consciousness).
Der Todesbote ist ein »Alter Ego« des Menschen, der als Doppelgänger nur einmal erscheint, um den Tod anzukündigen. Auch diese Vorstellung lebt weiter im Glauben an einen Todesengel, der die Seele des sterbenden Menschen holt.
Die Totenseele ist mit der Exkursions- oder Freiseele vergleichbar, nur dass sie im Tod den Menschen für immer verlässt und schattenhaft außerhalb des Körpers weiterlebt. Erlebnisgrundlage sind Begegnungen mit Toten in halluzinatorischen Wahrnehmungen oder im Traum. Aber auch Nah-Todes-Erlebnisse (near-death-experiences) haben den Glauben an eine Totenseele immer wieder...
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