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E-Book

Glück ist was für Augenblicke

Erinnerungen

AutorChristine Nöstlinger
VerlagResidenz Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl300 Seiten
ISBN9783701743698
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Christine Nöstlinger erzählt - jedoch nicht über den grantigen Gurkenkönig oder den Franz, der aussieht wie ein Mädchen. Hier geht es um ihr eigenes Leben: Wie sie als Kind den Krieg im Bombenkeller überlebt. Wie sie ihre erste Beichte mit einer Lüge beginnt. Wie sie über einen Tretroller die wahre Natur des Menschen kennenlernt. Wie sie im Tanzkurs den geliehenen BH verliert und sich als Kunststudentin in Herrenrunden behauptet. Die große Kinderbuchautorin, Journalistin, Lyrikerin und Schriftstellerin erzählt von Ehen, Töchtern und Affären. Von ihren Erfolgen, von wütenden Lehrerattacken und aberwitzigen Political-Correctness-Sheriffs. Und auch davon, ob es erstrebenswert ist, in Würde zu altern.

Christine Nöstlinger 1936 in Wien geboren, lebt als freie Schriftstellerin in Wien und im Waldviertel. Ihre Kinderund Jugendbücher sind weltweit bekannt. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Andersen-Award,Astrid-Lindgren-Preis, Corine 2011.Doris Priesching 1967 geboren, Studium der Publizistik, Politikwissenschaft, Germanistik. Seit 1990 bei derTageszeitung 'Der Standard'. Zahlreiche Publikationen zu TV-Themen, zuletzt die Autobiografievon Erni Mangold: 'Lassen Sie mich in Ruhe'.

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Leseprobe

Die Minna redete auf die Großmutter ein, die Großmutter fing zu zittern an, stoßweise kamen Schluchzer aus ihr raus, das Kaffeehäferl fiel zu Boden und rollte quer durch die Küche. Die Großmutter sprang von der Kohlenkiste, kreischte: »I brings um, die Hur!« und raste aus der Wohnung, dem Stiegenhaus zu.

Die Minna rannte hinterher und flehte: »Net, Juli, net!«

Die Großmutter stürmte die Stiege hoch, die Minna folgte ihr. Allerhand Gepolter und Gekreisch der Großmutter kam von oben, und dann war noch lauter als das Gekreisch zu hören: »Frau Göth, Frau Göth, bringen S’ meine Tochter net um!«

Schließlich hastete die Rote über die Stiege runter, ihr schöner, dicker Zopf hatte sich vom Kopf gelöst und flatterte hinter ihr her. Gleich dahinter stolperte meine Großmutter. Und wieder ein paar Stufen dahinter die Minna.

Am Fuß der Stiege bekam meine Großmutter das Zopfende zu fassen. Die Rote rannte weiter, die Großmutter ließ den Zopf nicht los. Und so schleppte die Rote meine immer noch kreischende Großmutter hinter sich her, dem Haustor zu.

Wie die Sache weiterging, weiß ich nicht, denn meine Mutter kam aus der Wohnung gerannt, schnappte mich und bugsierte mich hinter die 4er-Tür. »Das ist nichts für Kinder!«, belehrte sie mich.

Die Rote und ihre Mutter wohnten natürlich weiter in unserem Haus und versuchten, meiner Großmutter nicht zu begegnen. Ob das Verhältnis mit meinem Großvater nach der Zopf-Geschichte beendet war, weiß ich nicht.

Wie viele Geschwister meine Großmutter hatte, weiß ich auch nicht. Sie hatte nur zu zweien Kontakt. Zum Gustl und zur Minna.

Der Gustl war früher Glasbläser gewesen, spezialisiert auf diese schweren gläsernen Briefbeschwerer, die innen drin herrliche bunte Glasblumen haben. Dann hatte ihn der Schlag getroffen und er hatte nicht mehr arbeiten können. Er zog ein Bein nach, hatte einen schiefen Mund und musste meiner Großmutter zweimal die Woche als Tarock-Partner dienen. Gewinnen durfte er dabei nicht zu oft. Sonst konnte es passieren, dass sie ihn rauswarf.

Die Minna war viel jünger als die Großmutter. Sie war allerhöchstens 1,40 groß, hatte einen riesigen Höcker und unglaubliche O-Beine. Ihre Knie standen fast einen halben Meter auseinander.

Die Minna kam jeden Tag. Sie war die unbezahlte Putzfrau der Großmutter. Ihr Geld verdiente sie damit, dass sie winzige Vogelfedern mit flüssigem Kautschuk zu zierlichen Damenhütchen zusammenklebte.

In der Wohnung der Großeltern gab es ein paar dieser gläsernen Briefbeschwerer. Ich borgte sie mir oft zum Spielen. Und von den kleinen Vogelfedern stibitzte ich mir auch oft eine Kinderhand voll und spielte mit ihnen. Daran, was man mit Vogelfedern und Briefbeschwerern spielt, erinnere ich mich nicht mehr.

In früheren Jahren wollte ich einen Roman schreiben: ALLE SELBSTMORDE DER GROSSMUTTER.

Sie drohte ständig, sich zu vergiften, zu erhängen, ins Wasser zu gehen, von hoch oben runterzuspringen oder sich ein Messer ins Herz zu stoßen. Und hatte sie das Gefühl, der Leopold reagiere auf ihre Drohungen nicht mehr ausreichend, schritt sie zur Tat.

Einmal rannte sie in den 2. Stock hinauf, riss ein Gangfenster auf, kletterte aufs Fensterbrett und gab vor, sich in den Hof stürzen zu wollen. Der Großvater keuchte hinter ihr her, verlor dabei einen Patschen und stolperte. Es brauchte also einige Zeit, bis er bei seiner angeblich lebensmüden Gemahlin war, und sie musste auf dem Fensterbrett in »Sprungstellung« ausharren, bis er sie endlich vom Fensterbrett holte.

Einmal trank sie Lysol, ein ätzendes Putzmittel. Aber der zu Hilfe gerufene Doktor Kübler, der ziemlich rüde Umgangsformen hatte, sagte zum Großvater: »Nur ka Aufregung, Herr Göth. Hat eh nix g’schluckt. Hat sich mit dem Zeug nur die Lippen feucht g’macht.«

Am liebsten war ihr aber die »Ich-dreh-das-Gas-auf«-Methode. Und jedes Mal schrieb sie einen Abschiedsbrief mit vielen Rechtschreibfehlern. Ihre »letzten Zeilen« schrieb sie auf Kanzleipapier mit einem Kopierstift. Das war ein Bleistift, den spuckte man an, und danach schrieb er fast wie lila Tinte, aber natürlich nur eine gewisse Zeit, dann wurde er wieder zum gewöhnlichen Bleistift, und man musste neu spucken. Die Briefe unterzeichnete sie immer mit »deine ungelippte Julia«.

An einen ihrer Gas-Selbstmorde erinnere ich mich gut. Da muss ich sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein.

Diesmal fühlte sie sich »ungelippt«, weil ihr der Großvater beim Weggehen nicht die üblichen drei Küsse – rechte Wange, linke Wange, Mund – gegeben hatte. Sie zog ihr Seidennachthemd an, löste ihren Haarknoten, setzte ihren goldenen Zwicker auf, öffnete in der Küche die Gashähne vom Rechaud und vom Backrohr und drapierte sich samt Abschiedsbrief auf der Tagesdecke des Ehebettes.

Es war halb sieben, mein Großvater kam normalerweise jeden Abend um sieben Uhr von der Arbeit heim. Aber an diesem Tag gab es einen gröberen Stromausfall und die Straßenbahn fuhr nicht. Der Großvater musste zu Fuß heimlatschen und machte zudem im Kaffeehaus noch eine kurze Rast.

Für ein Foto friedlich vereint: Großmutter Juliane, meine Mutter und mein Vater

Es wurde sieben, es wurde viertel acht, es wurde halb acht, das Gas strömte aus und stank schon gewaltig ins Zimmer rein, und der Großvater war noch immer nicht da!

Zur selben Zeit machte sich meine Mutter gerade fürs Kino zurecht. Ich stand neben ihr und schaute ihr zu, wie sie sich in der Küche vor dem Spiegel den Hut aufsetzte. Der Hut hatte die Form einer Schweinsstelze. Das war damals modern.

In dem Moment, als sich meine Mutter die Stelze auf den Kopf drückte, ging die Wohnungstür mit einem Ruck auf, die Großmutter im Nachthemd, den Zwicker schräg auf der Nase, die Wallehaare flatternd vor Erregung, kreischte sie: »G’schwind, g’schwind, i hob mi umbracht!«

Meine Mutter seufzte, nahm die Stelze vom Kopf, warf sie in die Waschmuschel und murmelte gottergeben: »Wegen dem alten Luder versäum ich jetzt die Premiere!«

Dann schob sie die Großmutter auf den Gang raus und zurück in ihre Wohnung, drehte das Gas ab und lief runter auf die Jörgerstraße, um den Doktor Kübler zu holen.

Schlecht gehört hatte meine Großmutter bereits als junge Frau. Im Alter war sie fast taub. Sie hatte ein gewundenes Hörrohr aus Zelluloid mit einem Trichter am Ende. Wir nannten das Ding Ohrtrompete. Das sollte ihr beim Hören helfen, was es aber kaum tat. Und auf der Straße benutzte sie die Ohrtrompete natürlich auch nicht. Sie hörte es also nicht, wenn sie von anderen Leuten gegrüßt wurde. Auf einen höflichen Gruß war sie aber wie versessen. Ging jemand an ihr vorbei und brüllte ihr den höflichen Gruß nicht direkt ins Ohr, hörte sie ihn nicht und war beleidigt.

Da konnte es passieren, dass sie dem armen Menschen nachrannte, ihn am Kragen packte und erbost fragte: »Was verweigern S’ mir den Gruß? Bin i Ihnen vielleicht vom Arsch runterg’fallen?«

Zu mir war sie nett und freundlich. Wenigstens so lange ich klein war. Und ich war gern bei ihr in der Wohnung. Mit ihr auf den Markt, zum Einkaufen, ging ich weniger gern. Sie musste die Ware nämlich vor dem Kauf gründlich prüfen. Sie pflegte zum Beispiel mit den Fingern in die Salathäuptel hineinzustochern, um zu spüren, ob das »Herzl« auch ordentlich groß und fest sei.

Und die Standler schimpften: »Weg da von mein Salat, du alte Rauchfangtauben!«

Sie hörte es nicht und stocherte seelenruhig weiter und kapierte nicht, warum ich sie am Kittel zerrte und vom Standl wegziehen wollte.

Eier mussten ihrer Meinung nach mindestens sechs Deka haben. Jedes Ei wog sie daheim ab, und hatte ein Ei nur fünf Deka, drückte sie es mir in die Hand und schickte mich damit zum Herrn Meder, unserem Greißler, zurück.

Nie im Leben wäre ich mit dem Ei zum Meder gegangen, da hätte ich mich zu Tode geniert! Der Großmutter sagen, dass ich dazu nicht bereit bin, wollte ich aber auch nicht. Also ging ich mit dem Ei bis zur Straßenecke und ließ es dort aufs Kanalgitter fallen.

Sie sagte dann bloß: »Mein Gott, ist das Madel patschert!«

Nach dem dritten oder vierten Ei, das auf dem Kanalgitter kaputtgegangen war, betraute sie mich nicht mehr mit ihren Reklamationen.

In der Familie meines Vaters gab es außerdem noch eine Cousine der Großmutter, die Kathi-Tante. Sie lebte mit einer Ziege und ein paar Kaninchen in einer Wellblechhütte irgendwo an der Donau, in einem Schrebergarten.

Und den Franz-Onkel und die Vicky-Tante, zwei jüngere Geschwister vom Großvater, gab es auch...

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