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Macht der Unordnung

Stalins Herrschaft in Zentralasien 1920-1950

AutorChristian Teichmann
VerlagHamburger Edition HIS
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl286 Seiten
ISBN9783868546682
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Kein Land setzte im 20. Jahrhundert so vehement auf die künstliche Bewässerung als Mittel zur Ausbreitung staatlicher Herrschaft wie die Sowjetunion. Der Bau von Kanälen und Staudämmen veränderte überall im Land des Sozialismus das Zusammenleben der Menschen, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und ihren Umgang mit der Natur. Das sowjetische Wasserbauprogramm begann 1920 mit Lenins 'Plan zur Elektrifizierung' des Landes und gipfelte 1950 in Stalins 'Plan zur Umgestaltung der Natur'. Ein entscheidendes Element dieser Umgestaltung war Stalins Projekt der Baumwollautarkie, mit dem die zentralasiatische Peripherie in den Prozess der sowjetischen Staatswerdung integriert werden sollte. Zu diesem Zweck waren neue Grenzen und Institutionen, aber auch die Massenmobilisierung der Bevölkerung und vor allem technisches Know-how notwendig. Mithilfe künstlicher Bewässerung sollte eine industrielle Baumwollproduktion entstehen, um die Sowjetunion vom Import dieses wichtigen Cash Crop unabhängig zu machen. In Stalins Sowjetunion beruhte die Staatswerdung nicht allein auf der Neuordnung der Verhältnisse, ihr leitendes Prinzip war vielmehr das Schaffen von Unordnung. Zudem unter- minierten Willkür, Terror und Chaos jegliche Handlungs- und Erwartungssicherheit. Im sowjetischen Baumwollstaat wurde Unordnung zum zentralen Instrument der Herrschaftssicherung. Gleichzeitig machte sie die größte Schwachstelle der Staatsbildung aus. Paradoxerweise definierte die Macht der Unordnung die Durchsetzungskraft des Staates ebenso wie seine eng gezogenen Handlungsgrenzen.

Christian Teichmann, Dr. phil., ist Osteuropahistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin.

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Leseprobe

1 Rotes Land, Weißes Gold – Künstliche Bewässerung, Baumwollwirtschaft und der sowjetische Staat


Kein Land setzte im zwanzigsten Jahrhundert so vehement auf künstliche Bewässerung als Mittel zur Ausbreitung staatlicher Herrschaft wie die Sowjetunion. Dämme, Kanalanlagen und Stauwerke veränderten im Land des Sozialismus das Zusammenleben der Menschen, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und ihren Umgang mit der Natur. Das sowjetische Wasserbauprogramm begann mit Lenins »Plan zur Elektrifizierung« des Landes in den frühen 1920er Jahren und gipfelte in Stalins »Plan zur Umgestaltung der Natur« Ende der 1940er Jahre. Schon die Fertigstellung des Dnjepr-Staudamms 1931 und die Eröffnung des Weißmeer-Kanals 1933 sorgten für internationale Aufmerksamkeit. Die Eröffnung des Moskau-Wolga-Kanals im Juli 1937 übertraf diese glänzende Außenwirkung noch. Das Bauprojekt zeigte, dass der sowjetische Staat »Berge versetzte« und es ihm so gelang, »ein Riesenland zu einem Gesamtorganismus« zusammenzubinden.1 In Italien eiferte Benito Mussolini dem Vorbild des sowjetischen Erzfeindes mit der Kolonisierung der Pontischen Sümpfe ebenso nach wie Franklin Delano Roosevelt in den Vereinigten Staaten, auf dessen Initiative im Rahmen des New Deal etliche wasserbauliche Großprojekte entstanden.2 Die Nationalsozialisten ließen vom Reichsarbeitsdienst, von Häftlingen und Zwangsarbeitern Moore trockenlegen, Kanäle bauen und Talsperren errichten.3

In der Sowjetunion gab es jedoch im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und den faschistischen Diktaturen im Europa der 1930er Jahre einen markanten Unterschied: Die Umgestaltung der Natur war nicht nur ein Mittel zur inneren Kolonisation, sondern auch ein Instrument zur grundlegenden Umgestaltung bestehender Gesellschaften. Die sowjetischen hydrotechnischen Großbauten in den Jahren zwischen Lenins Tod 1924 und Stalins Tod 1953 sollten die Menschen und ihre ökonomischen Beziehungen revolutionär verändern. Der Zweck der sowjetischen Wasserbauten bestand in der Expansion staatlicher Herrschaft in alte Landschaften und traditionelle Gesellschaften. Lenin machte diesen Zusammenhang deutlich, als er 1921 feststellte, dass für die sowjetischen Kommunisten »Bewässerung nötiger ist als alles andere«, weil sie »das Land mehr verändert als alles andere, zu seiner Wiedergeburt führt, die Vergangenheit begräbt und den Übergang zum Sozialismus forciert«.4

Aus Lenins Sicht war der Staat das Instrument, um die Revolution aus den großen Städten der Sowjetunion in die weitläufigen ländlichen Regionen Russlands und die multiethnischen Peripherien zu tragen.5 Doch nach dem Abklingen des Bürgerkriegs in Russland und der Ukraine im Herbst 1920 verfügten die Bolschewiki über keinen Staatsapparat, der dieser Aufgabe gewachsen gewesen wäre. Daher bedeutete der Bau von Kanälen, Dämmen und Schleusen zwischen 1920 und 1950 weit mehr als die technische Erschließung und wirtschaftliche Nutzbarmachung von natürlichen Räumen. Die Bauprojekte griffen tief in die vorhandenen sozialen und landschaftlichen Texturen ein: Veränderungen im Wasserhaushalt zerstörten die Landschaften, Massendeportationen und Umsiedlungskampagnen im Zuge von Bewässerungsprojekten veränderten nachhaltig das soziale Gefüge. Darüber hinaus rückte die Ausbreitung der künstlichen Bewässerung aber vor allem und deshalb ins Zentrum staatlicher Handlungsmacht, weil sie die industrialisierte Erzeugung nachwachsender Rohstoffe erlaubte. Wasserbau und revolutionäre Staatswerdung verwuchsen zu einer Einheit. Wie sich dieser Prozess in Zentralasien6 vollzog und zu welchen Reibungen es dabei kam, ist Gegenstand des vorliegenden Buches.

Die Bolschewiki hatten die Weltrevolution vor Augen. Nach Zentralasien kamen sie jedoch nicht als Revolutionäre, sondern als koloniale Eroberer. Mit militärischer Übermacht bekämpften die Rote Armee und die Tscheka den zähen und gut organisierten Widerstand von lokalen Guerillaverbänden, parastaatlichen Rebellengruppen und antisowjetischen Armee-Einheiten.7 Die Bolschewiki bombardierten Städte, marodierten, massakrierten und verbreiteten, wo immer sie hinkamen, Angst und Schrecken. Im Oktober 1919 marschierte die Rote Armee in Taschkent ein, im Februar 1920 besetzte sie das Chanat von Chiwa und im September 1920 stürzte sie den Emir von Buchara. Noch im Frühjahr 1922 planten Moskaus Emissäre in Taschkent einen Eroberungszug in die Nordprovinzen Afghanistans. Doch stieß die Weltrevolution im muslimisch dominierten Zentralasien an ihre Grenzen. »Wir wissen aus der Erfahrung von Buchara und Chiwa (und ebenso aus Turkestan)«, resümierte 1922 der sowjetische stellvertretende Außenminister Lew Karachan in einem Brief an Joseph Stalin, »dass die Loyalitätsbekundungen der Bevölkerung gegenüber den neu gebildeten Regierungen direkt von der Anzahl der russischen Truppen abhängig ist, die sich in diesen Republiken befinden.«8

Von Beginn an erkoren die Bolschewiki die künstliche Bewässerung zu ihrer »operativen Kampfaufgabe« in Zentralasien. »Alle technischen Kräfte sind auf das Bewässerungswesen zu konzentrieren«, tönte ein Propagandist des neuen Regimes 1922. »Zwar ist die Erfahrung der einheimischen Bevölkerung groß«, schrieb er, »aber die Bewässerung ist unwirtschaftlich organisiert: Es gibt keine Intensivwirtschaften, sondern nur eine kolossale Verschwendung von Wasser und physischer Arbeitskraft.«9 Das Pathos und die Emphase, die die europäischen Eroberer ausgerechnet auf die künstliche Bewässerung als Herrschaftsinstrument legten, waren weder überraschend noch innovativ. Denn damit verbunden war die Produktionssteigerung des begehrten Rohstoffs Baumwolle – ein Ziel, das die revolutionären Bolschewiki mit ihren zaristischen Vorgängern teilten. Dennoch unterschieden sich die Mittel und Wege, wie sie dieses Ziel erreichen wollten, vor und nach 1917 ebenso markant voneinander wie die Ansichten und Absichten, die hinter dem machtpolitischen Interesse an der künstlichen Bewässerung standen.

In den alten Oasen Zentralasiens war jedes Dorf ein Kosmos für sich und lebte nach seinen eigenen Regeln. Der Schriftsteller Sadriddin Ajni, geboren 1878, verbrachte seine Kindheit in zwei Dörfern, die beide wenige Dutzend Kilometer entfernt von der Stadt Buchara lagen. Zehn Jahre vor Ajnis Geburt war das Emirat von Buchara von russischen Truppen erobert und zum Protektorat des Zarenreichs erklärt worden. Doch Saktar, das Dorf seines Vaters, blieb von der großen Politik äußerlich unberührt. Es lag unweit des Flusses Serafschan, der die Oasen zwischen Samarkand und Buchara mit Wasser versorgte. Ein Kanal, der durch das Dorf führte, sorgte »für einen Überfluss an Wasser«, wie Ajni sich erinnerte, und bot der Bevölkerung die Möglichkeit, »Obsthaine, Weinberge und Gemüsegärten anzulegen, wo alles reichhaltig wuchs, angefangen bei verschiedenartigen Früchten und Obstsorten bis hin zum wasserliebenden Reis«. Zur Moschee gehörten eine Elementarschule und eine kleine Medrese, »nirgends im ganzen Bezirk gab es so viele schriftkundige und gebildete Leute wie in Saktar«.

Ganz anders war das Dorf seiner Mutter: In Machallai Bala »reichte das Wasser nie«. Das Dorf bestand aus »armseligen Lehmhäusern«, und an den wenigen Obstbäumen wuchsen nur »saure Äpfel«. Weil nicht genügend Wasser zur Verfügung stand, baute die Bevölkerung Trockenkulturen wie Weizen, Gerste, Hirse und Bohnen an. »Baumwolle wuchs so schlecht, dass man von den grauen Sträuchern nur eine oder zwei Kapseln ernten konnte.« Niemand in Machallai Bala lebte von der Landwirtschaft allein. »Einige hüteten die Herden der Reichen, andere verdingten sich bei ihnen, und wieder andere sammelten Brennstoff. Im Winter waren fast alle mit der Reinigung der Rohbaumwolle beschäftigt, die sie von Kaufleuten erhielten. Mit dieser Arbeit verdienten sie sich ein paar Groschen dazu.«10

Die Bolschewiki, denen sich auch Sadriddin Ajni in den 1920er Jahren anschließen sollte, wollten bedrückende Verhältnisse wie die in Machallai Bela verändern. Für ihre revolutionäre Staatsbildung eignete sich die künstliche Bewässerung als ideales Einfallstor in die heterogenen und partikularen Oasengesellschaften Zentralasiens: Die Umverteilung von Wasser- und Landrechten bot die Möglichkeit, in den Oasen die soziale Revolution auszulösen, mit der die Bolschewiki die Welt verändern wollten. Insbesondere mussten die Bewässerungssysteme aber instand gesetzt werden, wenn man an die boomende Baumwollerzeugung der Vorkriegsjahre anknüpfen wollte, als Russland der...

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Cover1
Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts2
Impressum4
Titelseite3
Inhaltsverzeichnis5
1 Rotes Land, Weißes Gold – Künstliche Bewässerung, Baumwollwirtschaft und der sowjetische Staat7
2 Koloniale Revolutionen – Zentralasien zwischen Zaren und Sowjets, 1885–192221
Land der Wüsten und Oasen: Ein wirtschaftsgeografischer Überblick23
Amerikanische Träume: Der Baumwollboom in Turkestan, 1885–191428
In der Hungersteppe: Erste Experimente im Wasserbau35
Kolonisierung: Russische Siedler in Turkestan36
Kriege und Revolutionen, 1914–192041
Safarows »wilde« Landreformen, 1921–192246
3 Grenzen ziehen, Wasser teilen – Moskau und die indigenen Eliten, 1923–192951
»Dekolonisierung der Kolonie«: Ein politisches Programm53
Die Schaffung der zentralasiatischen Sowjetrepubliken, 1924–192556
Grenzkonflikte, Wasserkonflikte60
Revolution ohne soziale Basis: Die Landreformen in Usbekistan68
Zwischen Intrige und Ideologie: Die »Parteisäuberungen«, 1928–192976
4 Fußvolk mit Eigensinn – Ingenieure und Bolschwiki, 1923–192983
Im Wandel: Wahrnehmungen der »traditionellen« Bewässerung84
Vor Ort: Arbeit und Alltag der russischen Ingenieure89
Ein Revolutionär als Bürokrat: Michail Rykunow und die Zentralasiatische Wasserbehörde94
Scheitern im Wasserbau: Das Fiasko am Usboj101
Politik der Zerstörung: »Rationalisierung« und ein Schauprozess gegen »bourgeoise Spezialisten«106
5 Eine Zeit der Wirren – Forcierter Baumwollanbau und Kollektivierung, 1929–1932113
Von der Getreidekrise zur Kollektivierung, 1928–1929115
Stalins »Baumwolloffensive«, 1929120
Widersprüchliche Befehle: Kollektivierung in Usbekistan, 1930126
Despotismus und Gewalt in der Baumwollzone, 1931–1932134
6 Utopie im Ausnahmezustand – Ein Großbau in Tadschikistan, 1930–1937141
Baumwollgarten in der Wüste: Das Wachsch-Tal und die sowjetische Staatswerdung143
Chaotische Anfänge: Mangel, Flucht, Gewalt146
Strategien in der Krise: Die Macht der stalinistischen Direktoren150
Zwischen Erfolg und Vernichtung: Ein »alter« Ingenieur in einer »neuen« Welt155
Feindliche Natur: Die Folgen technischer Fehlplanung161
Landschaft der Unordnung: Terror, Deportationen und ein fragiler Staat, 1934–1937164
7 Planerfüllung ohne Plan – Baumwollwirtschaft und Staatsterror, 1933–1937172
Medien der Macht: Statistik und Ressourcenallokation175
Institutionen der Gewalt: Politische Abteilungen, Beschaffungskampagnen, Trojkas182
Wirkungen der Willkür: »Traditionalismus« und »Rückständigkeit«190
Improvisieren statt Planen: Deichbau am Amudaria, 1937194
Der Staat als Spektakel: »Großer Terror« in Usbekistan und der Moskauer Schauprozess, 1937–1938203
8 Kriegslandschaften – »Volksbaustellen« und der Zweite Weltkrieg, 1937–1950210
Massenmobilisierung: Usman Jusupow und der Große Ferghanakanal, 1937–1939213
Die Grenzen des Mobilisierungsregimes, 1939–1941219
Krieg an der Heimatfront: Usbekistan in der Krise, 1941–1943223
Keine Wende, keine Flexibilität: Baumwolle, Terror und Hunger, 1943–1945230
Bleierne Jahre: Die Nachkriegszeit, 1945–1950236
9 Macht der Unordnung – Ein Resümee239
Anhang256
Begriffe, Namen, Archive257
Glossar261
Quellen und Literatur262
Quelleneditionen, zeitgenössische Publizistik, Selbstzeugnisse264
Sekundärliteratur268
Namens- und Ortsregister282
Dank285
Zum Autor286

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