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Märkte als soziale Strukturen

AutorJens Beckert
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl335 Seiten
ISBN9783593413150
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,99 EUR

Märkte sind die bedeutendste Institution zur Steuerung kapitalistischer Ökonomien. Die Wirtschaftssoziologie untersucht das Markthandeln unter dem Aspekt der sozialen, kulturellen und politischen Einbettung der Akteure. Dieser Band versammelt erstmalig in deutscher Sprache Beiträge zur soziologischen Forschung über Märkte, unter anderem von international führenden Autoren wie Oliver Godechot, Akos Rona-Tas, Donald MacKenzie, Robert Salais, Richard Swedberg und Harrison C. White.

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Leseprobe
Die Wirtschaftssoziologie hatte in Deutschland einen ihrer wichtigsten Entstehungsorte.
Nachdem sie in der Nachkriegszeit an Bedeutung verloren hatte,
rückt sie seit den neunziger Jahren wieder in das Zentrum soziologischer Forschung.
Betrachtet man die im vorliegenden Band versammelten Beiträge, so
zeigt sich darin der Aufschwung der Wirtschaftssoziologie auch in Deutschland.
Aus Sicht der Wirtschaftssoziologie wie auch der internationalen Gemeinschaft
der Sozialwissenschaftler ist dies eine begrüßenswerte Entwicklung.
Wie könnte man einen solchen Prozess besser in Gang bringen als mit
einem Band über die Soziologie der Märkte? Die Wirtschaftssoziologie entstand
wie die moderne Ökonomie aus dem Versuch heraus, zu verstehen, was der
Gesellschaft im 19. Jahrhundert widerfuhr, als die Marktwirtschaft mit großer
Heftigkeit einsetzte. Dies gilt für die Arbeiten von Karl Marx (den einige als den
Begründer der Wirtschaftssoziologie ansehen) und Max Weber (der den Begriff
Wirtschaftssoziologie einführte und als Erster ein systematisches Vorgehen für
diesen Ansatz vorlegte) gleichermaßen.
Die Beiträge von Marx und Weber zur Analyse des Marktes sind weiterhin
Grundlagenwerke von ungebrochener Aktualität. Jedoch ist viel passiert seit
ihrer
Entstehung, nicht zuletzt in der wirtschaftssoziologischen Betrachtung
von Märkten. Den wohl wichtigsten Beitrag in der Zeit zwischen den Weltkriegen
leistete Joseph Schumpeter, der eine Theorie zur Rolle des Unternehmers in
der Marktwirtschaft aufstellte. Formal ist diese Theorie der von Schumpeter
selbst so genannten Wirtschaftstheorie zuzuordnen, doch steht sein Ansatz der
Unternehmeranalyse in vielerlei Hinsicht der Soziologie mit ihrem Interesse an
Normen und sozialen Strukturen nahe. Ebenso bezeichnet Schumpeter die Wirtschaftssoziologie
explizit als einen wichtigen Teil des weiten Feldes der Ökonomik
oder - wie er sie lieber nennt - Sozialökonomik.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lieferte Karl Polanyi den Hauptbeitrag
zur Soziologie der Märkte. In The Great Transformation (1957 [1944]) skizziert er
das zerstörerische Potenzial des Marktes und legt darüber hinaus nahe, dass eine
gut funktionierende Marktwirtschaft in die gesamte Gesellschaft eingebettet
sein und sich unter politischer Kontrolle befinden muss. In anderen Schriften
stellt Polanyi neue theoretische Instrumente für Wirtschaftssoziologen vor. Er
weist darauf hin, dass neben der auf Tausch basierenden Marktwirtschaft auch
andere, auf Reziprozität und Umverteilung basierende Wirtschaftsformen möglich
sind. Ebenso verdeutlicht Polanyi, dass alle diese drei Arten wirtschaftlicher Betätigung
Bestandteile der modernen Wirtschaft sind. Während im Unternehmenssektor
beispielsweise der Tausch vorherrscht, ist das Wirtschaften der privaten
Haushalte von Reziprozität geprägt und das des öffentlichen Sektors von
Umverteilung.
Dies bringt uns in die Gegenwart und zu jener Entwicklung, die Mitte der
achtziger Jahre als »neue Wirtschaftssoziologie« ihren Anfang nahm: Vertreter
der neuen Wirtschaftssoziologie begannen, sich dem Phänomen Markt von
verschiedenen
Seiten zu nähern, insbesondere mittels der Netzwerktheorie, der
Organisationssoziologie
und der Kultursoziologie. So kann man etwa die Interaktionsstruktur
von Märkten mithilfe der Netzwerktheorie beschreiben. Auch
kann man einen Markt als Organisationsform ansehen, darüber hinaus sind
die Akteure auf einem Markt oft selbst Organisationen. Und schließlich setzt
Marktverhalten in vielerlei Hinsicht Kulturverständnis voraus und greift darauf
zurück.
Einige der prominentesten Vertreter der aktuellen wirtschaftssoziologisch
geprägten Marktanalyse haben zum vorliegenden Band beigetragen. Die Einführung
zu den einzelnen Kapiteln möchte ich jedoch den Herausgebern überlassen
und stattdessen auf den nächsten Seiten das Phänomen Markt in einer
allgemeineren Form erörtern. Das ist notwendig, weil trotz all der wichtigen
Beiträge, die zum besseren Verständnis des Marktes bereits geleistet worden
sind, immer noch einiges unklar ist. Dies wird deutlich, wenn man die Fragen
stellt: »Was genau ist ein Markt?« und »Was genau macht ein Markt?«.
Um diese Fragen beantworten zu können, muss man verstanden haben, was
mit dem Begriff Markt eigentlich gemeint ist. Wie wir gleich sehen werden, wird
dieses Verständnis dadurch erschwert, dass der Begriff historisch zwei unterschiedliche
Bedeutungen hat. Hinzu kommt, dass er im Lauf der vergangenen
Jahrzehnte politisch aufgeladen worden ist.
Beginnen wir mit den beiden Bedeutungen. Der Begriff »Markt« bezeichnet
zunächst einmal ein Gebiet, auf dem Tausch stattfindet. Er wird aber ebenso als sozialer
Mechanismus für wirtschaftliches Wachstum verstanden, oder, wie die Ökonomen
es ausdrücken, als Mechanismus zur effizienten Ressourcenallokation. Diese
beiden Bedeutungsgruppen sind offensichtlich sehr verschieden. Während die
eine betont, was hauptsächlich quasi innerhalb des Marktes passiert, hebt die an
dere hervor, was vor allem außerhalb des Marktes geschieht, oder, genauer gesagt,
wie der Markt in den Wirtschaftsprozess eingebunden ist.
Da der Begriff »Markt« auch im öffentlichen und politischen Diskurs so
wichtig geworden ist, plädiere ich dafür, bei der Diskussion seiner Bedeutung
zunächst seine ideologische Verwendung zu betrachten. Auf den ersten Blick
erkennbar, enthalten die meisten modernen politischen Weltbilder, vom rechten
bis zum linken Spektrum, Bezüge zum Markt. Libertäre vertreten eine Meinung,
Kommunisten eine andere und so weiter.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Danksagung10
Vorwort12
Einleitung Neue Perspektiven für die Marktsoziologie20
Teil I Koordination, Unsicherheit und Vertrauen in Märkten42
Die soziale Ordnung von Märkten44
1 Die soziale Ordnung von Märkten46
2 Wert, Wettbewerb und Kooperation als zentrale Koordinationsprobleme53
3 Die Dynamik von Märkten59
4 Schluss62
Doppelte Kontingenz und wirtschaftliches Handeln64
1 Was heißt »wirtschaftliches Handeln«?65
2 Tausch66
3 Was heißt doppelte Kontingenz?70
4 Spieltheorie72
5 Parsons74
6 Luhmann75
7 Schluss77
Unsicherheit und soziale Einbettung: Konzeptionelle Probleme der Wirtschaftssoziologie80
1 Fragestellung80
2 Vier Ansätze wirtschaftssoziologischer Kritik der Neoklassik82
3 Weiterführende Überlegungen89
4 Zusammenfassung94
Die »Ökonomie der Konventionen«: Eine Einführung mit Anwendung auf die Arbeitswelt96
1 Koordination und Konvention97
2 Eine Entwicklung: Arbeit als wirtschaftliches Handeln102
3 Auf der Suche nach den konventionellen Grundlagen von Institutionen106
4 Schlussfolgerung112
Postkommunistische Verbraucherkreditmärkte: Drei Modalitäten der Rationalität und ihre Widersprüche114
1 Drei Modalitäten der Rationalität114
2 Datenbeschreibung118
3 Die Rationalisierung von Bonitätsprüfungen119
4 Prozessrationalisierung: Die Schaffung eines Credit-Scoring-Systems119
5 Ergebnisrationalisierung: Der Zwang zur Erhöhung von Gewinnen und Marktanteilen123
6 Materiale versus formale Rationalität125
7 Hermeneutische versus formale Rationalität130
8 Schlussfolgerung133
Teil II Mechanismen der Preis- und Wertkonstruktion134
Die materiale Soziologie der Arbitrage136
1 Arbitrage137
2 Die Materialität der Arbitrage139
3 Die Sozialität der Arbitrage142
4 Arbitrage und Performativität147
5 Fazit148
Rechnende Organisation: Zur Anthropologie des Risikomanagements152
1 Darstellung und Konstitution ökonomischer Objekte152
2 Kontext und Infrastruktur des Risikomanagements156
3 Undoing calculation162
4 Ausblick: Das formale Drama des ökonomischen Rechnens165
Ästhetisierung, Unsicherheit und die Entwicklung von Märkten168
1 Einleitung168
2 Unsicherheiten beim Kauf von Erfahrungsgütern169
3 Die Ästhetisierung des Alltagslebens und die Logik ästhetischer Urteile171
4 Ästhetische Urteile und Marktverhalten: Theoretische Konsequenzen179
5 Forschungshypothesen181
»Marken machen Märkte«: Eine funktionale Analyse des Zusammenhangs von Märkten und Marken184
1 Marktsoziologie als Wissenssoziologie184
2 Die Komplexität der Märkte und die Marke als Kompass186
3 Die Marke als vertrauensbildende Maßnahme188
4 »Google has terrific momentum«: Zur Mobilisierung von Märkten und Marken190
5 Zusammenfassung195
Teil III Marktstrukturen und -dynamiken196
Märkte als soziale Formationen198
1 Einleitung198
2 Produktionsmärkte und Signalisierung199
3 Upstream und Downstream in Produktionsmärkten200
4 Marktprofile und Kostenfunktionen204
5 Die Ebene der Märkte207
6 Marketing und staatliche Regulierung: Ein Ausblick212
7 Diskussion215
Technologieentwicklung und Marktkonstitution218
1 Zur wechselseitigen Konstitution von Technologien und Märkten: Eine Einleitung218
2 Grundzüge einer praxistheoretischen Perspektive auf Märkte220
3 Technologieentwicklung und Marktkonstitution am Beispiel der nächsten Generation von Lithografiesystemen227
4 Fazit: Technologieentwicklung und Marktkonstitution zwischen Emergenz und Kreation233
Märkte und Schutzrechte236
1 Vorbemerkungen236
2 Rechtsstaatliche und ökonomische Rahmenbedingungen237
3 Denkmodell »Investitionsschutz238
4 Ausgestaltung des Investitionsschutzes und geltendes Recht243
5 Erkenntnisse250
Teil IV Tausch und Habitus in ökonomischen Feldern252
Habitusformierung und Theorieeffekte: Zur sozialen Konstruktion von Märkten254
1 Einleitung254
2 Formierung des ökonomischen Habitus257
3 Beruflicher ökonomischer Habitus259
4 Das Ethos des ökonomischen Habitus261
5 Zusammenwirken von Theorieeffekt und Habitusformierung262
6 Performativität264
7 Resümee266
Der Finanzsektor als Feld des Kampfes um die Aneignung von Gewinnen268
1 Die Aneignungsweisen von Gewinnen272
2 Formen von Assets und Macht276
Kaufen, Verkaufen, Schenken: Die Simultanität von Tauschpraktiken282
1 Die Macht des Geldes und die Marginalisierung des Tausches282
2 Der Tausch als marktstrukturierende Praxisform286
3 Konsequenzen für eine Soziologie des Marktes291
Literatur297
Autoren321
Register323

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