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Noch einmal meine Mutter sehen

Vom eigenen Vater in die Sklaverei verkauft

AutorZana Muhsen
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl290 Seiten
ISBN9783732551774
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Mit fünfzehn Jahren reist Zana in den Jemen. Sie verlässt zum ersten Mal ihr Geburtsland England, um die Heimat ihres Vaters kennenzulernen. Voller Vorfreude erwartet das junge Mädchen den Urlaub bei ihren Verwandten. Doch die geplanten sechs Wochen werden zu einem achtjährigen Albtraum: Kurz nach ihrer Ankunft werden Zana und ihre Schwester Nadja mit der grausamen Tatsache konfrontiert, dass ihr eigener Vater sie für ein paar hundert Pfund verkauft und gegen ihren Willen verheiratet hat ...

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Leseprobe

Kindheit und Jugend in Birmingham


Ich muss ungefähr sieben gewesen sein. Ich hatte mit meiner Schwester Nadja Streit und weiß noch, dass ich sie geschlagen habe und dass sie geweint hat. Meine Mutter lief mir nach, und ich rannte durch die Haustür auf die Lincoln Street, in der wir wohnten. Halb fürchtete ich mich vor dem, was mir blühen würde, wenn Mum mich zu fassen bekäme, halb musste ich aber auch lachen.

Neben dem Gehweg war ein Lieferwagen geparkt, und um den herum sprang ich auf die Straße. Von dem, was danach geschah, weiß ich nur noch, dass ich von einem vorbeifahrenden Auto in die Luft geschleudert wurde, dass ich eine Ewigkeit flog und dann mit den Knien und dem Kopf auf dem Pflaster aufschlug. Danach ging alles durcheinander, und Leute schrien und trugen mich zur Seite.

Ich weiß noch, dass ein Krankenwagen gekommen ist und mich ins Krankenhaus gebracht hat. Die Wunde am Kopf musste vernäht werden, und die Narben auf den Knien sieht man heute noch. Das ist meine erste deutliche Erinnerung.

Von meinem Leben vor diesem Tag weiß ich nichts mehr, ganz genau aber weiß ich, dass ich niemals unglücklich gewesen bin. Das Leben in meiner Familie war schön.

In der Lincoln Street wohnten viele von unserer Familie. Es war das Haus meiner Großmutter, und wir waren alle aus Sparkbrook, wo ich geboren wurde, zu ihr gezogen. Außer meinem Dad und meiner Mum wohnten noch vier ihrer Brüder mit uns zusammen, meine Onkel. Diese Onkel waren nicht viel älter als ich, sie waren wie Brüder. Mum kümmerte sich zu der Zeit um sie. Da sie das älteste von Großmutters dreizehn Kindern war, führte sie, als Großmutter älter wurde, den Haushalt, kümmerte sich um die Brüder, die nicht ausgezogen waren, und gleichzeitig um ihre eigenen Kinder.

Mum und Dad hatten vor mir schon zwei Kinder, Leilah und Ahmed, doch die hatte mein Dad, als ich erst zwei Jahre alt war, zu seiner Familie nach Aden mitgenommen. Zu Mum hat er damals gesagt, dass sie nur zu Besuch mitfahren würden, sie waren drei und vier Jahre alt, aber dann kamen sie nicht wieder. Später fand ich heraus, wie verzweifelt meine Mum darüber war, dass sie sie verloren hatte, doch zu der Zeit wusste ich davon nichts. Mum sprach nie viel über das, was sie beschäftigte, und wir kamen nicht auf die Idee, zu fragen, warum sie fortgegangen waren und nun woanders wohnten.

Als Dad sie zu seiner Familie nach Aden mitnahm, war er anscheinend neun Monate fortgeblieben und hatte Mum kein einziges Mal geschrieben. Als er ohne Leilah und Ahmed zurückkehrte, konnte Mum gar nicht fassen, was geschehen war. Er sagte ihr, dass es das Beste für die Kinder sei, in Aden zu bleiben, sie würden bei ihren Großeltern ein besseres Leben haben als das, das er und Mum ihnen in England bieten konnten.

»Mein Vater hat in dem Dorf Marais ein großes, schönes Haus«, machte er ihr weis. »Die Kinder wollten dort bleiben.«

»Aber das konnten sie doch gar nicht beurteilen«, widersprach Mum. »Sie sind doch noch so klein.«

Sie schrieb ans Außenministerium und ans Innenministerium, doch von dort bekam sie nur zur Antwort, dass Leilah und Ahmed eine doppelte Staatsbürgerschaft hätten, die britische durch ihre Mutter und die jemenitische durch ihren Vater, und dass man sie nun als jemenitische Staatsbürger betrachtete. Zwei Jahre lang schrieb sie an verschiedene Leute, aber niemand wollte ihr helfen, und dann wurde sie wieder schwanger und musste ihr Leben in England weiterführen. Sie redete sich ein, dass Leilah und Ahmed es da unten bei ihrem Großvater wirklich besser hätten, und es wurde, als wir heranwuchsen, nur selten über sie gesprochen.

Nadja und ich hatten noch zwei jüngere Schwestern, Ashia und Tina, und einen kleinen Bruder, der Mo hieß. Und alle wohnten wir in der Lincoln Street.

An dem Tag des Unfalls war ich zur Haustür hinausgelaufen, dabei hatten wir an der Rückseite des Hauses sogar einen ziemlich großen Garten, in dem wir Tauben hielten. Es waren immer viele Leute da, meist Verwandte von Mum. Von Dads Verwandten lebte niemand in England, deshalb erfuhren wir nicht viel über seine Familie oder seine Vergangenheit, abgesehen von dem, was er uns selbst erzählte. Er arbeitete damals bei British Steel und hatte andere kleine Jobs nebenbei, um etwas mehr zu verdienen. Mum musste das Haushaltsgeld wohl sehr genau einteilen, um so viele Kinder zu ernähren, aber ich kann mich trotzdem nicht daran erinnern, dass es mir je an etwas gefehlt hätte. Als Großmutter gestorben war, zogen alle nacheinander aus der Lincoln Street aus. Meine Onkel gingen zuerst fort, und danach zogen Mum, Dad und wir Kinder für eine Zeit lang nach Washwood Heath. Irgendwann später muss Dad beschlossen haben, dass er sein Leben ändern wollte.

Als wir nach Sparkbrook zogen, war ich glücklich. Ich war ungefähr zehn, und mir gefiel die Gegend gleich, als ich sie zum ersten Mal sah. Mein Dad hatte unser Haus mit einem seiner türkischen Freunde gegen einen Fish and Chip Shop in der Stratford Road getauscht, und wir sollten alle über dem Café wohnen. Es war eine ganz gewöhnliche Wohn- und Geschäftsstraße, aber sie wirkte freundlich, und ich fühlte mich dort sofort sehr wohl. Ich wollte immer da bleiben.

Wir kamen schon vor dem großen Möbelwagen hin, und Mum sagte mir, dass das das Stadtviertel sei, in dem Nadja und ich geboren worden waren. Nachdem wir unsere Sachen hineingebracht hatten, fingen wir an, im Café sauber zu machen und die Böden zu wischen, damit wir öffnen konnten. Nadja und ich halfen Mum immer gern bei der Arbeit. Dad machte noch ein paar Umbauten im Laden und eröffnete ihn dann eine Woche später.

Als wir Mädchen klein waren, schenkte Dad uns wenig Beachtung. Er war den ganzen Tag über bei der Arbeit, und wenn er abends nach Hause kam, war er gewöhnlich mit Freunden zusammen und sprach arabisch. Erst als wir in die Secondary School kamen, fing er an, sich anders als alle anderen Väter zu benehmen. Seiner Meinung nach wurden wir allmählich erwachsene Frauen, und er war überzeugt davon, dass wir gefährlichen Versuchungen ausgesetzt waren. Von da an war er sehr streng zu uns.

Als Nadja und ich zwölf oder dreizehn Jahre alt waren, ließ er uns nicht mehr aus den Augen. Jedes Mal, wenn ich aus dem Haus gehen wollte, musste ich mir seinetwegen Geschichten ausdenken. Ich erzählte ihm, dass ich bei meinem Onkel auf das Baby aufpassen würde, wenn ich eine Freundin zu Hause besuchen oder zu einer Party oder in die Disco gehen wollte. Bei unserem Café gleich um die Ecke gab es ein Family Association Centre, eine Art Klubhaus, in dem jede Woche Discos stattfanden. Dort ging ich sehr gern mit meinen Freundinnen hin. Wenn mein Onkel Dad sah, hielt er immer zu mir und sagte, dass ich bei ihm zu Hause sei. Mum wusste auch, wo wir waren, aber sie verriet uns nicht.

Er war dagegen, dass wir Röcke trugen und die Beine zeigten, selbst wenn die Röcke knielang waren. Er hatte etwas gegen die Leute, mit denen ich zusammen war. Und wegen der Männer, die sich nach seiner Meinung nach Einbruch der Dunkelheit auf den Straßen herumtrieben, mochte er auch Sparkbrook nicht. Schwarze hasste er am meisten. Seine arabischen Freunde hatten alle die gleichen Ansichten. In den Klub kamen viele schwarze Jungen, und er wusste, dass ich mit ihnen befreundet war. Er hasste sogar die Musik, die ich hörte, Reggae und Soul, weil sie hauptsächlich von Schwarzen gemacht wurde. Ich fragte Mum immer wieder: »Was hat er denn gegen Schwarze?« Sie antwortete jedes Mal: »Ich weiß es nicht, frag ihn doch«, aber ich hatte nie den Mut, solche Fragen zu stellen. Er sagte immer, dass die Schwarzen dort, wo er herkam, Sklaven seien und dass das auch so sein müsste.

Ich war damals zu jung, um etwas von der Geschichte der Schwarzen zu wissen. Erst später lernte ich, wie viel die Äthiopier beim Aufbau Ägyptens und der anderen arabischen Länder geleistet hatten und dass die Araber ursprünglich aus Afrika kamen. Ich konnte nie begreifen, warum er solche Ansichten hatte, weil ich zwischen Angehörigen der verschiedensten Rassen aufwuchs und sie niemals als Fremde betrachtete. Ich hatte alle Kinder gern, die wie ich in die St. Albans Schule der Church of England gingen – ich hatte immer viel Spaß mit allen meinen Freunden, ganz gleich, welche Hautfarbe sie hatten. Wenn ich mit den Jungs und Männern redete, die als Kunden ins Café kamen, hatte Dad nichts dagegen, wenn ich aber draußen mit einem Mann sprach, egal ob er schwarz oder weiß war, fragte er mich aus, wer das sei, auch wenn er ihn kannte, und drohte mir, mich nicht noch einmal von ihm erwischen zu lassen. Nadja hatte genau die gleichen Probleme mit ihm.

Manchmal war er schlecht gelaunt, und es gab Zeiten, zum Beispiel wenn er mich nicht einmal um die Ecke zu meinem Onkel gehen lassen wollte, in denen ich ihn wirklich hasste. Meine Freundinnen durften anscheinend jeden Abend weggehen. Ihre Väter verlangten zwar, dass sie zu einer festgesetzten Zeit wieder zu Hause sein mussten, aber sie durften wenigstens raus. Wenn ich aus der Schule gekommen war, durfte ich das Haus nicht wieder verlassen, es sei denn, ich erfand irgendeine Geschichte, die ihn überzeugte. Ich ließ mir aber mein Leben nicht von ihm zerstören. Als ich fünfzehn war, schlich ich mich einfach fort, ganz egal, was er sagte, und überließ es meiner Mum zu erklären, wo ich war. Ich wusste, dass ich, wenn ich wieder nach Hause kam, eine Ohrfeige kriegen oder abgekanzelt werden würde, aber das war mir die Freiheit wert. Er schlug nie fest zu, meistens schimpfte er mich nur aus. Wenn ich nach Hause kam, ging ich immer möglichst gleich in mein Zimmer, ohne mit ihm zu sprechen. Weil er uns nicht traute, spionierte er uns manchmal nach und...

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