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Rauschtrinken bei Kindern und Jugendlichen und evidenzbasierte Alkoholkontrollpolitik

Über die hohe Bedeutung der Verhältnisprävention

AutorJürgen Schlieckau
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl343 Seiten
ISBN9783640784202
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis31,99 EUR
Fachbuch aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Soziologie - Kinder und Jugend, , Sprache: Deutsch, Abstract: Das allgemeine Desinteresse an der Problematik des Alkoholmissbrauchs steht in einem eigentümlichen Missverhältnis zur hohen gesellschaftlichen Schadensbilanz durch Alkohol. 'Kein anderes Konsumgut, nicht einmal Tabak, hat so viele negative Auswirkungen auf den Körper' (Babor et al. 2005, Alkohol - Kein gewöhnliches Konsumgut,35). Alkoholkonsum ist schon in der mittleren Adoleszenz weit verbreitet. Das Phänomen des frühen kindlichen und jugendlichen Rauschtrinkens kann nicht getrennt von den aktuellen Rahmenbedingungen der Gesellschaft betrachtet werden. Es gibt enge Zusammenhänge zwischen dem Rauschtrinken von Jugendlichen und Erwachsenen, der Haltung der Bürgerinnen und Bürger zum Alkoholkonsum, der praktizierten Alkoholkontrollpolitik und der zunehmenden Ökonomisierung aller Bereiche der Gesellschaft. 'Der Unterschied zwischen guter und schlechter Alkoholpolitik ist nicht abstrakt, sondern oft eine Frage von Leben oder Tod' (Babor et al. 2005,277). Die meisten Schäden durch Alkohol könnten vermieden werden, wenn es gelänge, den durchschnittlichen Pro-Kopf-Konsum, zu senken. Dazu sind verhältnispräventive Strategien erforderlich. Neben der Höhe des Gesamtalkoholkonsums sind die Trinkkonsummuster für alkoholassoziierte gesundheitliche und soziale Probleme bedeutsam (ebd., 66 und 100). Exzessiver Alkoholkonsum und Rauschtrinken sind besonders problematisch. Das Buch bietet als Nachschlagewerk eine immense Fülle an aktuellen Informationen. Der Anhang ist wesentlich umfangreicher als der Textteil gehalten. Er soll dem wissenschaftlich interessierten Leser helfen, weitere Recherchen zu betreiben und über die Verzeichnisse der aktuellen Fachliteratur, Fachzeitschriften und Internetadressen Informationen schneller zu finden. Ziel ist die Förderung eines tieferen Verständnisses für die Alkoholpolitik in Deutschland und die Förderung einer neuen 'Kultur des Hinschauens'. Zielgruppen sind Politiker/innen, Praktiker/innen in Schule, Jugendhilfe, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Suchthilfe und Medizin und interessierte Bürger/innen. Jürgen Schlieckau ist Diplom-Pädagoge, Sozialtherapeut und Pädagogischer Leiter in der Dietrich Bonhoeffer Klinik, Fachkrankenhaus für abhängigkeitskranke Jugendliche und junge Erwachsene in Ahlhorn. Er ist Autor und Co-Autor einer Reihe von Fachbeiträgen zu Fragen der Erziehung und Kommunikation, der Prävention, des Alkohol- und Drogenmissbrauchs bei Kindern und Jugendlichen und der Behandlung von jungen Abhängigkeitskranken.

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Leseprobe

2. Epidemiologie des Alkoholmissbrauchs bei Kindern und Jugendlichen


 

Zwar geht der Alkoholkonsum in Deutschland allgemein langsam zurück (seit den 70er Jah-ren ca. 1 Liter pro Kopf pro Jahrzehnt). Tranken die Deutschen in den 70er Jahren noch ca. 14 Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr, so lag der Pro-Kopf-Jahresverbrauch 2008 bei 9,9 Litern reinen Alkohol und damit doppelt so hoch wie im Weltdurchschnitt (DHS 2009a, vgl. WHO 2006). Deutschland zählt immer noch zur Weltspitze beim Alkoholverbrauch (vgl. Ba-bor et al. 2005; Abb. 1: 5. Platz weltweit; bzw. Eurobarometer 2010: 3. Platz in Europa bei der 12-Monats-Prävalenz). Der Pro-Kopf-Konsum ist ein verläßlicher Indikator für die aus dem Konsum alkoholischer Getränke resultierenden gesundheitlichen, sozialen und volks-wirtschaftlichen Schäden (DHS 1997). Fast 10 Millionen Deutsche trinken Alkohol in gesund-heitlich riskanter Form. Deutsche Jugendliche trinken häufiger und mehr Alkohol als Jugend-liche in anderen europäischen Ländern (ESPAD 2007). Alkohol ist die am Weitesten verbrei-tete psychoaktive Substanz. In der Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesund-heitliche Aufklärung (BzgA) gaben im Jahr 2008 rund drei Viertel (75,8%) der 12- bis 17-Jäh-rigen an, schon einmal Alkohol getrunken zu haben (BZgA: DAS, 2008, 4). Die Belastung in der Bevölkerung durch vermeidbare(!) Krankheitsfolgen liegt bei Alkohol ähnlich hoch, wie bei Tabak. „Episodischer exzessiver Alkoholkonsum im Kindes- und Jugendalter … stellt in Deutschland ein relevantes gesundheitliches Problem dar und geht mit vielfältigen Risiken einher“ (Stolle et al. 2009, 323). Neuen internationalen Forschungsergebnissen zufolge be-trinken sich in westlichen Ländern weniger Jungendliche als in Osteuropa (Kuntsche et al. 2010). Suchtmittelkonsum hat viel mit uns selbst zu tun. Es zeichnet sich ab, dass das mode-rate Trinken von Alkohol an Bedeutung verloren hat. Aber die signifikante Zunahme (p <0,5) des exzessiven Rauschtrinkens bei einer Minderheit von Kindern und Jugendlichen und die Verdoppelung der Fallzahlen behandlungsbedürftiger Jugendlicher mit akuten Alkoholver-giftungen seit 2000 bereiten den Ärzten und Suchtexperten zunehmend Sorgen (vgl. Stolle et al. 2009, 324). Die Bundesdrogenbeauftragte teilte in einer Pressemitteilung mit: „25.700 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren wurden 2008 stationär behandelt. Das entspricht einer Steigerung um 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ (Bundesdrogenbeauf-tragte, PM vom 15.12.2009). Der Trend zum Rauschtrinken setzt sich offenbar fort. Kran-kenkassen melden, dass die Zahl der alkoholbedingten Krankenhausaufenthalte 2009 im Ver-gleich zum Vorjahr erneut angestiegen war (vgl. Techniker Krankenkasse vom 12.05. 2010), gerade auch bei Gymnasisaten (DAK 2010). Über 80 Millionen Europäer ab 15 Jahren prakti-zierten Binge drinking mindestens einmal wöchentlich. 24% von ihnen, ca. 19 Millionen eu-ropäische „Binge drinker“, seien 15 bis 24 Jahre alt (Anderson 2007). Jugendliche und junge Erwachsene zeigen dieses Trinkkonsummuster von Alkohol demnach überproportional häu-fig. Nach den Daten der Drogenaffinitätsstudie 2008 ist davon auszugehen, dass etwa 8,2% der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren einen riskanten oder gefährlichen Alkohol-konsum aufweisen (BZgA 2008). Dennoch praktizieren Menschen aller Altersklassen (außer Kinder unter 11 Jahren), quer durch alle sozialen Schichten, Binge drinking.

 

Abbildung 1: Anteile der Alkoholabhängigen an der Gesamtbevölkerung und registrierter Pro-Kopf-Konsum in Litern reinen Alkohol nach WHO-Regionen

 

 

Anmerkung: Deutschland zählt zur WHO-Region Europa A. WHO-Regionen: vgl. Tabelle 2.

 

Quelle: Babor et al. 2005, 49f.

 

Gelegentlicher Alkoholkonsum verursacht jedoch insgesamt mehr alkoholassoziierte Proble-me, als der Hochkonsum von Alkohol (vgl. Fillmore et al. 2006). Dazu eine kurze Darstellung des Alkoholverbrauchs je Einwohner nach Alkoholsorten sowie der in aktuellen epidemiolo-gischen Studien ermittelten Prävalenzraten:

 

Abbildung 2: Trend des durchschnittlichen Verbrauchs an Bier, Wein, Schaumwein und Spirituosen je Einwohner in Deutschland 2001-2005 (in Litern)

 

 

* Weinwirtschaftsjahr 01.09.-31.08.; ** ab 2002 incl. Spirituosen-Mischgetränke umgerechnet auf durchschnittlich 33 Vol. %. Quelle: Jahrbuch Sucht 2007, 7 (modifiziert)

 

Es ist zu beachten, dass bei Befragungen Probanden zu geringe Konsummengen angeben und zu wenige Hochrisikokonsumenten erreicht werden.

 

Der regelmäßige Alkoholkonsum hat, ähnlich wie das Rauchen, erfreulicherweise zwischen 2002 und 2009 auch bei jüngeren Jugendlichen abgenommen, nachdem seit Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen war (HBSC 2002, zitiert nach Hüllinghorst 2004). Dennoch stagniert der Alkoholmissbrauch in Deutsch-land auf extrem hohem Niveau: Es wird zu viel und zu riskant Alkohol getrunken. Nach Lu-xemburg, Irland, Ungarn und Tschechien steht Deutschland beim Alkoholkonsum der über 15-Jährigen mit 9,9 Litern reinem Alkohol pro Kopf (2007, 2008) weltweit an 5. Stelle aller Staaten (DHS, Jahrbuch Sucht 2010). Nach der Eurobarometer-Studie steht Deutschland bei der 12-Monats-Prävalenz zusammen mit Österreich sogar an 3. Stelle hinter Irland und Rumänien (Eurobarometer 2010). Insgesamt sinkt der Bier- und Spirituosenkonsum leicht, während der Weinkonsum in den letzten 10 Jahren anstieg (Gaertner et al. 2010, 21).

 

Tabelle 1: Ergebnisse epidemiologischer Studien zum Alkoholkonsum Jugendlicher

 

 

Abbildung 3: Entwicklung des regelmäßigen Alkoholkonsums bei 13- und 15-Jährigen, mindestens einmal wöchentlich

 

 

Quellen: HBSC-Studien 2002 und 2006 (modifiziert)

 

Während die Prävalenzraten des wöchentlichen Alkoholkonsums bei Erwachsenen ab 25 Jahren weiter sinken, steigen sie seit 2005 bei den 12- bis 17-jährigen Jugendlichen ebenso wie bei den 18- bis 24-jährigen jungen Erwachsenen bei beiden Geschlechtern wieder an. Dieser Gesamtanstieg ist auf den vermehrten Konsum von Bier, bier- bzw. weinhaltigen Mischgetränken und von Spirituosen zurückzuführen, der besonders von männlichen Ju-gendlichen im Alter von 16 bis 17 Jahren betrieben wird. Bei Mädchen ist dieser Anstieg größer als bei Jungen (BzgA 2007). Die Alkoholwirtschaft berichtete von einem Absatzanstieg an Biermischgetränken von 17,7% in 2006, bzw. 18,2% in 2007 (Deutscher Brauer-Bund 2009).

Abbildung 4: Häufigkeit des wöchentlichen Alkoholkonsums bei den 12- bis 17-Jährigen im letzten Jahr, mind. einmal pro Woche, in Prozent

 

 

Quelle: BZgA 2007 (modifiziert)

 

Bei einer Minderheit dieser Kinder und Jugendlichen gab es einen besorgniserregenden An-stieg der Rate schwerer Alkoholintoxikationen. Der Trend zum Binge drinking als Trinkkon-summuster - das Institut für Therapieforschung spricht in seiner Studie von Rauschtrinken - nahm in den vergangenen zehn Jahren auch bei den jungen Erwachsenen kontinuierlich zu.

 

Abbildung 5: Trends der 30-Tage-Prävalenz des Rauschtrinkens bei 18- bis 24-Jährigen (mindestens einmal in den letzten 30 Tagen), fünf oder mehr Gläser Alkohol bei einer Trinkgelegenheit, 1995 bis 2006

 

 

Quelle: IFT 2006 (modifiziert)

 

Bei den männlichen und weiblichen Jugendlichen verlaufen die entsprechenden Trends der 30-Tage-Prävalenz des Rauschtrinkens in den BZgA-Studien von 2004, 2005, 2007 und 2008 jeweils unterhalb der Anteile von jungen Erwachsenen (IFT-Studie 2006; vgl. die Drogenaffi-nitätsstudie DAS 2008). Zu berücksichtigen sind dabei jedoch die den Studien jeweils zu-grundeliegenden, z. T. unterschiedlichen Definitionen von Binge drinking. Während 2004 und 2005 von der BZgA erfragt wurde, wie oft 5 oder mehr alkoholische Getränken hinter-einander getrunken wurden, wurde 2007 erhoben, wie oft dieselbe Menge an einem Tag konsumiert wurde.

 

Der Anteil der deutschen Jugendlichen, die in den letzten 30 Tagen mindestens einmal Binge drinking praktiziert haben, blieb im Zeitraum 2004 bis 2008 relativ konstant, wie die folgen-de Abbildung zeigt und liegt im internationalen Vergleich relativ hoch.

 

Abbildung 6: Trends der 30-Tage-Prävalenz des Binge drinking (Konsum mindestens einmal in letzten 30 Tagen) bei den 12- bis 17-Jährigen 2004, 2005, 2007 und 2008 in Prozent

 

 

Quelle: BzgA, DAS 2008, 5 (modifiziert)

 

In einer Studie der Krankenkasse DAK gaben 43 Prozent der Befragten im Alter von 12 bis 18 Jahren an, mindestens einmal im Monat mehrere alkoholische Getränke direkt hintereinan-der zu konsumieren. Allerdings waren nur 17 Schulen und 4116 Schüler in...

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