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'Refugees Welcome!'

Die Geschichte einer gelungenen Integration - So können Sie helfen - Ein Mutmach-Buch

AutorMathis Oberhof, Carsten Tergast
VerlagGoldmann
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783641189976
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
So wachsen wir zusammen...
Wandlitz - ein kleiner Ort in Brandenburg. 2013 wurde hier ein Flüchtlingsheim eröffnet. Was viele zunächst als Bedrohung empfanden, wird heute als Bereicherung gesehen. In Wandlitz sind aus Fremden Freunde geworden. Wie das funktioniert hat, davon erzählt Bürgerrechtler Mathis Oberhof in diesem Buch. Darüber hinaus gibt er nützliche und konkrete Tipps, wie ein gelungenes Miteinander zu gestalten ist und zeigt auf, wie man helfen kann, damit aus Willkommens-Kultur Integrations-Kultur wird.


Mathis Oberhof, geboren 1950, war von 2012 bis 2013 Koordinator des Runden Tisches Wandlitz, der die Willkommenskultur für Flüchtlinge organisierte. Für diese Arbeit wurde er mit verschiedenen Ehrungen ausgezeichnet, zuletzt mit der Ehrenmedaille des Landes Brandenburg. Der Vater von drei Söhnen lebt als Rentner mit seiner Frau in Wandlitz bei Berlin.

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Leseprobe

Prolog: Samirs Lächeln

Es ist ein schüchternes Lächeln, das sich auf Samirs Gesicht ausbreitet. Aber es ist ein Lächeln, und ich bin froh darüber, dass es dieses Lächeln gibt. Samir lächelt, weil er gerade von seinem Traum erzählt hat. Er möchte ein bekannter Sänger werden, auf der Bühne stehen, Musik machen und die Menschen mit seiner Kunst erfreuen. Er, der ganz andere Gedanken im Kopf haben könnte, schaut in die Zukunft und sieht sich mit dem Mikrofon in der Hand vor dem Publikum stehen. »Ich war schon immer ein Romantiker«, sagt Samir und wird ein wenig rot dabei, »und Deutschland finde ich romantisch.«

Der Ort, an dem Samir diese Sätze sagt, ist eigentlich wenig romantisch, dafür sehr deutsch. Wir sitzen zusammen im Verwaltungsbüro des Flüchtlingsheims in Wandlitz. Aktenordner und Papierstapel zeugen vom bürokratischen Aufwand, der hier jenseits jeglicher Romantik getrieben werden muss. Draußen allerdings scheint die Sonne, es ist ein schöner Spätsommertag, obwohl wir jahreszeitlich eigentlich schon im Herbst sind. Hier, nur 30 Kilometer vom Moloch Berlin entfernt, scheint die Welt an diesem Tag ziemlich in Ordnung zu sein und vielleicht sogar ein wenig romantisch. Für mich. Aber eben auch für Samir und seinen Freund Azmi, der neben ihm sitzt und ebenfalls ein zufriedenes Gesicht macht.

Samir und Azmi sind Syrer, vor wenigen Wochen erst in Wandlitz angekommen, sie sprechen schon ein wenig Deutsch, dazu etwas Englisch, sind aber sichtlich erleichtert, als mit etwas Verspätung der Dolmetscher erscheint. Nun können sie sicher sein, dass wir ihre Erzählungen richtig verstehen werden. Dass wir verstehen werden, warum sie hier in Wandlitz sind und nicht in Aleppo, ihrem Heimatort in Syrien, wo beider Familien zum Zeitpunkt unseres Gesprächs immer noch leben.

Ich hatte Samir gebeten, zunächst seine Geschichte zu erzählen, und bis er lächelnd zum Ende kommt mit dem Wunsch, ein Gesangsstar zu werden, hat er jene Fluchterlebnisse geschildert, die nicht nur seine, sondern so viele Biografien in diesen Tagen um dramatische Details erweitern.

Ich fühle in diesem Moment, wie Freude in mir hochsteigt. Freude darüber, dass Samir mir diese Geschichte im geschützten Rahmen des Wandlitzer Flüchtlingsheims erzählen kann. Denn das ist nicht selbstverständlich angesichts der Ereignisse, die Deutschland und ganz Europa zurzeit scheinbar überrollen. Hunderttausende Menschen sind zu diesem Zeitpunkt auf der Flucht, sehr viele davon haben Deutschland als Ziel. Überwältigende Aufnahmebereitschaft einerseits und Widerwille sowie echter Hass und reale Aggression auf der anderen Seite. Was dominiert? Ich will hier zeigen und beweisen: Die Mehrheit will sich den Herausforderungen konstruktiv stellen. In Wandlitz haben wir es geschafft.

Von dieser sprunghaften und dramatischen Entwicklung war noch nichts zu merken, als im Januar 2013 die ersten Asylbewerber in das Heim in Wandlitz einzogen. Und doch profitieren wir jetzt, Ende 2015, genau von den Dingen, die sich damals zutrugen und von denen ich in diesem Buch berichten möchte, um zu zeigen, wie eine Willkommenskultur, die diesen Begriff umfassend ernst nimmt, aussehen kann.

Das unscheinbare Wörtchen »umfassend« ist mir dabei sehr wichtig. Obwohl dieses Buch »Refugees Welcome!« heißt und es natürlich in erster Linie um die Flüchtlinge geht, die zu uns nach Deutschland kommen und die wir hier willkommen heißen möchten, zielt meine Absicht auf einen sehr viel weiteren Willkommensbegriff. »Willkommen« soll nach meiner Vorstellung etwas sein, das jeder Mensch überall für sich in Anspruch nehmen kann. Kommst du irgendwohin, wo nicht deine Heimat ist, sollst du willkommen sein. Bist du anders als andere, sollst du willkommen sein. Dieses »Anderssein« muss sich dabei nicht auf die Herkunft beziehen, sondern es meint jede Abweichung von einer gefühlten oder von außen willkürlich gesetzten Norm: andere Hautfarbe, andere Religion, andere Weltanschauung, körperlich anders, geistig anders. Eine Willkommenskultur, die diesen Begriff ernst nimmt, lehnt all dieses andere nicht ab, sondern heißt es willkommen und integriert es in die vorhandenen Strukturen. Einer meiner Wahlsprüche lautet: »Respect! Empower! Include!« Dieser Dreiklang, der dem Wahlkampf von Barack Obama vor einigen Jahren entlehnt ist, enthält für mich das Geheimnis der Willkommenskultur: Wir sollten das andere respektieren. Dieser Respekt wird sowohl uns als auch die anderen stärken. Und gestärkt können wir das andere in unsere Gemeinschaft aufnehmen, inkludieren.

Davon handelt dieses Buch auf einer höheren Ebene. Diese Gedanken stehen im Hintergrund, wenn ich erzähle, wie wir es in Wandlitz geschafft haben, eine Erfolgsgeschichte aus dem angstbesetzten Umstand zu machen, dass ein Flüchtlings- bzw. Asylbewerberheim vor Ort eröffnet werden sollte. Und wie andere aus dieser Erfolgsgeschichte lernen können, wenn sie selbst gern helfen möchten.

Doch nun will ich zunächst Samir seine Geschichte erzählen lassen, um gleich zu Beginn dieses Buches in Erinnerung zu rufen, warum es wichtig ist, all diese Menschen nicht abzulehnen, sondern willkommen zu heißen.

Woher stammen Sie?

Ich komme aus Aleppo, einer großen Stadt im Norden Syriens, die ganz massiv vom Krieg in meinem Land betroffen ist. Genauer gesagt, stamme ich aus einem der Vororte von Aleppo.

Was haben Sie in Syrien gemacht, und warum haben Sie sich zur Flucht entschlossen?

Ich war Student der Biologie an der Universität von Aleppo. Eines Tages wollte ich von der Universität zurück in den Vorort fahren, in dem meine Familie wohnt, doch ich fand nur noch Trümmer vor. Alles war von Bomben getroffen worden, es stand kaum noch ein Stein auf dem anderen.

Haben Sie Ihre Familie wiedergefunden?

Ja, zum Glück waren alle unverletzt, aber wir hatten kein Dach mehr über dem Kopf und mussten sehen, wo wir bleiben. Wir sind dann in einem anderen Teil Aleppos bei Verwandten untergekommen, aber das war der Moment, in dem klar war, dass es so nicht weitergehen konnte und der Älteste aus meiner Generation sich auf die Flucht begeben musste. Ich habe dann angefangen, meinen Weggang zu planen, denn ich wusste, dass es ein schwieriger und langer Weg werden würde.

Und dann haben Sie sich direkt auf den Weg nach Westeuropa gemacht?

Nein, so einfach ist das nicht. Die Flucht kostet viel Geld, das war mir von Anfang an klar. Ich hatte etwas gespart, aber ich wusste, dass das nicht reichen würde, um die ganze Strecke zu schaffen. So habe ich mich zunächst in die Türkei durchgeschlagen und in Istanbul nach einer Arbeit gesucht. Das klappte zwar, aber es war sehr hart und sehr schlecht bezahlt. Als syrischer Flüchtling war ich dort nicht viel wert, und es war leicht, mich und andere meiner Landsleute auszubeuten. Für einen Zwölfstundentag in der Fabrik, in der ich gearbeitet habe, habe ich pro Monat nur etwa 300 Euro verdient. Davon habe ich noch einen großen Teil an meine Familie geschickt, um sie zu unterstützen.

Da muss es lange gedauert haben, bis Sie das Gefühl hatten, genug Geld zusammenzuhaben.

Ja, ich habe dort fast zwei Jahre gearbeitet. Irgendwann hatte ich genug Geld gespart, um die weitere Flucht wagen zu können. Gemeinsam mit anderen Syrern habe ich mich auf die Suche nach Schleppern gemacht, die uns mit Booten von Bodrum an der türkischen Mittelmeerküste zur gut 20 Kilometer entfernten griechischen Insel Kos rüberbringen sollten.

Was waren das für Boote, und was hat die Überfahrt gekostet?

Zum Zeitpunkt meiner Flucht musste ich für die Überfahrt 1000 Euro bezahlen. Ich habe aber gehört, dass die Schlepper mittlerweile weit mehr verlangen. Je mehr Flüchtlinge kommen, desto teurer wird die Fahrt. Das Boot war vollkommen überfüllt, es war vielleicht sechs Meter lang und eineinhalb Meter breit. Darauf waren wir mit insgesamt 54 Leuten. Dass wir es überhaupt bis nach Kos geschafft haben, ist ein kleines Wunder, denn wir hatten irgendwann ein Leck an Bord, sodass das Boot zu kentern drohte. Die Küstenwache hat uns dann aufgegriffen und nach Kos gebracht.

Hatten Sie die ganze Zeit einen Plan, wie es weitergehen soll?

Ja. Es war klar, dass Deutschland das Ziel der Reise sein würde, und die Route dorthin war bekannt. Ich hatte mein Handy dabei und wusste durch das GPS-Signal immer recht gut, wo ich mich befand. Durch den Kontakt zu anderen Geflüchteten, die die Reise schon hinter sich hatten, wusste ich auch, wie es weitergehen sollte. Von Kos aus mussten wir es nach Athen schaffen und von dort weiter über die sogenannte Balkanroute Richtung Ungarn und Österreich.

Das war alles vollkommen klar und durchgeplant?

Der Weg an sich ja. Wie man durchkommt, natürlich nicht. In Serbien sind wir fast 120 Kilometer zu Fuß gelaufen. Haben im Wald geschlafen. Egal welches Wetter war, einfach immer weiter und hoffen, dass der Akku des Handys hält und das GPS nicht ausfällt.

Wo war es am unangenehmsten?

In Ungarn. Dort geht es nur darum, Flüchtlinge abzukassieren. Ich hatte es bis Budapest geschafft und mich dort orientiert. Zuerst bin ich in einem Hotel untergekommen, dessen Besitzer sich derzeit an der Flüchtlingskrise eine goldene Nase verdient. Die ungarische Polizei guckt weg und lässt die Leute gewähren, da wäscht eine Hand die andere.

Also möglichst schnell wieder weg?

Ja. Ich bekam dann mit, dass es eine Möglichkeit geben würde, mit Privatautos über Österreich Richtung Deutschland zu...

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