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Unverkäuflich!

Schulabbrecher, Fussballprofi, Weltunternehmer - Die völlig verrückte Geschichte von Bobby Dekeyser

AutorStefan Kruecken
VerlagAnkerherz Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783940138194
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Bobby Dekeyser ist fünfzehn, als er im Unterricht aufsteht und beschließt, Fußballprofi zu werden. Vier Jahre später steht er im Tor des FC Bayern München. Nachdem ihn ein Gegenspieler schwer verletzt hat, beginnt ein spektakuläres Abenteuer: Von einem Bauernhof in Niedersachsen aus schafft es Dekeyser, Vater von drei Kindern, ein globales Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern aufzubauen. Unverkäuflich! soll ein Handbuch der Inspiration sein. Ein Mutmacher, ein intimer Blick in die Seele eines Unternehmers. Es zeigt einen Weg zum Erfolg, der sich nicht am Recht des härtesten Ellbogens orientiert. Dekeyser berichtet auch von der dunklen Seite der Verantwortung, von Einsamkeit und Zweifeln. Von der Verzweiflung nach dem tragischen Tod seiner Frau. Vor allem aber von seinem Willen, nicht aufzugeben - und sich niemals kaufen zu lassen.

Stefan Krücken, Jahrgang 1975, arbeitete als Polizeireporter für die 'Chicago Tribune' und berichtete als Reporter weltweit für Magazine wie 'max', 'Stern' oder 'GQ'. Krücken ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt mitsamt Hund bei Hamburg.

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Leseprobe

Prolog

ANN-KATHRIN

 

 

 

 

Der Anruf, der alles verändert, der so furchtbar sein soll und so einschneidend, der alles aus der Bahn wirft und nichts mehr so sein lässt, wie es einmal war, erreicht mich im Paradies. Man nennt diesen Ort tatsächlich Paradies, jeder, der einmal dort war: Siargao, eine Insel im Archipel der Philippinen. Palmen wachsen an einem weißen Sandstrand, die Luft ist warm und fühlt sich ganz sanft an, es gibt einen großen Pool und eine Pagode im Meer. Ich bin zu Besuch, um unsere Architekten aus Paris zu treffen, die dabei sind, das Resort umzubauen. Wir wollen »Dedon Island« schaffen, einen Sehnsuchtsort, an dem auch die Gedanken barfuß gehen. Eben erst bin ich gelandet, mit dem Jeep durch den Dschungel gefahren und stehe nun mit einem kühlen Getränk auf dem Sand, als mein Blackberry vibriert. Die Nummer meiner Schwester Sonja leuchtet auf dem Display.

An der Art, wie sie sich meldet, spüre ich, dass etwas nicht stimmt.

»Alles okay bei euch?«, frage ich. Es fällt ihr schwer, etwas zu sagen.

»Ann-Kathrin ist gerade beim Sport ohnmächtig geworden. Sie ist auf dem Weg in die Klinik und nicht bei Bewusstsein. Sie liegt im Koma. Es sieht nicht gut aus. Komm so schnell es geht zurück«, sagt sie. »Ich melde mich wieder, sobald es etwas Neues gibt.«

Ich höre diese Sätze, aber ich verstehe sie nicht. Ich bin wie betäubt, der Strand unter mir scheint sich zu drehen. Ann-Kathrin im Koma? Sie hat mich vor wenigen Tagen noch zum Flughafen gebracht, sie hat mich zum Abschied geküsst, wir feiern im nächsten Jahr den fünfundzwanzigsten Hochzeitstag, wir haben Pläne dafür gemacht, eine lange Reise geplant. Sie ist immer gesund, eine schöne, lebensfrohe Frau, vierundvierzig Jahre alt. Manche sagen, sie habe eine Aura wie ein Engel, weil sie Güte verströmt und Herzlichkeit. Ann-Kathrin im Koma? Das kann nicht sein, kann nicht sein, kann nicht. Es fühlt sich an, als stürze man in einen Abgrund, immer tiefer hinab, und da ist nichts, was einen auffängt.

Ich setze mich hin, mir ist übel, tausend Gedanken auf einmal, vor allem: Wie komme ich schnellstmöglich nach Hamburg zurück? Panik steigt in mir auf. Ich laufe Richtung Restaurant, benachrichtige meine älteste Tochter Carolin, die mich auf dieser Reise begleitet, und Hervé, meinen alten Freund, den Chef unserer Fabrik. Er telefoniert. Der nächste Linienflug zurück zum Internationalen Flughafen Cebu startet erst morgen früh. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt und ein Privatjet kann auf der unbeleuchteten Dschungelpiste nicht landen. Vielleicht gibt es einen Helikopter? Hervé, der wie ein Bruder für mich ist, verspricht, sich darum zu kümmern.

Ich sende meiner Frau eine SMS, obwohl mir bewusst ist, dass sie sie nicht lesen kann, es ist so ein Gefühl, etwas, irgendetwas tun zu müssen, ihr meine Liebe zu senden.

Mein Engel, ich schicke dir alle Kraft. Ich komme so schnell wie möglich.

Carolin und ich nehmen uns in die Arme. Was können wir tun? Wir gehen am Strand auf und ab. Wir können nicht begreifen, was gerade passiert: Erst gestern haben wir auf der Insel Cebu das neue Gemeinschaftshaus unserer Stiftung »Dekeyser & Friends« eingeweiht, ein Heim für Menschen von einer Müllhalde, die wir in ein neues Dorf umsiedeln. Vorgestern feierten wir mit den tausenden Angestellten in unserer Fabrik das zehnjährige Werksjubiläum, ein rauschendes Fest mit Musik und Tanz. Vor wenigen Wochen reisten wir mit der ganzen Familie nach New York, um unseren neuen Showroom zu feiern, mitten in Soho, mit einer Party auf einem Dach in Manhattan. Das Leben war so voll, so bunt. Es war.

Ich rufe im Hamburger Krankenhaus an und bekomme den dienst­haben­den Arzt der Intensivmedizin an den Hörer: »Im Kopf Ihrer Frau ist eine Ader geplatzt, es gibt eine starke Blutung in ihrem Gehirn. Die Hoffnung, dass sie überlebt, ist sehr gering«, sagt er. Ich lege auf. Ich habe das Gefühl, verrückt zu werden. Ich schreie gegen das Meer, so laut ich kann, schreie die Angst und die Trauer und die Verzweiflung heraus. Dann rede ich mir ein, dass es noch Hoffnung gibt. Hat der Arzt nicht das Wort »Hoffnung« benutzt? Jede Minute, die nun ohne neue Nachrichten vergeht, ist eine gute Minute. »Wir schaffen das, wir schaffen das gemeinsam«, sage ich zu Carolin, die unter Schock steht. Ich rede uns das ein, ich versuche es zumindest. Nur die Hoffnung nicht aufgeben. Ich bin ein unverbesserlicher Optimist, ich bin der Meinung, dass nichts unmöglich ist, wenn man daran glaubt. Ein Hubschrauber ist auf dem Weg. Wir weinen, wir warten auf den neuen Tag, wir wandern hin und her. Der Hubschrauber landet, doch ich bekomme das alles nicht wirklich mit. Wir heben ab, fliegen nach Cebu, steigen in die Maschine nach Hongkong. Alles erlebe ich wie in Trance. Landung in Hongkong, ich schalte das Blackberry ein, voller Angst, Erwartung, Hoffnung, alles mischt sich durcheinander. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. »Wir schaffen das«, sage ich. »Sie wird wieder gesund.«

Acht Stunden bis zum Weiterflug nach Europa. Acht Stunden, das ist zu lange, um es im Gebäude auszuhalten. Wir müssen aus dem Flughafen raus, an die Luft, wir wollen laufen, uns bewegen. Wir nehmen den Expresszug von der Flughafeninsel hinüber aufs Festland. Das Mobiltelefon klingelt wieder, es ist mein Schwager Jan, der mit meiner Schwester im Krankenhaus ist. In dieser Sekunde hält der Zug.

»Sie ist tot.«

Was in einem solchen Moment in einem Menschen vorgeht, lässt sich nur schwer beschreiben. Es ist wie ein Horrorfilm, den man anhalten möchte, den man ausschalten will, doch man findet den Schalter nicht. Es ist ein Schmerz wie ein Stich, ein Gefühl, als ob man in Stücke gerissen und gleichzeitig betäubt wird, und es ist der schlimmste denkbare Albtraum, der nun Wirklichkeit geworden ist.

Ann-Kathrin und ich, wir haben drei Kinder – Carolin, Yannick, Marie – und leben die glücklichste Ehe, die man sich vorstellen kann. Wir gehen gemeinsam durch den Sturm, wir stehen auf einem Gipfel, wir haben alles miteinander erlebt, Siege, Niederlagen, wir sind bedingungslos füreinander da. Ann-Kathrin ist meine Partnerin, meine Geliebte, meine beste Freundin, meine Vertraute, mein Anker, meine Heimat, sie ist meine Kraft und meine Seele. Sie ist die Liebe meines Lebens. Sie ist tot, sagt mir mein Verstand, doch mein Herz begreift das nicht. Ich weiß nicht, wie wir von der Bank in der Bahnstation an Bord des Flugzeugs kommen, alles ist nur noch ein Schleier aus Tränen und Schmerz. Ich kann nicht schlafen, nicht essen, nicht trinken, ich kann nicht mehr klar denken und fürchte, wahnsinnig zu werden. Carolin und ich, wir klammern uns aneinander wie Ertrinkende.

Landung in Hamburg, unsere Familie holt uns am Flughafen ab. Yannick, mein Sohn, achtzehn Jahre alt, ist aus New York nach Hause gekommen, Marie, die Jüngste, ist dabei, meine Schwester Sonja, mein Schwager Sven, Onkel Seppi und Tante Resi und die engsten Freunde. Wir fahren ins Universitätsklinikum Eppendorf, betreten den Totenraum. Ann-Kathrin liegt auf dem Bett, sie ist so schön wie immer. Ich halte ihre Hand, küsse ihr Gesicht, rede mit ihr.

Ich fliehe mit den Kindern an die Nordsee. Trauer und Schweigen und ein Gefühl, dass etwas geschehen ist, das nicht sein darf. Was mich berührt, ist der Zusammenhalt unserer Großfamilie, besonders meiner Kinder, sind die Freunde. Was bleibt, ist Freundschaft, Vertrauen, es ist unglaublich, was wir an Wärme und Anteilnahme erfahren. Die Trauerfeier in der Hamburger St.-Johannis-Kirche, die Stunde, in der wir im engsten Familienkreis einen Teil ihrer Asche auf Ibiza im Meer verstreuen, die Wochen danach, in denen man immer wieder in das leere Haus kommt, nachts aufwacht, in der Hoffnung, nur schlecht geträumt zu haben. An meinem Geburtstag, wenige Tage nach der Trauerfeier, ruft mich niemand an, und das ist gut. Ich sehe mir Fotos an, blättere in Alben, schaue Videos. Ich weine oft. Die Zeit fliegt vorbei und fühlt sich doch so zäh an, so dunkel und so leer. Wie oft sehe ich zur Tür, horche auf, wenn das Telefon klingelt, mit dem Gedanken, sie könnte wieder zurück sein.

Dieses Buch sollte meine Geschichte erzählen, eine Geschichte vol­ler Optimismus, von Glaube und Mut. Meine Geschichte verlief selt­sam und an manchen Stellen auch verrückt, sie zeigt einen Weg, der nach den Regeln, wie sie mancher nach Schulnoten und Wirtschaftsregeln definiert, eigentlich nicht möglich sein dürfte. Wäre es nach meinen Lehrern gegangen, nach vielen Wirtschaftsprüfern oder all diesen Mahnern und Nörglern, die sich hinter ihrer Angst und ihren klugen Ratschlägen verschanzen, hätte es meine Geschichte niemals geben dürfen. Ich wollte davon erzählen, dass alles, dass jedes Ziel erreichbar sein kann, wenn man dafür kämpft und kreativ ist auf dem Weg. Nun, nach Ann-Kathrins Tod, muss diese Geschichte anders erzählt werden, denn der Blickwinkel hat sich verschoben. Die Leichtigkeit, das Unbeschwerte, es ist weg. Was aber geblieben ist, was wichtiger denn je wurde, und das spüre ich in diesen Monaten, in denen ich alles infrage stelle und einen Sinn suche, sind ewige Werte. Davon soll dieses Buch handeln: von Freundschaft, Loyalität, Lebensfreude und Lust am Abenteuer, von Respekt und Vertrauen. Vom Halt durch eine Familie, von der Qualität echter Freundschaft. Ich hoffe, dass meine Geschichte andere inspiriert, ihren Weg zu finden.

Jeder Weg ist anders, es gibt keine Schilder, es gibt keinen Plan und keine Karte. Aber es lohnt sich, aufzubrechen.

...
Blick ins Buch

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