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Zeile für Zeile mein Paradies

Bedeutende Schriftstellerinnen

AutorJutta Rosenkranz
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl352 Seiten
ISBN9783492966917
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Virginia Woolf, Sylvia Plath, Edith Södergran, Marie Luise Kaschnitz und Marlen Haushofer - all diese Frauen prägten ihre Zeit und schufen Werke voller Sprachgewalt und Poesie. Sie überwanden Grenzen, warfen gesellschaftliche Zwänge ab und verteidigten ihre Freiheit. In achtzehn Porträts zeigt Jutta Rosenkranz das Leben und Wirken bedeutender Schriftstellerinnen und lädt ein zu literarischen Neu- und Wiederentdeckungen.

Jutta Rosenkranz, geboren in Berlin, studierte Germanistik und Romanistik. Sie veröffentlichte 2007 die erste Biographie über Mascha Kaléko und ist Herausgeberin der vierbändigen, kommentierten Mascha-Kaléko-Gesamtausgabe. Sie hat Gedichte, Prosa und literarische Essays publiziert, zahlreiche Autoren-Porträts und Features für den Hörfunk geschrieben und mehrere Lyrik-Anthologien herausgegeben, zuletzt erschienen 'Berlin im Gedicht' (Husum 2006) und 'Letzte Gedichte. Dichter der Welt nehmen Abschied vom Leben' (München 2007).

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Leseprobe

Bettine von Arnim
(1785–1859)

»Ich bedarf, daß ich meine Freiheit behalte«

»Aber meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin, sie springt herum nach einer inneren Tanzmusik, die nur ich höre und die andern nicht. Alle schreien, ich soll ruhig werden, […] aber vor Tanzlust hört meine Seele nicht auf euch, und wenn der Tanz aus wär, dann wär’s aus mit mir.«

Dieses Zitat aus einem Brief an ihren Bruder Clemens zeigt, dass Bettine Brentano schon als Mädchen gegen die strengen Konventionen ihrer Zeit rebellierte, nach denen Frauen ausschließlich auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet wurden und Bildung nur Männern vorbehalten war. Später wurde sie die erste politisch-sozial engagierte Autorin des 19. Jahrhunderts, die unerschrocken das soziale Elend und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Preußen kritisierte. Sie setzte sich für die Frauen und die Armen ein und forderte demokratische Rechte für alle Bürger. Für ihren Mut, ihre Unabhängigkeit und ihr selbstständiges Denken wurde sie von ihren Zeitgenossen sowohl angegriffen als auch bewundert.

Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano wird am 4. April 1785 in Frankfurt am Main als siebtes von zwölf Kindern geboren. Den Namen Bettina sucht sie sich selbst aus. Später unterschreibt sie ihre Briefe mit »Bettine«, das ihr weniger gefällig erscheint als weibliche Vornamen, die mit dem Vokal »a« enden. Der Vater, Peter Anton Brentano, ein italienischer Kaufmann aus Como, hat in drei Ehen zwanzig Kinder gezeugt. Trotz der vielen Geschwister fühlt sich das Mädchen vom Vater bevorzugt, denn »seinem Schmeicheln konnte er nicht widerstehen«. Seine zweite Frau, Bettines Mutter Maximiliane, die in ihrer Jugend von Goethe verehrt wurde, überlebt die Geburt des zwölften Kindes nicht. Beim Tod der Mutter ist Bettine acht Jahre alt. Der Vater schickt sie und ihre Schwestern in ein katholisches Ursulinen-Kloster bei Kassel. Als er vier Jahre später stirbt, ziehen die Mädchen nach Offenbach, wo die Großmutter, Sophie von La Roche, ihre Erziehung übernimmt. Sie ist eine bekannte Schriftstellerin und die erste Frau in Deutschland, die sich mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt verdient. 1771 hat sie den ersten deutschen Frauenroman Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim veröffentlicht und zwölf Jahre später die erste Monatszeitschrift für Frauen, Pomona für Teutschlands Töchter, herausgegeben. Die Großmutter, die mit vielen Autoren befreundet ist, führt Bettine an die Literatur heran. Einmal läutet es an ihrem Haus und Bettine öffnet die Tür, vor der ein Fremder steht. Er gibt ihr einen Kuss, sie ihm eine Ohrfeige. Der Besucher ist Johann Gottfried Herder, den die Großmutter freudig begrüßt. Der Dichter und Philosoph lobt Bettines Selbstständigkeit und wünscht ihr, dass »alle sich ihrem kühnen Willen fügen und niemand ihren Sinn zu brechen gedenke«.

Bettine ist ein hübsches Mädchen von zierlicher Gestalt mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Ihre Geschwister nennen sie »Hauskobold«, weil ihr Wesen und ihre Gedanken nicht zu einer behüteten bürgerlichen höheren Tochter passen. Sie ist hochbegabt, spontan, eigensinnig und will sich nicht in die engen, vorgeschriebenen Bahnen fügen, die damals für Mädchen und Frauen gelten. »O Sklavenzeit, in der ich geboren bin!«, schreibt sie später ihrem Bruder. »Werden die Nachkommen nicht einst mitleidig mich belächeln, daß ich mir’s mußte gefallen lassen […]?«

Als sie einmal in Frankfurt ein Mädchen in der Judengasse besucht, die für die christlich erzogene Bettine tabu ist, ist die Familie empört. Doch Bettine rebelliert: »Ihr verbietet mir mit einem armen Judenmädchen Umgang zu haben, ich will Umgang haben mit allem, was zugleich mir auf der Welt lebt. Sittlichkeit und Anstand, das sind zwei dumme Wächter, die dem menschlichen Sein und Willen den Weg verwehren […].«

Unabhängigkeit, selbstständiges Denken und Handeln sind in der Zeit der Romantik für Mädchen nicht vorgesehen. Damals lernen Töchter – neben Musizieren und Zeichnen – vor allem Kochen, Sticken und Waschen, damit sie gute Hausfrauen und Mütter werden. Lesen, studieren und reisen dürfen nur die Söhne. Die einzige Möglichkeit für Frauen, sich im frühen 19. Jahrhundert schriftlich auszudrücken, ohne die Normen zu sprengen, ist das Schreiben von Briefen. Für Bettine ist es »ein Mittel aus der isolierten unbeweglichen Lage als Mädchen und Frau zu kommen, sich selbst zu finden und erfinden«.

Erst mit zwölf Jahren lernt sie den sieben Jahre älteren Bruder Clemens Brentano kennen, der in Internaten aufwuchs. Die Geschwister entdecken, dass sie die gleichen literarischen und musischen Begabungen haben. Clemens macht Bettine mit dem Kreis der Heidelberger Romantik bekannt und erkennt ihr sprachliches Talent. Er ermutigt sie zum Schreiben, ermahnt sie in seinen Briefen aber auch, vernünftig zu sein und nicht nur oberflächlich zu lesen und zu lernen. Doch systematisches Vorgehen liegt Bettine nicht. Die wiederholten Erziehungsversuche des Bruders schlägt sie in den Wind. Sein Motto lautet: »Tu deine Pflicht mit Ernst – das Leben nehme leicht.« Sie hingegen erwidert: »Seh ich mich um nach meiner Pflicht, so freut mich’s recht sehr, daß sie sich aus dem Staube macht vor mir, denn erwischte ich sie, ich würde ihr den Hals herumdrehen!«

Schon als junges Mädchen hat Bettine eine genaue Vorstellung davon, wie ihre Zukunft aussehen soll, und erklärt Clemens selbstsicher: »Über meine Neigungen kannst Du nicht disponieren! […] Ich selber zu bleiben, das sei meines Lebens Gewinn, und sonst gar nichts will ich von irdischen Glücksgütern!«

1801 lernt die Sechzehnjährige Karoline von Günderode kennen, die unter dem männlichen Pseudonym Tian Gedichte, Prosa und Dramen veröffentlicht. Obwohl die beiden von ihrer Wesensart her sehr unterschiedlich sind, wird die fünf Jahre Ältere für Bettine Brentano zum Vorbild und zur Freundin. Die zurückhaltende und sanfte Karoline von Günderode kann mit dem temperamentvollen Wesen von Bettine wenig anfangen. Als sie die Jüngere eines Tages besucht, wundert sie sich über das Chaos in deren Zimmer, in dem aufgeschlagene Bücher auf dem Boden liegen, ein »umgeworfenes Sepianäpfchen« einen braunen Fleck auf dem Strohteppich hinterlässt und die Bibel unter dem Bett verstaubt. »Es rappelte was in einer kleinen Schachtel auf dem Fensterbrett, ich war neugierig sie aufzumachen, da flogen zwei Schmetterlinge heraus, die Du als Puppen hineingesetzt hattest.« Auf die Vorwürfe reagiert Bettine trotzig: »Mein Zimmer gefällt mir wohl in seiner Unordnung, und ich gefall mir also auch wohl, da Du meinst, es stelle meinen Charakter vollkommen dar.« [vgl. von Gersdorff]

Karoline von Günderode möchte Bettines Temperament in geordnete Bahnen lenken, ihre Phantasie zügeln und unterrichtet sie in Geschichte, denn: »Wo willst Du Dich selber fassen, wenn Du keinen Boden unter Dir hast?«, fragt sie in einem Brief. Bettine dagegen ist überschwänglich, spontan und ungeduldig und schreibt der Freundin viele Briefe, auf die Karoline von Günderode nicht immer oder nur knapp antwortet. Bettine will die Ältere zu mehr Mut und Unabhängigkeit verführen und mit ihr zusammen »eine große Freiheit erringen«. Dieses Ziel muss sie allerdings allein verfolgen, denn die intensive Phase ihrer Freundschaft dauert nur knapp zwei Jahre. Karoline von Günderode gibt ihr viele Anregungen, erzählt ihr jedoch nichts von ihren eigenen Nöten und ihrer heimlichen Liebe zu dem Altertumsforscher Friedrich Creuzer. Der verheiratete Mann will sich nicht von seiner Frau trennen, fordert Karoline jedoch auf, die Freundschaft mit Bettine Brentano aufzugeben, da diese zu egoistisch und indiskret sei. Karoline bricht daraufhin den Kontakt zu Bettine ab, die verletzt und enttäuscht ihre Briefe zurückfordert. Bald danach, am 26. Juli 1806, nimmt sich Karoline von Günderode wegen der unerfüllten Liebe zu Creuzer das Leben. Wie sehr sie die Zurückweisung und der Freitod der Freundin erschüttert haben, bringt Bettine mehr als dreißig Jahre später in ihrem Buch Die Günderode zum Ausdruck: »Bei ihr lernte ich die ersten Bücher mit Verstand lesen. Sie wollte mich Geschichte lehren. Sie merkte aber bald, daß ich zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt war. […] Mit dem einzigen Dolchzucken traf sie ihr eigen Herz und […] traf mich auch mit dieser Untat, ich werde den Schmerz in meinem Leben mit mir führen […].«

Viele Jahre später sorgt Bettine für die Veröffentlichung der Werke der Freundin. In ihrem Erinnerungsbuch, in dem sie ihre Korrespondenz frei bearbeitet, setzt sie ihr ein literarisches Denkmal. »Sie ging nicht, sie wandelte«, beschreibt sie Karoline, deutet in ihrer Charakterisierung aber auch an, dass sie mit ihr die Rechte der Frauen nicht vorwärtsgebracht hätte: »Sie war schüchtern – freundlich und viel zu willenlos, als dass sie in der Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hätte.«

1805, mit zwanzig Jahren, zieht Bettine nach Marburg zu ihrer Schwester Kunigunde, genannt Gunda, die im Jahr zuvor den Juristen Friedrich Karl Savigny geheiratet hat. In seinem Haus finden kulturelle und wissenschaftliche Gespräche statt, und Bettine genießt den geistigen Austausch und die Anregungen. Im Jahr zuvor hat sie ihrem Schwager noch geschrieben, wie schwer es für sie sei, in sich so viel »Lebenskraft und Mut« zu spüren, sie aber nicht sinnvoll einsetzen zu können. Ihr Drang nach Aktivität und Wissen wird von den...

Blick ins Buch

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