Von Unfällen mit Gefahrstoffen wird in den Medien nur sehr selten berichtet. Ist doch davon zu lesen, sind die Folgen für Mensch und Natur oft verheerend. Dass es nicht so häufig vorkommt, dass Unfälle in Zusammenhang mit Gefahrstoffen publik werden, liegt unter anderem daran, dass sie, zum Glück, eher selten das weitere Umfeld beeinflussen – in solchen Fällen aber mitunter gravierende Ausmaße und Folgen haben.

Ein weiterer Grund ist, dass die Handhabung von Gefahrstoffen wie Chemikalien aufgrund des hohen Risikos streng geregelt ist. Dadurch befindet sich die chemische und verwandte Industrien auch im unteren Durchschnitt sowohl bei sämtlichen meldepflichtigen Arbeitsunfällen, als auch bei jenen mit tödlichen Folgen.

Repräsentativ für die Gefahr durch das Handling mit Gefahrstoffen sind diese Statistiken jedoch nicht. Zum einen beziehen sie sich nur auf einzelne Branchen und sind daher kein Indikator für den Einsatz von Gefahrstoffen, zum anderen treten die Folgen mitunter erst später auf und fallen dadurch aus der Statistik. In weitere folge kann es also zu widersprüchlichen Aussagen kommen, Gefahrstoffe auch ein Großteil der Arbeitsunfälle zugerechnet wird. Bei 3.500 Arbeitsunfällen durch Brände oder Explosionen ist aber klar, dass noch Potenzial für Verbesserungen besteht.
Ein weiterer Grund warum die Unfallzahlen in diesem Zusammenhang nur schwer zu ermitteln sind liegt darin, dass Gefahrstoffunfälle oftmals in andere, allgemeinere Unfallstatistiken einfließen. Zum Beispiel wenn diese im Zusammenhang mit Reparaturen, Bedienungen von Geräten oder Transporten stehen. Als konkrete Ursachen scheinen diese dann beispielsweise nur als „Verbrennungen“ auf.

Totale Zahlen verteilen sich auf unterschiedliche Statistiken
Grundsätzlich ist zwischen zwei Begriffen zu unterscheiden: Gefahrstoffe und Gefahrgut. Letztendlich handelt es sich dabei immer um Gefahrstoffe. Als Gefahrgut werden Gefahrstoffe dann bezeichnet, wenn sie sich im Logistiksystem befinden, also transportiert bzw. für den Transport zwischengelagert werden. Aus den Statistiken für Arbeitsunfälle mit Gefahrstoffen ist nämlich nicht ersichtlich, dass auch Gefahrgutunfälle eingeschlossen wären. Vielmehr werden Transportunfälle gesondert erfasst. Das ist interessant, denn von 2001 bis 2010 haben sich laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) jährlich zwischen 203 und 341 Gefahrstoffunfälle mit Todesfolge ergeben. Das entspricht im Durchschnitt rund 5 Prozent aller erfassten Arbeitsunfälle mit Todesfolge.
Die häufigste Todesursache ist dabei die Verbrennung mit rund 42 Prozent, gefolgt von rund 15 Prozent Vergiftungen durch Einatmung und knapp 14 Prozent durch Vergiftung.

In Berichten zu Gefahrstoffen, die Wasserreserven bedrohten, sind in einer anderen Statistik aus Baden-Württemberg ebenfalls Unfallzahlen eingeflossen. Diese Unfälle beziehen sich aber nur auf die Lagerung und den Transport von Gefahrstoffen, die Auswirkungen auf Verunreinigungen von Wasser in dem Bundesland haben. Dort wurden im selben Zeitraum jährlich zwischen 450 und 500 Unfälle erfasst. Größtenteils ereigneten sich diese Unfälle beim Transport im Straßenverkehr. Rund zwei Drittel weniger werden gebildet durch Unfälle in gewerblichen und nicht gewerblichen Lagerhallen sowie in Abfüll- und Umschlaganlagen. Hier zu sehen, dass die Unfälle in nicht gewerblichen Lagerhallen drastisch zurückgegangen sind.

Die Statistiken zeigen deutlich Verbesserungsmöglichkeiten
Die zu verfolgende Entwicklung lässt darauf schließen, dass sich bei vielen Menschen ein verstärktes Bewusstsein im Umgang mit Gefahrgut gebildet hat. Gleichzeitig ist aber auch zu sehen, dass im Transportbereich die Unfälle auf der Schiene einen fast nicht erwähnenswerten Bruchteil gegenüber den Gefahrgutunfällen auf der Straße ausmachen. Das könnte bedeuten, dass zielgerichtete neue Gesetzentwürfe, die Unternehmen zum Transport von Gefahrgut auf die Schiene bringen, das Unfallpotenzial massiv eingeschränkten würden. Denn obwohl der Anteil an Gefahrguttransporten auf der Straße geringer ausfällt, ist die Unfallhäufigkeit ein Vielfaches höher. Aus diesen Statistiken geht aber auch hervor, dass die gewerblichen Lagerhallen, Umschlag- und Abfüllanlagen noch enormes Potenzial zum Risikoabbau besteht. Diese Gefahr sollte durch eine seit 2010 gültige weltweit einheitliche Kennzeichnung von Chemikalien reduziert werden. Ein Problem dabei ist aber dass sich die Bedeutung einiger Kennzeichnungen, für Personen ohne einschlägigen fachlichen Hintergrund, nicht zwangsläufig sinngemäß ergibt. Beispielsweise sind die Warnungen für gesundheitsschädliche oder reizende Stoffe dieselben, mit dem Unterschied dass es einmal den Zusatz „Xn“ und einmal „Xi“ beinhaltet. Gerade für Personen die durch Ihre Tätigkeit nicht zwangsläufig mit der Kennzeichnung vertraut sind ergibt sich dadurch ein nicht abschätzbares Risiko. Das ist auch einer der Gründe, warum Ausstatter eigene Ratgeber in diesem Zusammenhang anbieten und entsprechende Legenden gut ersichtlich aufliegen sollten.

Den Kontakt zu Gefahrgut von der Öffentlichkeit in Fachkreise lenken
Die Schwierigkeit besteht hier in der Vereinheitlichung durch die EU, somit ergeben sich Buchstabenbezeichnungen, die von in der deutschen Sprache nicht auf die ausgehende Gefahr schließen lassen. Betrachtet man nun noch die Unfälle in Betrieben (Lagerhallen, Umschlagplätze usw.), scheint hier zwar ebenfalls noch Schulungsbedarf zu bestehen, aber nur eingeschränkt. Doch alle Verbraucher mit diesen Giftstoffbezeichnungen vertraut zu machen, wäre ein Unding. Auch das wäre ein Grund, der dafür spricht, dass Gefahrguttransporte vornehmlich über Schiene und Wasserstraße befördert werden, da dann wirklich Menschen mit entsprechendem Fachwissen mit den Gefahrstoffen arbeiten. Werden diese wenigen Fachkräfte dann noch besser geschult, ließe sich sicherlich ein Großteil der heutigen Gefahrgutunfälle vermeiden. Denn der größte Teil der Gefahrgutunfälle betrifft nicht die Lagerung selbst, sondern den Transport vom einem zum nächsten Lagerort, einschließlich des Einlagerns, Umschlages und Abfüllens für den Transport.