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E-Book

Abschied vom Mythos Monogamie

Wege zur authentischen Beziehungsgestaltung

VerlagQuerverlag
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl100 Seiten
ISBN9783896566461
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Beziehungen authentischer gestalten - zwischen Anspruch und Realität, zwischen Monogamie und Fremdgehen In vielen Beziehungen taucht früher oder später - ob ausgesprochen oder unausgesprochen - das Thema Fremdgehen auf. Doch was heißt es, 'treu' zu sein? Würde es sich nicht lohnen, eine Neugestaltung des bisherigen Beziehungsmodells zu wagen, ohne dass sich Eifersucht und schlechtes Gewissen aufdrängen? Wieso ist sexuelle Ausschließlichkeit in einer Partnerschaft überhaupt erstrebenswert? Könnten nicht gerade wir LGBTs unsere Beziehungen bewusst anders gestalten? Psychologe Tim K. Wiesendanger arbeitet seit gut 20 Jahren überwiegend mit LGBTs und hat im Laufe seines Berufslebens als Therapeut, mit Praxis in Zürich, Paare und Singles immer wieder bei ihrem Ringen um das Thema offene Partnerschaft unterstützt. Deswegen setzt er sich in diesem brandaktuellen Sachbuch für eine vorurteilsfreie und ernsthafte Diskussion rund um den seit Jahrhunderten überlieferten Mythos Monogamie ein. Er plädiert für Wahlfreiheit im Sinne authentischer Beziehungsformen, ob sich diese weiterhin monogam oder aber seriell monogam, polygam oder polyamourös ausgestalten mögen.

Tim K. Wiesendanger. 1964 in Uster bei Zürich geboren und aufgewachsen, Studium der Psychologie, Psychopathologie und Sozialpädagogik an der Uni Zürich, Promotion in klinischer Psychologie bei Udo Rauchfleisch an der Uni Basel, seit 2002 in selbstständiger Praxistätigkeit als Fachpsychologe für Psychotherapie in Zürich, überwiegend mit LGBTs. Autor mehrerer Fach- und Sachbücher zum Themenkreis Psychologie und Homosexualität. Im Querverlag erschien 2017 sein Sachbuch Abschied vom Mythos Monogamie - Wege zur authentischen Beziehungsgestaltung.

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Leseprobe

Vergebliche Liebesmüh?
Eine Einführung


„Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“, sang Marlene Dietrich in den 1930er Jahren und war damit ihrer Zeit weit voraus. Was ist falsch daran, jemanden oder auch gleichzeitig mehrere Menschen so lange zu lieben und mit ihnen Eros zu teilen, wie Liebe und Eros tatsächlich fließen, und nicht jemanden für ein ganzes Leben haben zu wollen oder gar haben zu müssen? Was zeugt von mehr Respekt füreinander?

Angesichts erstarkender rechtspopulistischer Parteien und Strömungen, die sich mit unheilvollen nationalistischen Parolen und altbackenen gesellschaftspolitischen Einstellungen aus so finsteren Zeiten vermischen wie damals, als die Dietrich dieses Lied sang, mag diese Frage wohl provokant, aber gerade deshalb umso berechtigter sein.

Es sind jedoch nicht nur Kräfte am rechten politischen Rand, die bis heute die lebenslang ausgerichtete monogame Ehe als Maßstab definieren. Bis weit über die politische Mitte der westlichen Gesellschaft hinaus und bis in welt- und wertoffene Schichten hinein besteht ein allgemeiner Konsens, dass möglichst lebenslange Beziehungsformen anderen vorzuziehen seien.

Freiheitlich Denkende werden zwar nicht generell die klassische, aufs Leben angelegte Ehe als Blaupause für die Beziehungsgestaltung brauchen. Sie schreiben Lebensabschnittspartnerschaften, Patchwork-Familien und selbstverständlich auch gleichgeschlechtlichen Beziehungen ohne Wenn und Aber ebenso die volle Berechtigung zu – Errungenschaften, für die gerade wir LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) jahrzehntelang gekämpft haben.

Doch wie frei von Wertungen bleiben sie, wenn feste Partnerschaften polygamen oder polyamourösen Beziehungsformen gegenüberstehen? Zumindest insgeheim stünden feste Partnerschaften, die möglichst lange dauern, wohl doch auch bei ihnen als wertvoller da, als wenn zwei, drei oder gar noch mehr Menschen in unterschiedlichen Konstellationen genau so lange zusammenbleiben, wie es für alle auf seelischer und erotischer Ebene tatsächlich stimmig ist.

Auch hier scheinen also zwei Faktoren wenig hinterfragter Wertigkeit zu bestehen, nämlich, dass eine Partnerschaft, je länger sie dauert, umso wertvoller ist, und dass sich diese selbstredend zwischen zwei und nicht mehr Menschen abspielt.

Doch wieso ist dem eigentlich so? Bei strammen Konservativen ist klar, dass dem so ist, weil es angeblich schon immer so war. Oft, wenn auch nicht zwingend, folgt noch der Imperativ, dass Gott es so will.

Abgesehen davon, dass es weder anthropologisch noch historisch stimmt, dass „es schon immer so war“, erschüttern mich Menschen immer wieder, die genau wissen, wo Gott hockt. Wenn jemand religiöse Gebote und Verbote für sich selbst zum Lebenskompass macht, bleibt dies ihre respektive seine freie Entscheidung. Doch wenn ebendiese über andere gestülpt werden und so erstickender, moralischer Druck aufgebaut wird, nenne ich das Machtmissbrauch, egal, aus welcher politischen oder gesellschaftlichen Ecke er stammt, und egal, als wie „normal“ oder „doch nur gut gemeint“ dieser Imperativ daherkommt.

Bei Rechtskonservativen und Frommen werde ich mit diesem Buch gewiss kein offenes Ohr finden. Doch ich hoffe, bei weltoffenen Menschen einiges an Impulsen in den Diskurs über authentische Beziehungsformen einbringen zu können, bei dem klar wird, dass die Grundlage ihrer bisherigen Wertung einem Mythos entspringt, der im 21. Jahrhundert unbedingt durchschaut und hinterfragt werden sollte.

Dieser Mythos heißt Monogamie. Er ist überaus robust und in diesem Sinne höchst erfolgreich. In den verschiedenen Kapiteln dieses Buches wird er nun aber mit gewichtigen biologischen und psychologischen Fakten konfrontiert, die ihn weniger wie ein unangreifbares Ideal erscheinen lassen.

So gehen wir im Kapitel Mythos Monogamie dem grundsätzlichen Wesen von Mythen nach, um das Spezifische an der Langlebigkeit des Mythos Monogamie zu verstehen.

Das Kapitel In der Monogamiefalle? zeigt auf, wie unreflektiert man sich meist dem Mythos Monogamie unterwirft, und hilft zu erkennen, dass der eigene Eros womöglich eine ganz andere Sprache spricht.

Auf diesen gehen wir in Eros – Synergie von Empfindungen und Gefühlen ein. Zunächst lernen wir, die Ebene der Körperempfindungen von der der Gefühlen zu unterscheiden. Diese Analyse verbessert die Eigenwahrnehmung und die Kommunikation. Selbstverständlich gehören beide, Empfindungen und Gefühle, in ihrer Synthese als essenzielle Triebfedern des Menschen in der Gestalt von Eros letztlich wieder zusammen.

Mit dem Kapitel Das Eigene im Fokus breche ich beherzt eine Lanze zugunsten des Menschenbildes der Humanistischen Psychologie, um so das Vertrauen in die eigene, möglichst unverstellte Wahrnehmung zu stärken. Wir lernen zu unterscheiden zwischen echten Gefühlen auf der Grundlage von Liebe, Freude oder konstruktiver Wut einerseits und eingeredeten „Gefühlen“ auf der Basis von Angst, Scham, Schuld oder Schande andererseits, die gar keine echten Gefühle, sondern letztlich verinnerlichte negative Kognitionen sind.

Ein zentrales psychotherapeutisches Grundgesetz beschreibt die Seelischen Dramen in Kindheit und Jugend sowie ihre Auswirkungen im Erwachsenenleben. Die Tiefenpsychologie zeigt eindrücklich auf, wie sehr uns die Erfahrungen aus der Kindheit und der Jugend unbewusst ein Leben lang prägen und welch enorme emotionale Herausforderung es darstellt, solche „alten Zöpfe“ nachhaltig abzuscheiden. Dabei gilt es, den Spezifika für LGBT im Kindes- und Jugendalter angesichts eines heteronormativen sowie homo- und transphoben Umfelds ein besonderes Augenmerk zu schenken.

Überaus große Verwirrungen und Missverständnisse entstehen namentlich auf der Basis der Dichotomie von Anima und Animus, welche die Prinzipien der beiden Pole Intimität und Autonomie repräsentieren. Wir alle, egal, ob im Körper eines Mädchens oder Jungens geboren, und egal, ob wir hetero-, bi-, homo- oder transsexuell sind, tragen seelisch weibliche (Anima) und männliche (Animus) Anteile in uns. Sich ihrer gewahr zu werden, kommt einer überaus reichen Ernte gleich. Außerdem erklären Anima und Animus unsere naturgegebene Ambivalenz zwischen den Bedürfnissen nach Nähe und Verschmelzung auf der einen sowie nach Autonomie und Seinen-eigenen-Weg-Gehen auf der anderen Seite. Dabei sollten wir aber tunlichst den Fehler vermeiden, Anima mit Frau und Animus mit Mann zu übersetzen, um nicht abermals der ansonsten alles erstickenden Dichotomie zwischen Frau und Mann auf den Leim zu gehen.

Daher der Appell in Prüfe, wer sich (ewig) bindet! Bei Weitem nicht allen Menschen entsprechen lebenslange oder zumindest langjährige monogame Beziehungen. Die gute Nachricht dazu lautet, dass sie diese auch gar nicht eingehen müssen und dass ebendies auch nicht im Geringsten mit einem Entwicklungsdefizit zu tun hat. Für sie ist Monogamie schlicht vergebliche Liebesmüh. Doch schuldbeladen, den Geboten des Mythos Monogamie nicht zu entsprechen, schämen sie sich oft für ihr natürliches Bedürfnis, ihre Liebe und Sexualität mit verschiedenen Partner_innen ausleben zu wollen. In Kombination mit der Unkenntnis ihrer in Anima und Animus begründeten Ambivalenz hinsichtlich Intimität und Autonomie gehen nicht wenige x-mal den Weg in die Sackgasse einer „treuen“ Zweierbeziehung oder befinden sich aktuell gerade wieder in einer solchen. Dieses Kapitel möchte eine Selbsteinschätzung der eigenen Anteile an Anima und an Animus ermöglichen und zwar gesondert für die Sexual- und die Herzenergieebene. Und es möchte animieren, ebendiese Einschätzung auch bezüglich der potentiellen Partner_innen rechtzeitig vorzunehmen.

Auf diese Weise wäre nämlich auch der Griff zum Giftschrank mittels Eifersucht und schlechtem Gewissen vermeidbar. Diese zutiefst (selbst-)destruktiven Erlebens- und Verhaltensweisen sind in Tat und Wahrheit das Gegenteil von dem, was sie für sich reklamieren, nämlich, einen Kompass für wahre Liebe zu sein. Vielmehr legitimieren sich Eifersucht und schlechtes Gewissen durch absurde Besitzansprüche, die sich aus kollektiv nicht aufgearbeiteten Gesellschaftskonzepten rund um den Mythos Monogamie ableiten und „Untreue“ in die Schmuddel- und Schäm-dich-Ecke verbannen. Allen, die in ihrer Kindheit und Jugend keine bedingungslose Liebe erfahren haben – und wen betrifft dies in seiner Absolutheit schon nicht? – und daher unbewusst ihre eigenen Empfindungen und Gefühle nicht zum Gradmesser für ihre Lebensgestaltung machen konnten, steht hierin eine große Arbeit an emotionaler Aufarbeitung bevor, wollen sie sich von ihrer Eifersucht respektive ihrem schlechten Gewissen nachhaltig befreien.

Das Kapitel Was Ernstes? Was Authentisches! versucht einem weiteren Mythos den Wind aus den Segeln zu nehmen, nämlich, dem Gebot nach Beziehungsfähigkeit auf der einen Seite und dem angeblichen Unvermögen dazu auf der anderen Seite. So wird die Beziehungsfähigkeit eines Menschen meist unreflektiert vor dem Hintergrund des Monogamie-Imperativs gemessen. Nur ist dies ebenso abstrus, wie die Farbe Rot daran...

Blick ins Buch

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