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Arbeiten für wenig Geld

Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland

VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl319 Seiten
ISBN9783593413235
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis29,99 EUR

Seit Mitte der 1990er Jahre steigt die Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland sprunghaft an. Was sind die Triebkräfte dieser Entwicklung? Welche Arbeitsplätze sind besonders betroffen? Anhand der Beispiele Call Center, Einzelhandel, Ernährungsindustrie, Hotel und Krankenhaus verleihen die Autoren des Bandes der Niedriglohnarbeit in Deutschland ein Gesicht und zeigen, wo politischer Handlungsbedarf besteht, etwa die Einführung von Mindestlöhnen.

Die Herausgeber

Prof. Dr. Gerhard Bosch ist Geschäftsführender Direktor, an der Universität Duisburg-Essen.
Dr. Claudia Weinkopf stellv. Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.

Schlagwort-Katalog
Call-Center
Niedriglohn
Niedriglohnbeschäftigung

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Leseprobe

4. Wo das Sparen am leichtesten fällt – Reinigungs- und Pflegehilfskräfte im Krankenhaus (S. 175-176)

Karen Jaehrling
1 Einleitung
Der Krankenhaussektor zählt nicht zu den typischen Niedriglohnsektoren. Vielmehr ist er traditionell durch eine geringe Lohnspreizung, ein Kernmerkmal des »German Capitalism« (Streeck 1997), gekennzeichnet. Selbst für die beiden Beschäftigtengruppen, die im Zentrum dieses Kapitels stehen, nämlich Pflegehilfskräfte und Reinigungskräfte, galten lange Zeit Tariflöhne, die ab einer gewissen Betriebszugehörigkeit nur wenig unter den Einstiegslöhnen für qualifizierte Krankenpflegekräfte lagen oder diese sogar überschritten. Das traf auch auf Krankenhäuser in privater oder freigemeinnütziger Trägerschaft zu, denn diese übernahmen in der Vergangenheit regelmäßig die Lohnabschlüsse für den öffentlichen Dienst.

Seit Anfang der neunziger Jahre haben Änderungen der Finanzierungsregeln die Krankenhäuser jedoch unter hohen Kostendruck gesetzt und diese informelle Tarifkoordination gelockert. Zudem hat sich der bereits zuvor beobachtbare Trend beschleunigt, das relativ hohe Lohnniveau im öffentlichen Dienst durch die Auslagerung insbesondere von hauswirtschaftlichen Dienstleistungen (Reinigung, Küche, Wäscherei) zu unterlaufen. Anders als beispielsweise in den USA oder auch in Frankreich (Appelbaum u.a. 2003, Méhaut u.a. 2008) wurde zum Zweck der Kostensenkung bislang nicht die Anzahl der Pflegehilfskräfte erhöht – im Gegenteil, ihr ohnehin kleiner Anteil am Pflegepersonal ist weiter rückläufig. Stattdessen werden die Tätigkeiten in der Grundpflege zunehmend in das Profil der dreijährig ausgebildeten Krankenpfleger/innen integriert.

Die Auswirkungen des zunehmenden Kostendrucks und weiterer branchenspezifischer Veränderungen auf Lohndifferenzierung und Arbeitsteilung unterscheiden sich mithin nach Tätigkeitsbereich: der Zunahme von Niedriglohnarbeit in der Reinigung steht ein verstärkter Rückgriff auf höher entlohnte Fachkräfte in der Pflege gegenüber. Was die Hintergründe für diese Unterschiede, aber auch für die Unterschiede zu den anderen Ländern sind, welche Rolle dabei insbesondere die Institutionen des Systems industrieller Beziehungen und das Berufsbildungssystem spielen, und wie sich Entlohnung, Arbeitsteilung und weitere Aspekte der Arbeitsplatzqualität in beiden Bereichen im Detail entwickeln, ist Thema des folgenden Kapitels.

Kasten 1: Betriebsfallstudien und Vorgehensweise

Im Mittelpunkt der Untersuchung standen Pflegehilfs- und Reinigungstätigkeiten. Es wurden Fallstudien in sechs Krankenhäusern durchgeführt – davon jeweils zwei öffentliche, private und freigemeinnützige. Das zweite Auswahlkriterium war die regionale Arbeitsmarktsituation, gemessen an der Arbeitslosenquote, die in den ausgewählten Regionen zwischen 6 und 19 Prozent liegt. Mit einer Bettenzahl zwischen 320 und 750 Betten handelt es sich bei den untersuchten Krankenhäusern um mittlere und große Häuser, die Beschäftigtenzahl reicht von 460 bis 1.350 (Vollzeitäquivalente).

In jedem Krankenhaus wurden – soweit dies möglich war – jeweils für beide Tätigkeitsbereiche (Reinigung und Pflege) Gespräche mit Beschäftigten, Beschäftigtenvertretungen, Vorgesetzten und der Krankenhausleitung geführt und ergänzend schriftliche Dokumente ausgewertet. Zusätzlich waren in zwei anderen Krankenhäusern Gespräche mit den Beschäftigtenvertretungen für Reinigungskräfte möglich. Insgesamt wurden 51 Interviews geführt, davon 25 mit Krankenhausleitung und Vorgesetzten, 19 mit Beschäftigten und acht mit betrieblichen Interessenvertretungen. Ergänzend zu den Fallstudien wurden auf regionaler und nationaler Ebene insgesamt 14 Gespräche bei Gewerkschaften, Berufsverbänden und Arbeitgeberverbänden geführt.

Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Vorwort8
Einleitung16
1. Niedriglöhne in Deutschland – Zahlen, Fakten, Ursachen21
1 Einleitung21
2 Umfang und Struktur der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland27
3 Löhne und Lohnnebenkosten49
4 Wachstum und Arbeitslosigkeit in Deutschland 1990–200558
5 Veränderungen der Institutionen des deutschen Modells65
6 Löst sich das deutsche Beschäftigungsmodell auf?95
2. Löhne im Kundenservice unter Druck – Beschäftigte in Call Centern107
1 Einleitung107
2 Die »Branche« und die Betriebsfallstudien109
3 Wirksamkeit von Institutionen: Erhebliche Unterschiede vor allem bei industriellen Beziehungen116
4 Löhne und Arbeitsbedingungen119
5 Personalmanagement und Unternehmensstrategien126
6 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen136
3. Wildwestzustände in Deutschland? – Einfacharbeitsplätze in der Ernährungsindustrie143
1 Einleitung143
2 Die Branche und die Betriebsfallstudien145
4 Industrielle Beziehungen152
3 Preisdruck und Wettbewerb148
5 Unternehmensstrategien159
6 Arbeitsbedingungen168
7 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen171
4. Wo das Sparen am leichtesten fällt – Reinigungs- und Pflegehilfskräfte im Krankenhaus176
1 Einleitung176
2 Das deutsche Beschäftigungsmodell im Krankenhaussektor – eine tarifpolitische »Insel« für einfache Tätigkeiten178
3 Entlohnung – von einer zu vielen Welten der Beschäftigung181
4 Arbeitsorganisation – der Rückgang intermediärer Tätigkeiten194
5 Veränderungen von Arbeitsplatzqualität und Mobilität202
6 Fazit207
5. Immer noch verloren und vergessen – Zimmerreinigungskräfte in Hotels212
1 Einleitung212
2 Das Hotelgewerbe in Deutschland215
3 Industrielle Beziehungen, Arbeitsbedingungen und tarifliche Niedriglöhne223
4 Betriebliche Strategien und Arbeitsplatzqualität: Ergebnisse aus den Fallstudien228
5 Zusammenfassung und Ausblick243
6. Der Branche treu trotz Niedriglohn – Beschäftigte im Einzelhandel250
1 Einleitung250
2 Entgeltstruktur, Entgeltsysteme und Personalkostenreduzierung252
3 Beruflichkeit als Basis der Arbeit im Einzelhandel263
4 Dequalifizierungstendenzen durch Einführung moderner Informations- und Kommunikationstechnologie?269
5 Flexibilitätsanforderungen und Arbeitsorganisation276
6 Aussichten für die Beschäftigung im deutschen Einzelhandel282
7. Arbeiten für wenig Geld – Zusammenfassung und politischer Handlungsbedarf287
1 Einleitung287
2 Steigende Niedriglohnbeschäftigung und ihre sich wandelnde Struktur288
3 Ursachen der steigenden Niedriglohnbeschäftigung293
4 Entlohnung und Arbeitsbedingungen in den untersuchten Branchen und Tätigkeiten299
5 Politische Schlussfolgerungen305
Tabellenanhang314
Autorinnen und Autoren321

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