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E-Book

Aufbruch

Fünfzehn Menschen reden über ihr Burnout

AutorIngrid Hammer-Tschepisch
VerlagMorawa Lesezirkel
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783990570159
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis3,99 EUR
In diesem Buch erzählen fünfzehn Menschen authentisch und eindrucksvoll wie sie in verschiedenen Lebensphasen in ein Burnout hinein gerutscht sind. Rückblickend schildern sie, welche Lebensumstände sie in diese totale Erschöpfung geführt haben. Sie beleuchten ihre persönlichen Befindlichkeiten, sprechen von ihren Ängsten, Verzweiflungen sowie ihren schlimmsten Gedanken. Sie berichten jedoch auch von ihren Wünschen und Hoffnungen, den eigenen Stärken, ihren Strategien und Möglichkeiten, sowie der Geduld, die sie diese Leere überwinden ließen. Durch viele kleine und auch große Lebensveränderungen, ungeheurer Energie und lieben Menschen an ihrer Seite fanden die ErzählerInnen wieder zu neuem Lebensmut und frischer Lebensfreude. 'Ich kenne die Hölle und schätze daher jeden Tag, an dem es mir gut geht wie ein Geschenk', erzählt ein Betroffener.

Ingrid Hammer-Tschepisch geboren 1954 in der Steiermark, langjährige Tätig-keiten in der Jugend- und Erwachsenenbildung. Sie beschäftigt sich seit der Ausbildung zur Lebens-beraterin intensiv mit der Thematik Burnout. Ausgebildet zur Theaterpädagogin, im Systemisches Management zur Dipl. Lebens- und Sozialberaterin

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Leseprobe

Anna


Diesmal darf ich meine Interviewpartnerin in ihrem Haus besuchen. Endlich angekommen, werde ich herzlich begrüßt und in einen behaglichen, mit Holzofen beheizten Raum geführt. Schnell ist die eisige Kälte vergessen. Mit einigem Abstand erzählt mir Anna die Geschichte ihres Burnouts, das sie lange nicht wahrhaben wollte. Doch jetzt besitzt sie eine Schatztruhe aus der sie für sich schöpfen kann.

Die Pflege ist meins

Im Jahr 1978 habe ich die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Ich war eine hundertprozentig überzeugte Krankenschwester, ich habe es genossen, wenn viel „Action“ war, habe viel reanimiert, es war toll für mich. Ich bin ganz, ganz gern arbeiten gegangen. Mein Arbeitsplatz war damals die Herz-Intensiv-Station in einem Spital.

Ich bekam mein erstes Kind, wir heirateten, ich bekam ein zweites Kind und habe neben den Kindern immer im Krankenhaus gearbeitet. Mein Mann und ich haben dann aber entschieden, dass ich zuhause bleibe und das Mutter-Sein genieße. Dennoch ist mir diese Entscheidung nicht ganz leicht gefallen. Es hat aber nicht lange gedauert, da hat bereits die Hauskrankenpflege bei mir angeklopft und ich bin zum Schnuppern mitgefahren. Zuerst dachte ich mir, um Gottes Willen, was da hinter den Türen auf mich wartet, das mach ich sicher nie.

Ich soll doch wenigstens nur aushelfen wurde mir gesagt. Doch auf einmal habe ich gemerkt, dass die Pflege in diesem Bereich einen ganz besonderen Stellenwert hat. Es war bei mir dann plötzlich immer mehr Freude und ein Leuchten da. Es war ehrenhaft für mich, in diese Häuser hineingehen zu dürfen. Ich wurde geholt von Menschen, die Hilfe brauchten und es hat mir so gut gefallen, dass ich 25 Jahre in der Hauskrankenpflege tätig war.

Acht Jahre später wurde unser dritter Sohn geboren. Ich war zwar danach im Sonderurlaub, habe aber immer nebenbei gearbeitet, später bin ich wieder mit 15 Stunden eingestiegen. Dann habe ich mich hinauskatapultieren lassen und das kam so. Zuerst habe ich die Stationsleitung bekommen, dann die Bezirksleitung und dann übernahm ich für drei Bezirke die Pflegedienstleitung.

Ich kleines Würstel dachte, dass ich da meine Wertehaltungen einbringen kann. Ich habe jedoch unterschätzt, dass es da sehr viel um Politik geht. Ich bin immer weiter weg vom Patienten gekommen, wo mein Herzblut drin steckte. Da spürte ich schon eine Unstimmigkeit in mir, doch ich habe es nicht erkannt. Ich ging oft schon mit Angst in die Landesgeschäftsstelle. Durch Umschichtungen und Umstrukturierungen ist leider auch mein großes Vorbild, eine Visionärin weg gekommen und ich hatte das Gefühl, dass menschliche Werte nicht mehr so viel zählen wie früher.

Die Art und Weise, wie dann gearbeitet wurde, war nicht mehr ganz das, wofür ich mich eingesetzt hatte. Wir waren vorher ein gutes Team, hatten regelmäßig Supervision und haben uns gegenseitig getragen. Doch plötzlich herrschte Konkurrenzdenken unter den Pflegedienstleiterinnen.

Viele von meinem alten Team haben gekündigt. Ich bin ein positiv eingestellter Mensch und dachte, das wird schon zu machen sein, diese neue Struktur. Man ist ja schließlich an mich herangetreten.

Schon damals habe ich schlecht geschlafen und war aufgeregt bei jeder Handlung, die ich setzte. Auf die Signale, die mein Körper ausgesandt hat, habe ich nicht gehört.

Ich hatte nie Zeit

Das wird sich wieder geben, dachte ich und hab nur gearbeitet. Außerdem war ich noch nicht sattelfest mit Statistik-Bögen und mit dem PC, weil ich ja eine sehr Praktische bin. Es kann gut sein, dass dabei mein Ego mit im Spiel war, denn ich kann gut mit Menschen umgehen und bin vielleicht nicht so der Manager-Typ. Vielleicht habe ich mich aus Image- und Prestigegründen dorthin schicken lassen. Ich habe eineinhalb Jahre in der Leitung verbracht und es ist mit meiner Stimmung immer mehr bergab gegangen. Ich dachte, gut, ich bin jetzt 50 Jahre alt, vielleicht ist das ja normal, dass man sich nimmer so freuen kann. Es hat soviel Energie gekostet zu arbeiten und mir fehlte die Leichtigkeit. Ich dachte, irgend etwas ist nicht in Ordnung mit mir. Mein Mann hat mich zusätzlich kritisiert, weil ich so viel gearbeitet habe.

Meine Nichte und der Neffe sind damals öfter zu mir nach Hause gekommen und ich hab mir stets gedacht, sie sind schon wieder da - ich hab doch keine Zeit, obwohl ich sie sehr gern mochte. Die Nachbarin plauderte auch gerne mit mir und ich dachte, hoffentlich steht sie nicht draußen, denn ich hab keine Zeit. Meine Kinder sind nach Hause gekommen, ich dachte wieder, ich hab eigentlich keine Zeit für sie. Das ist mir immer im G'nack* gesessen und war sehr anstrengend für mich.

Du hast einen Batzen Burnout

Inzwischen war ich eine Spezialistin für Demenz und sollte ein Ganztagesseminar in der Landesgeschäftsstelle abhalten. Ich wurde an diesem Morgen um vier Uhr früh wach und hatte eine Panikattacke, meine Herzfrequenz lag bei 160. Ich habe nur geheult und bat meinen Mann um Hilfe, denn mir ging's wirklich schlecht. Da muss ich jetzt gleich weinen, wenn ich nur dran denke. Mein Mann wusste nicht was los ist und schickte mich zum Hausarzt. Dieser kannte mich und sagte: 'Du bleibst sofort zuhause, du hast einen Batzen* Burnout'.

Innerlich dachte ich, Blödsinn, ich doch nicht, ich habe das unterrichtet, ich kenne die Vorstufen genau. Er schickte mich in den Krankenstand. Ich rief die Pflegedirektorin an, nahm das Wort Burnout aber nicht in den Mund. Ich sagte nur, dass ich einen erhöhten Puls hätte. Vorher war ich noch niemals im Krankenstand.

Meine Neurologin meinte, ich solle einmal nur SEIN, nicht nur funktionieren, das solle ich lernen. Ich dachte wieder nur, was ist denn das. Damals meinte ich auch, dass ich mich zur Reha zwar anmelden werde, aber sicher nicht sechs Wochen von meiner Familie und der Arbeit weg sein kann. Mir wurden auch Psychopharmaka verschrieben, die habe ich nie geschluckt, denn als Krankenschwester schluckt man das nicht. Ich habe jeden Arzt angelogen und gesagt, ich nehme sie eh.

Ich musste ein dreiviertel Jahr auf einen Platz in einer Reha-Klinik warten. Dazwischen hab ich nur gelitten. Es kam mir so vor als verliere ich meine Identität. Ich habe nicht mehr gewusst, wer ich bin, was ich denke, konnte nicht arbeiten, konnte nichts kochen, ich bin nur herumgelungert* und dachte um Gottes Willen, wie kann es mit mir nur weiter gehen. Andererseits habe ich es aber ausgehalten und durchgestanden.

In dieser Zeit musste ich monatlich zur Krankenkasse kommen. Ich kam mir dabei wie eine Aussätzige vor. Ich dachte ständig, wie kann ich nur psychisch krank sein und das ging mir sehr nahe.

Ab Advent und über Weihnachten war ich in der Reha-Klinik. Das war eine Spitzeninstitution, dennoch war es das Schrecklichste für mich. Diesen Zustand möchte ich nie wieder erleben müssen, das war das schlimmste Szenario, denn ich glaubte ja damals immer noch nicht, krank zu sein. Ich dachte mir, die Reha ist wie eine Kur und nahm mir daher viel zum Handarbeiten mit.

Ich habe dort auch gleich die Helferrolle übernommen und mich über die anderen Leute drübergestellt. Erst nach und nach erkannte ich, was mit mir los ist. Die haben mich damals „aufgemacht“, ich fühlte mich richtig nackt. Ich habe dort sechs Nächte und Tage nicht geschlafen, habe sogar die Schlaftablette geviertelt, weil ich nichts nehmen wollte. Schließlich gab mir eine Ärztin Melatonin, das war meine Rettung.

Ich kündigte tatsächlich

Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, ich werde wieder 20 Stunden arbeiten gehen und mir nebenbei eine kleine Praxis aufbauen. Mit diesem Gedanken habe ich mich zerfleischt.

Nach dem Reha-Aufenthalt war ich noch sechs Wochen im Krankenstand. Meine Geschäftsführerin erlaubte mir damals 20 Stunden zu arbeiten, später sollte ich wieder in die Pflegedienstleitung gehen. Ich wollte aber wieder in der direkten Pflege arbeiten. Als ich allerdings mit Kolleginnen mitgefahren bin, ist die Unruhe gleich wieder da gewesen.

Mein Mann animierte mich dann, zu kündigen und das tat ich dann auch wirklich. Sehr geholfen hat mir damals auch ein befreundeter InfoMediziner, der mich durchs Burnout getragen hat. Er animierte mich, mich in der Gesundheitsvorsorge selbständig zu machen. Das hat mir wirklich sehr geholfen, mich das zu trauen. Und der Erfolg gibt mir recht, ich habe wieder so eine Freude am Arbeiten, die Leute kommen zu mir, auch ohne Werbung.

Natürlich haben viele Leute im Dorf über mich geredet. Das soll ein Burnout sein, da merkt man ja nichts, das ist eine Modekrankheit, waren ihre Sätze. Allein ich habe inzwischen gelernt, andere nicht zu verurteilen wegen einer Aussage, sondern den Menschen dahinter zu sehen.

In der langen Krankenstandszeit habe ich zwar gelitten, aber auch andere Dinge gemacht. Mein Mann legte mir einen Bauerngarten an, ich ging fünf Tage mit einer fremden Gruppe nach Mariazell, beschäftigte mich mit Quantenheilung und hab mich besonders in die Bücher von Eckehard Dolle vertieft. In dieser Zeit habe ich viel mit früheren Arbeitskolleginnen und Mitarbeiterinnen geredet. Sogar ehemalige Patienten haben mich angerufen. Die neue Pflegedirektorin hat sich auch monatlich gemeldet, sie wollte mich erhalten und hat sich auch ein bisschen schuldig gefühlt. Besonders gut haben mir auch die Gespräche mit meinen Schwiegertöchtern getan.

Mein Mann war hilflos in dieser Zeit. Er hatte Angst, dass vielleicht rauskommt, er ist schuld an meinem Burnout, denn er war früher wenig zuhause und ich habe daher viel „geschleppt und getragen“. Er hatte auch Angst um unsere Beziehung und dass ich von Medikamenten abhängig werden könnte. Er konnte mir da nicht wirklich helfen.

Schuld ist man immer auch selber. Ich kam drauf, es kann dir niemand helfen, sondern...

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